Demenz

Demenz ist durch fortschreitenden Gedächtnisverlust bei erhaltenem Bewusstsein gekennzeichnet. Es werden verschiedene Formen mit unterschiedlichen therapeutischen Optionen unterschieden. Die Alzheimer-Demenz macht etwa 2/3 der Fälle aus; die nächst häufige Form ist die vaskulär bedingte Demenz, die meist mit der Anamnese einer TIA oder eines Schlaganfalls assoziiert ist.


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Formen

Am häufigsten ist die Alzheimer-Demenz (über 60% der Fälle), gefolgt von der Demenz bei zerebralen Durchblutungsstörungen (cerebrovasculäre Demenz, etwa 15%) sowie die bei neurodegenerativen Erkrankungen (z. B. Morbus Parkinson, Lewy-Körperchen-Demenz, Creutzfeld-Jacob-Erkrankung) 1)Lancet. 2015 Oct 24;386(10004):1683-97 2)Lancet. 2015 Oct 24;386(10004):1698-706.

Alzeimer-Krankheit

Dazu siehe hier.

Lewy-Körper-Demenz

Dazu siehe hier.

Frontotemporale Demenz

Je nach Lokalisation der Schädigung im Gehirn können besondere Erscheinungsformen vorherrschen, so z. B. die frontotemporale Demenz  3)Lancet. 2015 Oct 24;386(10004):1672-82, bei der fortschreitende Veränderungen und Defizite bezüglich Sprache, Antrieb und sittlichem Verhalten eintreten. Sie tritt meist schon vor dem 65sten Lebensjahr auf, während andere Formen, die die vaskuläre oder Levikörper-Demenz oft erst später manifest werden.

Sonderform des Morbus Alzheimer

Eine Sonderform der Alzheimer-Krankheit kann sich besonders im frontalen Hirnbereich ausbilden und entsprechende Symptome verursachen (frontale Variante der Alzheimer-Krankheit), während die typische Alzheimer-Demenz mehr im posterioren Bereich ausgeprägt ist und weniger frontale Atrophie aufweist 4)Brain. 2015 Sep;138(Pt 9):2732-49.

Demenz nach toxischer Hirmschädigung

Eine reativ früh eintretende Demenz kann auch Folge einer toxischen Hirnschädigung, z. B.

Posttraumatische Demenz

Nach einem Unfall mit Schädigung des Gehirns (z. B. mit Bewusstlosigkeit) steigt das Risiko, in der Folgezeit eine Demenz zu entwickeln. Dies besagt auch eine Schwedische Studie an 164334 Patienten. Die Assoziation war im ersten Jahr am höchsten (OR 3,5) und sank danach. Im mittleren Beobachtungszeitraum von 15,3 Jahren lag sie fast doppelt so hoch als in Kontrollgruppen (OR 1,8). Auch nach 30 Jahren war sie noch nachweisbar (OR 1,25). Schwache Traumata wirkten weniger Demenz fördernd als schwere (OR 1,63 vs. 2,06). 5)PLOS January 30, 2018 https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1002496

Pseudodemenz

Abzugrenzen ist die Demenz von der prinzipiell reversiblen Pseudodemenz z. B. im Rahmen einer Depression, bei einer Entzündung des zentralen Nervensystems (z. B. im Rahmen einer HIV-Enzephalopathie, einer Borrelien-Enzephalopathie oder eines zentralen Lupus erythematodes) oder bei Stoffwechselstörungen im Rahmen eines Vitamin-B12-Mangels, eines Folsäuremangels, eines Niacinmangels, einer peripheren Insulinresistenz, einer Hypoglykämie, einer schweren Leberkrankheit, einer Elektrolytentgleisung (z. B. Hypokalzämie), einer Dehydratation, einer Hypothyreose oder eines Hyperparathyreoidismus.

Folgen der Demenz

Die Folgen und Komplikationen einer Demenz hängen von der Ausprägung der Hirnleistungsstörung ab.

  • Im Anfangsstadium ist die Demenz meist nicht gleich ersichtlich, da eine vorübergehende Vergesslichkeit zum normalen Alltag überlasteter Menschen gehört. Aber eine Häufung von Ereignissen, wie das „Verlegen“ von Gegenständen, Vergessen von Besorgungen, Vereinbarungen und Terminen, das Abreißen eines Gesprächsfadens oder eine Schwerbesinnlichkeit bezüglich Namen oder kürzlich zurückliegender Erlebnisse sollte an den Beginn einer Demenz denken lassen.
  • Im mittleren Stadium kommt der Verlust der Fähigkeit, sich im Alltag zurecht zu finden, hinzu. Es beginnt eine zunehmende Vernachlässigung des Haushalts und eine Selbstvernachlässigung bezüglich Kleidung, Ernährung und Körperpflege. Die Orientierung zu Zeit und Ort schwindet zunehmend. Der Tag-Nacht-Rhythmus kommt durcheinander; Schlaf- und Wachphasen werden tageszeitunabhängig. Fehlende Gedächtnisinhalte werden durch Konfabulation ersetzt. Auch können wahnhafte Erlebnisse hinzukommen. Das Verhalten wird läppisch und inadäquat. Es beginnen oft Weglauftendenzen (Personen müssen gesucht werden). Es häufen sich Schwindelerscheinungen. Das Sturzrisiko steigt.
  • Im Spätstadium werden selbst vertraute Personen nicht mehr erinnert. Es kommt zu neurologischen Ausfällen bezüglich Nahrungsaufnahme und Entleerung. Das Empfinden der eigenen Unreinlichkeit bei Stuhl- und Blaseninkontinenz schwindet völlig. Entsprechend kommt es zu wiederholten Harnwegsinfekten. Die Nahrungsaufnahme wird durch mangelnden Antrieb sowie durch Schluckstörung erheblich beeinträchtigt. Beim Füttern kann es zur Aspiration und zur Aspirationspneumonie kommen. Bei zunehmender Bettlägrigkeit und häufiger Verschmutzung kommt es leicht zu Hautentzündungen (Dermatitis) und zum Dekubitus. Wegen Schwindelsymptomatik kommt es gehäuft zu Stürzen und Frakturen.

Behandlung

Da die Pseudodemenz oft gut behandelbar ist, ist eine gute Diagnostik Voraussetzung der Therapie. Dazu ist eine fachspychiatrische und ggf. zudem eine internistische Diagnostik erforderlich. Demenz-Symptome, die sorgfältig erhoben werden müssen, werden auf der Alzheimer-Seite angesprochen (siehe hier).

Die Demenztherapie richtet sich nach den Stadium und der Ursache. Wichtig ist es, bereits das Anfangsstadium zu erfassen, um möglichst frühzeitig Maßnahmen zur Verhinderung der Progredienz einleiten zu können. Handelt es sich um eine sekundären Demenz, so sollte die Grunderkrankung so rasch wie möglich erkannt und behandelt werden. Handelt es sich dagegen um eine Demenz im Rahmen einer neurodegenerativen Erkrankung, so kommt ein Bündel verschiedener Maßnahmen in Betracht, die zusammengenommen zu einer Verbesserung kognitiver Symptome bzw. einer Verlangsamung des Gedächtnisabbaus führen können. Eine Behandlung, die zum Stillstand und zur Heilung führt ist bisher nicht bekannt.

Maßnahmen zur Verlangsamung des zerebralen Abbaus

Die Ansatzpunkte der Demenzbehandlung bei einer neurodegenerativen Erkrankung ergänzen sich:

  • Diätetische Maßnamen: Es sollte auf eine Ernährung geachtet werden, die ausreichend Vitamin B12, Folsäure, Cholin und Phospholipide enthält. Studien belegen einen positiven Effekt auf die Gedächtnisleistung. Das Gewürz Curcumin scheint ebenfalls günstig zu wirken.
  • Gedächtnistraining: Ein „lockeres“ Gedächtnistraining ohne psychischen Stress soll zur Aufrechterhaltung der Gedächtnisleistung beitragen; Stress wirkt kontraproduktiv. Ein ständiges Auffrischen nützlicher Begriffe und Zusammenhänge, des Datums und zurückliegender Erlebnisse kann zur Bewältigung der Alltagsanforderungen nützlich sein. Das Einbeziehen in die Erlebnisse von Bezugspersonen (Familie, Betreuer) hilft, eine Welt aufrecht zu erhalten, in der noch eine Orientierung möglich ist. Es sollte viel mit dem Demenzkranken geredet werden, wobei sich die Komplexität der Inhalte nach dem Stadium der Demenz richten sollte. Bilder bringen Erlebnisse und Bezugspersonen in Erinnerung (z. B. elektronischer Bilderrahmen mit automatisch wechselnden Bildern). Ziel ist es auch, die eigene Identität zu festigen.
  • Medikamente: Von Medikamenten sollte derzeit nicht zuviel erwartet werden. Sie sind bei kaum der Hälfte der Demenzkranken wirksam und dann nur bei hoher Dosierung und über nur eine beschränkte Zeitspanne weniger Monate. Zu solchen Medikamenten gehören Donezepil und Memantin, deren Nebenwirkungen jedoch zu beachten sind (z. B. Herzrhythmusstörungen, Schwindel, Krampfbereitschaft). In Entwicklung ist eine Immuntherapie gegen Beta-Amyloid für die Alzheimer-Demenz (Solanezumab, Impfung). Wahnhafte Vorstellungen werden mit Haloperidol meist gut beeinflusst.
  • Vermeidung von Medikamenten, die kontraproduktiv wirken: z. B. Sedativa oder Antidepressiva.

Maßnahmen zur Komplikationskontrolle

Allein Lebende sollten an ein Notrufsystem angeschlossen sein (z. B. Notruftelefon). Ein Training gegen oder zum Umgang mit Schwindel (z. B. Spaziergänge in Begleitung, Tanzen) ist in Frühstadien hilfreich. Es ist für eine Sturzprophylaxe zu sorgen (Gehhilfen, Hüftschutz). Zunehmend müssen Ernährung, Kleidung und Körperpflege pflegerisch unterstützt werden.

Es sollte für eine gute Ernährung (siehe „Diätetische Maßnahmen“, oben) und Körperpflege gesorgt werden. Interkurrente Infekte (z. B. Harnwegsinfekte) bedürfen einer entsprechenden Behandlung.

Sturzprävention und Behandlung von Frakturen

Eine wirksame Sturz- und Frakturprävention ist bei zunehmender Schwindelsymptomatik nötig, aber oft schwierig. Hüftpolster sollen helfen. Eine sturzbedingte Hüftfraktur (Knochenbruch des Oberschenkelhalses) ist kein seltenes Ereignis. Eine Studie an 2007 Demenzkranken in Pflegeheimen besagt, dass auch bei ihnen eine operative Versorgung sinnvoll ist und individuell bedacht werden sollte: sie führte innerhalb einer Nachverfolgungszeit von 6 Monaten zu einer niedrigeren Sterberate ( 31,5% vs. 53,8% bei konservativer Behandlung), weniger Druckgeschwüren (Dekubitus; 11,2% vs. 19,0%) und zu etwas weniger Schmerzen (29,0% vs. 30,9%). 6)JAMA Intern Med. 2018;178(6):774-780. doi:10.1001/jamainternmed.2018.0743

Selbstbestimmte Vorsorge

Es ist von entscheidender Bedeutung für eine selbstbestimmte Behandlung und Betreuung bei absehbar zunehmender Demenz, spätestens im Frühstadium eine Patientenverfügung sowie eine Vorsorgevollmacht zu verfassen, in denen alle voraussehbaren Probleme für den Fall der eigenen Unfähigkeit, einen eigenen Willen zu äußern, angesprochen werden (siehe auch unter Selbstbestimmung). Besondere Probleme, die angesprochen werden sollten, betreffen die Betreuung im Endstadium, in dem gelegentlich eine aufwändige technische Lebenserhaltung in Frage steht.

PEG-Sonde im Endstadium?

Ein besonderes Problem bei der Betreuung entsteht im Endstadium einer Demenz durch eine zunehmende Schluckstörung. Die Zeit, die zum Füttern erforderlich ist, kann erheblich zunehmen und schließlich zeitlich nicht mehr aufzubringen sein. Auch können sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen die Episoden des Verschluckens häufen. In solchen Situationen kommt meist der Gedanke an die Anlage einer PEG-Sonde auf. Da sie in dem erreichten Stadium des Hirnabbaus jedoch in einen beginnenden Sterbeprozess eingreifen kann, stellt ihre Indikation unter Umständen ein ethisches Problem dar, das individuell gelöst werden muss (siehe hier.

Verweise


Literatur   [ + ]

1. Lancet. 2015 Oct 24;386(10004):1683-97
2. Lancet. 2015 Oct 24;386(10004):1698-706
3. Lancet. 2015 Oct 24;386(10004):1672-82
4. Brain. 2015 Sep;138(Pt 9):2732-49
5. PLOS January 30, 2018 https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1002496
6. JAMA Intern Med. 2018;178(6):774-780. doi:10.1001/jamainternmed.2018.0743