Das Metabolische Syndrom

Das metabolische Syndrom, (oft abgekürzt als MetS, auch Syndrom X genannt), ist eine Zusammenfassung von Risikofaktoren für kardiovaskuläre Komplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Es hat sich in den letzten Jahrzehnten – bedingt durch zunehmende Bewegungsarmut und falsche Ernährung – weltweit zu einer besonderen Herausforderung für das Gesundheitswesen und die Gesundheitserziehung entwickelt. Metabolisches Syndrom, Diabetes mellitus, Hypertonie, Fettleber, Herzinfarkt und Schlaganfall sind miteinander assoziiert. 1). 2009 May-Jun; 2(5-6): 231–237. doi: 10.1242/dmm.001180


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Das Wichtigste

Kurzgefasst
Das metabolische Syndrom ist ein krankhafter Stoffwechselzustand, der duch Störungen des Zucker- und Fettstoffwechsels bestimmt ist. Klinisch kann es vermutet werden, wenn es ein erhöhter Bauchumfang vorliegt. Labochchemisch liegen meist deutliche Zeichen einer Fettstoffwechselstörung vor. Ein Blutzuckerbelastungstest weist oft eine getörte Glukoseverwertung durch periphere Insulinresistenz nach.

Das metabolische Syndrom bedeutet ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Diabetes mellitus Typ 2 und einer koronaren Herzkrankheit inklusive Herzinfarkt sowie eines Schlaganfalls.

Die Behandlung dient der Vorbeugung dieser Komplikationen und besteht in erster Linie in einer Life-style-Änderung. Medikamentös sind oft Lipidsenker, Blutdrucksenker und Gerinnungshemmer (Thrombozytenaggregationshemmer wie ASS) indiziert.

Definitionen und ihre Entwicklung

Die Definition des metabolischen Syndroms (MetS) hat sich mehrfach gewandelt.

  • Früher wurde die Insulinresistenz als zentraler pathogenetischer Mechanismus in den Mittelpunkt gestellt. 2)WHO-Kriterien, Diabet Med. 1998; 15: 539-553 Dementsprechend beinhaltete das Syndrom auch den Diabetes mellitus.
  • Von der EGIR (European Group for the Study of Insulin Resistance) wurde es in Insulin-Resistenz-Syndrom umbenannt und der Diabetes herausgenommen. 3)Diabet Med. 1999; 16: 442-443
  • Das National Cholesterol Education Program (NCEP) Adult Treatment Panel III (ATP III) vertrat die Auffassung, dass das metabolische Syndrom eine Zusammenstellung von Risikofaktoren sein sollte, die für Diabetes mellitus Typ II und kardiovaskuläre Erkrankungen prädisponieren. 4)Lancet 2005; 366: 1059-1062 5)Circulation. 2005; 112: 2735-2752 6)ATP-III-Kriterien: Circulation. 2002; 106: 3143-3421 Danach war die Insulinresistenz nicht mehr eine Voraussetzung für die Diagnose.
  • Die American Association of Clinical Endocrinologists (AACE) stellte die Insulinresistenz wieder in den Mittelpunkt und benannte das Syndrom erneut als Insulin-Resistenz-Syndrom. 7)Endocr Pract. 2003; 9: 237-252
  • Die International Diabetes Federation (IDF) hat Ende 2004 eine Definition erarbeitet, die weltweit gelten soll. 8)Lancet 2005; 366: 1059-1062 Sie berücksichtigt die Einschätzung, dass Insulinresistenz und Diabetes bisher überbetont waren, und stellt den Bauchumfang in den Mittelpunkt. Er und zwei zusätzliche Symptome aus einer Liste sind für die Diagnose erforderlich (siehe unter “Aktuell bevorzugte Definitionen”), die wieder als “metabolisches Syndrom” benannt wird und auch den Diabetes im Spektrum wieder mit enthält (siehe unter Diagnostik).
  • Die Definition der International Diabetes Federation von 2004 zeigte sich als nicht für alle Menschen gleichermaßen zuverlässig: Bei Frauen schwarzer Hautfarbe trug viszerales Fettgewebe am meisten zur Diagnose des metabolischen Syndroms bei. Die Taille allein (> 80 cm oder> 88 cm) hatte eine eine deutlich bessere Spezifität (21% bzw. 18% höher) im Vergleich zu den Kriterien des metabolischen Syndroms und einen höheren positiven Vorhersagewert (64% oder 57%) zur Identifizierung einer Insulinresistenz: Der Taillenumfang sagte bei jungen Schwarzafrikanerinnen ohne bekannte Krankheit eine Insulinresistenz (nach dem Homöostasemodell HOMA-IR) besser voraus als die IDF- oder ATP III-Kriterien für das metabolische Syndrom. Dies führte zu einer Suche und einem Beurteilungsscore der Befunde, der ethnische Diskrepanzen ausgleicht. 9)Metabolism. 2014 Feb; 63(2): 218–225. Published online 2013 Oct 24. doi: 10.1016/j.metabol.2013.10.006

Je nach Sichtweise werden die einzelnen Faktoren unterschiedlich gewichtet. Eine einheitliche Sicht der Ätiopathogenese und der auf sie gegründeten Therapie fehlt nach wie vor. 10)Postgrad Med J. 2009 Nov;85(1009):614-21 11)Cardiol Res Pract. 2014;2014:943162. doi: 10.1155/2014/943162

Eine Kritik an den bisherigen Konzepten eines eigenen Krankheitsbildes betraf die Tatsache, dass nach den bisherigen Definitionen MetS keine zusätzlichen Risikoinformationen bezüglich der Entwicklung einer koronaren Herzkrankheit oder eines Diabetes mellitus Typ 2 bereitstellt, die über der die einzelnen Komponenten hinausgehen. 12) 2018 Nov;41(11):2421-2430. doi: 10.2337/dc18-1079. Auch scheint die Definition nicht für alle ethnischen Gruppen gleich zutreffend zu sein. Dies wird mit einem neu entwickelten ZScore auzugleichen versucht. 13)

Aktuelle Definition

Das metabolische Syndrom ist vor allem als ein Pathokonzept für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes und einer koronaren Herzkrankheit aufzufassen. Es wird (nach dem ATP-III-Panel 14)Diabet Med. 2006 May; 23(5):469-80. ) durch das gleichzeitige Auftreten folgender Befunde definiert: 15) 2008 Dec;29(7):777-822. doi: 10.1210/er.2008-0024. 16) 2019 Jun 14;9(6):e027791. doi: 10.1136/bmjopen-2018-027791.

  • Bluthochdruck,
  • abdominale Fettleibigkeit,
  • gestörte Nüchternglukose,
  • niedriges HDL-Cholesterin (High Density Lipoprotein) und
  • erhöhte Triglyceride

Die Diagnose MetS wird gestellt, wenn 3 dieser 5 Kriterien vorliegen. 17) 2006 May;23(5):469-80. 18) 2019 Feb;36(2):64-71.

Prädiabetes

Prädiabetes ist nach der Amerikanischen Diabetes Association (ADA) ein Begriff für Bedingungen mit einer mindestens 50%igen Wahrscheinlichkeit, einen Diabetes Typ II zu entwickeln [10] 19)Diabet Med 2003; 20: 693-702 (siehe hier).

Nicht-alhololische Fettlebererkrankung (NAFLD)

Eine NAFLD wird häufig mit einem metabolischen Syndrom assoziiert gefunden. Der Begriff vereinigt alle Schweregrade von einer einfachen Verfettung bis zur schweren Fettleberhepatitis mit Übergang in eine Leberfibrose und Leberzirrhose. Bis zu 90% von stark übergewichtigen Menschen weisen eine NAFLD auf. Besonders gefährdet für eine NAFLD sind Menschen mit starkem Bauchfett (vermehrtes viszerales Fett, erhöhter Bauchumfang), das selbst bei Normalgewichtigen NAFLD-fördernd wirkt. Stark ausgeprägtes Bauchfett ist jedoch auch ein Definitionsfaktor für das metabolische Syndrom. Wegen der engen Assoziation wird die NAFLD häufig als hepatische Manifestation des metabolischen Syndroms angesehen. Die Behandlung der NAFLD fördert die Besserung des MetS und umgekehrt. 20) 2010 May;42(5):320-30. doi: 10.1016/j.dld.2010.01.016. 21) 2016 Jun 1;6:27034. doi: 10.1038/srep27034. 22) 2019 Feb;36(2):64-71.

Häufige Begleitbedingungen

Das metabolische Syndrom ist assoziiert mit einer Reihe von krankheitsfördernden Befunden:

  • Prothrombotische Bedingung: erhöhte Werte für Fibrinogen und Plasminogenactivator-Inhibitor Typ 1 im Blut (vgl. Thrombose),
  • Abnorme Werte für Fettgewebs-Biomarker (Leptin, Apolipoprotein B und Größe der LDL-Partikel) im Blut,

Risikofaktoren

Das metabolische Syndrom entwickeln meist Menschen, bei denen folgende Kriterien eruierbar sind :

  • familiäre Belastung mit Diabetes Typ II,
  • Mütter von Kindern mit erhöhtem Geburtsgewicht.

Verbreitung, Epidemiologie

Die Häufigkeit des metabolischen Syndroms in der Bevölkerung nimmt stetig zu. Vermutet wird, dass weltweit etwa 1/4 der erwachsenen Bevölkerung betroffen sind. Der Anteil in Ländern mit höherem sozioökonomischem Status, zu kalorieenreicher Ernährung und zunehmender Bewegungsarmut wird als deutlich höher eingeschätzt. 23)Am J Med Sci. 2007 Jun; 333(6):362-71 24)Cardiol Res Pract. 2014;2014:943162. doi: 10.1155/2014/943162

Pathomechanismen

Biochemische Mechanismen

Insulinresistenz

Biochemisch ist das metabolische Syndrom charakterisiert durch eine (unterschiedlich ausgeprägte) periphere Insulinresistenz mit peripherer Hyperinsulinämie und einer Fettstoffwechselstörung mit erhöhten Triglyzeriden und erniedrigtem HDL-Cholesterin. 25)Cardiol Res Pract. 2014;2014:943162. doi: 10.1155/2014/943162

Erhöhter Entzündungsstatus

Das metabolische Syndrom steht mit einem erhöhten Entzündungsstatus des Körpers in Zusammenhang. Verursacht wird er durch die im Fettgewebe von Fettgewebszellen (Adipozyten) produzierten Entzündungsmediatoren (TNF-alpha, Interleukin-6 (IL-6) und CRP). 26)Br J Nutr. 2004 Sep; 92(3):347-55

Erhöhte Gerinnungsaktivität

Mit dem erhöhten Entzündungsstatus verbunden ist eine erhöhte Gerinnungsneigung mit erhöhtem Risiko für thromboembolische Ereignisse. Biochemisch beruht dies auf der gleichzeitig erhöhten Bildung prokoagulatorischer Gerinnungsfaktoren wie Fibrinogen, Faktor VII und Faktor VIII. 27)J Clin Endocrinol Metab. 2004 Jun; 89(6):2595-600

Stessfaktoren

Glukokortikoide sind Stressmediatoren, die bei chronischem Stress zu einer Erhöhung der Fettsynthese, einer erhöhten Fettmasse des Körpers, einer erhöhten Zuckerneubildung (Glukoneogenese) und einer verminderten Insulinwirkung (erhöhte peripheren Insulinresistenz) und einem Bluthochdruck (Hypertonie) führen. 28)Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2002 Sep; 110(6):284-90 29)Nat Rev Endocrinol. 2009 Jul; 5(7):374-81 Damit können chronischer Stress und Glukokortikoide die Entwicklung eines metabolischen Syndroms fördern. 30)Cardiol Res Pract. 2014;2014:943162. doi: 10.1155/2014/943162

Rolle der Ernährung

Bezüglich der Fettstoffwechselstörung wird als einer der wesentlichen auslösenden Faktoren ein erhöhter Fettkonsum angesehen. Er führt zu einer nachweisbar erhöhten entzündungsfördernden Stoffwechselveränderung (über nuclear factor kappaB). 31)Am J Clin Nutr. 2004 Apr; 79(4):682-90

Ein vermehrter Konsum von Fruktose in der Nahrung und in Soft-Drinks führt auf Dauer zu einer Leberverfettung, zu einem VLDL-Anstieg und zu einer Gewichtszunahme. Grund ist, dass aus vermehrt aufgenommener Fruktose Triglyceride aufgebaut werden (dazu siehe hier). Die Leberverfettung fördert das metabolische Syndrom. 32) 2016 Jun 1;6:27034. doi: 10.1038/srep27034. 33) 2019 Feb;36(2):64-71.

Rolle der Gene

Inzwischen sind viele verschiedene genetische Polymorphismen bekannt, die zu einer Verschlecherung der Fettstoffwechselstörung bei Menschen mit Adipositas führen. 34)Curr Opin Lipidol. 2004 Apr; 15(2):115-20 35)Curr Opin Lipidol. 2004 Apr; 15(2):115-20 Auch können genetische Varianten zu einer defekten Insulinsekretion führen. 36)Curr Opin Lipidol. 2004 Apr; 15(2):115-20 Eine Hypothese besagt, dass es eine “sparsame” Genkonstellation gibt, die in Hungrszeiten den Stoffwechsel bremst. Solch eine Konstellation würde jedoch in Zeiten von Nahrungsüberfluss (in heutigen Industrieländern) zu einem Übschuss an Fett im Körper führen und damit zu einem metabolischen Syndrom und zur Zuckerkrankheit prädisponieren. 37)Diabet Med. 1997 Mar; 14(3):189-95


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Literatur   [ + ]

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16. 2019 Jun 14;9(6):e027791. doi: 10.1136/bmjopen-2018-027791.
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