Anorexia nervosa

Die Anorexia nervosa, meist kurz als Anorexie bezeichnet, ist eine krankhafte Magersucht, bei der eine Störung des Körperempfindens im Zentrum steht. Es besteht bei Anorektikerinnen ein durch andere Menschen nicht nachvollziehbares Gefühl des Zu-dick-seins, was eine ausgeprägte Essstörung begründet. Die Anorexie tritt vor allem bei Mädchen und jungen Frauen auf, sehr viel seltener bei jungen Männern. Offenbar besteht eine genetische Grundlage bei insgesamt multifaktorieller Genese.

Pathophysiologie

Die Anorexia nervosa ist mit der Gefahr einer kritischen Unterversorgung des Körpers mit Energie, Vitaminen und Spurenelementen verbunden. Der gesamte Stoffwechsel und der Hormonhaushalt des Körpers sind beeinträchtigt. Frauen reagieren mit Amenorrhö. Kalzium- und Vitamin-D-Mangel führen zu Knochenabbau und Osteopenie. Es besteht eine Tendenz zur Hypothyreose. Unter den Laborwerten können eine Hypokaliämie und niedrige Werte für Blutkörperchen im Blutbild (Anämie, Leukopenie, Thrombopenie) auffallen, die durch Eiweiß- und Vitaminmangel erklärt werden können. Es kann zu Niereninsuffizienz und Herzrhythmusstörungen kommen, die durch Elektrolytstörungen und Energiemangel bedingt oder verstärkt sind.

Ursachen, Auslöser

Oft werden frühkindliche Erfahrungen in einer überfürsorglichen Familie ohne Möglichkeit der Konfliktauslebung, insbesondere die Beziehung zu einer überfürsorglichen und wenig selbstbewussten Mutter als Merkmal diskutiert, das zu Entstehung einer Anorexia nervosa führen soll. Unklar ist im Einzelfall, was Ursache und was Reaktion ist; in jedem Fall scheint sich eine nicht entwirrbare, wechselseitige ungünstige Verhaltensbeziehung zu entwickeln. Es ist nicht geklärt, ob allein eine solche Verhaltensentwicklung Auslöser einer Anorexia nervosa sein kann.

Genetische Grundlagen

Die Anorexia nervosa tritt familiär gehäuft auf. Es wird eine genetische Grundlage der Essstörung angenommen [1][2]. Jedoch sind keine besonderen Assoziationen von Anorexie-typischen Verhaltensauffälligkeiten mit Stoffwechselanomalien bekannt. Es wurden genetische Varianten von Ghrelin und BDNF in Patientinnen mit Anorexie gefunden, was die Hypothese nährt, dass genetischen Dispositionen vorliegen [3][4].

Bei Patientinnen mit Anorexia nervosa (besonders beim restriktiven Typ, siehe unten) wurde gehäuft ein genetischer Defekt am Serotonin-Rezeptor festgestellt [5], der im Gehirn zu einer veränderten Hungerwahrnehmung führen könnte. Eine Beziehung von Serotonin als hypothalamischem Transmitter und Essverhalten ist bereits lange bekannt [6].

Auch ein genetischer Polymorphismus des Cannabinoid-Rezeptors im Gehirn wurde mit der Anorexia nervosa in Verbindung gebracht [7].

Prävalenz

Es wird angenommen, dass 0,2% der jungen Mädchen eine Anorexia nervosa entwickeln; etwa 6% pro Jahrzehnt sterben an ihr [8].

Klinisches Bild

Im Vordergrund steht ein augenfälliges starkes Untergewicht mit einem BMI unter 17,5 und eine Weigerung der Nahrungsaufnahme, oft begründet mit Unverträglichkeit und Bauchkrämpfen. Oft auch fällt den misstrauischen Betreuern auf, dass die Patientin zunächst isst, dann aber lange auf die Toilette verschwindet. Offensichtlich ist die Tendenz zu vermehrter körperlicher Aktivität.

Oft sind die Patientinnen sehr gewieft im Gespräch mit den behandelnden Ärzten. Ihre Antworten auf die Fragen hören sich z. T. einsichtig und nachvollziehbar an. Die scheinbare Einsicht und der oft vermittelte Wille zur Verhaltensänderung stehen aber oft genug in krassem Gegensatz zum tatsächlichen weiteren Verhalten.

Gelegentlich besteht eine Neigung zur Depression, die als Folge der Unzufriedenheit mit dem Körpergefühl und mit dem sozialen Beziehungsgeflecht aufgefasst werden kann.

Das klinische Bild ist abhängig vom Stadium der Mangelernährung und kann sehr vielfältig sein, da der Mangel an Kalorien, der Vitaminmangel und der Mangel an Spurenelementen unterschiedlich rasch symptomatisch werden können. Regelhaft besteht eine Amenorrhoe. Weiteres zur Mangelernährung siehe unter Untergewicht, Vitamine, Spurenelemente.

Die Mangelernährung kann lebensbedrohlich werden. Etwa 10-20% der Patienten mit Anorexia nervosa versterben bei mangelnder Widerstandskraft im Marasmus; ähnliche klinische Bilder findet man im Endstadium einer nicht behandelten Sprue oder des Kwashiorkor.

Differenzialdiagnosen

Differentialdiagnostisch müssen eine Reihe von Erkrankungen ausgeschlossen werden. Dazu gehören:

  • die Coeliakie (einheimische Sprue),
  • sonstige Krankheiten des Verdauungssystems (z. B. Morbus Whipple, Pankreasinsuffizienz),
  • eine endokrinologische Erkrankung (z. B. eine Hyperthyreose),
  • eine konsumierende Krankheit (z. B. Tuberkulose, maligne Erkrankung) und
  • eine chronische Infektion (z. B.AIDS).

Um Gewicht abzunehmen, werden verschiedene Methoden gewählt. Dazu gehören

  • eine drastische Reduktion der Nahrungszufuhr,
  • ein selbst induziertes Erbrechen,
  • die Einnahme von Abführmitteln, Appetitzüglern und Diuretika und
  • eine überschießende körperliche Aktivität zu Steigerung der Fettverbrennung.

Typen der Anorexia nervosa

Es werden zwei Haupttypen unterschieden: der „binge/purge“-Typ und der „restrictor“-Typ. Beim „binge/purge“-Typ dominieren Essen und Entleeren (Erbrechen und Abführen), beim „restrictor“-Typ die primäre Restriktion der Kalorienzufuhr. Die Typen gehen im Krankheitsverlauf häufig ineinander über und konvertieren auch zur Bulimie, so dass die Typeneinteilung nicht unterschiedliche Entitäten anzuzeigen scheinen [9][10].

Anorexia nervosa und Bulimie

Patientinnen mit Bulimie haben oft eine Anorexie-Vorgeschichte. Solche mit anamnestischer Anorexia nervosa haben eine schlechtere Prognose mit einem langwierigen Verlauf und dem Risiko für einen Relaps in eine Anorexie, während solche ohne Anorexie in der Anamnese eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine Normalisierung des Essverhaltens haben [11]. Es gibt jedoch auch Zweifel daran, dass die Bulimie mit der Anorexia nervosa in eine Erkrankungsrubrik mit gemeinsamer Ursache gehört [12].

Therapie der Anorexia nervosa

Eine kognitive und verhaltenstherapeutische Behandlung anorektischer Patientinnen ist in der Regel aussichtsreich. Eine Veränderung des Körperempfindens und ein Verhaltenstraining (cognitive-behavioral therapy) kann zu einem Erfolg mit Gewichtszunahme führen, der über die intensive Therapiephase anhält [13]; in eine Studie wurde von 33% Gesundung berichtet [14]. Mit einem Relaps muss jedoch immer gerechnet werden.

Eine Familientherapie scheint Erfolg versprechend zu sein; allerdings liegen nicht sehr viele Studien dazu vor [15]. Eine familientherapeutische psychologische Behandlung gilt jedoch als eine offenbar unverzichtbare begleitende Maßnahme der Einzeltherapie.

Eine intensivmedizinische Behandlung kann bei erheblichem Untergewicht und Gefahr eines Stoffwechselzusammenbruchs mit Todesfolge erforderlich werden, gegebenenfalls im Notfall mit intravenöser Zwangsernährung unter tiefer Sedierung oder Narkose. Die juristischen Voraussetzungen müssen beachtet werden (vgl. Selbstbestimmungsrecht von Patienten).

Verweise

Literatur

  1. ? Psychoneuroendocrinology. 2007 Feb;32(2):106-13
  2. ? Int J Child Adolesc health. 2009;2(2):153-164
  3. ? Psychoneuroendocrinology. 2007 Feb;32(2):106-13
  4. ? Brain Res Rev. 2010 Mar;62(2):147-64
  5. ? Neuropsychobiology. 2006;53(1):33-9
  6. ? Drugs. 1990;39 Suppl 3:33-48
  7. ? Hum Mol Genet. 2002;11(6):689–96
  8. ? Psychoneuroendocrinology. 2007 Feb;32(2):106-13
  9. ? Am J Psychiatry. 2008 Feb;165(2):245-50
  10. ? Int J Eat Disord. 2009 Nov;42(7):590-4
  11. ? Int J Eat Disord. 2007 Nov;40 Suppl:S67-71
  12. ? Eur Eat Disord Rev. 2009 Jan;17(1):2-13
  13. ? Ann Clin Psychiatry. 2008 Apr-Jun;20(2):79-86
  14. ? Psychother Psychosom. 2010;79(4):238-248
  15. ? Cochrane Database Syst Rev. 2010 Apr 14;4:CD004780