Leberhämangiom und Hämangioendotheliom

Von Fachärzten verständlich geschrieben und wissenschaftlich überprüft

Leberhämangiom und Hämangioendotheliom sind Gefäßtumore in der Leber. Hämangiom bedeutet Blutschwämmchen. Es ist ein gutartiger Tumor, der von kleinen Blutgefäßen ausgeht. Hämangioendotheliom bedeutet ebenfalls Blutschwämmchen, das in diesem Fall aus epitheloiden und histiozytoiden Gefäßendothelzellen in myxoidem oder fibrotischem Stroma besteht.

Drei große Gefäßtumore in der Leber im Ultraschallbild. Die Multiplizität lässt an ein epitheloides Hämangioendotheliom denken. In diesem Fall wäre eine histologische Klärung anzustreben.

Unter den in den Leber vorkommenden Gefäßtumoren ist das gutartige Hämangiom vom langsam wachsenden epitheloiden Hämangioendotheliom und dem hochmalignen Angiosarkom abzugrenzen.  1)BMC Med Imaging. 2020 Jun 29;20(1):71. DOI: 10.1186/s12880-020-00465-4 .   2)Radiographics. 2004 May-Jun;24(3):755-72. DOI: 10.1148/rg.243035046.

Epitheloides Hämangioendotheliom

Das hepatische epitheloide Hämangioendotheliom (HEHE) ist eine sehr seltene vaskulären Tumorbildung (Inzidenz von 0,1–0,2 pro 100.000 Einwohner, 1 % aller primären bösartigen Neoplasien der Leber 3)Front Oncol. 2022 Feb 28;12:686650. DOI: 10.3389/fonc.2022.686650. ), die als Weichgewebe-Gefäßtumor endothelialen Ursprungs definiert ist und bezüglich der Dignität zwischen dem gutartigem Hämangiom und dem malignen Angiosarkom liegt. Es kommt nicht nur in der Leber, sondern auch in verschiedenen Weichgeweben vor. Das mittlere Alter liegt bei etwa 40 Jahren; m:f = 3:2.

Zum Zeitpunkt der Diagnose liegen oft bereits Metastasen außerhalb der Leber vor (Lunge, Peritoneum, Lymphknoten, Knochen). Die späte Diagnose hängt mit der langen Symptomfreiheit zusammen.  4)Cancer. 2006 Nov 1;107(9):2108-21. doi: 10.1002/cncr.22225

Das klinische Bild ist unspezifisch. Oft sind keine besonderen Symptome vorhanden. Bei großen Tumoren kann ein Druck im rechten Oberbauch entstehen. Bei einer Einblutung kann ein plötzlicher Schmerz zur Diagnostik Anlass geben. Bei malignem Verlauf kommt es zur Gewichtsabnahme. 5)Arch Pathol Lab Med. 2018 Feb;142(2):263-267. DOI: 10.5858/arpa.2016-0171-RS.

Die Diagnose wird histlogisch gestellt und beruht auf dem Nachweis von Zellen, die FVIIRAg (factor VIII-related antigen) exprimieren. Die Behandlung erfolgt i.d.R. chirurgisch durch Resektion oder Lebertransplantation. 6)Cancer. 1999 Feb 1;85(3):562-82. DOI:  … Continue reading

In einer Untersuchung an zwanzig Patienten (12 Frauen und 8 Männer) mit einem Durchschnittsalter von 43,6 ± 13,6 Jahren wurden 3 Typen unterschieden: der Typ einzelner nodulärer Tumore (8/20, 40 %), ein multifokal nodulärer (10/20, 50 %) und ein diffuser Typ (2/20, 10 %). 7)Front Oncol. 2022 Feb 28;12:686650. doi: 10.3389/fonc.2022.686650. Der B-Mode-Ultraschall zeigte überwiegend (in 75 %) echoarme Läsionen sowie in 20% eine heterogene Echogenität und in 5% eine echoreiche (1/20, 5 %) Struktur mit in 90% regelmäßiger Form. Bei Kontrastmittelultraschall war der Rand anfangs hyperechogen, die Raumforderung in der portalen Spätphase hypoechogen. 8)Front Oncol. 2022 Feb 28;12:686650. DOI: 10.3389/fonc.2022.686650.

Blutschwämmchen der Leber im kindlichen Alter sind i.d.R. Hämangioendotheliome und können zu einem bedeutenden arteriovenösen Shunt und einer Rechtsherzbelastung führen. Es sollte einer Therapie zugeführt werden. 9)World J Surg. 1990 Jul-Aug;14(4):468-71. DOI: 10.1007/BF01658669.

Therapeutisch kann eine Lebertransplantation zu eine Lebensverlängerung beitragen; eine Indikation wird wegen des langsamen Progredienz (Fortschreiten) oft auch bei bereits vorliegenden extrahepatischen Metastasen gestellt. Die 5-Jahres Überlebensrate beträgt um 55%. Eine Leberresektion oder eine gezielte Verödung (TACE) sind wegen der multifokalen Ausbreitung selten indiziert. Eine anerkannte Chemotherapie gibt es nicht. Angewandt werden u.a. Doxorubicin, Vincristin, Interferon-α, 5-Fluorouricil, Thalidomid und Anti-VEGF-Antikörper. 10)Arch Pathol Lab Med. 2018 Feb;142(2):263-267. DOI: 10.5858/arpa.2016-0171-RS.

Genetik

Im epitheloiden Hämangioendotheliom findet sich üblicherweise die Translokation t(1;3)(p36.3;q25), die zum CAMTA1-WWTR1-Fusionsprodukt führt. 11)Arch Pathol Lab Med. 2018; 142: 263-26 https://doi.org/10.5858/arpa.2016-0171-RS

Diagnostik

Die Diagnose eines Leberhämangioms wird bei Erwachsenen meist zufällig bei einer Ultraschalluntersuchung der Leber gestellt. Auf eine Biopsie kann wegen des typischen Aussehens in der Regel verzichtet werden. Sollte bei Unklarheiten dennoch eine Biopsie erwogen werden, so sollte diese wegen der Möglichkeit einer Ruptur in einem Leberzentrum erfolgen, speziell wenn der Tumor groß ist und nahe der Leberoberfläche liegt. 12)World J Surg. 1990 Jul-Aug;14(4):468-71. DOI: 10.1007/BF01658669.

Sonographie: Charakteristisch für ein Hämangiom ist ein homogen echoreicher, scharf begrenzter Bezirk. Kavernöse Hämangiome dagegen können auch relativ reflexarm sein. Bei Unsicherheit, z. B. wenn Differenzialdiagnosen (z. B. hepatozelluläres Karzinom, fokale Mehrverfettung, Metastase, Hämangioendotheliom) im Raum stehen, können oft eine Kontrastmittelsonographie, Computertomographie (CT) der Leber und MRT klären. In der KM-Sonographie erkennt man ein „Irisblendenphänomen“: das Kontrastmittel flutet von außen an und erreicht durch Ausbreitung vorn dort das Zentrum. Der Herd blasst anschließend gegenüber dem normalen Lebergewebe verzögert ab (siehe hier). Unter den verschiedenen Formen gibt es solche, eine Kapsel aufweisen können, zystisch aussehen, durch Verkalkung von Einblutungen konkrementartige Schallschatten werfen oder durch Verfettungen reflexreich erscheinen. Schwierig kann die Differenzialdiagnose werden, wenn in der Umgebung andere Leberherde, wie eine fokal noduläre Hyperplasie, erkennbar sind.

Bildgebende Verfahren sind nur unzuverlässig geeignet, das gutartige Hämangiom von den malignen Gefäßtumoren zu unterscheiden. Laut einer Studie sind die differenzialdiagnostischen Kriterien in der Bildgebung für das Hämangiom, das epitheloide Hämangioendotheliom (HEHE) und das hepatische Angiosarkom (HAS) folgende: scharfe Begrenzung (88%, 84,6%, 31,6%), Einblutungen (4%, 30,8%, 36,8%) sowie zentripetale Zunahme der Kontrastierung bei Kontrastmittel gestützten Sonographie (100%, 46,2%, 68,4%). Beim Hämangiom war in dieser Studie damit eine Einblutung am seltensten und eine anfängliche Randkontrastierung am häufigsten. Wenn eine Einblutung zu erkennen ist, ist der Verdacht auf einen malignen Gefäßprozess in der Leber gegeben. 13)BMC Med Imaging. 2020 Jun 29;20(1):71. DOI: 10.1186/s12880-020-00465-4

Histologie: Sie soll im Zweifel Tumoren anderer Genese vom Hämangiom abgrenzen. In der Histologie eines Hämangioendothelioms färbt sich das Tumorgewebe normalerweise positiv für vaskuläre Marker, wie für das FVIIRAg, CD31 und CD34, und negativ für Zytokeratine.  14)Arch Pathol Lab Med. 2018; 142: 263-267https://doi.org/10.5858/arpa.2016-0171-RS

Kontrollen: Zur Sicherheit werden auch bei der Diagnose eines gutartigen Hämangioms anfangs sonographische Kontrolluntersuchungen durchgeführt. Wird nach 1/2 und 1 Jahr ein Wachstum festgestellt, so sollte die Möglichkeit eines malignen Gefäßtumors ausgeschlossen werden.


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Verweise



Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).


Literatur

Literatur
1 BMC Med Imaging. 2020 Jun 29;20(1):71. DOI: 10.1186/s12880-020-00465-4 .
2 Radiographics. 2004 May-Jun;24(3):755-72. DOI: 10.1148/rg.243035046.
3 Front Oncol. 2022 Feb 28;12:686650. DOI: 10.3389/fonc.2022.686650.
4 Cancer. 2006 Nov 1;107(9):2108-21. doi: 10.1002/cncr.22225
5, 10 Arch Pathol Lab Med. 2018 Feb;142(2):263-267. DOI: 10.5858/arpa.2016-0171-RS.
6 Cancer. 1999 Feb 1;85(3):562-82. DOI: 10.1002/(sici)1097-0142(19990201)85:3<562::aid-cncr7>3.0.co;2-t.
7 Front Oncol. 2022 Feb 28;12:686650. doi: 10.3389/fonc.2022.686650.
8 Front Oncol. 2022 Feb 28;12:686650. DOI: 10.3389/fonc.2022.686650.
9, 12 World J Surg. 1990 Jul-Aug;14(4):468-71. DOI: 10.1007/BF01658669.
11 Arch Pathol Lab Med. 2018; 142: 263-26 https://doi.org/10.5858/arpa.2016-0171-RS
13 BMC Med Imaging. 2020 Jun 29;20(1):71. DOI: 10.1186/s12880-020-00465-4
14 Arch Pathol Lab Med. 2018; 142: 263-267https://doi.org/10.5858/arpa.2016-0171-RS