Primär biliäre Cholangitis

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Die primär biliäre Cholangitis (PBC), früher als „primär biliäre Zirrhose“ bezeichnet (ebenfalls als PBC abgekürzt), ist eine seltene, aber oft schwerwiegende, autoimmune Leberkrankheit, die in vielen, aber nicht allen Fällen zur Leberzirrhose (Narbenleber) fortschreitet.

→ Zur Prognose siehe hier.
→ Zur Therapie siehe hier.

→ Patienteninfos zur PBC siehe hier.

Das Wichtigste

Kurzgefasst
Die primär biliäre Cholangitis (PBC) ist eine fortschreitende, nicht eitrige Leberentzündung, die von den kleinen Gallenwegen ausgeht. Es werden verschiedene Verlaufsformen beobachtet; rasch fortschreitende Verläufe münden schließlich in einer Leberzirrhose. Von einer PBC betroffen sind überwiegend Frauen im mittleren Lebensalter.

Die Symptome beinhalten Abgeschlagenheit, Juckreiz, Lipidflecken an den Augen (Xanthelasmen), Trockenheit von Augen und Mund (Sicca-Syndrom) und Gelenkbeschwerden machen auf die Möglichkeit einer PBC aufmerksam, speziell wenn sie bei Frauen in mittlerem Lebensalter auftreten. In späteren Stadien kann eine Galleabflussstörung (Cholestase) mit Gelbsucht (Ikterus) hinzutreten.

Die Diagnostik beinhaltet in erster Linie die Bestimmung von Laborwerten, insbesondere der alkalischen Phosphatase, Transaminasen, AMA, und der IgM-Globuline. Eine histologische Untersuchung einer Lebergewebsprobe, die durch Sonographie-gestützte Leberpunktion gewonnen wird, wird erforderlich, wenn Unklarheit über die Diagnose oder das Stadium und die Aktivität der Krankheit besteht (z. B. bei negativen AMA) und deren Kenntnis therapeutische Konsequenzen hat.

Die Behandlung stützt sich auf den Einsatz von Ursodesoxycholsäure bzw. von neueren Abkömmlingen von Gallensäuren wie Obeticholsäure. Wenn ein Overlap zur AIH (gleichzeitiges Vorliegen einer PBC und einer Autoimmunhepatitis) vorliegt, werden auch Kortikoide eingesetzt. Bei fortgeschrittener Leberzirrhose kommt eine Lebertransplantation im Betracht.


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Definition

Die Primäre biliäre Cholangitis (PBC) ist eine chronisch-destruierende, nichteitrige Entzündung der kleinen in der Leber gelegenen Gallenwege (Cholangitis) mit Nachweis von antimitochondrialen Antikörpern (AMA). 1)Semin Immunopathol. 2009 Sep;31(3):283-307 Als „primäre biliäre Zirrhose“ kann nur das Zirrhosestadium der PBC bezeichnet werden. In etwa 5% sind die AMA negativ; die AMA-negative PBC wird gelegentlich als Autoimmuncholangitis bezeichnet. Die PBC weist histologisch Gallengangsdestruktionen auf, manchmal kombiniert mit Granulomen in der Leber; die Autoimmuncholangitis  weist mehr lymphoplasmazelluläre Infiltrationen auf. 2)Surg Pathol Clin. 2018 Jun;11(2):329-349. DOI: 10.1016/j.path.2018.02.010

Epidemiologie der PBC

Die Daten variieren in den verschiedenen Statistiken. Die folgenden Werte beziehen sich auf Europa und Nordamerika. 3)World J Gastroenterol. 2015 Jul 7;21(25):7683-708. doi: 10.3748/wjg.v21.i25.7683. PMID: 26167070; … Continue reading

  • Geschlechtsverhältnis f:m = 9:1.
  • Hauptsächlich betroffene Altersgruppe: 25-60 Jahre.
  • Prävalenz: 4-14/100.000 Einwohner.
  • Inzidenz: 0,7-49/100.000 Einwohner/Jahr.
  • Familiäres Vorkommen 3,8 – 9%.

Wer einen PBC-Kranken in der engen Familie hat, hat ein etwa 10-faches Risiko, auch eine PBC zu entwickeln. 4)Hepatology. 2005 Nov; 42(5):1194-202.

Entstehung

Vernarbte Leber (Präparat)

Ursache und Entstehung der PBC sind weitgehend ungeklärt. Da Verwandte ersten Grades ein etwa 5%iges Risiko für die Entwicklung der Erkrankung haben, ist eine genetische Grundlage wahrscheinlich. 5)Tanaka A et al. Am J Gastroenterol 2001; 96: 8-15 Die Forschung nach genetischen und epigenetischen Grundlagen erbrachte einen Polymorphismus, der an der Entstehung der PBC beteiligt sein kann, der CTLA4-Gen-Polymorphismus (CTLA4: cytotoxic T-lymphocyte-associated protein 4) 6)J Gastroenterol Hepatol. 2013 Aug;28(8):1397-402. doi: 10.1111/jgh.12165. PMID: 23432218. 7)J Immunol Res. 2017;2017:5295164. doi: 10.1155/2017/5295164. Epub 2017 May 31. PMID: 28642883; … Continue reading.

Die Tatsache, dass ganz überwiegend Frauen betroffen sind, hängt möglicherweise damit zusammen, dass das biliäre Epithel Östrogenrezeptoren besitzen (ER-Alpha und ER-Beta). Es wird vermutet, dass Östrogene bei der Entwicklung eine Rolle spielen und die Neubildung und Aussprossung (Proliferation) von Gallengangzellen (Cholangiozyten) beispielsweise als Reaktion auf eine Schädigung beeinflussen. 8)World J Gastroenterol. 2006 Jun 14;12(22):3537-45 Östrogene stimulieren die Proliferation von Gallengangszellen in der Leber bei Ratten 9)Gastroenterology. 2000 Dec;119(6):1681-91. doi: 10.1053/gast.2000.20184. PMID: 11113090. und von Krebszellen des menschlichen Gallengangsepithels 10)Dig Liver Dis. 2009 Feb;41(2):156-63. doi: 10.1016/j.dld.2008.02.015. Epub 2008 Apr 18. PMID: … Continue reading. Bewirkt wird dies dadurch, dass Östrogene die Bildung von VEGF (vascular endithelial growth factor) induzieren. 11)Dig Liver Dis. 2009 Feb;41(2):156-63. doi: 10.1016/j.dld.2008.02.015. Epub 2008 Apr 18. PMID: … Continue reading Dies begründet wahrscheinlich, dass Frauen bei der Geschlechtsverteilung der PBC deutlich überwiegen.

Die PBC wird heute als eine Autoimmunkrankheit aufgefasst, bei der das Immunsystem die eigenen Gallengangzellen zerstört. Genetische Faktoren, Xenobiotika und gehäufte bakterielle Infekte führen – so wird vermutet – zur Bildung von Autoantikörpern, die gegen Mitochondrien (Organellen in den Zellen für spezielle Stoffwechselprozesse, siehe hier) gerichtet sind. Bakterielle Infektionen mit bestimmten Mykobakterien, die die gleichen Epitope wie mitochondriale Proteine (PDH, s.u.) auf ihrer Oberfläche tragen, sollen zur Bildung antimitochondrialer Antikörper (AMA) veranlassen. 12)Clin Exp Immunol 1993; 92: 308-16; J Hepatol 1994; 21: 673-7

Bei den meisten Patienten finden sich Antikörper gegen retrovirale Proteine; außerdem lassen sich retrovirale Sequenzen in biliären Epithelien von PBC-Patienten klonen, so dass möglicherweise ein infektiöses Agens die PBC auslöst. 13)Mason A, Nair S. Curr Gastroenterol Rep 2002; 4: 45-51

Die Schädigung der Gallengangzellen (Cholangiozyten) führt nach der „Umbrella-Hypothese“ zu einer Verminderung der normalerweise starken Bikarbonatsekretion. Das Bikarbonat wird benötigt, um den pH der Galle über 7,4 zu halten, der wiederum nötig ist, um die Gallensäuren in den Gallenkapillaren und Gallengängen möglichst vollständig dissoziiert zu halten. Denn im saureren Milieu (ihr pKa liegt bei/unter 4) lägen sie in einem gewissen Prozentsatz undissoziiert vor und könnten in dieser Form in die Zellen eindringen und schädigen. Und genau dies wird als ein wichtiger Mechanismus, der die Schädigung der Gallengangszellen zusätzlich fördert, angesehen. Es kommt zur Gallensäure-induzierten Apoptose. Und die Gallengangsneubildungen kommen gegen den so beschleunigten Untergang nicht an. Wegen dieses Schädigungsmechanismus, der sich auf den anfänglichen autoimmunen Mechanismus aufpfropft wird angenommen, dass eine rein immunsuppressive Therapie bei der PBC nicht ausreicht 14)Curr Hepatology Rep 2017;16:119-123.

Als Ursache wiederum für die Invasion infektiöser Auslöser (Bakterien, Viren) kommt nach neuer Anschauung eine erhöhte Permeabilität der Darmschleimhaut in Frage. 15)J Autoimmun 2013;46:97-111

Neuerdings wird eine Sekretionsstörung von Phospholipiden (durch MDR3) in die Primärgalle als Ursache verschiedener cholestatischer Syndrome diskutiert. Dies könnte laut Tierversuchen Auswirkungen auf die Cholangiozyten haben und mögliche Ursache von Cholangiopathien (PBC und PSC) sein. 16)Semin Liver Dis. 2007 Feb;27(1):77-98

Die Cholangiozyten selbst scheinen eine bedeutende Rolle bei Leberregeneration und Fibrosebildung zu spielen und eine Reihe von proentzündlichen Zytokinen und parakrinen Mediatoren zu bilden. Ihre Funktion und Bedeutung bei cholestatischen Erkrankungen wie der PBC und PSC wird intensiv erforscht. 17)J Clin Gastroenterol. 2005 Apr;39(4 Suppl 2):S90-S102

Immunpathogenese der PBC

Die E2-Untereinheiten des Pyruvatdehydrogenasekomplexes (PDH-E2) und zwei verwandte Dehydrogenasen der inneren Mitochondrienmembran sind Autoantigene der antimitochondrialen Antikörper (AMA, Subtyb M2). Bei der PBC (nur bei ihr!) findet sich ein strukturverwandtes Molekül (Oligopeptid mit Sequenzhomologien) auf der Oberfläche von Cholangiozyten (Kreuzreaktivität mit AMA); es wird nach Lebertransplantation erneut exprimiert. Es spielt wahrscheinlich in der Entstehung (Pathogenese) der PBC eine zentrale Rolle. 18)Semin Liver Dis. 2005 Aug;25(3):337-46

Für eine Immunpathogenese sprechen auch

  • das Mäusemodell: nach Impfung mit PDH entwickelt sich eine PBC, 19)Liver 2000; 20: 351-6
  • der Befund von AMA-IgA in der Galle von PBC-Patienten ()Hepatology 2000; 32: 910-5)) und
  • die Assozoiation mit anderen Autoimmunkrankheiten (z. B. Autoimmunhepatitis (PBC-AIH-Overlap-Syndrom), rheumatoide Arthritis, Sjögren Syndrom.

Entzündliche Infiltrate im Bereich der Portalfelder bewirken über einen autoimmunologischen Angriff der T-Lymphozyten eine fortschreitende Destruktion der kleinen Gallengänge; reaktiv kommt es zu neuen Gallengangsproliferationen, die später für die Drainage jedoch nicht mehr ausreichen, so dass eine Cholestase eintritt. Durch Fibrosierungsprozesse entwickelt sich allmählich eine Leberzirrhose mit portaler Hypertension.

Möglicherweise spielen hormonelle Einflüsse eine Rolle, da ganz überwiegend Frauen betroffen sind. Daher ist von Bedeutung, dass Östrogenrezeptoren auf biliären Epithelzellen von PBC-Patienten gefunden werden. 20)Hepatology 1993; 18: 1108-1114

TNF-alpha und TGF-beta finden sich entsprechend der Krankheitsaktivität erhöht. 21)Marker: J Gastroenterol Hepatol. 2002; 17: 196-202 Zur Entwicklung der PBC kann beitragen, dass TNF-alpha und Interferon-gamma die epitheliale Barriere-Funktion der Cholangiozyten vermindern. 22)Liver Int. 2003; 23: 3-11


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Klinik

Anamnese

Ausschluss häufiger Leberkrankheiten (keine Leberschädigung durch Alkohol, Drogen, Medikamente, Chemikalien, giftige Pilze, kein Verdacht auf Hepatitisinfektion, keine sonstigen Leberkrankheiten bekannt)

Wenn eine PBC ins Blickfeld gerät, sind auch andere Autoimmunkrankheiten bei der Anamnese zu berücksichtigen, wie die rheumatoide Arthritis, dem Sjögren Syndrom und die systemische Sklerose, bei der in immerhin etwa 15% eine PBC assoziiert ist [14]. Auch sollte nach der Belastbarkeit, der Lungenfunktion und bei Frauen nach einer Brustkrebsbelastung in der Familie und bisheriger Vorsorge gefragt werden.

Körperliche Befunde bei der PBC

Folgende Symptome und klinische Befunde können bei der PBC gefunden werden:

Technische Befunde

Ultraschallbild einer Leberzirrhose: strukturvermehrtes und geschrumpftes Organ mit knotiger Oberfläche und Aszites

Wesentlich für die Einschätzung des Schweregrades ist die Kenntnis des Stadiums und der Progredienz (des Fortschreitens) der Errkankung.

Diagnostischer Ablauf

Die PBC gehört zu den chronisch cholestatischen Lebererkrankungen. Auf die Diagnose stößt man, wenn folgende Konstellation vorliegt: Frau mittleren Alters, Abgeschlagenheit ungeklärter Genese, Juckreiz, ggf. Gelenkbeschwerden, Xanthelasmen, ggf. Sklerenikterus.

Die Diagnose erhärtet sich, wenn unter den Laborwerten die Cholestaseenzyme ungewöhnlich erhöht sind (relativ stärkerer Anstieg als die Transaminasen). Bei dieser Konstellation sollten die AMA bestimmt werden.

Zur Stadieneinteilung und aus prognostischen Gründen ist vielfach eine histologische Untersuchung des Lebergewebes (Leberpunktion) erforderlich.


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Laborwerte

Bei der PBC sind die Cholestaseenzyme (gamma-Glutamyltranspeptidase (Gamma-GT), Alkalische Phosphatase) sind deutlich erhöht, während die Transaminasen nur gering oder nicht erhöht.

Immunglobulin M (IgM) ist typischerweise erhöht. Cholesterin i. S. ist erhöht. Es besteht keine Leukozytose.

Syntheseleistungsparameter der Leber: sie finden sich im Spätstadium als Zeichen der Leberzirrhose erniedrigt.

Antimitochondriale Antikörper (AMA) (Typ M2) sind in aller Regel erhöht. Sie gelten als ein sehr sicherer Nachweis einer PBC (siehe auch Autoimmunphänomene bei Lebererkrankungen); noch spezifischer sind Anti-PDH-E2 (Elisa).

Weitere Autoimmunphänomene

Oft finden sich bei der PBC auch Charakteristika einer Autoimmunhepatitis (PBC-AIH-Overlap-Syndrom), so dass auch ANA (Antinukleäre Faktoren) und ASMA (Antikörper gegen glatte Muskulatur) bestimmt werden sollten. In der Immunfluoreszenz zeigen die ANA einen gesprenkeltes Muster im Kern der Leberzellen.

Unter den antinukleären Antikörpern (ANA) bei einer PBC-Subgruppe werden Anti-gp210 und Anti-Sp100 als krankheitsspezifisch angesehen. Der Nachweis der für eine PBC hochspezifischen Anti-Sp100-Antikörper bei AMA-negativen Patienten mit einer cholestatischen Leberkrankheit erhöht die Wahrscheinlichkeit einer PBC wesentlich. Antikörper gegen Gp140 (Anti-Gp140) sind ebenso PBC-spezifisch wie Anti-Gp100. 23)Am J Gastroenterol. 2010 Jan;105(1):125-31 Die Spezifität von Anti-Gp100 ist nicht 100prozentig; in einer Selektion von Patienten mit gesprenkeltem ANA-Muster wurde bei den meisten (100 von 110) Anti-Gp100 nachgewiesen. Davon waren zwar die meisten PBC-Diagnosen; es waren jedoch auch einige Patienten mit Lupus erythematodes und andere Kollagenkrankheiten vertreten. 24)Scand J Gastroenterol. 2003 Sep;38(9):996-9

Anti-gp210 ist bei der PBC ein Praedictor für einen schlechteren Verlauf mit rascher progredienter Cholestase. 25)Am J Gastroenterol. 2003 Feb;98(2):431-7 Nach einer Lebertransplantation bleibt der positive Antikörperstatus meist erhalten; er soll die aktuelle Krankheitsaktivität im Transplantat nicht widerspiegeln. 26)J Hepatol. 1998 May;28(5):824-8

Weiteres siehe unter Antikörper bei autoimmunen Leberkrankheiten

Diagnostik der Komplikationen

Die primär biliäre Zirrhose ist mit einer ausgeprägten Abgeschlagenheit und Lustlosigkeit verbunden, die auch schon vor dem Zirrhosestadium auftreten. Sie sollten in der Anamnese erfragt werden.

Ein fast immer vorliegender Vitamin-A-Mangel sollte durch eine entsprechende Laboruntersuchung bestimmt werden. Sein Ausgleich hat wahrscheinlich einen günstigen Einfluss auf die Progredienz der Fibrosierung (Zirrhosebildung).

Eine Osteoporose bzw. Osteopenie kommt häufig vor und führt zu einer erhöhten Frakturgefahr. Der zugrunde liegende Vitamin-D-Mangel sollte daher ausgeglichen werden.

Eine Leberzirrhose kann multiple Komplikationen hervorrufen; sie sollten erfasst werden (siehe hier).

Histologie

Die Leberhistologie gibt Auskunft über das Stadium und die entzündliche Aktivität der PBC. Voraussetzung ist die Gewinnung einer Lebergewebsprobe durch Punktion. Im Zirrhosestadium wird die Leberbiopsie oft laparoskopisch durchgeführt, sonst als sonographisch gesteuerte Punktion. Ein negatives Ergebnis schließt eine PBC wegen eines hohen „sampling errors“ nicht aus. Charakteristische histologische Veränderungen sichern die Diagnose zusätzlich. Es finden sich Untergänge von kleinen und kleinsten Gallengängen im Lebergewebe mit narbigen Umbauvorgängen in den Portalfeldern und reaktiv neue Gallengangsproliferationen. Wenn der Gallengangsuntergang zu überwiegen beginnt, kommt eine nicht reversible Cholestase mit Ikterus zustande, so dass ab diesem Stadium über eine Lebertransplantation nachgedacht werden sollte.

Histologische Stadieneinteilung

  • Stadium 1
    entzündliche Infiltrate im Bereich der Portalfelder, destruierte Gallengänge gleichmäßig oder herdförmig über die Leber verteilt,
  • Stadium 3
    ausgeprägte Fibrose ohne Regeneratknoten, Zeichen der Cholestase,

AMA-negative PBC

Die AMA-negative PBC (auch als Autoimmuncholangitis, AIC bezeichnet) ist anamnestisch, klinisch, laborchemisch und histologisch identisch mit der PBC. Es fehlen jedoch die AMA, dafür finden sich in einigen Fällen andere Autoimmunphänomene wie ANA und ASMA. Es gibt Hinweise darauf, dass die AMA-negative PBC eine Variante der PBC und kein eigenständiges Krankheitsbild ist [19]. 27)Liver Int. 2008 Feb;28(2):233-9 Bei AMA-negativer PBC finden sich gehäuft Anti-gp210, Anti-sp100 und Anti-Lamin B-Rezeptor.

PCB-AIH-Overlap-Syndrom

Wenn eine PBC (AMA positiv und/oder typische histologische Veränderungen) und zusätzlich eine Autoimmunhepatitis (ANA positiv, höhere Transaminasen) diagnostiziert werden, dann liegt ein PBC-AIH-Overlap-Syndrom vor. Es kann als PBC mit sekundärer AIH oder als „PBC, hepatitischer Verlauf“ aufgefasst werden. Beim Overlap-Syndrom finden sich in 80% AMA, 70% ANA, 85% HLA-B8 u/o DR3 u/o DR4. Therapie: UDCA + Immunsuppression (Prednisolon + Azathioprin). 28)Lohse et al. Hepatology 1999; 29: 1078-1084

Komplikationen und Spätfolgen

Zu den Komplikationen einer PBC gehören Steatorrhö (Fettstühle), Gallensteine, Osteopenie (Knochenabbau) oft mit starken Knochen- und Gelenkbeschwerden, Mammakarzinom (statistisch erhöhte Assoziation), Komplikationen der Fettstoffwechselstörung. Allerdings ist bei einer asymptomatischen frühen PBC das kardiovaskuläre Risiko nicht erhöht. 29)World J Hepatol. 2011 Apr 27;3(4):93-8

Knochenabbau, Osteoporose

Ein Knochenabbau (Knochenverdünnung: Osteopenie) ist eine häufige Spätfolge der PBC.

Inzidenz: Ein Knochenabbau findet sich etwa 4x häufiger als im Kontrollkollektiv; er ist besonders ausgeprägt nach Transplantation. Etwa 25% der PBC-Patienten haben eine Osteoporose.

Prädiktive Faktoren: VDR-Genotyp, weibliches Geschlecht, Postmenopause (p 0.,012), Körpergewicht (p 0.003) [22]. 30)Gastroenterology 2000; 118: 145-51 Dauer und Schweregrad der Cholestase spielen eine große Rolle, genetische Veränderungen des Vit-D-Rezeptors oder von Kollagen-Typ1-alpha-1 eher eine untergeordnete. 31)Eur J Gastroenterol Hepatol. 2005; 17: 311-5

Prophylaxe und Therapie: Kalzium-Aufnahme (2×1,5g) + Vitamin D oder Vitamin-D-Analoge (z. B. 1×1000 I.E. Colecalciferol), Etidronat (400 mg/d über 14d alle 3 Monate)  32)Gastroenterology 1997; 113: 219-24

→ Mehr siehe unter Osteoporose.

Dosierungen nicht ungeprüft übernehmen!

Differentialdiagnosen

Wichtige Differenzialdiagnosen der PBC sind chronische Gallenwegsentzündungen anderer Ursache, insbesondere

sowie im Zirrhosestadium alle Leberzirrhosen anderer Ätiologie.

Zu den Charakteristika und diagnostischen Kriterien der Differenzialdiagnosen siehe jeweils dort.

PBC und Schwangerschaft

  • Schwangerschaften mit zunehmendem Stadium seltener
  • Kein negativer Einfluss einer Schwangerschaft auf die PBC
  • UDCA in 2. und 3. Trimenon zugelassen (Erfahrung mit Schwangerschaftscholestase)
  • Glukokortikoide und Azathioprin (1 mg/kg) sind in der Schwangerschaft erlaubt (Erfahrung mit Nierentransplantierten). Bei geplanter Schwangerschaft Azathioprin aber vorsichtshalber absetzen!

Therapie

Eine Reihe von Therapie-Ansätzen wurde bisher verfolgt. Die wesentlichsten Zielsetzungen betreffen:

  • die Verlangsamung der Progredienz (Verlängerung des Überlebens)
  • die Vermeidung von Komplikationen
  • die Beherrschung der Symptome (so vor allem der Müdigkeit, Abgeschlagenheit und des Juckreizes)

Medikamente, die die Progredienz der PBC zu verringern vermögen, sind Ursodesoxycholsäure, etwa 2/3 der Patienten sollen davon profitieren 33)Semin Immunopathol. 2009 Sep;31(3):283-307, und Obeticholsäure 34)Liver Int. 2020 May;40(5):1121-1129. doi: 10.1111/liv.14429. Epub 2020 Mar 24. PMID: 32145129; … Continue reading. Wenn die Wirkung von UDCA unzureichend ist, kann Obeticholsäure eine Vebesserung bewirken 35)Expert Opin Pharmacother. 2016 Sep;17(13):1809-15. doi: 10.1080/14656566.2016.1218471. In einer Studie sanken die Werte für direktes Bilirubin innerhalb von 12 Monaten unter Obeticholsäure um etwa 3,5 µmol/L während unter Placebo ein Anstieg von etwa 4,2 µmol/L verzeichnet wurde; ähnlich verhielt sich der Verlauf der alkalischen Phosphatase. 36)Liver Int. 2020 May;40(5):1121-1129. doi: 10.1111/liv.14429. Epub 2020 Mar 24. PMID: 32145129; … Continue reading Langzeiterfahrung mit Obeticholsäure mangelt noch.  37)J Gastroenterol. 2020 Mar;55(3):261-272. doi: 10.1007/s00535-020-01664-0. Epub 2020 Jan 22. PMID: … Continue reading

Weiteres zur Therapie siehe hier.

Prognose

Die Prognose der PBC hängt davon ab, zu welcher Gruppe der individuelle Patient gehört.

  • Gruppe 1
    Die Erkrankung verläuft asymptomatisch bei nachgewiesenen AMA und Cholestaseenzymen; die Lebenserwartung ist vermutlich normal.
  • Gruppe 2
    Es treten Symptome auf, jedoch noch keine Komplikationen; die Lebenserwartung (ohne Transplantation) beträgt ca. 5-10 Jahre; die Progredienz kann durch medikamentöse Therapie vermutlich günstig beeinflusst werden. Je nach Wirksamkeit von UDCA lassen sich wiederum 2 große Gruppen differenzieren: diejenigen, die ansprechen, haben wohl eine weitgehend normale Lebenserwartung. Für diejenigen mit Progredienz unter UDCA stehen keine Medikamente mit gesicherter Langzeitwirkung zur Verfügung. Möglicherweise wird Obeticholsäure die Lücke schließen und die Prognose dieser Gruppe verbessern.
  • Gruppe 3
    Diese Gruppe ist in der Regel therapieresistent. Zunehmender Ikterus und Zeichen der portalen Hypertension kennzeichnen das Endstadium der Erkrankung. In diesen Fällen kommt nur die Lebertransplantation als lebensverlängernde Therapie in Frage.

Der Mayo-Risikoindex berechnet aus Bilirubin- und Albuminkonzentration, Prothrombinzeit und Ödemstatus die Überlebenswahrscheinlichkeit von Patienten mit PBC.

Nach Transplantation steigt die Lebensqualität (4 Aspekte: 1. Symptome, 2. soziale und gefühlsmäßiges Befinden, 3. Gesundheitswahrnehmung, 4. Gesamtlebensqualität). 38)Gross C.R. et al. Hepatology 1999; 29: 356-364

Progressionsmarker: Ein Marker, der eine Fortschreiten der PBC anzeigt, ist Autotaxin (ATX), ein Enzym, welches von sinusoidalen Leberzellen gebildet wird und mit einem Fortschreiten einer Vernarbung assoziiert ist. 39)Sci Rep. 2018 May 25;8(1):8159. doi: 10.1038/s41598-018-26531-0. PMID: 29802350; PMCID: PMC5970155.

Zur Prognose siehe hier.
Zur Therapie siehe hier.


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Verweise

PBC-Prognose
PBC-Therapie

PBC – Neues

Fachinfos

Patienteninfos

 


Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).


Literatur

Literatur
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2 Surg Pathol Clin. 2018 Jun;11(2):329-349. DOI: 10.1016/j.path.2018.02.010
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