Retikulozyten

Retikulozyten sind kernlose Vorläuferzeller der Erythrozyten. Die in einer Spezialfärbung erkennbaren intrazellulären retikulären Muster sind ribosomale Reste der Erythroblasten (Normoblasten), ihrer Vorläuferzellen im Knochenmark. Bei einer normalen Zellmauserung gehen etwa 1% der Erythrozyten täglich zugrunde. Entsprechend wird 1% von ihnen nachproduziert, was der normalen Zahl der Retikulozyten entspricht. Nach Verlust des Zellkerns behalten die Zellen für etwa 2 (-2) Tage ribosomale RNA; in dieser Zeit behalten sie die Fähigkeit, Hämoglobin zu bilden. 1)Transl Med UniSa. 2018 Mar 31;17:34-39. PMID: 30083521; PMCID: PMC6067071. Während ihrer Reifung zu Erythrozyten verlieren die Zellen nicht nur ihr retikuläres Netzwerk, sondern sie bauen auch ihre gesamte Zellform und Plasmamembran entscheidend um. Die Zellmembran wird gegen Scherkräfte resistenter und sie erhät eine bikonkave Form. 2)Blood . 2010 Mar 11;115(10):2021-7. doi: 10.1182/blood-2009-08-241182

Retikulozyten sind in der üblichen Färbung im Differenzialblutbild gut erkennbar und auch in einem automatischen Zellanalysator differenzierbar. Sie sind geringfügig größer als reife Erythrozyten und färben sich etwas bläulicher an. In der Labordiagnostik spielen sie für die Unterscheidung von Anämieformen und zur Beurteilung der Knochenmarkaktivität und des Eisenstatus des Körpers eine bedeutende Rolle. 3)J Clin Lab Anal . 2020 Jun;34(6):e23225. doi: 10.1002/jcla.23225

Bestimmung der Retikulozyten

Retikulozyten werden durch Mikroskopie oder Flow-Zytometrie bestimmt.

Normbereich: 5-20 pro 1000 Erythrozyten (0,5 – 2%)


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 Beurteilung

Zur Bewertung der Retikulozytenzahlen muss die absolute Zahl der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) herangezogen werden. Eine relative Retikulozytenzahl von 10 wäre bei normalen Erythrozytenzahlen mit einer angenommenen durchschnittlichen Lebenszeit von 100 Tagen und einer Neubildung von 1% pro Tag normal, bei einer Anämie, bei der verstärkt nachgebildet werden sollte, jedoch zu gering.

Bei einer verkürzten Erythrozytenüberlebenszeit, wie sie bei chronischem Blutverlust oder einer Hämolyse vorkommt, findet sich eine reaktiv erhöhte relative Retikulozytenzahl (Retikulozytose, bedingt durch die erhöhte Nachproduktion von Erythrozyten und durch die geringere Erythrozytenzahl, auf die sich die Retikulozytenzahl bezieht).

Wenn bei einer Anämie die Retikulozytenzahlen nicht erhöht sind, kann ein Eisenmangel, ein Mangel an Vitamin B12 oder Folsäure oder eine Knochenmarkkrankheit mit gestörter Erythropoese vorliegen, durch die die Nachbildung von Erythrozyten behindert ist.

Hämoglobingehalt der Retikulozyten

Durch automtische Blutanalysatoren lassen sich Retikulozyten-Indizes einfach bestimmen, wie das mittlere zelluläre Hämogloin (CHr), RET-Hb (Hämoglobingehalt eines Retikulozyten), die mittleren Hämoglobinknzentration in Retikulozyten  (MCHCr) und das mittlere Zellvolumen (MCVr). Der Zellindex CHr lässt sich aus diesen Parametern automatisch berechnen (CHr = MCVr × MCHCr/100). Es reflektiert die Aktivität des Knochenmarks bezüglich der Blutbildung innerhalb der letzten 1-2 Tage.  4)Transl Med UniSa . 2018 Mar 31;17:34-39. CHr kann daher verwendet werden, um frühzeitig einen erschöpften Eisenspeicher bei Blutspendern erkennen zu können. 5)Clin Chim Acta . 2012 Apr 11;413(7-8):678-82. doi: 10.1016/j.cca.2011.12.006

Eisenmangelanämie: Ein erniedrigtes CHr kennzeichnet die Eisenmangelanämie (iron deficiency anemia, IDA). Bei Schulkindern ohne Anämie hat sich CHr auch zur Identifizierung derjenigen Kinder asl nützlich herausgestellt, die einen Eisenmangel ohne Anämie aufwiesen. 6)Eur J Pediatr. 2010 Sep;169(9):1097-104. doi: 10.1007/s00431-010-1186-7. Epub 2010 Mar 25. PMID: … Continue reading Bei einem Cut-Off von 30 pg wurde eine Eisenmangelanämie (IDA) mit einer Sensitivität von 96% und einer Spezifität von 97,4% diagnostiziert. 7)J Clin Lab Anal . 2020 Jun;34(6):e23225. doi: 10.1002/jcla.23225Eine andere Untersuchung findet bei einem RET-He-Wert von uter 25,4 pg einen Eisenmangel mit einer Sensitivität von 90,4% und einer Spezifität von 49,1%. 8)J Med Biochem . 2019 Jan 22;38(4):496-502. doi: 10.2478/jomb-2018-0052

Eine Untersuchung weist nach, dass bereits nach 5 Tagen einer Eisensubstitution der RET-Hb-Wert angestiegen war, während der Hämoglobinwert (Hb) noch nicht reagiert hatte. Ein RET-He-Wert unter 25.4 pg zeigte einen Eisenmangel mit 90.4% Sensitivität and 49.1% Spezifität an  9)J Med Biochem . 2019 Jan 22;38(4):496-502. DOI: 10.2478/jomb-2018-0052

Thalassämie: CHr und das mittlere Zellvolumen der Retikulozyten sind nicht nur bei der Eisenmangelanämie, sondern auch bei der Thylassämie erniedrigt, CHr ist jedoch bei der β°-Thalassämie deutlich höher als bei der β+-Thalassemie mit ihrer besonderen ß-Globulin-Mutation.  (CHr: 27-32 pg vs. 19.5-25.3 pg). 10)Transl Med UniSa . 2018 Mar 31;17:34-39 Im Vergleich zur Thalassämie hat die Eisenmangelanämie mehr unreife Retikulozyten aber eine geringere Anzahl von Retikulozyten. Diese Tatsache lässt eine gewisse Unterscheidung beider Anämieformen aufgrund automatischer Daten aus Analyzern zu. 11)J Clin Pathol . 2016 Feb;69(2):149-54. doi: 10.1136/jclinpath-2015-203034

Anämie bei Dialyse: Die Messung der Hämoglobinäquivalents in Retikulozyten (RET-He und CHr) über automatisierte Flusszytometrie ermöglicht verlässlich die Bestimmung des Eisenstatus des Körpers. Bei Eisenmangel führt eine Eisensupplementierung nach 2 Wochen zu einem Anstieg des RET-He. 12)Int J Lab Hematol . 2010 Apr;32(2):248-55. DOI: 10.1111/j.1751-553X.2009.01179.x

Verweise

Fachinfos

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Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).


 


Literatur

Literatur
1 Transl Med UniSa. 2018 Mar 31;17:34-39. PMID: 30083521; PMCID: PMC6067071.
2 Blood . 2010 Mar 11;115(10):2021-7. doi: 10.1182/blood-2009-08-241182
3, 7 J Clin Lab Anal . 2020 Jun;34(6):e23225. doi: 10.1002/jcla.23225
4, 10 Transl Med UniSa . 2018 Mar 31;17:34-39
5 Clin Chim Acta . 2012 Apr 11;413(7-8):678-82. doi: 10.1016/j.cca.2011.12.006
6 Eur J Pediatr. 2010 Sep;169(9):1097-104. doi: 10.1007/s00431-010-1186-7. Epub 2010 Mar 25. PMID: 20336466.
8 J Med Biochem . 2019 Jan 22;38(4):496-502. doi: 10.2478/jomb-2018-0052
9 J Med Biochem . 2019 Jan 22;38(4):496-502. DOI: 10.2478/jomb-2018-0052
11 J Clin Pathol . 2016 Feb;69(2):149-54. doi: 10.1136/jclinpath-2015-203034
12 Int J Lab Hematol . 2010 Apr;32(2):248-55. DOI: 10.1111/j.1751-553X.2009.01179.x