Reizdarm

Als Reizdarm oder Reizdarmsyndrom (Synonym: Irritables Darmsyndrom (IDS); engl.: irritable bowel syndrome (IBS) ) wird eine Veranlagung zu Durchfällen oder Verstopfung bezeichnet, die phasenhaft mal stärker und mal schwächer oder auch im Wechsel zutage tritt, und bei der man sonst keine andere Krankheit als Ursache findet. Oft ist das Reizdarmsyndrom mit Blähungen und einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit des Darms auf Dehnung verbunden. Je länger die Symptomatik geht ohne dass sich eine sonstige Krankheit als Ursache zeigt, desto sicherer wird die Diagnose. Der Reizdarm geht oft mit einem Reizmagen (funktionelle Dyspepsie) einher.

Siehe auch: Reizdarmsyndrom – Neues
Für Patienten: Reizdarm – einfach erklärt


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Ursache

Es wird davon ausgegangen, dass eine genetische Veranlagung vorliegt und dann ein Auslöser zur Symptomatik führt. Ein zentraler Mechanismus scheint eine pathologisch veränderte Reagibilität auf die Darmflora zu sein 1)J Neurogastroenterol Motil. 2012 Jul;18(3):258-68, die mit einer Undichtigkeit der zellulären Oberfläche (Schleimhaut) assoziiert ist. Die beobachtbaren Veränderungen erstrecken sich auf den Darm selbst als auch auf das Gehirn.

Folgende Erkenntnisse nehmen eine Schlüsselstellung im Gesamtbild ein:

Familiäre Belastung, Genetik: Es gibt Hinweise auf eine genetische Prädisposition; eine familiäre Häufung ist bekannt. 2)Am J Gastroenterol. 1998 Aug; 93(8):1311-7 Es gibt inzwischen mehrere Gen-Kandidaten; darunter ist eine Association mit einem GN?3 C825T Polymorphismus festgestellt worden 3)Gut Liver. 2012 Apr;6(2):223-8. In einer genomweiten Studie wurde ein Genort (9q31.2 auf Chromosom 9) gefunden, der speziell bei Frauen mit dem Reizdarmsyndrom assoziiert ist. 4)Gastroenetrology July 2018 Volume 155, Issue 1, Pages 168–179

Barrierefunktion der Darmschleimhaut: Ein Defekt der Schleimhautbarriere wird als einer der wesentlichen Auslöser für das Reizdarmsyndrom angesehen. Bestimmte Bakterien können die Barrierefunktion offenbar besonders schädigen, andere, wie Lactobacillus rhamnosus GG, wiederherstellen. 5)Gut Microbes. 2018 Jul 24:1-18. doi: 10.1080/19490976.2018.1479625

Darmflora: Die Darmflora von Patienten mit Reizdarm ist gegenüber Normalpersonen verändert: es wird eine signifikant erhöhte Zahl von Veillonella und Lactobacillus gefunden. Der Stuhl enthält zudem signifikant höhere Konzentrationen von Essigsäure und Propionsäure. 6)Neurogastroenterol Motil. 2010 May;22(5):493-8

Bakterien und Antibiotika:

Als Auslöser des Reizdarmsyndroms bzw. einer erneuten symptomatischen Phase kommen Bakterien und auch Antibiotika in Betracht:

  • Eine vorangegangene Antibiotikatherapie stellt ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Reizdamsyndroms dar. Es ist anzunehmen, dass sie zu einer Alteration der Kolonflora führt.
  • Eine akute Gastroenteritis (infektiöse Durchfallkrankheit) bildet ein erhöhtes Risiko. 7)BMJ. 1999 Feb 27;318(7183):565-6. doi: 10.1136/bmj.318.7183.565. PMID: 10037630; PMCID: PMC27756. 8)Exp Ther Med. 2020 Oct;20(4):3517-3522. doi: 10.3892/etm.2020.9018. Epub 2020 Jul 16. PMID: … Continue reading
  • Eine Infektion mit Mycobacterium avium subsp. paratuberculosis (oft durch Verzehr von handgemachtem Käse erworben) wird als eine mögliche Ursache des Reizdarmsyndroms (wie auch des Morbus Crohn) diskutiert. 9)J Clin Microbiol. 2007 Dec;45(12):3883-90

Meteorismus: Es findet sich beim Reizdarmsyndrom eine signifikant vermehrte Gasproduktion gegenüber Normalpersonen, was mit der Ernährung wie auch mit der veränderten Darmflora zusammenhängt; sie führt über Dehnung der Darmwand zu Schmerzen.

Verändertes Schmerzempfinden: Eine gesteigerte intestinale Sensitivität (Schmerzwahrnehmung) sowie eine Dysfunktion des enterischen autonomen Nervensystems werden heute als wesentlich für die Pathogenese des Reizdarmsyndroms angesehen 10)J Physiol Pharmacol. 2007 Aug;58 Suppl 3:131-9 11)Scand J Gastroenterol. 2007 Apr;42(4):441-6. Sie führen zu einer veränderten Motilitätsantwort auf Dehnung nach Nahrungszufuhr und durch Blähungen.

Gehirn und Darm, emotionaler Stress: Stress und neurotische Fehlhaltung sind als Auslöser möglich; psychologische Faktoren tragen offenbar zu einer veränderten Schmerzwahrnehmung bei 12)Scand J Gastroenterol. 2007 Apr;42(4):441-6, liegen aber nicht bei jedem Patienten vor. Heute wird die wechselseitige Beeinflussung von Gehirn und Darm (brain-gut axis) als gegeben angesehen. Die Psyche scheint über diesen Weg vielfachen Einfluss auf Auslösung und Verlauf des Reizdarmsyndroms zu nehmen; diskutiert wird, dass im Einzelfall traumatische Ereignisse und familiäre Belastungssituationen in der Kindheit, neurotische Entwicklung und Medikamenten- oder Drogenabhängigkeit eine Rolle spielen können 13)World J Gastroenterol. 2012 Feb 21;18(7):616-26. Ursache kann sein, dass es bei emotionalem Stress in bestimmten Regionen des Gehirns zu einem Tryptophan- und Serotonin-Mangel kommt, der sich auch Schmerzempfinden und Darmmotilität inklusive dem Stuhldrang auswirkt 14)Eur J Gastroenterol Hepatol. 2012 Nov;24(11):1259-65. Speziell bei vorherrschender Diarrhö könnte eine vermehrte postprandiale Serotonin-Freisetzung bedeutsam sein 15)Gastroenterology. 2011 May; 140(5):1434-43.e1., bei vorherrschender Obstipation eine veränderte rektale Empfindlichkeit.

Hormonelle Beeinflussung. Eine prämenstruelle Verschlechterung deutet auf hormonelle Beeinflussungen.

Laktoseintoleranz: Eine Laktoseintoleranz stellt keine Ursache dar; sie sollte ausgeschlossen sein. Allerdings kann sie zu einer erheblichen Verschlechterung der Symptomatik bei Reizdarm führen.

Siehe auch Reizdarmsyndrom – Neues.

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Literatur

Literatur
1 J Neurogastroenterol Motil. 2012 Jul;18(3):258-68
2 Am J Gastroenterol. 1998 Aug; 93(8):1311-7
3 Gut Liver. 2012 Apr;6(2):223-8
4 Gastroenetrology July 2018 Volume 155, Issue 1, Pages 168–179
5 Gut Microbes. 2018 Jul 24:1-18. doi: 10.1080/19490976.2018.1479625
6 Neurogastroenterol Motil. 2010 May;22(5):493-8
7 BMJ. 1999 Feb 27;318(7183):565-6. doi: 10.1136/bmj.318.7183.565. PMID: 10037630; PMCID: PMC27756.
8 Exp Ther Med. 2020 Oct;20(4):3517-3522. doi: 10.3892/etm.2020.9018. Epub 2020 Jul 16. PMID: 32905134; PMCID: PMC7464999.
9 J Clin Microbiol. 2007 Dec;45(12):3883-90
10 J Physiol Pharmacol. 2007 Aug;58 Suppl 3:131-9
11, 12 Scand J Gastroenterol. 2007 Apr;42(4):441-6
13 World J Gastroenterol. 2012 Feb 21;18(7):616-26
14 Eur J Gastroenterol Hepatol. 2012 Nov;24(11):1259-65
15 Gastroenterology. 2011 May; 140(5):1434-43.e1.