Juckreiz

Juckreiz (Pruritus, engl. itch, itching) ist ein unangenehmes Gefühl auf der Haut mit dem Drang sich kratzen zu müssen. Er kann lokal auftreten wie beim Mückenstich, oder er betrifft die gesamte Haut wie bei Gallestau oder Diabetes. Insbesondere der Ganzkörperjuckreiz ist eine medizinische Herausforderung, da er meist lange anhält und daher eine quälende psychische Belastung darstellt, die zu Schlaflosigkeit, Verzweiflung und Depression führen kann. In der Regel finden sich als Ursache Grunderkrankungen aus dem Bereich der Dermatologie, der Neurologie oder der Inneren Medizin. Juckreiz, der länger als 6 Wochen anhält, wird als chronisch bezeichnet.


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Juckreiz: das Wichtigste

Kurzgefasst

Juckreiz ist ein Symptom, das durch viele Ursachen ausgelöst und unterhalten werden kann. Sofern er nicht allergisch, d. h. durch Histamin verursacht wird, ist er ein therapeutisches Problem.

Ursachen: Zu den Ursachen gehören Hautkrankheiten, Krankheiten innerer Organe und Krankheiten des peripheren und zentralen Nervensystems. Die Diagnostik ist darauf auserischtet, sie zu unterscheiden.

Bedhandlung: Die Behandlung ist am erfolgreichsten, wenn die zugrunde liegende Erkrankung erkannt und geheilt oder deutlich gebessert werden kann. Für einen allergischen oder durch Histamin verursachten Juckreiz sind Antihistaminika wirksam. Bei Juckreiz, der durch eine innere Krankheit ausgelöst wird, sind die symptomatisch-therapeutischen Erfolge oft nicht befriedigend. Opiatantagonisten sind zumindest eine Behandlungsoption. Antikörper gegen Interleukin-31 oder seinen Rezeptor sind Erfolg versprechend (s. u.). Bei einer Nereninsuffizienz wiederum scheinen Opioidagonisten wirksam sein zu können (s.u.).


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Entstehung

Es lassen sich Ursachen, die in der Haut liegen (peripherer Juckreiz), von solchen unterscheiden, die im zentralen Nervensystem liegen (zentraler Juckreiz). Während der periphere Juckreiz oft durch lokale Maßnahmen, wie Salben, beeinflussbar ist, ist es der zentrale nicht.

Am peripheren Juckreiz sind Entzündungszellen und Histamin-Rezeptoren sowie eine über sie ausgelöste Kaskade, in der auch Interleukine eine Rolle spielen, ursächlich beteiligt.

Grundsätzlich können folgende Faktoren zur Juckreizbildung beitragen: 1) 2019 Jul 19;6:167. doi: 10.3389/fmed.2019.00167.

  • verringerte lokale Schutzfaktoren, die zu einer beeinträchtigten Hautbarrierefunktion führen, 
  • eine erhöhte Produktion juckreizvermittelnder Faktoren,
  • erhöhte Empfindlichkeit der vermittelnden Nervenfasern und ihrer Neurone,
  • empfindliche  Verarbeitung der eingehenden Reize bei verminderter Hemmung im zentralen Nevensystem.

Problem der Objektivierbarkeit

Der Schweregrad eines Pruritus ist nicht genau objektivierbar; er schwankt oft stark, u. a. abhängig von Aufmerksamkeit, Fokussierung und Ablenkung. Als Hilfsmittel wird eine visuelle Analogskala (VAS) verwendet (z. B. mit Smilies), auf der der/die Betroffene die empfundene Juckreizstärke angibt 2)Hautarzt. 2012 Jul;63(7):521-31. Zudem werden zur Evaluation der Auswirkung auf die Lebensqualität standardisierte Fragebögen eingesetzt, in der auch nach Schlafstörungen, Sucht und Einschränkungen der täglichen Verrichtungen gefragt wird 3)Allergy. 2005 Aug;60(8):1073-8.

Häufigkeit

In Deutschland sollen einer Erhebung zufolge in jungen Jahren (bis 30 J) um 12% und in älteren Jahren (60-70 J) um 20% der Bevölkerung an chronischem Juckreiz leiden; über 90% von ihnen nehmen keine Therapie in Anspruch 4)Dermatology. 2010;221(3):229-35.

Einteilung, Differenzialdiagnosen

Für diagnostische Überlegungen ist eine grobe Einteilung des Juckreizes nach Lokalisation, Herkunft und Ursache hilfreich: 5) 2018 May 2;98(3):482-494. doi: 10.1016/j.neuron.2018.03.023.

  • Hautkrankheiten:

  • Systemische, primär nicht dermatologische Erkrankungen:

  • neurologische Erkrankungen: die durch Schädigung oder Fehlfunktion
    • des peripheren Nervensytems (neuropathischer Juckreiz) oder
    • des zentralen Nervensystems,
  • psychiatrische Erkrankungen.

Juckreiz bei Allergien

Bei Allergien kann der Juckreiz in den meisten Fällen auf die Wirkung von Histamin zurück geführt werden. Histamin wird im Rahmen auch anderer Überempfindlichkeitsreaktionen des Körpers aus Mastzellen freigesetzt und führt zu einer Reizung von Nervenendigungen in der Haut (mechano-insensitive C-Fasern), die zum Gefühl von Juckreiz beitragen. Die lokale Anwendung von Antihistaminika vom Typ der H1-Blocker (als Salbe) unterdrückt dies. Nicht jede allergische Reaktion führt über Histamin zu Juckreiz, und Antihistaminika können nicht in jedem Fall allergisch bedingten Juckreiz unterdrücken. 6)J Neurophysiol. 2008;100:2062–2069. 7)Allergy. 2000;55 (Suppl 64):7–16

Juckreiz nicht-allergischer Ursache

Der generalisierte Juckreiz nicht-allergischer Ursache ist noch nicht völlig verstanden. Er wird offenbar über eine andere Population von C-Fasern geleitet, als der Histamin-Juckreiz 8)Neurosci Lett. 2010 Feb 19;470(3):193-6.

  • Das kappa-Opioid System ist offenbar involviert; was durch die Symptom-verstärkende bzw. –auslösende Wirkung des selectiven kappa-Opioidrezeptor-Antagonisten 5′-Guanidinonaltrindol (GNTI) und die Symptom-abschwächende Wirkung von Nalfurafin, einem kappa-Opioid-Agonisten, untermauert wird 9)Neuroscience. 2009 September 29; 163(1): 23–33. Nalbuphin ist ein Schmerzmittel, das ebenfalls wirksam ist. 10) 2019 Dec 1;864:172702. doi: 10.1016/j.ejphar.2019.172702.
  • Histamin-unabhängiger Juckreiz: Es existieren Rezeptoren (Mas-verwandte G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (Mrgpr)), die durch Mastzell-Mediatoren aktiviert werden und einen Histamin-unabhängigen Juckreiz vermitteln. Diese Rezeptoren werden durch ein Abbauprodukt von Enkephalinen im Nebennierenmark (das „bovine adrenal medulla 8-22 peptide“ (BAM8-22)) aktiviert. BAM8-22 scheint ein endogener Auslöser von Juckreiz zu sein. 11)J Neurosci. 2011 May 18;31(20):7563-7. Die Wirkung der Aktivierung eines Mrgpr beinhaltet TRPA1 (transient receptor potential A1; TRPA1 wird fast ausschließlich in Schmerz-aufnehmenden Neuronen peripherer Ganglien und zudem in mechanosensorischen Epithelien des Innenohrs gefunden 12)Handb Exp Pharmacol. 2007;(179):347-62; entsprechend reagieren TRPA1-defiziente Mäuse nicht mit Juckreiz auf entsprechende Auslöser 13)Nat Neurosci. 2011 May;14(5):595-602. Diese Kaskade scheint einen neuen Ansatz für die gezielte Entwicklung einer Behandlung von chronischem, nicht auf Antihistaminika reagierendem Juckreiz zu bieten.
  • Juckreiz am Auge wird durch spezielle Nervenfasern vermittelt: an Versuchstieren kann der dort entstehende Juckreiz durch eine selektive Unterdrückung eines Natriumkanals mittels der Substanz QX314 gedämpft werden. 14) 2018 Aug;24(8):1268-1276. doi: 10.1038/s41591-018-0083-x.
  • Juckreiz bei Cholestase: Im Serum von Patienten mit Cholestase (z. B. bei der PBC) wurde eine erhöhte Konzentration von LPA (lysophosphatidic acid) gefunden, das über LPA-Rezeptoren in neuronale Zellen aufgenommen wird und im Tierversuch Juckreiz hervorruft. Ursache ist offenbar eine erhöhte Aktivität von Autotaxin, einem Enzym, welches die Bildung von LPA aus Lysophosphatidylcholine katalysiert. Möglicherweise bietet sich hier ein Ansatz für die Entwicklung einer Therapie 15)Gastroenterology. 2010 Sep;139(3):1008-18. Opiatantagonisten (wie Naltrexon) spielen seit vielen Jahren eine Rolle als Behandlungsoption bei Juckreiz cholestatischer Leberkrankheiten (wie z. B. der PBC).

Innere Erkrankungen als Ursachen

Generalisierter Juckreiz kann Hinweis auf eine innere Erkrankung sein. Differenzialdiagnostisch ist u. a. an folgende Ursachen zu denken:

Chronischer Juckreiz bleibt in bis zu 45% der Fälle ätiologisch unklar.

Diagnostik

Um die Ursache von Juckreiz herauszufinden, hilft die Beantwortung folgender Fragen meist weiter:

Therapie

Basispflege

Bei zugrunde liegender Hautkrankheit ist eine Basispflege mit Weichmachern (Salben, z. B. Vaseline) und anderen topischen Medikamenten angezeigt. Dadurch soll Juckreiz-Kratz-Zyklus und die resultierende Störung der Hautbarriere unterbrochen werden. Es muss vermieden werden, dass durch Kratzeffekte sekundäre Hautinfektionen zustande kommen.

Verhaltenstraining

Zur Basistherapie des chronischen Juckreizes gehören die Erlernung von Techniken zur Vermeidung und des Abbaus von Stress. Dazu gehören Entspannungstechniken und das Training sozialer Kompetenz. In Einzelfällen sind psychische Faktoren, die Juckreiz verstärken und unterhalten können, zu eruieren und zu behandeln (ggf. durch einen Psychologen oder Psychiater).

Therapie spezieller Ursachen

Die Behandlung von Juckreiz richtet sich nach der Ursache, sofern sie gefunden werden kann (s. o.). Beispiele sind:

  • Allergien: dazu siehe hier.
  • Nicht allergische Ursache: Therapie mit Opiatantogonisten?
  • Urämie: dazu siehe hier.
  • Chronisch cholestatische Leberkrankheiten: dazu siehe hier.
  • Paraneoplasie: dazu siehe hier.
  • Amyloidose: dazu siehe hier.
  • Atopische Dermatitis: dazu siehe hier.
  • Unklare Ursache: symptomatische Therapie (Antihistaminika? Opiatantagonisten?)

Neue Erkenntnisse

Im Folgenden werden einige neuere Entwicklungen angesprochen.

Der Histamin-unabhängige Juckreiz ohne erkennbare Hautveränderungen ist weit weniger verstanden als der Histamin-abhängige, dem meist eine Hautkrankheit zugrunde liegt. Seine Ursache bzw. Entstehung liegt in der Regel im zentralen Nervensystem. Neuere Erkenntnisse besagen, dass auch er multifaktoriell ist. Zu den beteiligten Vermittlern gehören Interleukin-31, Gastrin-releasing-Peptid-Rezeptor, Opiatrezeptoren, und der Glutamat-Rezeptor an den Synapsen im Rückenmark 16)Pain. 2014 Jan;155(1):80-92. Es wird erwartet, dass sich aus diesen Erkenntnissen neue Therapien entwickeln lassen.

Interleukin-31 wird von Th2-Lymphozyten der Haut gebildet und interagiert direkt mit den für den Juckreiz zuständigen C-Fasern der Nerven. Antikörper gegen IL-31 haben im Tierversuch zu einer deutlichen Besserung des Juckreizes geführt (Messung über Kratzbewegungen) 17)Exp Dermatol. 2009; 18:35–43 18)Br J Pharmacol. 2014 Nov;171(22):5049-58. Eine Studie mit einem Antikörper gegen den Interleukin-31-Rezeptor A (Nemolizumab (CIM331) ) hat eine deutliche Verbesserung des Juckreizes bei Patienten mit atopischer Dermatitis (Neurodermitis) bewirkt 19)N Engl J Med 2017; 376:826-835 March 2, 2017 DOI: 10.1056/NEJMoa1606490 siehe hier).

Das Gastrin-releasing Peptid (GRP) und sein Rezeptor (GRPR) wurden als Juckreiz-spezifisches Übertragungssystem peptiderger Neurone im Hinterhorn des Rückemarks bei der Maus gefunden. Eine GRPR-Hemmung führte zu vermindertem Kratzverhalten unter Juckreizbedingungen 20)<ref>Nature. 2007; 448:700–703 21)Science. 2009; 325:1531–1534. Auch aus dieser Beobachtung eröffnen sich möglicherweise neue Therapieansätze 22)Neuropharmacol. 2014 Sep;12(5):434-43..

Glutamat wirkt als Neurotransmitter für die Übertragung der Erregung an Juckreiz-sensitiven Synapsen des Rückenmarks. Die Hemmung seiner Freisetzung führt im Tierexperiment zu einer Verminderung des Kratzverhaltens 23)Mol Pain. 2011 Jun 24;7:47.

Neurokinin-1-Rezeptor tragende Neuronen im Hinterhorn des Rückenmarks spielen eine wesentliche Rolle und werden als möglicher Angriffspunkt einer Therapie von chronischem Juckreiz angesehen 24)Pain. 2015 Jul;156(7):1240-6. Unter physiologischen Bedingungen hemmen eine neu entdeckte Gruppe von Neuronen, die B5-I-Neurone, die Juckreiz auslösenden Neurone durch Gegenstimuli. Diese Juckreiz hemmenden Neurone werden durch Menthol, Capsaicin und Senföl stimuliert. Dies entspricht der Beobachtung, dass diese Substanzen Juckreiz mildern können. Vermutlich fungieren B5-I-Neurone als Neuromodulatoren des Juckreizes 25)Neuron. 2014 May 7;82(3):573-86.

Weitere Entwicklungen

Die zunehmende Kenntnis der biochemischen und neurobiologischen Grundlagen lassen neue Therapien erwarten, so Weiterentwicklungen bei Antihistaminika, Opiatantagonisten, Cannabinoiden, Calcineurin-Inhibitoren, Antidepressiva, uv-Licht-Therapie sowie gezielte Eingriffe in die Systeme von Interleukin-31 (z.B. durch IL-31-Antikörper oder Antikörper gegen der IL-31-Rezeptor A, s.o.), dem Rezeptor des Gastrin-releasing-Peptid, der präsynaptischen Glutamat-Freisetzung 26)CNS Neurosci Ther. 2011 Dec;17(6):742-9 oder dem Histamin-H4-Receptor 27)J Eur Acad Dermatol Venereol. 2010 Nov;24(11):1249-60.


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Verweise


Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).



Literatur   [ + ]

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