Multiple endokrine Neoplasie

Multiple endokrine Neoplasie (Abk.: MEN) bedeutet vielfältige Neubildungen (Neoplasie) mit hormoneller (endokriner) Aktivität. Es lassen sich verschiedene Syndrome unterscheiden; sie umfassen die hereditären Formen

  • MEN Typ 1 und MEN Typ 2,
  • von-Hippel-Lindau-Syndrom,
  • Neurofibromatose Typ 1,
  • familiäre Myxom-Syndrom (Carney Komplex).

Alle sind komplexe genetisch bedingte Erkrankungen.


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MEN Typ 1

Die multiple neuroendokrine Neoplasie Typ 1 (MEN1) ist sehr selten, die Inzidenz liegt bei 1 auf 30.000. Sie wird autosomal dominant mit sehr hoher Penetranz vererbt. Beide Geschlechter sind gleich betroffen.

Betroffene Organe

MEN1 ist gekennzeichnet durch mehrere hormonell aktive Tumore: betroffen sind in erster Linie die Nebenschilddrüsen, die Bauchspeicheldrüse und die Duodenalwand (z. B.Insulinom, Gastrinom, VIPom oder Glukagonom) und der Hypophysenvorderlappen (dort meist gutartige Adenome mit Produktion unterschiedlicher Hormone wie Somatotropin, ACTH und Prolactin).

Genetik

Die multiple neuroendokrine Neoplasie Typ 1 lässt sich auf die Ausschaltung des Tumorsuppressorgens MEN1 zurückführen. Es liegt auf Chromosom 11q13 und kodiert für Menin, ein Kernprotein, welches in der Regulation der DNA-Replikation und -Reparatur und damit für die Zellproliferation eine Rolle spielt. Seine Inaktivierung durch Mutation führt zur Bereitschaft neuroendokrine und andere Tumore auszubilden; es sind derzeit über 1300 Mutationen bekannt; 70% von ihnen führen zu einem verkürzten Menin. Der Nachweis einer inaktivierenden Mutation bestätigt die Diagnose MEN1. 1)Orphanet J Rare Dis. 2006 Oct 2;1:38

Diagnosestellung

Der Verdacht auf MEN1 kann geäußert werden, wenn mehr als einer der MEN1-typischen Tumore (s.o.) vorliegt. Die Diagnose kann sich auch beim Screening herausstellen, wenn nämlich ein Elternteil die Erkrankung aufweist und/oder das mutierte MEN1-Gen bei einer gezielten Vorsorgeuntersuchung nachgewiesen wird. MEN1 kann mit weiteren Tumoren assoziiert sein, wie solchen der Nebennierenrinde oder des Gastrointestinaltrakts (u.a. VIPom), Karzinoiden, Lipomen oder Angiofibromen.

MEN Typ 2

Die multiple neuroendokrine Neoplasie Typ 2 (MEN2) ist seltener als der Typ 1. Es werden MEN2A und MEN2B unterschieden Genet Med. 2011 Sep;13(9):755-64. Ursächlich ist eine Missens-Mutation des RET-Gens, welches eine transmembranäre Rezeptor-Thyrosinkinase der Zellen, die der Neuralleiste entstammen, kodiert. Dieses Zellmembranprotein wiederum spielt eine Rolle bei Proliferation, Wachstum, Differenzierung und Apoptose. 2) Int J Mol Sci. 2012; 13(1): 221–239

Betroffene Organe

Die Entwicklung der MEN1-Tumore nimmt mit dem Alter zu.

  • Typisch für MEN2A ist die Trias aus
  • Typisch für MEN2B ist das medulläre Schilddrüsenkarzinom und das Phäochromozytom sowie das Fehlen der Nebenschilddrüsenhyperplasie; dafür finden sich gelegentlich zusätzlich ein Marfan-ähnlicher Habitus und multiple Ganglioneurome in der Mukosa des Mundes und des Magendarmtrakts.

Genetik

Die multiple neuroendokrine Neoplasie Typ 2 sowie die familiäre Form des medullären Schilddrüsenkarzinoms lassen sich auf eine Missense-Keimbahnmutation des RET-Protoonkogens auf Chromosom 10 zurückführen. Durch Nachweis einer solchen Mutation lässt sich die MEN2-Diagnose sichern; Konsequenz sollte eine genetische Beratung und Diagnostik der engen Blutsverwandten sein.

Diagnosestellung

Beim Auftreten eines medullären Schilddrüsenkarzinoms oder eines Phäochromozytoms sollte an die Diagnose einer MEN2 gedacht und nach anderen Manifestationen gesucht werden. Die Diagnose einer beweisenden Keimbahnmutation der RET-Protoonkogens wird meist aus einer tiefen Rektumschleimhautbiopsie gestellt. 3)Martucciello G et al. Ital J Pediatr. 2012 Mar 19;38(1):9. [Epub ahead of print] Enge Blutsverwandte sollten gestestet werden, um die Veranlagung frühzeitig erkennen ein Überwachungsprogramm starten zu können.

Symptomatik und Diagnosestellung

Die Symptome der multiplen endokrinen Neoplasie (MEN1 und MEN2) lassen sich meist auf die hormonelle Aktivität der Tumore zurückführen, seltener auf die lokalen Raumforderungen. Eine Störung der Blutzuckerkontrolle bei Insulinom oder Glukagonom, eine Hyperkalzämie bei Hyperparathyreoidismus oder ein zentrales Cushing-Syndrom, eine Hypokalzämie bei hohem Calcitonin-Spiegel oder ein hyperadrenerges Syndrom bei Phäochromozytom führen über bildgebende Verfahren (wie Computertomographie oder MRT) zum Nachweis der ursächlichen Tumore. Für das Pankreas ist die Endosonographie die Methode mit der höchsten Nachweisrate der in der Regel kleinen Raumforderungen. 4)Lewis MA et al. World J Surg. 2012 Mar 2. [Epub ahead of print]

Therapie

Die Behandlung neuroendokriner Tumore beinhaltet verschiedene Optionen:

  • Somatostatin-Analoga zur Beherrschung der Symptomatik,
  • Operation zur Tumorentfernung oder zur Verkleinerung der Tumormasse,
  • lokal ablative Verfahren bei umschriebenen Lebermetastasen,
  • Chemotherapie; neue Medikamente wie Sunitinib, Sorafenib oder Everolimus scheinen die Erfolgschance bezüglich einer Verlängerung der progressionsfreien Zeit zu erhöhen.

Mehr zur Therapie siehe unter

Verweise

 


Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).


 


Literatur   [ + ]

1. Orphanet J Rare Dis. 2006 Oct 2;1:38
2. Int J Mol Sci. 2012; 13(1): 221–239
3. Martucciello G et al. Ital J Pediatr. 2012 Mar 19;38(1):9. [Epub ahead of print]
4. Lewis MA et al. World J Surg. 2012 Mar 2. [Epub ahead of print]