Herzrhythmusstörung

Alle Artikel sind von Fachärzten geschrieben und wissenschaftlich überprüft. Aussagen sind mit Referenzen belegt. Wir stehen für Transparenz und Qualität im Gesundheitswesen!

Als Herzrhythmusstörung (cardiac arrhythmia) werden Störungen der Herzfrequenz (ein nicht situationsgerechter schneller oder langsamer Herzschlag, Tachykardie oder Bradykardie) sowie ein unregelmäßiger Herzschlag bezeichnet. Ein unregelmäßiger Herzschlag wird als Arrhythmie bezeichnet. Dazu gehören

  • rasch abwechselnde Herzfrequenzen, wie bei einer atemabhängigen Arrhythmie (respiratorische Arrhythmie),
  • Zwischenschläge bei normalem Sinusgrundrhythmus in Form von Extrasystolen , die einzeln, als Bigeminus, Triplets oder Salven auftreten können, und
  • absolut unregelmäßige Aktionen (absolute Arrhythmie).

Die Art einer Herzrhythmusstörung wird i. d.  R. durch ein EKG geklärt.

→ Infos zum Herzen siehe hier.


→ Über facebook informieren wir Sie über Neues auf unseren Seiten!
→ Verstehen und verwalten Sie Ihre Laborwerte mit der Labor-App Blutwerte PRO!


Entstehung

Eine Herzrhythmusstörung kommt zustande

  • bei einer erhöhten oder erniedrigten Aktivität des Sinusknotens (dem herzeigenen Schrittmacher)
    • durch extrakardiale Einflüsse (nervale Einflüsse, Toxine, Medikamente, Hormone, Traumata, …) oder
    • durch eine abnormale Erregbarkeit des Sinusknotens,
  • durch abnorme Erregungszentren in den Vorhöfen, im Reizleitungssystem oder in den Kammern des Herzens.
  • durch akzessorische Leitungsbahnen zwischen Vorhöfen und Kammern und einer rückwärts gerichteten Erregung der Vorhöfe von den Kammern aus (Reentry), wie es beim WPW-Syndrom der Fall ist.

Eine Herzrhythmusstörung kann ausgelöst werden durch

Genetik

Bei familiär gehäuft vorkommenden Rhythmussörungen sind auf genetischer / molekularer ebene häufig Mutationen der Membranproteine beteiligt, welche die Ionen transportieren („channelopathies“), die an der Auftrechterhaltung des Membranpotenzials der Herzmuskelzellen beteiligt sind, so vor allem im L-Typ Kalziumkanal 1)Channels (Austin). 2018;12(1):201-218. DOI: 10.1080/19336950.2018.1499368. PMID: 30027834; PMCID: … Continue reading 2)Curr Mol Pharmacol. 2015;8(2):133-42. DOI: 10.2174/1874467208666150518114857. PMID: 25981977; … Continue reading Interessanterweise findet sich dieser Kalziumkanal auch im Gehirn. Er wird durch CACNA1C kodiert. Mutationen wurden als Ursache des Timothy-Syndroms (Multisystemanomalien: QT-Verlängerung, angeborene Herzfehler, Gesichtsdysmorphismus, episodische Hypoglykämie und neurologische Symptome) und des Long-QT-Syndroms identifiziert. Andere Mutationen wurden bei neurologischen und psychiatrischen Krankheiten festgestellt. Sie hatten überwiegend Sprachprobleme und in der Hälfte der Fälle bestand ein Autismus. 3)Genet Med. 2021 Oct;23(10):1922-1932. DOI: 10.1038/s41436-021-01232-8. 4)J Hum Genet. 2016 Jan;61(1):57-60. doi: 10.1038/jhg.2015.97. Epub 2015 Jul 30. PMID: 26223181.

Das Brugada-Syndrom ist charakterisiert durch ST-Strecken-Hebung vom „Coved-Typ“ in den rechten präkordialen Ableitungen des Elektrokardiogramms und assoziiert. Es ist für plötzliche kardiale Todesfälle mitverantwortlich (4 – 12%), die oft durch einen fieberhaften Infekt ausgelöst worden sind. Inzwischen sind um 20 verantwortliche Genmutationen bekannt geworden. 5)Acta Cardiol. 2021 Oct;76(8):805-824. DOI: 10.1080/00015385.2020.1790823. Epub 2020 Jul 20. PMID: … Continue reading 6)J Hum Genet. 2016 Jan;61(1):57-60. DOI: 10.1038/jhg.2015.97. Epub 2015 Jul 30. PMID: 26223181.

Weitere genetische Ursachen betreffen das „short-QT“-Syndrom und  CPVT (katecholaminerge polymorphe ventrikuläre Tachyarrhythmien). Sie sind alle mit einem hohen Risiko lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen verbunden.

Eine CPVT-Veranlagung kann in ansonsten gesunden und sportlich aktiven Menschen während einer Anstrengung plötzlich Kammerflimmern auslösen. 7)Int J Cardiol Heart Vasc. 2017 Nov 22;18:101-103. DOI: 10.1016/j.ijcha.2017.11.002. PMID: … Continue reading Hierbei ist der „cardiac ryanodine receptor“ (RyR2) hyperaktiv, der die Kalziunfreisetzung aus dem sarkoplasmatischen Retikulum der Herzmuskelzelle fördert. Mutationen fördern eine Kalzium-Freisetzung bei Belastung, die z. B. bei Sport und Sympatikus-Stress zu tödlichen ventrikulären Arrhythmien führen kann. Flecainid kann davor schützen. 8)Circ Res. 2021 Feb 5;128(3):321-331. DOI: 10.1161/CIRCRESAHA.120.316819. Epub 2020 Dec 10. PMID: … Continue reading

Ursachen

Folgende Krankheiten können mit Herzrhythmusstörungen einhergehen:

Formen

Herzrhythmusstörungen können in vielfältiger Form auftreten. Im Folgenden sind die Wichtigsten aufgeführt:

Ventrikuläre Extrasystolen

Ventrikuläre Extrasystolen (VES) entspringen im Reizleitungssystem unterhalb des av-Knotens oder in einem oder verschiedenen Zentren im Kammermyokard. Sie unterscheiden sich von supraventrikulären Extrasystolen im EKG durch einen breiten Kammerkomplex und eine kompensatorische Pause. Wenn sie salvenartig auftreten, können sie kreislaufwirksam und quo ad vitam gefährlich werden. Bei Jugendlichen mit normaler Herzfunktion können monomorphe ventrikuläre Extrasystolen harmlos sein. Bei häufig einfallenden oder polymorphen Extrasystolen oder bei ventrikulären Salven muss unter Umständen therapiert werden.

Fallen die Extrasystolen regelmäßig hinter einem Normalschlag ein, wird von einem Bigeminus gesprochen.

Absolute Arrhythmie

Die absolute Arrhythmie kommt bei Vorhofflimmern oder -flattern mit unregelmäßiger Überleitung der Erregung in die Kammern zustande. Tachykarde Phasen oder bradykarde Phasen können kreislaufwirksam werden und zur Linksherzinsuffizienz und zu synkopalen Anfällen führen. Bei der absoluten Arrhythmie treten gehäuft thromboembolische Ereignisse (u.a. Schlaganfall) auf, so dass meist eine Antikoagulation angeraten werden muss (Coumarin-Präparate).

Reentrytachykardien

Kreisende Erregungen zwischen Vorhöfen und Kammern (wie beim WPW-Syndrom oder LGL-Syndrom), die durch Kurzschlussverbindungen der Reizleitung ausgelöst werden, können zu anfallsweisem Herzjagen (paroxysmalen Tachykardien) führen, die in einigen Fällen lebensbedrohlich verlaufen. Sie bedürfen einer genauen elektrophysiologischen Untersuchung und davon abhängig einer adäquaten Therapie. (Siehe hier.)

Morgagni-Adams-Stokes-Anfall (MAS-Anfall)

Dies ist eine kardial bedingte kurze Bewusstlosigkeit. Als Ursachen kommen in Frage:

  • extreme Bradykardie,
  • av-Block 3. Grades,
  • lange Salve von ventrikulärer Extrasystolen (VES),
  • Reentrytachykardie,
  • Episode von Kammerflattern / Kammerflimmern.

Eine rasche Abklärung und Behandlung ist dringend erforderlich!

Mehr zum MAS-Anfall siehe hier.

Klinik

Herzstolpern, Palpitationen, Schwindel, Zeichen einer Herzinsuffizienz, Angina pectoris, symptomatische zerebrale Minderdurchblutung (TIA, PRIND). Bei einer absoluten Arrhythmie bei Vorhofflimmern können Thromben im linken Vorhof entstehen, die zu zerebralen Embolien mit der Folge eines Schlaganfalls führen können.

Diagnostik

Die Diagnostik von Herzrhythmusstörungen beginnt mit der Anamnese (Herzstolpern?) und der klinischen Untersuchung (Puls und auskultatorische Herzaktion unregelmäßig?). Die Rhythmusstörung wird durch EKG und Langzeit-EKG spezifiziert (ventrikuläre und/oder supraventrikuläre Extrasystolen, absolute Arrhythmie, tachykarde oder bradykarde Phasen).

Bei Verdacht auf eine koronare Herzkrankheit (KHK) oder Kardiomyopathie als Ursache kann eine invasive Herzuntersuchung (Koronarangiographie, ggf. mit Myokardbiopsie) indiziert sein.

Zudem muss eine extrakardiale Ursachendiagnostik (u. a. Zucker-Stoffwechsel, Elektrolyte, Schilddrüsendiagnostik (TSH), Blutgasanalyse, Säure-Basen-Haushalt, ggf. Serologie auf kardiotrope Viren) durchgeführt werden.

Therapie

Allgemeine Therapie: Absetzen, Behandlung oder Vermeidung arrhythmogener Prinzipien (z. B. Alkohol, Medikamente, Infektionen, Schilddrüsenüberfunktion, koronare Minderdurchblutung).

Therapie je nach Ursache: Antiarrhythmika, Kardioversion, Herzschrittmacher, perkutane Katheterablation.

  • bei tachykarder Rhythmusstörung Antiarrhythmika, Betablocker, Kalziumantagonisten vom Verapamil-Typ (cave: Kombinationen), Digitalispräparate, ggf. Defibrillation.
  • S-ICD: Vorbeugung eines plötzlichen Herztods bei nachgewiesener Prädisposition durch einen implantierbaren Cardioverter-Defibrillator. 9)Am Heart J. 2019 Nov;217:131-139. DOI: 10.1016/j.ahj.2019.08.010. Epub 2019 Aug 17. PMID: … Continue reading

Cave: Die meisten Antiarrhythmika können selbst eine proarrhythmogene Wirkung entfalten.


Über facebook informieren wir Sie über Neues auf unseren Seiten!


Verweise

Patienteninfos

 


Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).


 


Literatur

Literatur
1 Channels (Austin). 2018;12(1):201-218. DOI: 10.1080/19336950.2018.1499368. PMID: 30027834; PMCID: PMC6104696.
2 Curr Mol Pharmacol. 2015;8(2):133-42. DOI: 10.2174/1874467208666150518114857. PMID: 25981977; PMCID: PMC4762596.
3 Genet Med. 2021 Oct;23(10):1922-1932. DOI: 10.1038/s41436-021-01232-8.
4 J Hum Genet. 2016 Jan;61(1):57-60. doi: 10.1038/jhg.2015.97. Epub 2015 Jul 30. PMID: 26223181.
5 Acta Cardiol. 2021 Oct;76(8):805-824. DOI: 10.1080/00015385.2020.1790823. Epub 2020 Jul 20. PMID: 32684122.
6 J Hum Genet. 2016 Jan;61(1):57-60. DOI: 10.1038/jhg.2015.97. Epub 2015 Jul 30. PMID: 26223181.
7 Int J Cardiol Heart Vasc. 2017 Nov 22;18:101-103. DOI: 10.1016/j.ijcha.2017.11.002. PMID: 29876509; PMCID: PMC5988478.
8 Circ Res. 2021 Feb 5;128(3):321-331. DOI: 10.1161/CIRCRESAHA.120.316819. Epub 2020 Dec 10. PMID: 33297863; PMCID: PMC7864884.
9 Am Heart J. 2019 Nov;217:131-139. DOI: 10.1016/j.ahj.2019.08.010. Epub 2019 Aug 17. PMID: 31654943.