Hämochromatose

Die idiopathische Hämochromatose ist eine genetisch bedingte Eisenspeicherkrankheit mit Auswirkungen auf viele Organe des Körpers. Unbehandelt führt sie zu schwerwiegenden Organmanifestationen, wie einer Leberzirrhose, einer Zuckerkrankheit, Gelenkerkrankungen und einer Herzkrankheit mit lebensbedrohlichen Rhythmusstörungen. 1) 2018 Apr 5;4:18016. doi: 10.1038/nrdp.2018.16. 2)Transl Gastroenterol Hepatol. 2020 Apr 5;5:25. doi: 10.21037/tgh.2019.11.15. PMID: 32258529; PMCID: … Continue reading

→ Patienteninfos dazu siehe hier.
→ Zum Eisenstofwechsel siehe hier.


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Das Wichtigste verständlich

Kurzgefasst
Die Hämochromatose ist eine Erkrankung, bei der der Körper Eisen unkontrolliert aufnimmt und im Übermaß in verschiedenen Organen und Geweben speichert. Die Eisespeicherung im Herzen, in der Leber, in der Bauchspeicheldrüse oder in den Gelenken führt zu einer bunten Symptomatik.

  • Herz: Besonders gefährlich sind die Herzrhythmusstörungen, die zum plötzlichen Herztod führen können.
  • Leber: Die Eisenspeicherung in der Leber verursacht eine Leberzirrhose mit erhöhtem Risiko für Leberkrebs.
  • Bauchspeicheldrüse: Dort bewirkt eine Eisenüberladung eine Zuckerkrankheit.
  • Hormondrüsen: In den verschiedenen Organen des Hormonsystems führt eine Eisenspeicherung zu einer Insuffizienz (mangelhaften Hormonbildung).
  • Gelenke: Hier kommt es zu chronisch-entzündlichen Veränderungen und Gelenkschmerzen.

Wird die Erkankung frühzeitig erkannt, kann eine wirkungsvolle Therapie eingeleitet und diesen Komplikationen vorgebeugt werden.

Die wirksamste Therapie besteht in Aderlässen unter ständigen Kontrollen des Blutbilds und des Eisenspiegels im Blut. Wenn Aderlässe wegen einer zu ausgeprägten Blutarmut (Anämie) nicht durchgefüht werden dürfen, kommen Medikamente in Betracht, die Eisen binden und ausscheidungsfähig machen. Das gebräuchlichste ist Desferrioxamin.

→ Ausführliche Patienteninfos dazu siehe hier.

Definition

Die Hämochromatose ist eine Speicherkrankheit, die zu ausgeprägten Eisenablagerungen in verschiedenen Organen, besonders in der Leber, führt (>0,5 µg/100 g Feuchtgewicht, > 700 µg/g Trockengewicht). Bei Eisenablagerungen unterhalb dieses Wertes spricht man von Hämosiderose.

Als Hämochromatose wird in der Regel die idiopathische, genetisch bedingte Form einer vermehrten Eisenablagerung im Körper verstanden und nicht diejenige, die z. B. durch multiple Transfusionen zustande kommt.

Einteilung

  • Idiopathische (genetische, primäre) Hämochromatose
  • Erworbene (sekundäre) Hämochromatose (siehe unten)

Häufigkeit

Es handelt sich um eine der häufigsten Erbkrankheiten. Die Häufigkeit einer C282Y-Mutation liegt bei etwa 4-9% der Bevölkerung.

Das Verhältnis manifest Erkrankter zu Gesunden liegt bei 1:500 bis 1:4000, das Verhältnis der Geschlechter m:f = 5 bis 10:1.

Im Süden Europas kommt die familiäre Eisenspeicherkranheit weniger häufig vor als im Norden.

Entstehung

Idiopathische Hämochromatose

Die Ursache ist eine Erhöhung der Eisenresorption im Dünndarm.

  • Häufigste Ursache ist eine HFE-Gen-Mutation auf Chromosom 6 (C282Y-Mutation).
  • Seltene Ursachen betreffen einen Verlust
    • von Transferrin Rezeptor 2,
    • HAMP (hepcidin antimicrobial peptide), oder
    • Hemojuvelin oder
    • Mutationen von Ferroportin.

Die C282Y-Mutation im HFE-Gen ist bei Patienten mit Hämochromatose häufig zu finden, wenn sie keltischer Abstammung sind. 3)Nat Genet 1996; 13: 399-408; Blood Cells Mol Dis 1996; 22: 187-194 Sie findet sich nicht oder selten bei Hämochromatose-Patienten nichtkeltischer Abstammung; dort ist von anderen Mutationen auszugehen. Die Mutationen H63D und S65C sind mit einer milderen Verlaufsform assoziiert.

Neuere Erkenntnisse weisen dem Eisentransporter Ferroportin, dem regulatorischen Hormon Hepcidin und dem Hemojuvelin zentrale Rollen zu (siehe unter Eisenstoffwechsel).

→ Mehr zur Ätiologie und Pathogenese

Erworbene Hämochromatosen

Erworbene Hämochromatosen beruhen auf einer sekundären Eisenüberladung des Körpers infolge

  • gehäufter Transfusionen, z. B. bei

Juvenile Hämochromatose

Sie manifestiert sich meist zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr und zeigt keine Assoziation mit dem HFE-Gen. Es besteht eine Assoziation mit homozygoten Genvarianten von HJV (Hämojuvelin) und anderen wie HAMP. 4)Blood Cells Mol Dis. 2019 Feb;74:30-33. doi: 10.1016/j.bcmd.2018.10.006. Epub 2018 Oct 22. PMID: … Continue reading Die Erkrankung ähnelt der der HFE-Hämochromatose, verläuft aber schwerer. Schon frühzeitig kommt es zu hypogonadotropischem Hypogonadismus, Kardiomyopathie mit lebensgefährlichen Rhythmusstörungen, Glukoseintoleranz und Diabetes, Arthropathie, Osteoporose, sowie einer Vernarbung der Leber (Leberfibrose und Leberzirrhose). 5)Eur J Hum Genet 1997; 5: 371-375 6)Juvenile Hemochromatosis. 2005 Feb 17 [updated 2020 Jan 9]. In: Adam MP, Ardinger HH, Pagon RA, … Continue reading

 

Symptomatik

Patient mit Hämochromatose und bereits vorliegender Leberzirrhose mit Aszites. Die dunklen Mamillen lenken den Verdacht auf die Diagnose.

Die HFE-Hämochromatose manifestiert sich bei Männern meist zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr, bei Frauen meist erst in der Menopause.

Leitsymptome:

Weitere Symptome:

  • Verlust der Körperbehaarung,
  • Hodenatrophie, Libidoverlust,
  • Splenomegalie,
  • arthritische Gelenkbeschwerden,
  • kardiale Symptome (häufig als erste Manifestation) mit Tachyarrhythmien bzw. Rechts-, Linksherzinsuffizienz (häufige Todesursache ist die Kardiomyopathie),
  • Zeichen einer Leberzirrhose (häufig als erste Manifestation),
  • erhöhtes Risiko einer Peridontitis (Zahnfleischentzündung, abhängig von der Transferrinsättigung) 7)Sci Rep. 2018 Oct 19;8(1):15532. doi: 10.1038/s41598-018-33813-0..

Diagnostik

Histologisches Bild einer Hämochromatose. Eisennachweis in den Hepatozyten mit der Berliner-Blau-Färbung.

Anamnese und körperliche Befunde können erste Anhaltspunkte liefern, besonders wenn Kombinationen vorliegen: Leberzirrhose, Diabetes mellitus, pigmentierte Haut/Handlinien, Gelenkbeschwerden, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen, anschließend weitere Diagnostik durch Laborwerte.

  • Sicherung der Diagnose durch Eisen i.S., Transferrinsättigung, Ferritin,
  • die Transferrinsättigung und das Ferritin eignen sich zur Verlaufskontrolle unter Therapie,
  • die genetische Untersuchung bezgl. Hämochromatose-Gen HFE-Mutation (relativ preiswert; dadurch erübrigt sich meist eine Punktion der Leber!),
  • die Bestimmung des Eisengehalts in der Leber kann durch CT oder MRT relativ sicher abgeschätzt werden. Die Magnetresonanztomographie eignet sich auch zur Verlaufskontrolle unter Therapie, 8)Magn Reson Imaging. 2005; 23: 1-25
  • Leberhistologie ist zur Diagnosestellung selten noch erforderlich, kann aber zur Stadieneinteilung sowie zur Verlaufs- und Prognosebeurteilung in Einzelfällen indiziert sein,
  • Diagnostik von Komplikationen und Folgeschäden (Leberzirrhose, Endokrinium, Herzinsuffizienz, Gelenke, hepatozelluläres Karzinom).

→ Mehr zur Diagnostik siehe hier.

Komplikationen und Folgezustände

Die übermäßige und dauerhafte Speicherung von Eisen in den verschiedenen Organen und Geweben des Körpers hat schwerwiegende Folgen:

Therapie

Die Therapie der Wahl zur Reduzierung der Eisenüberladung sind Aderlässe (z. B. wöchentlich 300 ml, bis die Eisenspeicher leer sind und der Hb-Wert zu sinken beginnt (Anämiebeginn); Kontrolle durch Ferritin und Abnahme der Dichte im Computertomogramm).

Unter der Aderlass-Therapie ist eine Besserung der Gelenksymptome nicht unbedingt zu erwarten.

In besonderen Fällen kommt eine Behandlung mit Desferrioxamin (Eisenchelatbildner) in Betracht, die sehr viel weniger wirksam ist (Indikation z.B. bei der Thalassämie).

Auf jeden Fall muss die orale Eisenaufnahme reduziert werden (u.a. kein Alkohol). In Endstadien der Leberzirrhose kommt eine Lebertransplantation in Betracht. Ansonsten bleiben nur symptomatische Maßnahmen.

→ Mehr zur Therapie siehe hier.

Prognose

Die 5-Jahres-Überlebensrate ohne Therapie beträgt 18%. Bei effektivem Therapiebeginn (Aderlässe) im präzirrhotischen Stadium resultiert eine normale Lebenserwartung. Bei Therapiebeginn erst im Zirrhosestadium ist die 5-Jahres-Überlebensrate 75-92%, die 20-Jahres-Überlebensrate 46-49%. Alkoholabusus und Leberentzündungen (Hepatitiden) verschlechtern die Prognose. 9)Gastroenterology 1996; 110: 1107-1119

Prophylaxe

  • Suche nach klinischen und klinisch-chemischen Zeichen der Hämochromatose, besonders Ferritinkonzentration und Transferrinsättigung.
  • Untersuchung von Verwandten 1. Grades (Geschwister, Kinder).
  • Absolute Alkoholkarenz, keine mit Eisen angereicherten Nahrungsmittel (z. B. manche Müsli), keine eisenhaltigen Präparate („Aufbaupräparate“, Präparate zur Blutbildung etc).

Heute gehört die genetische Analyse (Bestimmung des HFE-Gens) zur Vorsorge hinzu. Bei Bestätigung einer genetischen Veranlagung zur hereditären Hämochromatose Beginn einer Aderlasstherapie in reduziertem Maße vorbeugend auch schon vor einer klinischen Manifestation; das gilt auch für die Erkennung einer Hämochromatose bei Kindern und Jugendlichen. 10)Juvenile Hemochromatosis. 2005 Feb 17 [updated 2020 Jan 9]. In: Adam MP, Ardinger HH, Pagon RA, … Continue reading

Dazu siehe hier.


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Verweise

Leberzirrhose – Neues

Fachinfos

Patienteninfos

 


Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).


 

 

Literatur

Literatur
1 2018 Apr 5;4:18016. doi: 10.1038/nrdp.2018.16.
2 Transl Gastroenterol Hepatol. 2020 Apr 5;5:25. doi: 10.21037/tgh.2019.11.15. PMID: 32258529; PMCID: PMC7063521.
3 Nat Genet 1996; 13: 399-408; Blood Cells Mol Dis 1996; 22: 187-194
4 Blood Cells Mol Dis. 2019 Feb;74:30-33. doi: 10.1016/j.bcmd.2018.10.006. Epub 2018 Oct 22. PMID: 30389309.
5 Eur J Hum Genet 1997; 5: 371-375
6 Juvenile Hemochromatosis. 2005 Feb 17 [updated 2020 Jan 9]. In: Adam MP, Ardinger HH, Pagon RA, Wallace SE, Bean LJH, Stephens K, Amemiya A, editors. GeneReviews® [Internet]. Seattle (WA): University of Washington, Seattle; 1993–2020. PMID: 20301349.
7 Sci Rep. 2018 Oct 19;8(1):15532. doi: 10.1038/s41598-018-33813-0.
8 Magn Reson Imaging. 2005; 23: 1-25
9 Gastroenterology 1996; 110: 1107-1119
10 Juvenile Hemochromatosis. 2005 Feb 17 [updated 2020 Jan 9]. In: Adam MP, Ardinger HH, Pagon RA, Wallace SE, Bean LJH, Stephens K, Amemiya A, editors. GeneReviews® [Internet]. Seattle (WA): University of Washington, Seattle; 1993–2020. PMID: 20301349.