Morbus Crohn

Der Morbus Crohn (Crohn’s disease) ist wie die Colitis ulcerosa eine chronische entzündliche Darmkrankheit. Sie verläuft meist schubartig und neigt zu intestinalen und extraintestinalen Komplikationen.

Siehe auch:


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Das Wichtigste

Kurzgefasst
Der Morbus Crohn ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des Darms, die sich im gesamten Magendarmtrakt ausbreiten kann. Eine genetische Veranlagung wird dafür verantwortlich gemacht, dass die Abwehr von Bakterien in der Darmwand geschwächt ist. Oft finden sich in der Blutsverwandschaft von Patienten mit Morbus Crohn Familienmitglieder, die ebenfalls an einer chronischen Darmkrankheit oder einer sonstigen Autoimmunkrankheit leiden.

Charakteristisch sind fleckförmig sich ausbreitende entzündliche Verdickungen in der Darmwand, die im gesamten Magendarmkanal auftreten und zu Verengungen und krampfartigen Bauchschmerzen führen können. Eine der gefürchtetsten Komplikationen ist der Darmverschluss (Ileus). Die Erkrankung verläuft meist schubartig. Komplikationen können auch außerhalb des Darms auftreten, so z. B. an Gelenken, der Leber oder der Haut.

Eine frühzeitige Erkennung und Behandlung bessert die Prognose erheblich.

Zu den neuen und wirkungsvollen Medikamenten gehören Antikörper gegen Entzündungsfaktoren (siehe hier). Neue Erkenntnisse betreffen bestimmte Bakterien, die als Auslöser des Morbus Crohn sehr wahrscheinlich geworden sind. Von ihrer Behandlung verspricht man sich einen entscheidenden Durchbruch (siehe hier).


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Erstbeschreibung

Die Erstbeschreibung erfolgte 1932 von Crohn, Ginzburg und Oppenheimer als “Ileitis terminalis”. Dieser Begriff gilt noch heute weithin als Synonym für die Erkrankung, auch wenn prinzipiell alle Abschnitte des Magendarmkanals befallen sein können.

Zuvor allerdings wurde bereits von T.K. Dalziel 1)Br J Med (1913) 2:2756, einem Schottischen Chirurgen, eine “chronische intestinale Enteritis” beschrieben. Sie entsprach dem späteren Morbus Crohn. Und in der Veterinärmedizin wurde bereits 1895 von H. A. Johne eine ganz ähnliche Erkrankung beim Rind beschrieben, die er als “Pseudotuberculous enteritis” bezeichnete, und die später als “Johne’s disease” bekannt wurde. Anhand von Untersuchungen an einer Kuh im Oldenburger Land ging er von einer infektiösen Auslösung mit säurefesten Bakterien, ähnlich den Tuberkelbakterien, aus (nach 2)http://www.johnes.org/history/index.html, Zusammenstellung nach 3)Front Immunol. 2015 Mar 4;6:96. doi: 10.3389/fimmu.2015.00096. eCollection 2015.)

Epidemiologie

Es treten europaweit etwa 6 Neuerkrankungen pro Jahr und 100000 Einwohner auf 4)Scand J Gastroenterol. 2015 Aug;50(8):942-51. Die Inzidenz steigt jedoch; in Spanien wurden 2010 bei über 15-Jährigen 10,8 Fälle pro Jahr und 100000 Einwohner gezählt 5)Gastroenterol Hepatol. 2015 Nov;38(9):534-40.

Es wurde ein West-Ost-Gefälle in der Crohn-Inzidenz festgestellt: in westlichen europäischen Ländern lag die Inzidenz 2010 in einer Studienauswertung bei 6,5 und in östlichen bei 3,1 in östlichen Ländern 6)Gut. 2014 Apr;63(4):588-97.

Das Haupterkrankungsalter liegt zwischen 15 und 35 Jahren, ein kleiner zweiter Gipfel bei 60 Jahren. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen.

Anstieg der Crohn-Inzidenz: Die Inzidenz (Zahl der Neuerkrankungen innerhalb eines Zeitraums) des Morbus Crohn (wie auch der Colitis ulcerosa) steigt weltweit deutlich. In Europa wurde zwischen 1962 und 2010 ein Anstieg von 1 auf 6,3 pro 100000 Einwohner und pro Jahr konstatiert 7)Scand J Gastroenterol. 2015 Aug;50(8):942-51. Regional finden sich große Unterschiede in der Inzidenz. In Neuseeland stieg sie zwischen 2004 und 2014 von 16,5  auf 39,5 / 100000 Einwohner 8)Su HY1, Gupta V, Day AS, Gearry RB. Inflamm Bowel Dis. 2016 Aug 1. [Epub ahead of print]! Auf den Faroer-Inseln lag die Inzidenz des Morbus Crohn zwischen 1960 und 1979 bei 1 / 100000 EInwohnern, zwischen 1010 und 2014 bei 10 / 100000 Einwohnern 9)J Crohns Colitis. 2016 Aug;10(8):934-42.

Ätiologie und Pathogenese

Die Entwicklung des Morbus Crohn wird wesentlich durch die Darmflora und die eigene genetische Veranlagung bestimmt. [1]

Eine besondere Rolle spielen auslösende Umweltfaktoren, die in den Fokus der Untersuchungen gerückt sind 10)World J Gastroenterol. 2016 Jul 21;22(27):6296-317.

Intestinale Mikrobiota (Darmbakterien): Die Zusammensetzung der Darmbakterien ist in gewisser Weise durch das Genom des Wirts (so auch des Crohn-Patienten) und zudem durch die Ernährung bestimmt (“Genom-Mikrobiom-Assoziation”). Wenn beispielsweise die Exposition der Darmwand bezüglich schädlicher Darmbakterien minimiert wird, kann eine Remission (gesunde Phase nach wirksamer Therapie) verlängert werden 11)Curr Opin Gastroenterol. 2015 Jul;31(4):277-82 . Eine Störung der normalen Darmflora durch Antibiotika erhöht das Risiko für den Morbus Crohn (s. u.). Es wird angenommen, dass insbesondere die sich intrazellulär aufhaltenden und vermehrenden Bakterien Mycobacterium avium ss. paratuberculosis (MAP) bei der Krankheitsentstehung zumindest einiger Crohn-Patienten eine Rolle spielen 12)World J Gastroenterol. 2014 Jun 21; 20(23): 7403–7415.. Allerdings ist es schwierig eine Assoziation von einer auslösenden Ursache zu differenzieren 13)Expert Rev Gastroenterol Hepatol. 2015;9(12):1523-34.

Antibiotika: Antibiotika (außer Penicillin) erhöhen das Risiko für einen Morbus Crohn (nicht dagegen für eine Colitis ulcerosa) 1,7-fach, Metronidazol über 5-fach! Bei Kindern steigern Antibiotika das Crohn-Risiko 2,75-fach [2]. Vermutlich ist die durch Antibiotika bewirkte Veränderung der Zusammensetzung der Darmflora dafür mitverantwortlich.

Genetische Empfänglichkeit: Inzwischen sind Gene bekannt, die die Bereitschaft für die Entstehung des Morbus Crohn erhöhen; sie bestimmen die Art der Entzündungsreaktion, die beim Morbus Crohn (ähnlich wie bei der Colitis ulcerosa) abnorm ausgeprägt ist.

  • NOD2-Gen: Eine zentrale Bedeutung für die abnorme Entzündungsreaktion der Darmwand kommt dem NOD2-Gen zu, dessen Mutation zu einer verminderten zellulären und mukosalen Abwehr gegen Bakterien der Darmschleimhaut führt 14)Nature. 2001;411:599–603 15)Ann Gastroenterol. 2014;27:294–303. Dabei spielt eine verminderte Aktivierung des NLRP3/Inflammasoms eine Rolle 16)Mediators Inflamm. 2015;2015:936193. doi: 10.1155/2015/936193. Eine solche genetisch verankerte Veränderung der Schleimhautabwehr spielt offenbar eine entscheidende Rolle bei der Entstehung des Morbus Crohn.
  • Autophagie-Gene: Es sind bei Crohn-Patienten Veränderungen von Genen gefunden worden, die zu einer Störung der Autophagieführen (siehe unter Autophagozytose).

Die unterschiedlichen Umwelteinflüsse und die Vielfalt der beim Morbus Crohn bisher gefundenen genetischen Veränderungen erklären wahrscheinlich seine sehr unterschiedlichen Verlaufsformen.

Entstehung kurzgefasst
Heute wird davon ausgegangen, dass beim Morbus Crohn zwei Vorbedingungen zusammentreffen:
  • eine Mutation des NOD-Gens (und anderer Gene) als prädisponierende Ursache einer abnormen Entzündungsreaktion im Körper und vor allem im Darm.
  • Ein verändertes Mikrobiom im Darm und speziell Mykobakterien als entscheidende Auslöser.

Mehr zu den Mechanismen der Crohn-Entstehung siehe hier.

Prädispositionen

Familiäre Belastung: Wenn ein anderes Familienmitglied an einer chronischen Darmkrankheit, sei es eine Colitis ulcerosa oder ein Morbus Crohn leidet, erhöht sich die Erkrankungsrisiko für einen Morbus Crohn auf das doppelte. Das Risiko ist am größten, wenn beide Eltern an M. Crohn erkrankt sind; bei monozygoten Zwillingen ist es auf das 15fache erhöht [3] [4]. Die familiäre Prädisposition tritt beim M. Crohn stärker zutage als bei der Colitis ulcerosa[5].

In Familien eines Patienten mit einem Morbus Crohn finden sich umgekehrt gehäuft auch Mitglieder mit Erkrankungen, die durch eine gestörte Körperabwehr erklärbar sind, wie beispielsweise die Coeliakie [6].

Rauchen: Rauchen erhöht das Risiko, an Morbus Crohn zu erkranken, um etwa das 2-fache und verschlechtert den Verlauf [7].

Diätetische Faktoren: Mehr als 1/3 der Patienten mit einer chronischen Darmkrankheit haben vor Entstehung der Krankheit ihre diätetischen Gewohnheiten geändert [8]. Ein hoher Konsum an Zucker [9] [10], rotem Fleisch und Käse [11] erhöht das Erkrankungsrisiko für den Morbus Crohn. Für den vermehrten Zuckerkonsum ist wahrscheinlich eine verminderte Geschmacksempfindlichkeit verantwortlich, die bei vielen Crohn-Patienten nachweisbar ist [12].
Mehr zum Einfluss der Ernährung auf den Crohn-Verlauf siehe hier.


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Literatur   [ + ]

1. Br J Med (1913) 2:2756
2. http://www.johnes.org/history/index.html
3. Front Immunol. 2015 Mar 4;6:96. doi: 10.3389/fimmu.2015.00096. eCollection 2015
4, 7. Scand J Gastroenterol. 2015 Aug;50(8):942-51
5. Gastroenterol Hepatol. 2015 Nov;38(9):534-40
6. Gut. 2014 Apr;63(4):588-97
8. Su HY1, Gupta V, Day AS, Gearry RB. Inflamm Bowel Dis. 2016 Aug 1. [Epub ahead of print]
9. J Crohns Colitis. 2016 Aug;10(8):934-42
10. World J Gastroenterol. 2016 Jul 21;22(27):6296-317
11. Curr Opin Gastroenterol. 2015 Jul;31(4):277-82
12. World J Gastroenterol. 2014 Jun 21; 20(23): 7403–7415.
13. Expert Rev Gastroenterol Hepatol. 2015;9(12):1523-34
14. Nature. 2001;411:599–603
15. Ann Gastroenterol. 2014;27:294–303
16. Mediators Inflamm. 2015;2015:936193. doi: 10.1155/2015/936193