Primäre Kopfschmerzen

Primäre Kopfschmerzen sind dadurch gekennzeichnet, dass eine Ursache (z. B. eine Krankheit oder ein Trauma) nicht gefunden werden kann. Sie bedürfen jedoch ebenso wie die sekundären Kopfschmerzen einer guten Diagnosestellung. Viele von ihnen lassen sich bereits durch eine gute Anamnese differenzieren. 1)Ann Indian Acad Neurol. Aug 2012; 15(Suppl 1): S7–S14

Im Folgenden werden die oft typischen und diagnoseweisenden Angaben der häufigsten primären Kopfschmerzen, die sich bei sorgfältiger Anamnese erfragen lassen, behandelt.

Spannungskopfschmerz

Spannungskopfschmerzen (tension-type headache) gehören zu den häufigsten Kopfschmerzen. Sie sind meist uncharakteristisch, dumpf, über den gesamten Kopf ausgedehnt (generalisiert), dauern einige Stunden an und werden meist von seiner Intensität her als gering bis mäßig ausgeprägt eingestuft (subjektiv Angaben von 3-5 von 10 arbiträren Punkten). Begleitsymptome wie bei anderen Kopfschmerztypen fehlen. Da Spannungskopfschmerzen häufig wiederkehrenden und nicht sehr intensiv sind, werden sie von den Betroffenen in der Regel durch Selbstmedikation behandelt.

In nur seltenen Fällen können Häufigkeit und Schweregrad der Kopfschmerzen so ausgeprägt sein, dass der Spannungskopfschmerz die Lebensqualität beeinträchtigt; dann kann er anderen Kopfschmerztypen ähneln, beispielsweise der Migräne.

Zu den Faktoren, die einen Spannungskopfschmerz verstärken können, gehören eine Depression und organische Erkrankungen der Schulter-Nackenpartie.

Der Spannungskopfschmerz kann mit schmerzhaften oder empfindlichen „Triggerpunkten“ in Nacken und Schultern assoziiert sein, die durch sorgsame Palpation vom Untersucher gefunden werden können. Sie sind durch Verspannungen der dorsalen Schulter- und Nackenmuskulatur bedingt, die zum Hinterkopf hin ausstrahlen. Schmerzpunkte am oberen Nacken können auch zum Vorderkopf hin ausstrahlen.

Entsprechend seiner Verursachung zielt die Behandlung des Spannungskopfschmerzes in solchen Fällen auf eine Lockerung der schmerzhaft verspannten Muskelstränge im Nacken- und Schulterbereich. Ansonsten helfen NSAR, Novaminsulfon oder Paracetamol. Gelegentlich reicht der Ausgleich eines Schlafmangels oder der Abbau von Stress durch Entspannungsmaßnahmen.

Migräne

Migräne-Kopfschmerzen gehören mit dem Spannungskopfschmerz zu den häufigsten Ursachen des Kopfschmerzes und weisen oft einen zyklisch wiederkehrenden Verlauf (z. B. bei jeder Periode der Frau) auf. Typischerweise sind die Schmerzen einseitig; der Schmerzcharakter ist oft pochend. Zu den häufigen Begleiterscheinungen gehören in der Ankündigungsphase eine Aura, Konzentrationsschwierigkeiten sowie Müdigkeit und Gähnen. Während der Attacke treten Photophobie (Lichtscheu), Phonophobie (Flucht vor lauten Geräuschen) und Osmophobie (Angst vor Gerüchen) sowie Erbrechen auf. Bei Erbrechen sollte ein intrakranieller Prozess differenzialdiagnostisch ausgeschlossen werden.

Der Migräne-Kopfschmerz beginnt meist allmählich und ist typischerweise auf einer Kopfseite (unilateral) meist temporal, okzipital und über der Scheitelregion lokalisiert. Er kann sich über den gesamten Kopf ausbreiten. Oft sind pulsierende Temporalarterien erkennbar. Der Schmerz strahlt in etwa 75% zum Nacken aus. Im Fall von Nackenschmerzen sollte differenzialdiagnostisch eine organische Ursache (u. a. eine Meningitis, ein HWS-Syndrom) ausgeschlossen werden. Eine Migräneattacke dauert relativ lange 4-72 Stunden und ist wegen der Intensität und der Begleiterscheinungen sehr belastend. Die subjektive Schmerzstärke wird mit oft 9-10 von 10 arbiträren Punkten angegeben. Migräne gehört zusammen mit dem Cluster-Kopfschmerz zu den stärksten Schmerzen überhaupt und kann ähnlich intensiv wie eine Subarachnoidalblutung empfunden werden. Da physikalische Aktivität zu einer Verschlimmerung führt, verhalten sich die Betroffenen (i. G. zu dem Patienten mit Cluster-Kopfschmerz) ruhig; sie suchen Abgeschiedenheit in einem dunklen und stillen Raum.

Die Migräne bei Frauen beginnt meist mit der Menarche und nimmt einen Perioden-abhängigen zyklischen Verlauf. Hormone (Antikonzeptiva) und Schwangerschaft können zu einer Verschlechterung führen.

In seltenen Fällen ist die Migräne atypisch ausgeprägt: sie kann bilateral auftreten, nicht pochend sein und ohne Photophobie und Erbrechen einhergehen, aber auch vegetative Begleiterscheinungen wie nasale Symptome aufweisen. Ihre Abgrenzung vom Cluster-Kopfschmerz und von sekundären Kopfschmerzen wie bei einer Sinusitis wird dann schwierig. Diese Form wird als „vermutliche Migräne“ bezeichnet.

Mehr zur Migräne siehe hier.

Trigemino-autonome Kopfschmerzen

Trigemino-autonome Kopfschmerzen (trigemino-autonomic cephalgias TACs) sind über den Trigeminus vermittelte Kopfschmerzen. Sie können in verschiedenen Formen auftreten,

  • der Trigeminusneuralgie,
  • dem SUNCT,
  • dem Cluster-Kopfschmerz und
  • der chronisch paroxysmalen Hemikranie.

Die Kopfschmerzattacken dauern meist deutlich weniger als 4 Stunden, oft nur Sekunden (wie bei der Trigeminusneuralgie einschießend) oder Minuten.

Typisch sind mit den Kopfschmerzen gleichzeitig auftretende vegetative Mitreaktionen, wie tränende Augen und eine laufende Nase. Auch kann ein positives Horner-Zeichen auf der Kopfschmerzseite zu beobachten sein.

Differenzialdiagnostisch sollten sekundäre Kopfschmerzen, wie Schmerzen, die von der Nase und den Nasennebenhölen, den Zähnen oder dem Kiefergelenk ausgehen, ausgeschlossen werden. Auch können intrakranielle Prozesse als Ursache in Betracht kommen.

Cluster-Kopfschmerz

Der Cluster-Kopfschmerz ist die häufigste Form der idiopathischen Trigemino-autonome Kopfschmerzen. Der Schmerz dauert meist nur kurz (selten länger als 1-2 Stunden) und wird als extrem stark angegeben. Meist werden subjektiv 9-10 von 10 arbiträren Punkten angegeben. Er beginnt meist periorbital, kulminiert rasch und breitet sich typischerweise auf nur einer Kopfseite aus (Hemikranie) und ähneln so der Migräne. Im Gegensatz zur Migräne bewegen sich die Betroffenen, um eine Linderung zu erfahren. Lichtscheu und akustische Überempfindlichkeit sind meist nicht vorhanden. Der Cluster-Kopfschmerz weist oft einen saisonalen Verlauf auf, während die Migräne eher einen zyklischen Verlauf nimmt. Da jedoch in einigen Fällen wie bei der Migräne eine Aura, Lichtscheu und Erbrechen vorkommen können, ist die Differenzierung gelegentlich nicht einfach. Cluster-Kopfschmerzen können auch nachts auftreten, und sie können sich durch Alkoholkonsum verstärken.

Wegen der Heftigkeit der Schmerzen und dem plötzlichen Beginn der ersten Episode eines Cluster-Kopfschmerzes müssen sekundäre Kopfschmerzen wie die Subarachnoidalblutung ausgeschlossen werden.

Die Behandlung sollte wegen der Heftigkeit der Schmerzen sofort erfolgen. Mittel der ersten Wahl sind Triptane (z. B. Sumatriptan, subcutan) und Inhalation von 100% Sauerstoff (12 L/Min) für 15 Minuten. Vorbeugend wird Verapamil erfolgreich eingesetzt.

Verweise

Patienteninfos

 


Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).


 


Literatur   [ + ]

1. Ann Indian Acad Neurol. Aug 2012; 15(Suppl 1): S7–S14