Erythropoetin

Erythropoetin (auch Erythropoietin geschrieben, EPO) ist ein Hormon der Nieren, welches die Bildung roter Blutkörperchen (Erythrozyten) im Knochenmark steigert.


Über facebook informieren wir Sie über Neues auf unseren Seiten!


Was man wissen sollte

Kurzgefasst
Erythropoetin (EPO) ist ein Hormon, das in verschiedenen Organen des Körpers, vor allem aber in den Nieren, produziert wird. Es erhöht die Bildung roter Blutkörperchen (Erythrozyten) und schützt Organe und Körperzellen vor Sauerstoffmangel. In der Medizin wird Erythropoetin zur Behandlung von Blutarmut (Anämie) eingesetzt, so insbesondere bei schwerer Niereninsuffizienz und Dialysepatienten und perioperativ zur Reduktion von Bluttransfusionen. Es scheint auch eine günstige Wirkung auf die Entwicklung des Gehirns nach Sauerstoffmangel Frühgeborener und Neugeborener unter und nach der Geburt auszuüben. Im Sport gehört Erythropoetin zu den verbotenen Dopingmitteln. An Komplikationen einer EPO-Therapie ist vor allem eine Bluteindickung zu berücksichtigen, die bei zu langer und intensiver EPO-Therapie zur Thrombose– und Emboliegefahr führen kann.

Physiologie

Erythropoetin ist ein Glykoprotein, das bei seiner Bildung ein MW von 34000 mit 40% Kohlenhydratanteil aufweist. Nach seiner Bildung erfährt das Molekül während seiner Reifung einige Veränderungen. Das “reife” Erythropoetin enthält nach Verkürzung der Aminosäurenkette 165 Aminosäuren und hat ein Molekulargewicht von 30,4 kDa 1)Front Biosci (Landmark Ed). 2016 Jan; 21(3): 561–596. .

Erythropoetin, welches im Blut nachweisbar ist, wird beim Erwachsenen fast ausschließlich in der Nierenrinde gebildet, und zwar in direkter Nachbarschaft zu den Tubuli von Fibroblasten-ähnlichen Zellen (peritubuläre interstitielle Zellen). Bei Fetus erfolgt die Bildung jedoch auch in der Leber [1][2].

Auch in Astrozyten des Gehirns wurde die Fähigkeit zur Erythropoetin-Produktion entdeckt 2)J Biol Chem. 1994 Jul 29; 269(30):19488-93.

Der Reiz zur Bildung von Erythropoetin ist ein Mangel an Sauerstoff im Nierengewebe.

Bereits der sich entwickelnde Fetus reagiert auf Sauerstoffmangel sehr empfindlich durch Anstieg der eigenen Erythropoetin-Produktion, wie es bei Neugeborenen von Müttern, die in der Schwangerschaft geraucht haben, im Umbilikalblut nachweisbar ist; gleichzeitig wird eine Wachstumsretardierung festgestellt [3][4].

Effekte in der Medizin

Schutz vor Anämie: Erythropoetin (EPO) erhöht die Bildung körpereigener roter Blutkörperchen (Erythrozyten). Dies wird zu Therapie bestimmter Formen einer Anämie ausgenutzt. Besonders diejenigen Formen reagieren gut auf eine EPO-Zufuhr, die mit einem Erythropoetinmangel einhergehen, wie die Anämie bei fortgeschrittenen Nierenerkrankungen mit Niereninsuffizienz.

Neuroprotektion: Erythropoetin wirkt neuroprotektiv. Es wird im gesamten Gehirn in Gliazellen, so in Astrozyten, gebildet und schützt die Gehirnzellen vor Sauerstoffmangel 3)Brain Res. 1997 Jan 23; 746(1-2):63-70 4)J Exp Biol. 2004 Aug;207(Pt 18):3233-42. 5)J Neurosci Res. 2011 Oct;89(10):1566-74. Insulin regt die EPO-Produktion im Gehirn an  6)Brain Res. 1997 Jan 23; 746(1-2):63-70; Insulinmangel bzw. Hyperglykämie scheint sie zu unterdrücken 7)Ann Hematol. 2006 Feb; 85(2):79-85.

Eine Schutzfunktion wurde auch für Nervenzellen des Augenhintergrundes (Retina) nachgewiesen: eine in der Ratte experimentell herbeigeführte Degeneration kann durch Erythropoetin weitgehend verhindert werden 8)Invest Ophthalmol Vis Sci. 2014 Oct 21;55(12):8208-22 9)PLoS One. 2013 Oct 4;8(10):e77182. doi: 10.1371/journal.pone.0077182. 10)PLoS One. 2014 Aug 13;9(8):e104759. doi: 10.1371/journal.pone.0104759. Es wird vermutet, dass sich die neuroprotektive Funktion von EPO therapeutisch ausnutzen lässt 11)Front Biosci (Landmark Ed). 2016 Jan; 21(3): 561–596.. Es konnte gezeigt werden, dass Erythropoetin die neurologische Entwicklung von Neugeborenen mit hypoxisch-ischämischer Hirnschädigung verbessert 12)Pediatrics. 2009 Aug; 124(2):e218-26. Allerdings sind ansonsten größere neuroprotektive Effekte in Studien an Erwachsenen bisher nicht nachgewiesen worden 13)Int J Stroke. 2014 Apr; 9(3):321-7 14)Int J Stroke. 2014 Apr; 9(3):321-7.

Effekt im Sport

Höhentraining beruht auf einem relativen Sauerstoffmangel in Höhenluft. Der dadurch bedingte Sauerstoffmangel, der auch das Nierengewebe betrifft, führt zur Erhöhung der Erythropoetinproduktion und damit auch der der Produktion roter Blutkörperchen bis hin zu der im Sport gewünschten “physiologischen” Polyglobulie. In normaler Höhe sinkt der Erythropoetin-Spiegel wieder, die Polyglobulie bleibt aber wegen der Lebenszeit der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) noch wenige Wochen bestehen.

Indikationen

Als Indikationen für die Anwendung von EPO in der Medizin kommen in Frage 15)Front Biosci (Landmark Ed). 2016 Jan; 21(3): 561–596:

  • Renale Anämie: bei renale Anämie ist durch Erythropoetin bzw. seine länger wirksamen Abkömmlinge gut behandelbar (siehe hier).
  • Anämie bei Tumorpatienten als Nebenwirkung einer Chemotherapie [5]. Die Hämoglobin-Konzentration kann durch Veränderung der ESA-Dosis relativ gut auf den Ziel-Hb eingestellt werden. Es besteht jedoch das Risiko, EPO-Präparate auch bei Werten über dem meist angestrebten Ziel von 12 g/dl EPO-Präparate weiter zu verabreichen. Da in Studien an Brustkrebspatientinnen gezeigt werden konnte, dass ESA die Überlebenszeit verkürzen kann [6], wird empfohlen, die Behandlung mit der niedrigst möglichen Dosis durchzuführen, um eine Bluttransfusion zu vermeiden [7].
  • Reduktion von Bluttransfusionen nach Operationen.
  • Anämie bei HIV-Infektion.

EPO-Derivate

Die Halbwertszeit von Erythropoetin ist relativ gering; daher werden rekombinante Erythropoetin-Abkömmlinge mit längerer Halbwertszeit und reduzierter Applikationsfrequenz eingesetzt. Zu diesen „Erythropoese-stimulierenden Agentien“ (ESA) gehören Epoetin alpha (Generika, Eprex® und ähnlich Binocrit®: einmal wöchentlich), Epoetin beta (NeoRecormon®; einmal wöchentlich), und Darbepoetin alpha (Aranesp®; einmal wöchentlich oder einmal alle 3 Wochen).

Nebenwirkungen und Komplikationen

Die Anwendung von Erythropoetin in der Medizin hat Nebenwirkungen zu berücksichtigen:

  • Erythropoetin-Präparate steigern den Blutdruck, was zur Hypertonie führen kann.
  • Erythropoetin-Präparate erhöhen das Risiko thromboembolischer Ereignisse inklusive dem für einen Schlaganfall.
  • Erythropoetin-Präparate steigert auch bei Gesunden die Erythrozytenzahl (bis hin zur Polyglobulie) und wirken leistungssteigernd. Sie stehen im Sport auf der Liste verbotener Dopingmittel. Unabhängig von Aspekten eines unfairen Wettbewebs besteht das deutlich erhöhte Risiko einer erhöhten Blutgerinnbarkeit mit Emboliegefahr und einer akuten kardialen Überforderung unter erhöhten Belastungsbedingungen, die ohne EPO-Einwirkung nicht erreicht werden können.

Verweise

Literatur

  1. ? J Histochem Cytochem. 1993 Mar;41(3):335-41
  2. ? Eur J Haematol. 2007;78:183–205
  3. ? Am J Obstet Gynecol. 1998 Mar;178(3):433-5
  4. ? ScientificWorldJournal. 2012;2012:420763
  5. ? Oncologist. 2008; 13 Suppl 3():33-6.
  6. ? Cochrane Database Syst Rev. 2009 Jul 8;(3):CD007303.
  7. ? Am J Health Syst Pharm. 2009 Jul 1;66(13):1180-5


Literatur   [ + ]

1. Front Biosci (Landmark Ed). 2016 Jan; 21(3): 561–596.
2. J Biol Chem. 1994 Jul 29; 269(30):19488-93
3, 6. Brain Res. 1997 Jan 23; 746(1-2):63-70
4. J Exp Biol. 2004 Aug;207(Pt 18):3233-42.
5. J Neurosci Res. 2011 Oct;89(10):1566-74
7. Ann Hematol. 2006 Feb; 85(2):79-85
8. Invest Ophthalmol Vis Sci. 2014 Oct 21;55(12):8208-22
9. PLoS One. 2013 Oct 4;8(10):e77182. doi: 10.1371/journal.pone.0077182.
10. PLoS One. 2014 Aug 13;9(8):e104759. doi: 10.1371/journal.pone.0104759
11. Front Biosci (Landmark Ed). 2016 Jan; 21(3): 561–596.
12. Pediatrics. 2009 Aug; 124(2):e218-26
13, 14. Int J Stroke. 2014 Apr; 9(3):321-7
15. Front Biosci (Landmark Ed). 2016 Jan; 21(3): 561–596