Allergie

Als Allergie wird eine immunologische Überempfindlichkeit des Körpers auf Substanzen ausgelöst (hypererge Reaktion), mit denen er mehr als einmal in Kontakt kommt. Substanzen, die ohne Verletzung der Körperoberfläche und ohne Infektion eine solche Reaktion auslösen, werden als Allergene bezeichnet. Die ursprüngliche Bedeutung war die einer andersartigen Reaktionsbereitschaft und beinhaltete auch eine mangelhafte Reaktionsbereitschaft („Hypoergie“); im Sprachgebrauch hat sich die Bedeutung meist auf die „Hyperergie“ begrenzt.

Auch wenn offenbar eine familiäre Prädisposition zu allergischen Reaktionen besteht, wird heute den Umweltfaktoren eine Schlüsselrolle bei der Allergieentstehung zugesprochen. Entsprechend liegt hier auch das Schwergewicht bei der schon im Säuglingsalter einsetzenden Prophylaxe [1].

Inzidenz


Allergien nehmen weltweit in den letzten Jahren zu. Etwa 40% der europäischen und nordamerikanischen Bevölkerung haben in ihrem Leben allergische Reaktionen. Dies betrifft nicht nur die klassischen Allergien Asthma und Rhinitis, sondern zunehmend auch Nahrungsmittelallergien. Parallel dazu wird auch eine Zunahme vieler Autoimmunkrankheiten festgestellt. Es wird angenommen, dass das sich entwickelnde Immunsystem im Säugling extrem empfindlich auf die Veränderungen der Umwelt in industrialisierten Gebieten reagiert. Insbesondere sind Nahrungsmittelallergene in das Zentrum des Interesses gerückt. Sie haben weitgehende Auswirkungen auf das Verhalten des gesamten Immunsystems, so dass sie nicht nur Darmsymptome sondern auch ein allergisches Asthma hervorrufen können [2].

Einteilung


  • Allergische Reaktion vom Soforttyp (Überempfindlichkeitsreaktion Typ 1): Dieser Typ ist IgE-vermittelt: Das Allergen lagert sich an spezifisches Immunglobulin E, das auf Mastzellen und basophilen Granulozyten rezeptorgebunden vorliegt, an und vermittelt so deren Degranulation, d. h. eine Freisetzung von gespeicherten Mediatorstoffen (wie Histamin) und Serotonin und die Bildung von Interleukinen und Zytokinen wie TNF-alpha, Prostaglandinen und Leukotrienen, die zum klinischen Bild der Allergie führen – je nach betroffenen Organen mit Gefäßerweiterung (Folge: Rötung) und Erhöhung der Kapillarpermeabilität (Folge: lokale Ödeme (Angioödem), Juckreiz und Quaddelbildung bei der Urtikaria, Schleimsekretion (Folge: rasselnde Atmung, Heuschnupfen, tränende Augen) und Bronchospasmus (Folge: Atemnot beim allergischen Asthma), Anregung der Darmperistaltik (Folge dünne Stühle, Diarrhö). Als Auslöser können beispielsweise Medikamente, Nahrungsmittelallergene (z. B. Erdbeeren), Inhalationsallergene (z. B. Pollen, Hausstaub) und Kontaktallergene (z. B. Latex, Katzenhaare) fungieren. Typische Typ-1-Reaktionen sind das allergische Asthma, die allergische Rhinitis (allergischer Schnupfen), die allergische Conjunctivitis (allergische Bindehautentzündung) sowie die Nahrungsmittelallergie (abzugrenzen von der nicht-allergischen Nahrungsmittelunverträglichkeit). Eine extrem starke Reaktion liegt bei der „Serumkrankheit“ und beim „anaphylaktischen Schock“ vor. Die Bereitschaft zu einer IgE-vermittelten allergischen Reaktion vom Soforttyp an auch anderen Stellen als der Allergeneinwirkung wird als Atopie bezeichnet. Eine atopische Dermatitis kann anderen IgE-vermittelten Allergien, wie dem allergischen Asthma, vorangehen [3].
  • Allergische Reaktion vom verzögerten Typ (Überempfindlichkeitsreaktion Typ 4): Die übersteigerte Reaktion kommt durch eine Sensibilisierung bei einem Erstkontakt mit dem Antigen und eine Überreaktion nach erneutem oder bei prolongiertem Kontakt zustande. Hierzu gehören die Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantationen, die atopische Dermatitis (Neurodermitis), die exogen allergische Alveolitis und die Kontaktallergien.

Die Überempfindlichkeitsreaktionen Typ 2 und 3 sind ebenfalls immunologische Fehlreaktionen, zählen im Sprachgebrauch jedoch nicht zu den Allergien (dazu (siehe hier).

Ätiopathogenese

Eine genetische Prädisposition zur Entwicklung einer Allergie ist sehr wahrscheinlich; oft findet sich eine familiäre Häufung von „Allergikern“. Zudem spielen Umweltfaktoren eine entscheidende Rolle, beispielsweise eine mangelhafte Auseinandersetzung des Immunsystems in früher Kindheit mit Allergenen der Natur. Feinstaub kann die Entstehung von Allergien offenbar fördern. Eine Hypothese besagt, dass eine Veränderung der Darmflora durch Antibiotika (z. B. im Fleisch der Nahrung) zu einer veränderten Immunreaktion des Körpers führt und zur Allergie-Bereitschaft beiträgt. Zweifellos trägt die Darmflora zur Entwicklung einer normalen Immuntoleranz bei [4] und ihre Veränderung zu einer gestörten Immuntoleranz.

Auch bereits können Faktoren, denen Mütter in der Schwangerschaft ausgesetzt sind, zur Allergie-Prädisposition ihres Kindes beitragen [5]. [6], darunter auch Rauchen [7].

Kinder, die später eine Atopie entwickeln, zeigen bereits in der neonatalen Entwicklungsperiode Unterschiede sowohl in der Darmflora [8] als auch im Immunsystem zu nicht allergisch prädisponierten Kindern. Es besteht eine Unreife der Funktion von Typ-1-Helferzellen (Th1) sowie eine verminderte Funktion der T-regulatorischen Zellen und eine Bereitschaft zu überschießender entzündlicher Reaktion [9]. [10]. Die Prädisposition kann genetisch, aber auch epigenetisch verankert sein [11][12].

Diagnostik

Am Beginn steht eine ausführliche Anamnese nach den Symptomen (Hautrötung? Quaddeln? Juckreiz? Atemnot? Wässriger Schnupfen? Augerötung? Durchfall?) und möglichen Allergenen (Pollen? Hausstaub? Waschmittel? Tierhaare? Erdbeeren oder andere Nahrungsbestandteile?). Bei einer Kontaktallergie ist das auslösende Agens oft leicht zu eruieren (z. B. Uhrenarmband), manchmal aber kann dies auch schwer sein (z. B. neues Waschmittel).

Es folgt die Bestimmung von Immunglobulin E (IgE) und der eosinophilen Granulozyten im Differenzialblutbild.

Wenn IgE erhöht ist, ist eine Suche nach dem auslösenden Allergen durch einen PRIC-Test (Hauttest auf Allergene) oder einen RAST (Labortest auf Allergen-Spezifität des zirkulierenden IgE) sinnvoll.

Therapie

Allergenvermeidung

Um eine akute allergische Symptomatik in den Griff zu bekommen, ist es am wichtigsten, das auslösende Allergen zu vermeiden.

Medikamente

  • Glukokortikoide können die überschießende immunologische Reaktion sowohl beim Soforttyp als auch beim verzögerten Typ unterdrücken.
  • Antihistaminika: Bei einer leichten allgemeinen und einer lokalen allergischen Reaktion können Kortikoide durch Anwendung von Antihistaminika oft vermieden werden.
  • Cromoglicinsäure wirkt als Mastzellstabilisator eher prophylaktisch als in einer akuten Situation therapeutisch.

Desensibilisierung

Eine De- bzw. Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie, SIT) führt beim Soforttyp (Typ 1) zu einer Normalisierung der immunologischen Reaktionsbereitschaft für das betreffende Allergen und damit zu einer Heilung. Die Hyposensibilisierung wird vom Allergologen durch subkutane Injektionen, sublinguale Tropfen oder in Tablettenform (Gräser-Impftablette) durchgeführt.

Beeinflussung über die Ernährung

Eine Umstimmung der Ernährung kann über Auswirkung auf die Darmflora zu einer Besserung der überschießenden Immunreaktionen führen. Allerdings sind die Studien zum Einfluss von Probiotika nicht alle konsistent; am ehesten wird Lactobacillus rhamnosus eine positive Wirkung gemessen an der Vorbeugung eines allergischen Ekzems zugeschrieben [13].

Vitamin D

Vitamin D übt eine immunregulatorische Funktion aus. Es scheint bei Einnahme durch die Mutter in der Schwangerschaft eine protektive Rolle für das Kind bezüglich allergisches Asthma [14]. und Heuschnupfen [15] zu spielen.

Psychosomatische Behandlung

Eine psychosomatische Begleittherapie scheint in einigen Fällen eine positive Wirkung auf den Verlauf einer allergischen Reaktionsbereitschaft zu entfalten. Im akuten Fall kann sie helfen mit einem Juckreiz oder einer Atemnot besser zurecht zu kommen.

Allergievorbeugung

Nach neueren Erkenntnissen ist es von erheblicher Bedeutung, eine gesunde Balance in der mikrobiellen Flora des Darms herzustellen. Die Rolle der Ernährung bei der Entwicklung einer gesunden Immuntoleranz und Vermeidung einer Allergie ist nicht zu unterschätzen [16]. Sie hat bereits in der Schwangerschaft und bei der Säuglingsernährung anzusetzen (siehe oben).

Die Bedeutung der Brustmilchernährung von Säuglingen muss erkannt und bereits in den ersten Lebensmonaten umgesetzt werden [17][18]. Eine ergänzende Zusatzkost sollte erst ab dem 4. – 6. Monat erfolgen; erfolgt sie früher, steigt das Risiko einer Allergie [19]. Eine Verzögerte Zufuhr von Getreide über den 6. Lebensmonat hinaus erhöht das Risiko ebenfalls, wie an der Weizenallergie festgestellt wurde [20].

Pseudoallergie

Symptome wie bei einer Allergie können auch durch nicht-immunologische Aktivierung von Mastzellen und Basophilen erfolgen; die pathophysiologische Endstrecke entspricht der einer immunologischen Auslösung durch Allergene. Häufige Auslöser einer Pseudoallergie sind Medikamente, Röntgenkontrastmittel, Dextran, NSAR, Salizylate oder Konservierungsstoffe von Nahrungsmitteln.

Verweise

Literatur

  1. ? Ann Nutr Metab. 2011;59 Suppl 1:28-42
  2. ? J Allergy Clin Immunol 2010; 126: 798.e13–806.e13
  3. ? Immunol Rev. 2011 Jul;242(1):233-46
  4. ? J Immunol 1997;159: 1739–1745
  5. ? J Allergy Clin Immunol 2009; 123: 774.e5–782.e5
  6. ? J Investig Allergol Clin Immunol 2010; 20: 289–294
  7. ? Allergy 2003; 58: 1053–1058
  8. ? J Allergy Clin Immunol 2001; 107: 129–134
  9. ? J Allergy Clin Immunol 2008; 121:1460.e7–1466.e7
  10. ? J Allergy Clin Immunol 2011; 127: 470.e1–478.e1.
  11. ? J Allergy Clin Immunol 2011; 127: 470.e1–478.e1
  12. ? Chest 2011; 139: 640–647
  13. ? Ann Nutr Metab. 2011;59 Suppl 1:28-42
  14. ? Pediatrics 2011; 127:e180–e187
  15. ? Clin Exp Allergy 2009; 39: 875–882.
  16. ? Curr Opin Pediatr 2010; 22: 635–641
  17. ? Ann Nutr Metab. 2011;59 Suppl 1:28-42
  18. ? Isr Med Assoc J. 2012 Jan;14(1):58-62
  19. ? Pediatrics 2006; 117: 401–411
  20. ? Pediatrics 2006; 117:2175–2182