Funktionelle Herzkrankheit

Artikel aktualisiert am 16. Februar 2024

Eine funktionelle Herzkrankheit liegt vor, wenn Herzbeschwerden nicht auf eine organische Ursache zurückgeführt werden können. Dazu ist im Allgemeinen eine differenzierte Ausschlussdiagnostik erforderlich, besonders bei Patienten in fortgeschrittenem Alter oder bei Risikofaktoren für eine koronare Herzkrankheit. Eine vorrangige Unterscheidung betrifft die gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD), zu der es Überlappungen gibt (1)World J Gastroenterol. 2013 Sep 21;19(35):5787-97.

Symptomatik


Funktionelle Herzbeschwerden ähneln denen einer Angina pectoris, die durch eine koronare Herzkrankheit bedingt ist, und lassen sich oft nicht ohne weiteres von ihr unterscheiden. Sie treten allerdings in der Regel in Ruhe und nicht bei Belastung auf und bessern sich bei körperlicher Anstrengung.


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Diagnostik

Funktionelle Herzbeschwerden werden verdächtigt, wenn Schmerzen in der Herzgegend in Ruhe auftreten und bei Belastung verschwinden, und wenn sich keine organischen Störungen nachweisen lassen.

  • Retrosternale Beschwerden können als funktionell bedingt angesehen werden, wenn es sich um Patienten handelt, die keine Risikofaktoren für eine koronare Herzkrankheit aufweisen.
  • Die Diagnose funktioneller Herzbeschwerden wird gestützt, wenn die retrosternalen Beschwerden unter Medikation einer maximalen Dosis von Protonenpumpenhemmern (PPI) über einen Zeitraum von 3 Monaten bestehen bleiben. (2)Gastroenterology. 2020 Jun;158(8):2286-2293. DOI: 10.1053/j.gastro.2020.01.034

Der Ausschluss einer organischen Störung kann schwierig sein und beinhaltet

  • eine genaue Anamnese: Beschwerden unter Belastung oder/und in Ruhe? Besserung unter Belastung? Assoziation mit psychischen Belastungssituationen bzw. einer Besserung an Wochenenden oder in Ferien?
  • das EKG: Erregungsrückbildungsstörungen? Rhythmusstörungen?

Vor Anwendung teurer und risikoreicher Diagnostik wird bei entsprechendem klinischem Verdacht jedoch häufig erst ein therapeutischer Versuch mit einer Säureblockade sowie einer psychischen und vegetativen Beeinflussung unternommen, wobei oft Neuromodulatoren (s. u.) verwendet werden.

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Differenzialdiagnosen

In erster Linie ist festzustellen, ob es sich bei der angegebenen Symptomatik um den Ausdruck einer koronaren Herzkrankheit handelt, da sie mit einem hohen kardialen Risiko (Herzinfarkt) behaftet ist. Daneben kommen auch extrakardiale Ursachen infrage, die ausgeschlossen werden sollten. Zu ihnen gehören folgende:

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Viele Patienten mit funktionellen Herzbeschwerden haben eine nicht-erosive Refluxkrankheit (NERD) oder funktionelle Störungen der Speiseröhre. Bei Patienten mit NERD entstehen die Symptome durch gastroösophagealen Reflux plus Überempfindlichkeit der Speiseröhre, während bei Patienten mit funktionellen Herzbeschwerden die Symptome durch Überempfindlichkeit der Speiseröhre ohne Reflux verursacht werden.

Eine NERD wird durch Endoskopie und Reflux-Tests diagnostiziert, die Diagnose von funktionellen Herzbeschwerden bedarf auch einer Ösophagusmanometrie. Die Therapie einer NERD beinhaltet medizinische, endoskopische und chirurgische Antirefluxmaßnahmen, die Behandlung funktioneller Herzbeschwerden dagegen ist vollständig unterschiedlich und kann Neuromodulatoren, psychologischen Interventionen und komplementärmedizinischen Behandlungsmaßnahmen beinhalten. (3)Clin Gastroenterol Hepatol. 2021 Jul;19(7):1314-1326. DOI: 10.1016/j.cgh.2020.03.057

Die Diagnose von funktionellem Herzbeschwerden erfordert damit folgende Maßnahmen (4)Gastroenterology. 2020 Jun;158(8):2286-2293. DOI: 10.1053/j.gastro.2020.01.034:

  • eine Endoskopie mit Ösophagusbiopsien zum Ausschluss einer Krankheit der Speiseröhre,
  • eine hochauflösende Manometrie der Speiseröhre zum Ausschluss von Bewegungsstörungen der Ösophagusmuskulatur und
  • eine pH-Metrie (ohne PPI-Therapie), um den basalen pH-Wert der Speiseröhre in den Zeiträumen, in denen kein saurer Reflux besteht, zu erfassen.
  • bei Überlappung mit einer gastroösophagealen Refluxkrankheit (Diagnose nach Rom-iV-Kriterien) eine Beschwerdeerfassung unter maximaler PPI-Medikation: Wenn die „Herzbeschwerden“ persistieren und eine organische Herzkrankheit als Ursache nicht infrage kommt, dann können funktionelle Herzbeschwerden als Diagnose angenommen werden.

Therapie

Die Therapie zielt auf eine psychische Beruhigung und Dämpfung einer vegetativen Übererregbarkeit: Stress- oder Problemabbau, ggf. vorübergehend milde psychovegetativ regulierende Substanzen, ß-Blocker oder auch Antidepressiva.

Insbesondere trizyklische Antidepressiva, selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, Tegaserod und Histamin-2-Rezeptor-Antagonisten, können helfen und werden zur Behandlung empfohlen. Auch eine Akupunktur und Hypnotherapie können als Monotherapie oder als Begleittherapie helfen (5)Gastroenterology. 2020 Jun;158(8):2286-2293. DOI: 10.1053/j.gastro.2020.01.034.

Verweise

Patienteninfos

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Literatur[+]