Autoimmunkrankheit

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Eine Autoimmunkrankheit ist durch selbstzerstörerischen Angriff des Immunsystems auf körpereigene Bestandteile und Strukturen (Zellen, Gewebe, Organe) definiert. Die normale Immuntoleranz gegenüber eigenen Substanzen ist an jeweils krankheitsbestimmenden Stellen defekt. 1)J Intern Med. 2015 Oct;278(4):369-95. DOI: 10.1111/joim.12395


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Entstehung

Das Immunsystem lernt normalerweise, sehr effizient „eigen“ von „fremd“ zu unterscheiden. Wenn die Immunreaktion jedoch fehlgeleitet ist und sich gegen den eigenen Körper richtet, entstehen Krankheiten. Sie nehmen in der Regel einen chronischen Verlauf und sind schwer behandelbar. Die Auslösung und Entstehung ist multifaktoriell. Entscheidende Rollen spielen dabei die Migration, Adhäsion und Aktivierung von Lymphozyten und Immunzellen. Für die Pathogenese spielen IgG-Antikörper, die nachweislich gegen Bestandteile des eigenen Körpers gerichtet sind, eine zentrale Rolle.

Die Bereitschaft zu Fehlreaktionen im Immunsystem ist in der prä- und direkt postnatalen Phase besonders hoch. Stillen mit Muttermilch stärkt das sich entwickelnde Immunsystem des Kindes und senkt das Risiko, eine Autoimmunkrankheit (z. B. eine Sprue) zu bekommen (siehe hier).

Die zentrale Störung des Immunsystems, die zum teilweisen Verlust der Differenzierung von „eigen“ und „fremd“ führt, liegt offenbar im System der Lymphozyten, die zu den Leukozyten (weißen Blutkörperchen) gehören. Bestimmte Zellen dieser Gruppe reifen im Thymus und heißen daher T-Zellen.

Bedeutung der regulatorischen T-Zellen

Ein Teil der T-Zellen (spezielle Lymphozyten) trägt CD4-Oberflächenmoleküle (CD4-Zellen). Als sog. Helferzellen kommt ihnen die Aufgabe zu, fremde Angriffe abzuwehren. Diese Zellen findet man bei den Autoimmunkrankheiten an der Zerstörung eigener Strukturen beteiligt. Unter den CD4-Zellen hält ein besonderer Typ, die sog. regulatorischen CD4-Zellen, die Neigung zum Selbstangriff in Zaum und trägt damit zur Selbsttoleranz bei. Sie besitzen den Marker CD25 (zusätzlich zu CD4) auf ihrer Oberfläche und werden daher genauer als CD25+ regulatorische T-Zellen (TRegs) bezeichnet. Die Aktion dieser regulatorischen Zellen ist hypothetisch: möglicherweise wirken sie durch Unterdrückung der Teilung anderer Immunzellen oder der Bildung von Zytokinen. Die regulatorischen T-Zellen unterdrücken nicht nur autoimmune Reaktionen sondern auch die Reaktionsbereitschaft des Immunsystems gegen Mikroben.

Bedeutung mechanischer Irritationen

Die Immunprozesse werden durch Adhäsionsmoleküle reguliert, die an Kontaktstellen zwischen Zellen und extrazellulärer Matrix (ECM) und an Zell-Zell-Übergängen lokalisiert sind. Integrin ist solche ein Adhäsionsprotein, das für die Immunprozesse eine besondere Bedeutung hat. Es wird durch mechanische Scherkräfte reguliert. Integrin-vermittelten mechanischen Prozesse spielen bei der Entstehung der Autoimmunität offenbar eine bedeutende Rolle. Es wird vermutet, dass sich ein neues Verständnis der Autoimmunität ergibt 2)Front Cell Dev Biol. 2022 Mar 18;10:852878. DOI: 10.3389/fcell.2022.852878.

Bedeutung von Überernährung

Es gibt Hinweise darauf, dass Überernährung zu einer erhöhten Bereitschaft führt, eine Autoimmunkrankheit zu entwickeln, wobei eine komplexe Beeinflussung des Immunsystems durch Leptin und Adiponectin eine Rolle spielen soll 3)Endocr Regul. 2009 Sep;43(4):157-68. Es wird eine Zunahme registriert, welche mit westlicher Kost assoziiert ist, die Übergewicht und metabolisches Syndrom fördert. 4)Curr Allergy Asthma Rep. 2014 Jan;14(1):404. DOI: 10.1007/s11882-013-0404-6.

Bedeutung der Autophagie

Die Autophagie ist ein Mechanismus, der es der Zelle ermöglich, sich selbst zu reinigen und gesund zu halten. Eine veränderte Autophagie-Funktion ließ sich bei verschiedenen Autoimmunkrankheiten feststellen, so bei Lupus erythematodes (SLE), entzündlicher Darmerkrankung (IBD), rheumatoider Arthritis (RA) und systemischer Sklerose (SSc). Eine behinderte Entsorgung defekter Zellbestandteile führt zu einer vermehrten Bildung entzündlicher Zytokine, welche die Entstehung einer Autoimmunkrankheit fördern können. 5)Adv Exp Med Biol. 2020;1207:405-408. DOI: 10.1007/978-981-15-4272-5_28.

Bedeutung einer genetischen Prädisposition

Autoimmunkrankheiten sind multifaktoriell. So sind verschiedene genetische Prädispositionen erwartbar. Bei einer autoimmunen Gefäßentzündung, wie bei einer antineutrophilen zytoplasmatischen Autoantikörper (ANCA)-assoziierten Vaskulitis (AAV), wurden Assoziationen zu dem Autophagie-assoziierten Gen-7 (ATG7) gefunden. 6)J Clin Lab Anal. 2022 Feb;36(2):e24193. DOI: 10.1002/jcla.24193.

Bedeutung der Mikrobiome des Körpers

Das Mikrobiom der Lungen beeinflusst die immunologische Reaktion im Gehirn. Dies erklärt die Assoziation zwischen Rauchen (mit Konsequenzen bezgl. des Mikrobioms) und Lungen- und Atemwegsinfektionen und der Entstehung einer multiplen Sklerose, die als T-Zell-vermittelte Autoimmunkrankheit aufgefasst wird. Von Bedeutung sind Bakterienstämme, die Lipopolysaccharide bilden. Werden sie im Tierversuch unterdrückt, führt das zu eine Verschlimmerung der Erkrankung des Gehirns. 7)Nature. 2022 Mar;603(7899):138-144. DOI: 10.1038/s41586-022-04427-4

Die Mikrobiota des Darms beeinflussen das Immunsystem entscheidend. Die Entwicklung von Autoimmunkrankheiten ist assoziiert mir einer Veränderung der Komposition der verschiedenen Bakterienstämme. Beispielsweise ist eine höhere relative Häufigkeit der Gattung Bifidobacterium mit einem höheren Risiko für die Entwicklung einer Coeliakie (1,4-fach) und einem Typ-1-Diabetes (1,6-fach) verbunden. 8)Front Immunol. 2022 Jan 24;12:746998. DOI: 10.3389/fimmu.2021.746998 Auch wurde eine Assoziation von Darmmikrobiota zur primär sklerosierenden Cholangitis 9)Gut. 2022 May;71(5):899-909. DOI: 10.1136/gutjnl-2020-323565 und einer Psoriasisarthritis gefunden, wobei abnormale Stoffwechselsprozesse der Bakterien (bzgl. Aminosäuren, Gallensäuren, Fetten) eine Rolle spielen sollen 10)Front Immunol. 2022 Feb 28;13:812996. DOI: 10.3389/fimmu.2022.812996. festgestellt.

Beispiele

Beispiel: chronisch entzündliche Darmkrankheit

Die regulatorischen T-Zellen können möglicherweise in der Darmschleimhaut die Immunreaktion gegen symbiotische Darmbakterien unterdrücken. Fehlen sie (experimentell), dann entwickelt sich eine schwer verlaufende chronisch entzündliche Darmkrankheit. Daher wird bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn) die Hypothese diskutiert, dass der Einfluss der regulatorischen T-Zellen auf die Immunaggression zu gering ist. Es wird vermutet, dass dies einen neuen Ansatz zur Therapie ergeben könnte. 11)Inflamm Bowel Dis. 2017 Oct;23(10):1682-1688. DOI: 10.1097/MIB.0000000000001272.

Beispiel: chronische Helicobacter-pylori-Infektion

Helicobacter pylori besiedelt die Magenschleimhaut und wird vom Körper selbst kaum selbstständig eliminiert. Ursache könnte sein, dass das die Abwehr des Immunsystems wegen einer zu strengen Unterdrückung der Immunreaktion durch regulatorische T-Zellen nicht gut genug funktioniert. Wenn das Zusammenspiel der verschiedenen Lymphozytentypen nicht gut funktioniert, können Krankheiten entstehen (siehe Helicobacter pylori Gastritis). Ein ähnlicher Mechanismus könnte auch bei anderen chronischen Infektionen vorliegen. 12)Biomed Pharmacother. 2013 May;67(4):347-9. DOI: 10.1016/j.biopha.2011.09.015. 13)Korean J Intern Med. 2017 Mar;32(2):309-313. DOI: 10.3904/kjim.2014.369

Beispiel: SARS-COV-2-Infektion

Das Coronavirus verursacht in seltenen Fällen (bei entsprechender Prädisposition) verschiedene autoimmune Phänomene. Beschrieben wurden beispielsweise: autoimmunhämolytische Anämie, immunthrombozytopenische Purpura, Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse, Kawasaki-Krankheit und Guillain-Barré-Syndrom. In einigen Fällen ist eine Unterscheidung von einer direkten Viruswirkung schwierig. 14)J Med Virol. 2022 Jan;94(1):54-62. DOI: 10.1002/jmv.27292 Solche autoimmunen Reaktionen können zu einer Long-COVID-Erkrankung führen.

Auch eine Impfung gegen Covid-19 kann in seltenen Fällen zu Autoimmunphänomenen führen. Beschrieben wurden beispielsweise: immunthrombotische Thrombozytopenie, autoimmune Lebererkrankungen, Guillain-Barré-Syndrom, IgA-Nephropathie, rheumatoide Arthritis und systemischer Lupus erythematodes. 15)Immunology. 2022 Apr;165(4):386-401. DOI: 10.1111/imm.13443.

Diagnostik

Siehe bei den einzelnen Krankheiten. Zu den diagnostischen Kriterien gehören autoimmunologische Labormarker (siehe Autoimmunphänomene).

Behandlung

Für jede der unten aufgeführten Autoimmunkrankheiten werden andere Empfehlungen gegeben (siehe jeweils dort).

Für die Genese von Autoimmunkrankheiten ist generell Immunglobulin G (IgG) als zentraler pathogenetischer Faktor identifiziert worden. Bei der Regulierung von IgG-Antikörpern spielt der MHC-Klasse-I zugehörige Rezeptor FcRn eine Schlüsselrolle. Er sorgt für eine lange Lebensspanne der IgG-Immunglobuline. Bei Autoimmunkrankheiten, die über IgG-Antikörper ausgelöst und unterhalten werden, kann eine Reduktion ihrer Aktivität bzw. ihrer Konzentration einen günstigen Effekt auf den Verlauf haben. 16)Trends Pharmacol Sci. 2018 Oct;39(10):892-904. DOI: 10.1016/j.tips.2018.07.007

Efgartigimod: Eine medikamentöse Hemmung von FcRn gelingt beispielsweise mit der dafür neu entwickelten Substanz Efgartigimod. Erste Ergebnisse zeigen, dass dies zu einer spezifischen und anhaltenden Senkung des Serum-IgG-Spiegels führt. 17)J Clin Invest. 2018 Oct 1;128(10):4372-4386. DOI: 10.1172/JCI97911. Für eine Reihe von autoimmunen Krankheiten konnte ein günstiger Effekt bei guter Verträglichkeit festgestellt werden. Für die Myasthenia gravis wurde es zugelassen. 18)Drugs. 2022 Feb;82(3):341-348. DOI: 10.1007/s40265-022-01678-3.

Beispiele für Autoimmunkrankheiten

Addison-Syndrom
Arteriitis temporalis Horton
Atopische Dermatitis
Autoimmuncholangitis
Autoimmungastritis
Autoimmunhämolytische Anämie
Autoimmunhepatitis
Autoimmunpankreatitis
Autoimmunthyreoiditis

Verweise

 


Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).


 


Literatur

Literatur
1 J Intern Med. 2015 Oct;278(4):369-95. DOI: 10.1111/joim.12395
2 Front Cell Dev Biol. 2022 Mar 18;10:852878. DOI: 10.3389/fcell.2022.852878.
3 Endocr Regul. 2009 Sep;43(4):157-68
4 Curr Allergy Asthma Rep. 2014 Jan;14(1):404. DOI: 10.1007/s11882-013-0404-6.
5 Adv Exp Med Biol. 2020;1207:405-408. DOI: 10.1007/978-981-15-4272-5_28.
6 J Clin Lab Anal. 2022 Feb;36(2):e24193. DOI: 10.1002/jcla.24193.
7 Nature. 2022 Mar;603(7899):138-144. DOI: 10.1038/s41586-022-04427-4
8 Front Immunol. 2022 Jan 24;12:746998. DOI: 10.3389/fimmu.2021.746998
9 Gut. 2022 May;71(5):899-909. DOI: 10.1136/gutjnl-2020-323565
10 Front Immunol. 2022 Feb 28;13:812996. DOI: 10.3389/fimmu.2022.812996.
11 Inflamm Bowel Dis. 2017 Oct;23(10):1682-1688. DOI: 10.1097/MIB.0000000000001272.
12 Biomed Pharmacother. 2013 May;67(4):347-9. DOI: 10.1016/j.biopha.2011.09.015.
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14 J Med Virol. 2022 Jan;94(1):54-62. DOI: 10.1002/jmv.27292
15 Immunology. 2022 Apr;165(4):386-401. DOI: 10.1111/imm.13443.
16 Trends Pharmacol Sci. 2018 Oct;39(10):892-904. DOI: 10.1016/j.tips.2018.07.007
17 J Clin Invest. 2018 Oct 1;128(10):4372-4386. DOI: 10.1172/JCI97911.
18 Drugs. 2022 Feb;82(3):341-348. DOI: 10.1007/s40265-022-01678-3.