Allergie

Als Allergie wird eine immunologische Überempfindlichkeit des Körpers auf Substanzen bezeichnet (hypererge Reaktion), mit denen er mehr als einmal in Kontakt kommt. Die ursprüngliche Bedeutung war die einer andersartigen Reaktionsbereitschaft und beinhaltete auch eine mangelhafte Reaktionsbereitschaft („Hypoergie“); im Sprachgebrauch hat sich die Bedeutung meist auf die „Hyperergie“ begrenzt.

Als Allergene werden Substanzen bezeichnet, die ohne Verletzung der Körperoberfläche und ohne Infektion eine solche Reaktion auslösen.

Zu Überempfindlichkeitsreaktionen des Körpers siehe hier.


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Häufigkeit

Allergien nehmen weltweit in den letzten Jahren zu. Etwa 40% der europäischen und nordamerikanischen Bevölkerung haben in ihrem Leben allergische Reaktionen. Dies betrifft nicht nur die klassischen Allergien Asthma und Rhinitis, sondern zunehmend auch Nahrungsmittelallergien. Parallel dazu wird auch eine Zunahme vieler Autoimmunkrankheiten festgestellt.

Es wird angenommen, dass das sich entwickelnde Immunsystem im Säugling extrem empfindlich auf die Veränderungen der Umwelt in industrialisierten Gebieten reagiert. Insbesondere sind Nahrungsmittelallergene in das Zentrum des Interesses gerückt. Sie haben weitgehende Auswirkungen auf das Verhalten des gesamten Immunsystems, so dass sie nicht nur Darmsymptome sondern auch ein allergisches Asthma hervorrufen können. 1)J Allergy Clin Immunol 2010; 126: 798.e13–806.e13

Einteilung

Allergische Reaktion vom Soforttyp

Überempfindlichkeitsreaktion Typ 1; zur Allergie siehe hier: Dieser Typ ist IgE-vermittelt.

  • Reaktionskaskade: Das Allergen lagert sich an spezifisches Immunglobulin E, das auf Mastzellen und basophilen Granulozyten rezeptorgebunden vorliegt, an und vermittelt so deren Degranulation, d. h. eine Freisetzung von gespeicherten Mediatorstoffen.
    • Die Mediatorstoffe (wie Histamin) und Serotonin und andere Entzündungsvermittler (Interleukine und Zytokinen wie TNF-alpha, Prostaglandine und Leukotriene), bewirken das klinische Bild einer Allergie. Je nach betroffenen Organen kommt es zu einer Gefäßerweiterung (Folge: Rötung), einer Erhöhung der Kapillarpermeabilität (Folge: lokale Ödeme (Angioödem), Juckreiz und einer Quaddelbildung.
    • Haut: kann eine Urtikaria entstehen.
    • Bronchien: kommt es zu vermehrter Schleimsekretion (Folge: rasselnde Atmung) und Bronchospasmus (Folge: Atemnot beim allergischen Asthma
    • Nase: Heuschnupfen,
    • Augen: Conjunctivitis mit tränenden Augen,
    • Darm: Anregung der Darmperistaltik (Folge dünne Stühle, Diarrhö).
  • Auslöser sind beispielsweise
    • Medikamente, Nahrungsmittelallergene (z. B. Erdbeeren),
    • Inhalationsallergene (z. B. Pollen, Hausstaub) und
    • Kontaktallergene (z. B. Latex, Katzenhaare) fungieren.
  • Typische Typ-1-Reaktionen sind
  • Atopie: Die Bereitschaft zu einer IgE-vermittelten allergischen Reaktion vom Soforttyp an auch anderen Stellen als der Allergeneinwirkung wird als Atopie bezeichnet. Eine atopische Dermatitis kann anderen IgE-vermittelten Allergien, wie dem allergischen Asthma, vorangehen. 2)Immunol Rev. 2011 Jul;242(1):233-46

Allergische Reaktionen vom verzögerten Typ

Überempfindlichkeitsreaktion Typ 4: Die übersteigerte Reaktion kommt durch eine Sensibilisierung bei einem Erstkontakt mit dem Antigen und eine Überreaktion nach erneutem oder bei prolongiertem Kontakt zustande. Hierzu gehören die Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantationen, die atopische Dermatitis (Neurodermitis), die exogen allergische Alveolitis und die Kontaktallergien.

Die Überempfindlichkeitsreaktionen Typ 2 und 3 sind ebenfalls immunologische Fehlreaktionen, zählen im Sprachgebrauch jedoch nicht zu den Allergien.

Dazu siehe hier.

Entstehung

Auch wenn offenbar eine familiäre Prädisposition zu allergischen Reaktionen besteht, wird heute den Umweltfaktoren eine Schlüsselrolle bei der Allergieentstehung zugesprochen. Entsprechend liegt hier auch das Schwergewicht bei der schon im Säuglingsalter einsetzenden Prophylaxe. 3)Ann Nutr Metab. 2011;59 Suppl 1:28-42

  • Mangelhafter Allergenkontakt im Kindesalter: Eine mangelhafte Auseinandersetzung des Immunsystems mit Allergenen der Natur in früher Kindheit vermag das Allergierisiko zu erhöhen.
  • Feinstaub kann die Entstehung von Allergien offenbar fördern. 4) 2019 Apr;26(10):10070-10082. doi: 10.1007/s11356-019-04442-5.
  • Eine gestörte Darmflora ist mit der Entwicklung einer Allergie assoziiert. Das Mikrobiom des Darms beeinflusst die Th9-Zellen, die eng mit der allergischen Reaktionsbereitschaft verbunden sind. 5) 2019 Dec 6:e12857. doi: 10.1111/sji.12857. Eine Hypothese besagt, dass eine Veränderung der Darmflora durch Antibiotika (z. B. auch verborgen im Fleisch der Nahrung) zu einer veränderten Immunreaktion des Körpers führt und zur Allergie-Bereitschaft beiträgt. 6) 2019 Mar 7;9:50. doi: 10.3389/fcimb.2019.00050. 7) 2018 Dec;65:328-341. doi: 10.1016/j.intimp.2018.10.021. Dazu siehe auch hier.
  • Rauchen: Auch bereits können Faktoren, denen Mütter in der Schwangerschaft ausgesetzt sind, zur Allergie-Prädisposition ihres Kindes beitragen 8)J Allergy Clin Immunol 2009; 123: 774.e5–782.e5 9)J Investig Allergol Clin Immunol 2010; 20: 289–294, darunter auch Rauchen. 10)Allergy 2003; 58: 1053–1058

Kinder, die später eine Atopie entwickeln, zeigen bereits in der neonatalen Entwicklungsperiode Unterschiede sowohl in der Darmflora 11)J Allergy Clin Immunol 2001; 107: 129–134 als auch im Immunsystem zu nicht allergisch prädisponierten Kindern. Es besteht eine Veränderung in der Zusammensetzung und Funktion der Lymphozyten, nämlich eine Unreife der Funktion von Typ-1-Helferzellen (Th1) sowie eine verminderte Funktion der T-regulatorischen Zellen und eine Bereitschaft zu überschießender entzündlicher Reaktion. 12)J Allergy Clin Immunol 2008; 121:1460.e7–1466.e7 13)J Allergy Clin Immunol 2011; 127: 470.e1–478.e1. Die Prädisposition kann genetisch, aber auch epigenetisch verankert sein. 14)J Allergy Clin Immunol 2011; 127: 470.e1–478.e1 15)Chest 2011; 139: 640–647

Diagnostik

Am Beginn steht eine ausführliche Anamnese nach den Symptomen (Hautrötung? Quaddeln? Juckreiz? Atemnot? Wässriger Schnupfen? Augerötung? Durchfall?) und möglichen Allergenen (Pollen? Hausstaub? Waschmittel? Tierhaare? Erdbeeren oder andere Nahrungsbestandteile?). Bei einer Kontaktallergie ist das auslösende Agens oft leicht zu eruieren (z. B. ein Uhrenarmband), manchmal aber kann dies auch schwer herauszufinden sein (z. B. neues Waschmittel).

Es folgt die Bestimmung von Immunglobulin E (IgE) und der eosinophilen Granulozyten im Differenzialblutbild.

Wenn IgE erhöht ist, ist eine Suche nach dem auslösenden Allergen durch einen PRIC-Test (Hauttest auf Allergene) oder einen RAST (Labortest auf Allergen-Spezifität des zirkulierenden IgE) sinnvoll.

Therapie

Allergenvermeidung

Um eine akute allergische Symptomatik in den Griff zu bekommen, ist es am wichtigsten, das auslösende Allergen zu vermeiden.

Medikamente

  • Glukokortikoide können die überschießende immunologische Reaktion sowohl beim Soforttyp als auch beim verzögerten Typ unterdrücken. In einer akuten Krankheitsphase, z. B. bei einer anaphylaktischen Reaktion, können Glukokortikoide lebensrettend sein.
  • Antihistaminika: Bei einer leichten allgemeinen und einer lokalen allergischen Reaktion können Kortikoide durch Anwendung von Antihistaminika oft vermieden werden.
  • Cromoglicinsäure wirkt als Mastzellstabilisator eher prophylaktisch als in einer akuten Situation therapeutisch.

Desensibilisierung

Eine De- bzw. Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie, SIT) führt beim Soforttyp (Typ 1) zu einer Normalisierung der immunologischen Reaktionsbereitschaft für das betreffende Allergen und damit zu einer Heilung. Die Hyposensibilisierung wird vom Allergologen durch subkutane Injektionen, sublinguale Tropfen oder in Tablettenform (Gräser-Impftablette) durchgeführt.

Beeinflussung über die Ernährung

Eine Umstimmung der Ernährung kann über Auswirkung auf die Darmflora zu einer Besserung der überschießenden Immunreaktionen führen. Allerdings sind die Studien zum Einfluss von Probiotika nicht alle konsistent; am ehesten wird Lactobacillus rhamnosus eine positive Wirkung gemessen an der Vorbeugung eines allergischen Ekzems zugeschrieben. 16)Ann Nutr Metab. 2011;59 Suppl 1:28-42 17) 2017 Jul 17;9(7). pii: E762. doi: 10.3390/nu9070762.

Vitamin D

Vitamin D übt eine immunregulatorische Funktion aus. Es scheint bei Einnahme durch die Mutter in der Schwangerschaft eine protektive Rolle für das Kind bezüglich der Entwicklung einer Allergie zu spielen. 18) 2019 May 7:1-7. doi: 10.1080/14767058.2019.1611771. Es besteht eine Assoziation von Vitamin-D-Mangel zu allergischem Asthma und Nahrungsmittelallergie 19) 2019 Apr;68(2):172-177. doi: 10.1016/j.alit.2018.12.003. 20) 2017 May 9;14(5):e1002294. doi: 10.1371/journal.pmed.1002294. zu spielen.

Psychosomatische Behandlung

Eine psychosomatische Begleittherapie scheint in einigen Fällen eine positive Wirkung auf den Verlauf einer allergischen Reaktionsbereitschaft zu entfalten. Im akuten Fall kann sie helfen mit einem Juckreiz oder einer Atemnot besser zurecht zu kommen.

Allergievorbeugung

Nach neueren Erkenntnissen ist es von erheblicher Bedeutung, eine gesunde Balance in der mikrobiellen Flora des Darms herzustellen. Die Rolle der Ernährung bei der Entwicklung einer gesunden Immuntoleranz und Vermeidung einer Allergie ist nicht zu unterschätzen. 21)Curr Opin Pediatr 2010; 22: 635–641 Sie hat bereits in der Schwangerschaft und bei der Säuglingsernährung anzusetzen (siehe oben).

Die Bedeutung der Brustmilchernährung von Säuglingen muss erkannt und bereits in den ersten Lebensmonaten umgesetzt werden [17] [18]. 22)Ann Nutr Metab. 2011;59 Suppl 1:28-42 23)Isr Med Assoc J. 2012 Jan;14(1):58-62 Eine ergänzende Zusatzkost sollte erst ab dem 4. – 6. Monat erfolgen; erfolgt sie früher, steigt das Risiko einer Allergie. 24)Pediatrics 2006; 117: 401–411 Eine Verzögerte Zufuhr von Getreide über den 6. Lebensmonat hinaus erhöht das Risiko ebenfalls, wie an der Weizenallergie festgestellt wurde. 25)Pediatrics 2006; 117:2175–2182

Pseudoallergie

Symptome wie bei einer Allergie können auch durch nicht-immunologische Aktivierung von Mastzellen und Basophilen erfolgen; die pathophysiologische Endstrecke entspricht der einer immunologischen Auslösung durch Allergene. Häufige Auslöser einer Pseudoallergie sind Medikamente, Röntgenkontrastmittel, Dextran, NSAR, Salizylate oder Konservierungsstoffe von Nahrungsmitteln.

Verweise


Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).



Literatur   [ + ]

1. J Allergy Clin Immunol 2010; 126: 798.e13–806.e13
2. Immunol Rev. 2011 Jul;242(1):233-46
3. Ann Nutr Metab. 2011;59 Suppl 1:28-42
4. 2019 Apr;26(10):10070-10082. doi: 10.1007/s11356-019-04442-5.
5. 2019 Dec 6:e12857. doi: 10.1111/sji.12857
6. 2019 Mar 7;9:50. doi: 10.3389/fcimb.2019.00050.
7. 2018 Dec;65:328-341. doi: 10.1016/j.intimp.2018.10.021.
8. J Allergy Clin Immunol 2009; 123: 774.e5–782.e5
9. J Investig Allergol Clin Immunol 2010; 20: 289–294
10. Allergy 2003; 58: 1053–1058
11. J Allergy Clin Immunol 2001; 107: 129–134
12. J Allergy Clin Immunol 2008; 121:1460.e7–1466.e7
13. J Allergy Clin Immunol 2011; 127: 470.e1–478.e1.
14. J Allergy Clin Immunol 2011; 127: 470.e1–478.e1
15. Chest 2011; 139: 640–647
16, 22. Ann Nutr Metab. 2011;59 Suppl 1:28-42
17. 2017 Jul 17;9(7). pii: E762. doi: 10.3390/nu9070762.
18. 2019 May 7:1-7. doi: 10.1080/14767058.2019.1611771.
19. 2019 Apr;68(2):172-177. doi: 10.1016/j.alit.2018.12.003.
20. 2017 May 9;14(5):e1002294. doi: 10.1371/journal.pmed.1002294.
21. Curr Opin Pediatr 2010; 22: 635–641
23. Isr Med Assoc J. 2012 Jan;14(1):58-62
24. Pediatrics 2006; 117: 401–411
25. Pediatrics 2006; 117:2175–2182