Reizdarm

Als Reizdarm oder Reizdarmsyndrom (Synonym: Irritables Darmsyndrom (IDS); engl.: irritable bowel syndrome (IBS) ) wird eine Veranlagung zu Durchfällen oder Verstopfung bezeichnet, die phasenhaft mal stärker und mal schwächer oder auch im Wechsel zutage tritt, und bei der man sonst keine andere Krankheit als Ursache findet. Oft ist das Reizdarmsyndrom mit Blähungen und einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit des Darms auf Dehnung verbunden. Je länger die Symptomatik geht, ohne dass sich eine sonstige Krankheit als Ursache zeigt, desto sicherer wird die Diagnose. Der Reizdarm geht oft mit einem Reizmagen (funktionelle Dyspepsie) einher. Eine ausgeprägte Symptomatik kann zu sozialem Rückzug und Depressionen führen. Die Häufigkeit ist hoch und liegt bei 9%. 1)Clinical Gastroenterology and Hepatology. 2012;10(7):712–721.e4. doi: 10.1016/j.cgh.2012.02.029. 2) 2019 Nov-Dec;32(6):554-564. doi: 10.20524/aog.2019.0428.

Siehe auch: Reizdarmsyndrom – Neues
Für Patienten: Reizdarm – einfach erklärt


→ Auf facebook informieren wir Sie über Neues auf unseren Seiten!
→ Verstehen und verwalten Sie Ihre Laborwerte mit der Labor-App Blutwerte PRO!


Ursache

Es wird davon ausgegangen, dass eine genetische Veranlagung vorliegt und dann ein Auslöser zur Symptomatik führt. Ein zentraler Mechanismus ist offenbar eine abnormale Reagibilität des Darms auf die Darmflora, 3) J Neurogastroenterol Motil. 2012 Jul;18(3):258-68 die mit einer Undichtigkeit der zellulären Oberfläche (Schleimhaut) assoziiert ist. Die beobachtbaren Veränderungen erstrecken sich auf den Darm selbst als auch auf das Gehirn.

Folgende Erkenntnisse nehmen eine Schlüsselstellung im Gesamtbild ein:

Familiäre Belastung, Genetik: Ein Reizdarmsyndrom tritt gehäuft nach einer Darminfektion auf, so z. B. nach einer Giardiasis, viralen and bakteriellen Gastroenteritis. Daran sind offenbar genetische Prädispositionen beteiligt. 4) 2012 Jul;18(3):258-68. doi: 10.5056/jnm.2012.18.3.258. Eine familiäre Häufung ist bekannt. 5)Am J Gastroenterol. 1998 Aug; 93(8):1311-7.

In einer genomweiten Studie wurde ein Genort (9q31.2 auf Chromosom 9) gefunden, der speziell bei Frauen mit dem Reizdarmsyndrom assoziiert ist. 6)Gastroenetrology July 2018 Volume 155, Issue 1, Pages 168–179

Ein genetischer Polymorphismus im Serotoninstoffwechsel scheint eine wichtige Ursache des Reizdarmsyndroms zu sein. 7) 2014 Feb 10;14:23. doi: 10.1186/1471-230X-14-23. Auch ein G-Protein-Polymorphismus 8) 2017 Dec 15;9(2):2770-2781. doi: 10.18632/oncotarget.23449. und ein Interleukin-10-Polymorphismus 9) 2013 Dec 28;19(48):9472-80. doi: 10.3748/wjg.v19.i48.9472. wurden assoziiert gefunden.

Barrierefunktion der Darmschleimhaut: Ein Defekt der Schleimhautbarriere wird als einer der wesentlichen Auslöser für das Reizdarmsyndrom angesehen. Bestimmte Bakterien können die Barrierefunktion offenbar besonders schädigen, andere, wie Lactobacillus rhamnosus GG, wiederherstellen. 10) 2018 Jul 24:1-18. doi: 10.1080/19490976.2018.1479625

Darmflora: Die Darmflora von Patienten mit Reizdarm ist gegenüber Normalpersonen verändert: es wird eine signifikant erhöhte Zahl von Veillonella und Lactobacillus gefunden. Der Stuhl enthält zudem signifikant höhere Konzentrationen von Essigsäure und Propionsäure. 11)Neurogastroenterol Motil. 2010 May;22(5):493-8

Bakterien und Antibiotika: Als Auslöser des Reizdarmsyndroms bzw. einer erneuten symptomatischen Phase kommen Bakterien und auch Antibiotika in Betracht:

  • Eine vorangegangene Antibiotikatherapie stellt ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Reizdamsyndroms dar. Es ist anzunehmen, dass sie zu einer Alteration der Kolonflora führt.
  • Eine akute Gastroenteritis (infektiöse Durchfallkrankheit) bildet ein erhöhtes Risiko. 12)Garcia Rodriguez L.A., Ruigomez A. Brit. Med. J. 1999; 318: 565-566
  • Eine Infektion mit Mycobacterium avium subsp. paratuberculosis (oft durch Verzehr von handgemachtem Käse erworben) wird als eine mögliche Ursache des Reizdarmsyndroms (wie auch des Morbus Crohn) diskutiert. 13)J Clin Microbiol. 2007 Dec;45(12):3883-90

Meteorismus: Es findet sich beim Reizdarmsyndrom eine signifikant vermehrte Gasproduktion gegenüber Normalpersonen, was mit der Ernährung wie auch mit der veränderten Darmflora zusammenhängt; sie führt über Dehnung der Darmwand zu Schmerzen.

Verändertes Schmerzempfinden: Eine gesteigerte intestinale Sensitivität (Schmerzwahrnehmung) sowie eine Dysfunktion des enterischen autonomen Nervensystems werden heute als wesentlich für die Pathogenese des Reizdarmsyndroms angesehen. 14)J Physiol Pharmacol. 2007 Aug;58 Suppl 3:131-9 15)Scand J Gastroenterol. 2007 Apr;42(4):441-6 Sie führen zu einer veränderten Motilitätsantwort auf Dehnung nach Nahrungszufuhr und durch Blähungen.

Gehirn und Darm, emotionaler Stress, Serotonin: Stress und neurotische Fehlhaltung sind als Auslöser möglich; psychologische Faktoren tragen offenbar zu einer veränderten Schmerzwahrnehmung bei, 16)Gut 2007; 56: 1202-1209 liegen aber nicht bei jedem Patienten vor. Heute wird die wechselseitige Beeinflussung von Gehirn und Darm (brain-gut axis) als gegeben angesehen. Die Psyche scheint über diesen Weg vielfachen Einfluss auf Auslösung und Verlauf des Reizdarmsyndroms zu nehmen; diskutiert wird, dass im Einzelfall traumatische Ereignisse und familiäre Belastungssituationen in der Kindheit, neurotische Entwicklung und Medikamenten- oder Drogenabhängigkeit eine Rolle spielen können. 17)World J Gastroenterol. 2012 Feb 21;18(7):616-26

Serotonin: Bei emotionalem Stress in bestimmten Regionen des Gehirns kann es zu einem Tryptophan- und Serotonin-Mangel kommen, der sich auch Schmerzempfinden und Darmmotilität inklusive dem Stuhldrang auswirkt. 18)Gut. 2011 Sep;60(9):1196-203 19)Eur J Gastroenterol Hepatol. 2012 Nov;24(11):1259-65 Speziell bei vorherrschender Diarrhö könnte eine vermehrte postprandiale Serotonin-Freisetzung bedeutsam sein, 20)Gastroenterology. 2011 May; 140(5):1434-43.e1. bei vorherrschender Obstipation eine veränderte rektale Empfindlichkeit. Ein Polymorphismus der Serotonin-Rezeptoren beeinflusst die Entwicklung eines Reizdarmsyndroms mit vorwiegender Verstopfung, nicht mit vorwiegendem Durchfall oder einem Wechsel von Durchfall und Verstopfung. 21) 2014 Feb 10;14:23. doi: 10.1186/1471-230X-14-23.

Hormonelle Beeinflussung: Eine prämenstruelle Verschlechterung deutet auf hormonelle Beeinflussungen.

Laktoseintoleranz: Eine Laktoseintoleranz stellt keine Ursache dar; sie sollte ausgeschlossen sein. Allerdings kann sie zu einer erheblichen Verschlechterung der Symptomatik bei Reizdarm führen.

Siehe auch Reizdarmsyndrom – Neues.

Bitte weiterblättern!


Literatur   [ + ]

1. Clinical Gastroenterology and Hepatology. 2012;10(7):712–721.e4. doi: 10.1016/j.cgh.2012.02.029.
2. 2019 Nov-Dec;32(6):554-564. doi: 10.20524/aog.2019.0428.
3. J Neurogastroenterol Motil. 2012 Jul;18(3):258-68
4. 2012 Jul;18(3):258-68. doi: 10.5056/jnm.2012.18.3.258.
5. Am J Gastroenterol. 1998 Aug; 93(8):1311-7.
6. Gastroenetrology July 2018 Volume 155, Issue 1, Pages 168–179
7, 21. 2014 Feb 10;14:23. doi: 10.1186/1471-230X-14-23.
8. 2017 Dec 15;9(2):2770-2781. doi: 10.18632/oncotarget.23449.
9. 2013 Dec 28;19(48):9472-80. doi: 10.3748/wjg.v19.i48.9472.
10. 2018 Jul 24:1-18. doi: 10.1080/19490976.2018.1479625
11. Neurogastroenterol Motil. 2010 May;22(5):493-8
12. Garcia Rodriguez L.A., Ruigomez A. Brit. Med. J. 1999; 318: 565-566
13. J Clin Microbiol. 2007 Dec;45(12):3883-90
14. J Physiol Pharmacol. 2007 Aug;58 Suppl 3:131-9
15. Scand J Gastroenterol. 2007 Apr;42(4):441-6
16. Gut 2007; 56: 1202-1209
17. World J Gastroenterol. 2012 Feb 21;18(7):616-26
18. Gut. 2011 Sep;60(9):1196-203
19. Eur J Gastroenterol Hepatol. 2012 Nov;24(11):1259-65
20. Gastroenterology. 2011 May; 140(5):1434-43.e1.