Vorsorgekoloskopie

Vorsorgekoloskopie bedeutet Dickdarmspiegelung zur frühzeitigen Erkennung von Krebs oder Krebsvorstufen im Dickdarm. Wenn sie durchgeführt wird, so senkt dies das Krebsrisiko in einer Studie bei einer Überwachungsgdauer von 15 Jahren um über 50% gegenüber der nicht kontrollierten Bevölkerung! [1] Die Vorsorgespiegelung gilt als die beste Methode zur Darmkrebsvorsorge. 1) 2018 Jan;51(1):37-49. doi: 10.5946/ce.2017.141.

→ Darmkrebs – einfach erklärt: siehe hier.
→ Dickdarmspiegelung siehe hier.


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Wann eine Vorsorgekoloskopie durchgeführt werden sollte

Während der Koloskopie kann die Schleimhaut in Nahsicht betrachtet werden. Auffälligkeiten werden sofort durch Gewebeproben geklärt. Polypen werden – sofern eine Zustimmung vorliegt – bei akzeptablem Risiko in der selben Sitzung entfernt. Im Blickfeld des Untersuchers liegt ein kleiner Monitor für Pulsfrequenz, Sauerstoffsättigung und Blutdruck.

Eine Vorsorgekoloskopie zur Erkennung von sporadischem Darmkrebs sollte durchgeführt werden

  • ab dem vollendeten 50. Lebensjahr, sofern nicht eine genetische bzw. familiäre Belastung vorliegt (siehe unten),
  • nach vollständiger Entfernung gutartiger Darmpolypen, wobei Größe, Zahl und Entartungsgrad für die Empfehlung ausschlaggebend sind. Beispielsweise ist bei Patienten mit 1 – 2 Adenomen (dysplastische Polypen) unter 1 cm Durchmesser ohne höhergradige Entartungen eine Kontrollkoloskopie laut AWMF-Leitlinie 2014 nach 5 Jahren ausreichend. Hyperplastische Polypen (Polypenknospen)
  • nach unauffälliger Koloskopie nach 10 Jahren erneut,
  • bei den genetisch verankerten Darmkrebsarten HNPCC und FAP bereits deutlich früher und häufiger (siehe dort).

Die Vorsorgekoloskopie ist zu differenzieren von der diagnostischen Koloskopie zur Abklärung von Symptomen, wie sie gehäuft bei Darmkrebs vorkommen (siehe hier).

Bei wem eine frühzeitige Vorsorge- oder Kontrollkoloskopie erfolgen sollte

Vorsorgeuntersuchungen sollten sehr viel frühzeitiger erfolgen bei

  • familiäre Belastung mit Darmkrebs (siehe unter FAP und HNPCC),
  • Colitis ulcerosa: die chronische Entzündung des Dickdarms bedeutet ab einer Laufzeit von etwa 10 Jahren ein deutlich ansteigendes Krebsrisoko (siehe hier),
  • Polyposis des Kolons: wenn in der Darmschleimhaut ganz besonders viele Polypen wachsen, so ist eine genetische Grundlage dafür anzunehmen. Hier besteht ein sehr hohes Risiko für früh entstehenden Darmkrebs. Diese Sonderformen sind die FAP und das Gardner-Syndrom.

Der Arzt sollte wegen der unterschiedlichen Krebsrisiken individuell beraten!

Bedeutung von Darmpolypen

Darmpolypen sind Schleimhautwucherungen, die mit zunehmendem Alter häufiger auftreten. Meist handelt es sich bei kleinen Polypen um sog. “hyperplastische Polypen”, die noch keine besonderen Unregelmäßigkeiten der Schleimhaut aufweisen. Sie sollten jedoch aus diagnostischen Gründen alle abgetragen werden, denn erst die Histologie (Untersuchung unter dem Mikroskop ergibt den vorliegenden Schleimhauttyp. Ist die Schleimhaut etwas unregelmäßig, so handelt es sich um eine Schleimhautdysplasie. Erst sie bedeutet ein gewisses Risiko zu einer Krebsentartung. Dysplastische Polypen findet man gehäuft unter den gößeren Polypen, besonders ab einer Größe über 1 cm. Da auch kleine Polypn zu einer solchen röße heranwachsen können, sollten alle vorsorglich endoskopisch entfernt werden. Eine Nachkontrolle ist bei solchen “sporadischen” Polypen erst alle 10 Jahre erforderlich (siehe auch hier).

Unvollständige linksseitige Koloskopie

Da die meisten Polypen und Darmtumoren im linken Teil des Dickdarms entstehen, ist die “Linkskoloskopie” oder “Sigmoideoskopie” am wichtigsten 2)J Natl Cancer Inst. 2010 Jan 20;102(2):89-95. Sie alleine bewirkt bereits die entscheidende Reduzierung des Karzinomrisikos durch die Vorsorgespiegelung (mit Entfernung zufällig gefundener Polypen). Eine Spiegelung des rechten Dickdarms dagegen erhöht die vorbeugende Wirkung statistisch nicht weiter.

Auch wenn nur eine einmalige Sigmoideoskopie (distale Darmspiegelung nach Reinigung durch einen Einlauf) durchgeführt wird, so wirkt sich diese Untersuchung statistisch effektiv vorbeugend aus. In einer Studie über 17 Jahre wird die Krebsrate um über 30% gesenkt gefunden 3)The Lancet Volume 389, No. 10076, p1299–1311, 1 April 2017, DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(17)30396-3.

Effektivität und Komplikationen einer Vorsorgekoloskopie

In einer multinationalen Studie zur Vorsorgekoloskopie bei Menschen im Alter zwischen 55 und 64 Jahren wurden folgende wesentlichen Ergebnisse erzielt 4)JAMA Intern Med. 2016 May 23. doi: 10.1001/jamainternmed.2016.0960. [Epub ahead of print]:

  • Die Bereitschaft zur Teilnahme war in den verschiedenen Ländern unterschiedlich: in Norwegen 60,7%, in Schweden 39,8%, in Polen 33%, in den Niederlanden 22,9%.
  • Das Coecum wurde in 97,2% erreicht (vollständige Koloskopie; Vorgabe waren 95%; sie wurde von 6 von 35 Untersuchern nicht erreicht).
  • Eine Darmperforation wurde in 1 und eine Blutung (nach Polypektomie) in 18 von 12574 Untersuchungen gemeldet (0,01%).
  • Gefunden wurden bei 12 574 Untersuchungen 62 Kolonkarzinome (0,5%) und 3861 Adenome (30,7%), darunter 1304 (10,4%) Hochrisikoadenome. (Als Vorgabe galt eine Polypen-Entdeckungsrate von mindestens 25%! Sie wurde von 10 von 35 Endoskopikern nicht erreicht.)
  • Schmerzen nach der Endoskopie traten bei 601 von 3611 Teilnehmern (16.7%) auf, die eine Luftinsufflation erhalten hatten, und bei 214 von 5144 Teilnehmern, die eine CO2-Gasinsufflation erhalten hatten.

Damit bestätigt sich die Effektivität einer Vorsorgekoloskopie in dieser Studie, wobei die Abwägung zu Nebenwirkungen und Komplikationen eindeutig für die Durchführung spricht. Allerdings sollte zur Aufdehnung des Darmlumens CO2 statt Luft gewählt werden.

Komplikationen

Eine große kalifornische Studie zum Thema schwerwiegende Komplikationen lief zwischen 2005 und 2011 an insgesamt 1,58 Millionen Patienten im Alter von durchschnittlich 60,4 Jahren. Sie kam zu folgenden Ergebnissen: Auf 10.000 Personen ereigneten sich 5,3 untere Darmblutungen (= 0,00053%), 2,9 Perforationen des Darms, 2,5 Herzinfarkte und 4,7 Schlaganfälle. Werden bei der Spiegelung Gewebeproben (Biopsien) entnommen, so waren es 34,6 untere Darmblutungen, 6,3 Perforationen, 4,2 Herzinfarkte und 9,1 Schlaganfälle. Das Risiko für eine schwerweigende Komplikation stieg ab einem Alter 70-79-Jährigen (RR=1,57) und lag bei über 80-Jährigen bei RR=2,43. Die Autoren meinen, dass die Ereignisse nicht zu vernachlässigen seien, dass sie sich aber in einem ähnlich niedrigen Bereich bewegen würden wie andere vergleichbar gering riskante Eingriffe (wie z. B. Gelenkinjektionen, Arthroskopien, Carpaltunnel- oder Kataraktoperationen). 5)Gastroenterology 2018; 154:540-555 DOI: https://doi.org/10.1053/j.gastro.2017.10.006 

Werbung für die Vorsorgekoloskopie

Werbung für Darmkrebsvorsorge der Felix-Burda-Stiftung

Die Vorsorgekoloskopie wird noch viel zu wenig genutzt (ca. nur 1,5% der Zielgruppe). In einer Zusammenstellung von 245000 Untersuchungen wurden in etwa 26% der Untersuchten eine kolorektale Läsion gefunden; bei 1,3% waren Karzinome festgestellt worden! Die Komplikationshäufigkeit der Koloskopie lag weit unter 1% (0,22% Blutungen, 0,03% Darmperforationen, 0,06% kardiorespiratorische Komplikationen [4].

Wer sollte eine Vorsorgekoloskopie durchführen?

Um eine möglichst effektive Vorsorge zu erhalten, sollte der durchführende Arzt eine möglichst gute Untersuchungstechnik und viel Erfahrung haben. Er sollte laut Anforderungen der einschlägigen Literatur

  • zu mindetstens 95% den gesamten Dickdarm besichtigen, d.h. das Coecum (entferntester Teil des Dickdarms) erreichen,
  • in mindestens 20% Polypen entdecken und entfernen; dies wird am besten erreicht, wenn die Rückzugszeit minsestens 7 Minuten beträgt.

Ärzte, die dies vorweisen können, reduzieren damit das Krebsisiko ihrer Patienten deutlich! Liegt die Rate der Adenomerkennung unter 20%, so steigt die Krebsinzidenz um den Faktor 10 [5].

Verweise

Patienteninfos

Literatur

  1. ? NEJM 2012;366:687-696
  2. ? NEJM 2008; 359: 1218-1224
  3. ? J Natl Cancer Inst. 2010 Jan 20;102(2):89-95
  4. ? Dtsch Arztebl 2008; 105: 434-440
  5. ? NEJM 2010;362:1795-1803


Literatur   [ + ]

1. 2018 Jan;51(1):37-49. doi: 10.5946/ce.2017.141.
2. J Natl Cancer Inst. 2010 Jan 20;102(2):89-95
3. The Lancet Volume 389, No. 10076, p1299–1311, 1 April 2017, DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(17)30396-3
4. JAMA Intern Med. 2016 May 23. doi: 10.1001/jamainternmed.2016.0960. [Epub ahead of print]
5. Gastroenterology 2018; 154:540-555 DOI: https://doi.org/10.1053/j.gastro.2017.10.006