Fibromyalgie

Fibromyalgie bedeutet Schmerzen an Binde- und Stützgewebe und Muskulatur. Bei Ausschluss anderer bekannter Krankheiten ist das Syndrom als eigenes Krankheitsbild definiert worden. Die diagnostischen Kriterien sind jedoch immer noch in Diskussion. Die Fibromyalgie stellt das häufigste chronische Schmerzsyndrom dar. Trotz intensiver Forschung sind ihre Ätiologie und Pathogenese weitgehend ungeklärt; allerdings sind in letzter Zeit erhebliche Fortschritte erzielt worden, die neue Therapieansätze begründen [1].


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Ätiopathogenese

Heute wird die Fibromyalgie als schmerzhafte rheumatische Erkrankung aufgefasst, bei der eine Überempfindlichkeit in bestimmten Funktionsabschnitten des Zentralnervensystems mit erniedrigter Schmerzschwelle als wesentlicher pathogenetischer Faktor angenommen wird. Stress spielt eine auslösende Rolle [2]. Daher gehört das Krankheitsbild wahrscheinlich in die Nähe des Reizdarmsyndroms, der Reizblase oder auch des chronischen Müdigkeitssyndroms (chronic fatigue syndrome) und sensibler und psychischer Überempfindlichkeiten, die alle ebenfalls offenbar durch Stress ausgelöst werden können. Es wird angenommen, dass in vielen Fällen ein frühkindliches traumatisches Erlebnis an der Entwicklung der pathologischen Stressreaktion beteiligt ist [3].

Ursächlich für die erhöhte Schmerzempfindlichkiet soll ein dysfunktionales Transmittersystem im Gehirn [4] mit Auswirkungen über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse auf die Stressantwort auf die Nebenniere sein: die reaktive Cortisol-Produktion ist bei Fibromyalgie vermindert [5][6].

Substanz P und der exzitatorische Neurotransmitter Glutamat vermitteln im Zentralnervensystem die Schmerzempfindung (Nociception). Andererseits vermitteln Serotonin und Noradrenalin die Schmerz unterdrückenden Vorgänge. Entsprechend der Hypothese einer zentralen Überempfindlichkeit gegenüber Schmerz hat man bei der Fibromyalgie eine erhöhte Aktivität von Substanz P und Glutamat [7][8] sowie eine erniedrigte Aktivität von Serotonin und Noradrenalin [9][10] gefunden. Über die erhöhte Glutamat-Aktivität im Gehirn wird auch eine Verbindung zur Assoziation von Fibromyalgie und Migräne herstellbar [11].

Symptomatik

Im Vordergrund der Beschwerden bei der Fibromyalgie sind diffuse Schmerzen an der Muskulatur und ihren Ansatzsehnen und an Bändern, so dass die Muskelansätze zu diagnostisch verwertbaren „Triggerpunkten“ zählen. Begleitet wird die Schmerzbereitschaft von erhöhter innerer Spannung mit Stimmunsschwankungen, inklusive Angstgefühlen, Schlafstörungen und erhöhte Müdigkeit, Darmstörungen im Sinne eines Reizdarmsyndroms und migräneartigen Kopfschmerzen.

Diagnostik

Die Anamnese einer typischen Symptomatik leitet zur Diagnose, wenn andere rheumatologische und autoimmunologische Krankheiten nicht nachgewiesen werden können. Wegen der notwendigen Ausschlussdiagnostik wird oft die Bestimmung von Blutsenkungegeschwindigkeit, Blutbild, Entzündungsparametern mit CRP und ggf. auch Procalcitonin, Rheumafaktor, Antistreptolysin-Titer, ANA und gegebenenfalls auch anderer immunologischer Parameter durchgeführt.

Auch empfiehlt es sich, eine ausgiebige Tumordiagnostik durchzuführen, da viele der Symptome auch paraneoplastisch auftreten können.

Therapie

Basistherapie

  • Eine psychologische Betreuung bezüglich einer oft verminderten Stressbewältigung ist empfehlenswert.
  • Physiotherapeutische Maßnahmen helfen zur Lockerung muskulärer Verspannungen und Fehlhaltungen.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie der Fibromyalgie ist vielfach enttäuschend. Einige Linderung wurde mit Serotonin-Norepinephrin-Wiederaufnahmehemmern, Pregabalin, und Tramadol erzielt [12].

  • Pregabalin lindert die Symptomatik der Fibromyalgie auch in vielen Patienten, bei denen andere Medikamente versagen. Eine Pause in der Medikation führt nach 2-4 Tagen zu einem Wiederanstieg der Schmerzstärke [13][14][15]. Es ist in Europa für die Behandlung der Fibromyalgie zugelassen. 1) 2018 Nov;12(4):250-256. doi: 10.1177/2049463718776336. Epub 2018 May 15.
  • Trizyklische Antidepressiva sind Erfolg versprechend, haben jedoch oft Nebenwirkungen. Die neueren Serotonin-Norepinephrin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin und Milnacipran haben weniger Auswirkungen auf andere Transmittersysteme und entsprechend weniger Nebenwirkungen. Sie verbessern nicht nur die Schmerzempfindung sondern auch andere Fibromyalgie-Symptome [16]. Sie verbessern nicht die Schlafprobleme. 2) 2018 Feb 28;2:CD010292. doi: 10.1002/14651858.CD010292.pub2.
  • Naltrexon ist ein Opiat-Antagonist, der die Mikroglia und Entzündungsvorgänge im Gehirn positiv beeinflusst. In niedriger Dosis (4,5 mg) ist es gut verträglich und verbessert die Symtomatik bei Fibromyalgie inklusive der Schlaflosigkeit. Eine erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit ist mit besserem Ansprechen auf die Therapie assoziiert [17]. Untersuchungen mit höherer Dosis (50 mg) zeigten jedoch keinen eindeutigen Effekt [18].
  • Eine Scheinbehandlung bringt im Vergleich mit einer gepulsten elektromagnetischen Feldtherapie betroffener Stellen keine signifikante Verbesserung der Schmerzen (nach der visuellen Analogskala), jedoch eine deutlich und hochsignifikante Verbesserung gegenüber dem Ausgangsbefund (- 11,95% und -12,95%). Ebenso war eine signifikante Verbesserung der Verspannungen und in dem “Fibromyalgia Impact Questionnaire” (FIQ) festzustellen 3) 2018 Jul;39(5):405-413. doi: 10.1002/bem.22127 Der Einfluss der Psyche scheint demnach eine besondere Rolle bei Entstehung und Aufrechterhaltung der Beschwerden zu haben, entsprechend groß ist der Placeboeffekt.
  • Medizinisches Cannabis scheint ersten Berichten zufolge sich günstig auf das Beschwerdebild auszuwirken. 4) 2018 Aug;24(5):255-258. doi: 10.1097/RHU.0000000000000702.
  • Akupunktur vermag laut einer Cochrane-Übersicht möglicherweise bei einigen Patienten Beschwerden und Verspannungen zu bessern. 5) 2013 May 31;(5):CD007070. doi: 10.1002/14651858.CD007070.pub2.
  • Tanzen: Bewegungstherapie in Form von Tanzen verbessert bei vielen Betroffenen die Symptomatik erheblich. Allerdings ist die DAtenlage noch schwach. 6) 2018 Oct 1;2018:8709748. doi: 10.1155/2018/8709748. eCollection 2018. Auch aerobische Bewegungsübungen werden alspotenziell günstig bewertet. 7) 2017 Jun 21;6:CD012700. doi: 10.1002/14651858.CD012700.

Verweise

Literatur

  1. ? Curr Opin Support Palliat Care. 2008 Jun;2(2):122-7
  2. ? Arthritis Research and Therapy. 2007;9(4, article 216)
  3. ? Psychoneuroendocrinology. 2006;31(3):312–324
  4. ? Becker S et al. Pain Res Treat. 2012;2012:741746
  5. ? Psychoneuroendocrinology. 2000;25(1):1–35
  6. ? Stress. 2007;10(1):13–25
  7. ? Arthritis and Rheumatism. 1994;37(11):1593–1601
  8. ? Current Pain and Headache Reports. 2007;11(5):343–351
  9. ? Annals of the Rheumatic Diseases. 2007;66(9):1267–1268
  10. ? Journal of Pain. 2009;10(5):542–55
  11. ? Current Pain and Headache Reports. 2007;11(5):343–351
  12. ? Curr Opin Support Palliat Care. 2008 Jun;2(2):122-7
  13. ? J Pain. 2008;9:792–05
  14. ? J Rheumatol. 2008;35:502–14
  15. ? Open Rheumatol J. 2010 Oct 11;4:35-8
  16. ? Am J Med. 2009 Dec;122(12 Suppl):S44-55
  17. ? Pain Med. 2009 May-Jun;10(4):663-72
  18. ? PLoS One. 2009;4(4):e5180

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Literatur   [ + ]

1. 2018 Nov;12(4):250-256. doi: 10.1177/2049463718776336. Epub 2018 May 15.
2. 2018 Feb 28;2:CD010292. doi: 10.1002/14651858.CD010292.pub2.
3. 2018 Jul;39(5):405-413. doi: 10.1002/bem.22127
4. 2018 Aug;24(5):255-258. doi: 10.1097/RHU.0000000000000702.
5. 2013 May 31;(5):CD007070. doi: 10.1002/14651858.CD007070.pub2.
6. 2018 Oct 1;2018:8709748. doi: 10.1155/2018/8709748. eCollection 2018.
7. 2017 Jun 21;6:CD012700. doi: 10.1002/14651858.CD012700.