Magenkarzinom

Das Magenkarzinom ist der zweithäufigste Tumor des Gastrointestinaltrakts. Es wird meist erst in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert.

Was man wissen sollte

Kurzgefasst
Das Magenkarzinom ist ein bösartiger Tumor, der anfangs meist keine oder nur geringfügige unspezifische Symptome verursacht und daher oft zu spät entdeckt wird und nicht mehr geheilt werden kann. Die Erkrankungshäufigkeit nimmt mit dem Alter zu.

Das Magenkarzinom ist eine hetreogene Gruppe von Tumoren und lässt sich heute aufgrund einer genetischen Analyse in 4 Untertypen klassifizieren.

Zu den Auslösern zählt besonders die chronische Helicobacter-Gastritis von Bedeutung. Aber auch andere Faktoren, wie Rauchen, eine EBV-Infektion, Nitrite in der Nahrung und eine genetische Belastung spielen eine Rolle.

Menschen mit einer bekannten Prädisposition, so z. B. mit einer familiären Belastung oder einer chronischen Helicobacter-Gastritis, sollten sich regelmäßig untersuchen lassen.

Die Behandlung stützt sich auf Operation, Chemotherapie und Bestrahlung. Neue Therapieformen ziehen Biologika ein und zielen auf inzwischen gut bekannte Signalwege, deren Störungen, die zur malignen Entartung führen. Eine Heilung ist jedoch nur im Anfangsstadium durch Operation, bei einem auf die Mukosa beschränkten Tumor vielleicht auch noch durch eine endoskopische lokale Schleimhautresektion, möglich.

Die Prognose hängt stark vom Stadium und von der Ausdehnung des Tumors ab. Das Gesamtüberleben liegt für nicht operativ heilbare Tumore heute bei etwa 12 Monaten.


→ Über facebook informieren wir Sie über Neues auf unseren Seiten!
Interessantes und Wichtiges aus der Medizin


Häufigkeit

In den letzten Jahrzehnten nimmt die Inzidenz und die Mortalität des Magenkarzinoms weltweit allmählich ab und liegt jetzt an der 5. Stelle der Tumorstatistik. Allerdings ist es die dritthäufigste Todesursache durch Krebs 1)CA Cancer J Clin. 2015 Mar;65(2):87-108, was an der späten Erkennung und dem schlechten Heilerfolg liegt. Heute macht das Magenkarzinom etwa 8% aller malignen Tumoren aus.

Die Häufigkeit des Magenkarzinoms ist altersabhängig; Männer sind geringfügig häufiger betroffen als Frauen. Das Erkrankungsalter liegt typischerweise über 60 Jahre; in ca. 10% findet es sich aber auch schon im Altersbereich ab 30-40 Jahren.

Pathogenese

Von Bedeutung für die Entstehung eins Magenkarzinoms sind vielfältig 2)J Clin Oncol. 2013 Mar 1; 31(7):838-9:

  • genetische Disposition, gehäuft bei Blutgruppe A
  • Umweltfaktoren wie Nikotin, Alkohol,
  • Nahrungsbestandteile wie Nitrite und Nitrosamine
  • Typ-A-Gastritis
  • EBV-assoziiert (9% der Magenkarzinome 3)Gastroenterology. 2009 Sep; 137(3):824-33),
  • Chronische Typ-B-Gastritis bei Helicobacter-pylori-Infektion
  • Magenteilresektion (BII-Resektion (Bilroth-II))
  • Morbus Menetrier
  • Magenschleimhautpolypen

Das Magenkarzinom wird daher als eine heterogene Krebserkrankung angesehen 4)Clin Cancer Res. 2007 Jul 15; 13(14):4154-63. Die Heterogenität bedingt inzwischen eine neue molekulare Klassifizierung des Magenkarzinoms 5)Nature. 2014 Sep 11;513(7517):202-9 (s. u.).

Nitrit als Präkarzinogen

Eine weitgehend anerkannte Hypothese besagt, dass Nahrungsbestandteile zu Krebs erregenden Substanzen umgewandelt werden können, wenn sich im Magen Bakterien ansiedeln. Voraussetzung für das Wachstum von Bakterien im Magen ist der Wegfall des Säureschutzes. Eine herabgesetzte Azidität kommt bei atrophischer Gastritis und nach Magenteilresektion vor. Zu den Karzinogenen, die sich durch Bakterien im Magen aus Nahrungsbestandteilen (Nitriten) bilden können, gehören vor allem Nitrosamine 6)Cancer Detect Prev. 1998;22(3):204-12. Nitrite erhöhen das Risiko eines Magenkarzinoms 1,31-fach 7)Nutrients. 2015 Dec 1;7(12):9872-95 8)J Natl Cancer Inst. 2006 Aug 2; 98(15):1078-87. Das Risiko ist wahrscheinlich besonders erhöht, wenn sie auf Umbauvorgänge der Schleimhaut treffen.

Familiäres Magenkarzinom

Etwa 10% der Magenkarzinome treten familiär auf. Inzwischen werden eine Reihe von Genen dafür verantwortlich gemacht 9)J Gastroenterol. 2000;35 Suppl 12:111-5 10)IARC Sci Publ. 2004;(157):327-49.

Als eine der Ursachen wurde eine Keimbahnmutation im E-Cadherin-Gen gefunden 11)Hum Mol Genet. 1999 Apr; 8(4):607-10. Folge ist eine Veränderung in der Zelladhäsion.

Eine Mikrosatellitinstabilität mit vermehrter Bereitschaft zu Mutationen (inkl. der von Onkogenen) ist ebenfalls eine, wenn auch seltenere Ursache familiärer Magenkarzinome 12)Int J Cancer. 1996 Nov 27;68(5):571-6..

Formen

Histologische Formen

95% Adenokarzinome (papillär, tubulär oder muzinös), intestinaler Typ (kohärente Zellstränge, die tubulusähnliche Strukturen bilden) und diffuser Typ (seltener, diffus die Magenwand infiltrierend),

4% seltene Formen: Siegelringkarzinome, adenosquamöse Karzinome, Plattenepithelkarzinome, undifferenzierte Karzinome

Endoskopisch makroskopische Formen

Typ I (vorgewölbt), Typ II (flach), Typ III (exkaviert)

Lokalisation

30% im Antrum

20% im Corpus

40% im Fundus (die Typ-A-Gastritis ist eine Präkanzerose)

10% diffus im gesamten Magen

Molekulare Klassifikation

Das Magenkarzinom wird heute durch umfassende Genanayse als heterogene Gruppe verschiedener Typen aufgefasst. Durch molekulare Marker können 4 verschiedene Subtypen zusammengefasst werden 13)Nature. 2014 Sep 11;513(7517):202-9:

EBV-positiver Typ des Magenkarzinoms: charakterisiert durch wiederholte PIK3CA-Mutationen, extreme DNA-Hypermethylierung und Amplifikation von JAK2, CD274 und PDCD1LG2. Dieser TYp kommt am häufigsten vor. Sie machen 9% aus.

Tumore mit Mikrosatellit-Instabilität, charakterisiert durch eine erhöhte Mutationsrate inkl. der Onkogene. Sie machen etwa 22% aus.

Tumore mit RHOA-Dysregulation (diffusen histologischen Varianten und Mutationen von RHOA), die aber genomisch stabil sind.

Tumore mit Chromosomeninstabilität (Aneuploidie, fokalen Amplifikatione der Rezeptor-Thyrosinkinasen. Sie machen 50% aus. Sie kommen überwiegend am cardioösophagealen Übergang vor und machen dort 65% der Tumore aus.

Ausbreitung

Magenkarzinome entwickeln sich in der Schleimhaut, wachsen polypös ins Magenlumen hinein oder bleiben flach, erscheinen lediglich als kleines Ulkus und wachsen in die Tiefe. Tumoren, die gleich diffus in die Tiefe wachsen und die Magenschleimhaut nicht exulzerieren, führen zur Linitis plastica.

Das Magenkarzinom infiltriert die Magenwand und das perigastrische Gewebe und metastasiert in regionale und entfernte Lymphknoten (ein klinisch wichtiger Lymphknoten liegt links supraklavikulär, der Virchow´sche Lymphknoten). Leber und Pankreas können per continuitatem direkt infiltriert werden.

Eine Aussaat maligner Zellen in der Leibeshöhle kann zu einer Peritonealkarzinose und zu malignem Aszites führen. Der Krukenberg-Tumor stellt eine Ovarialmetastase durch peritoneale Aussaat dar.

Erste hämatogene Fernmetastasen finden sich meist zuerst in der Leber und in den Lungen. Häufig befallen werden zudem das Knochensystem, die Nebennieren und das Gehirn.

Grading und Staging

Grading nach WHO

  • G1 hoch differenziert
  • G2 mäßig differenziert
  • G3 schlecht differenziert

TNM-Klassifikation

  • TX Primärtumor kann nicht beurteilt werden
  • T0 Primärtumor nicht erkennbar
  • Tis Carcinoma in situ (keine Infiltration der Lamina propria)
  • T1 Infiltration der Lamina propria oder der Submukosa (Frühkarzinom, kann schon Lymphknotenmetastasen aufweisen)
  • T2 Infiltration der Muscularis propria oder der Subserosa
  • T3 Penetration der Serosa, noch keine Infiltration benachbarter Strukturen
  • T4 Überschreiten der Organgrenzen und Infiltration benachbarter Strukturen
  • NX Beurteilung über lokoregionäre Lymphknoten nicht möglich
  • N0 keine lokoregionären Lymphknotenvergrößerungen
  • N1 lokoregionärer (perigastrischer) Befall von 1-6 Lymphknoten
  • N2 lokoregionärer (perigastrischer) Befall von 7-15 Lymphknoten
  • N3 lokoregionärer (perigastrischer) Befall von >15 Lymphknoten
  • MX Fernmetastasen nicht beurteilbar
  • M0 keine Fernmetastasen
  • M1 Fernmetastasen

 

Stadieneinteilung

  • Stadium 0 Tis N0 M0
  • Stadium Ia T1 N0 M0
  • Stadium Ib T2 N0 M0 oder T1 N1 M0
  • Stadium II T1 N2 M0 oder T2 N1 M0 oder T3 N0 M0
  • Stadium III schlechterer Lokalbefund, M0
  • Stadium IV schlechterer Lokalbefund, M1

 

Symptomatik

Eine Symptomatik tritt meist erst auf, wenn der Tumor nicht mehr kurativ operiert werden kann. Die wichtigsten Symptome sind Inappetenz, Abneigung gegen Fleisch, unspezifische abdominelle Beschwerden, Gewichtsabnahme bis hin zur Kachexie, Anämie durch apparente oder okkulte Blutung und Erbrechen bei Stenosierung des Magenausgangs (Magenausgangsstenose).

Klinischer Befund

Der Untersuchungsbefund kann lange Zeit über unauffällig sein. Symptome treten meist erst in späteren Stadien auf. Auf folgende Zeichen sollte geachtet werden :


Literatur   [ + ]

1. CA Cancer J Clin. 2015 Mar;65(2):87-108
2. J Clin Oncol. 2013 Mar 1; 31(7):838-9
3. Gastroenterology. 2009 Sep; 137(3):824-33
4. Clin Cancer Res. 2007 Jul 15; 13(14):4154-63
5, 13. Nature. 2014 Sep 11;513(7517):202-9
6. Cancer Detect Prev. 1998;22(3):204-12
7. Nutrients. 2015 Dec 1;7(12):9872-95
8. J Natl Cancer Inst. 2006 Aug 2; 98(15):1078-87
9. J Gastroenterol. 2000;35 Suppl 12:111-5
10. IARC Sci Publ. 2004;(157):327-49
11. Hum Mol Genet. 1999 Apr; 8(4):607-10
12. Int J Cancer. 1996 Nov 27;68(5):571-6.