Spiritualität, Religiosität und Gehirn

Spiritualität bezeichnet der Wortherkunft (von lat. spiritus) nach Geistigkeit und steht im Gegensatz zur Materialität oder Körperlichkeit. Religiosität (von lat. religare) bezeichnet eine innere Anbindung an etwas Transzendentes und ist von Glauben geprägt. Spiritualität, Religiosität und Gehirn sind miteinander eng verbunden. Strukturveränderungen im Gehirn (z. B. durch ein Trauma) können sich auf die Spiritualität eines Menschen erheblich auswirken.


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Das Wichtigste.

Kurzgefasst
Spiritualität gehört zum Wesen des Menschen. Sie ist laut neuerer Ergebnisse der Hirnforschung an bestimmte Gehirnareale gebunden, die als neuronale Zentren miteinander vernetzt sind. Zu diesen Zentren gehören auch solche, die bei Sozialkontakten aktiv werden. Sie haben Kontakt mit Hirnarealen, die mit Glücksgefühlen, Dankbarkeit und Optimismus assoziiert sind, so dass sich ein Bild miteinander kommunizierender neuronale Netzwerke ergibt.

Wie sehr die Spiritualität an diese Netzwerke gebunden ist, zeigt sich unter pathologischen Bedingungen, wie Beispiele belegen. Ist die Kommunikation der an Religiosität beteiligten Zentren gestört, wie es nach einer Hirnoperation, nach einem Schlaganfall oder nach einem Trauma eintreten kann, so ändert sich die Spiritualität. Bei Menschen mit schwerer Depression findet sich eine dünnere Hirnrinde als normal. Menschen dagegen mit gefestigtem Glauben haben eine dickere Hirnrinde. Eine dickere Hirnrinde bei tiefer Religiosität schützt auch gefährdete Menschen vor Depression. Dadurch wird die Hypothese genährt, dass gefestigter Glaube möglicherweise zu einer vermehrten kortikalen Reserve führt, die zur psychischen Stabilität beitragen kann. Dies, so wird vermutet, wäre ein evolutionärer Vorteil gewesen. Es wird davon ausgegangen, dass es eine menschliche Prädisposition für religiöses Denken gibt. 1) 2013 Sep;1299:84-90. doi: 10.1111/nyas.12265.

Was Spiritualität bedeutet

Im gebräuchlichen engeren Sinn wird Spiritualität mit Geistlichkeit oder Religiosität gleichgesetzt, also als Fähigkeit zur Erfahrung eines geistigen tragenden Grundes, etwa eines Gottes. Sie betrifft Dinge, die jenseits der körperlichen und sinnlichen Erfahrung empfunden und „geglaubt“ werden, und steht damit in Verbindung mit dem Begriff der Transzendenz. Religiosität wird durch den Glauben an ein übersinnliches Wesen charakterisiert. In der Hirnforschung wird bezüglich der Grundvorgänge im Gehirn meist nicht zwischen Spiritualität und Religiosität unterschieden.

Spiritualität bestimmt die Lebenseinstellung und gehört essenziell zum Wesen des Menschen hinzu. Sie ist eng verbunden mit Hoffnung, Glück, Optimismus und Dankbarkeit, fördert Ausgeglichenheit und Wohlbefinden und wirkt gegen Depression und Angst. Sie stabilisiert auf diese Weise die Persönlichkeit. Ihre Verankerung im Gehirn ist Objekt intensiver Forschung geworden.

Wie sich Religionen unterscheiden

Die Frage, ob alle Religionen im Wesentlichen gleiche Funktionalität ausüben, wird in einer Untersuchung nicht völlig bejaht. So gibt es laut einer Untersuchung in Taiwan Unterschiede zwischen Mahayana-Buddhisten, die unvoreingenommene Liebe und Mitgefühl mit jedem Wesen praktizieren, und Christen, die eine Vereinigung mit Gott anstreben. Buddhisten konnten sich mit zunehmender Religiosität besser in andere Menschen hineinversetzen, bei Christen dagegen stieg die Selbstbezogenheit. Es wird geschlossen, dass diese ausgeprägten religionsabhängigen, soziopsychologischen Effekte ihre Anhänger formen oder anziehen können, und dass diese sich in ganz unterschiedliche mentale Richtungen entwickeln. 2)Front Psychol. 2019 Feb 6;10:217. doi: 10.3389/fpsyg.2019.00217. Die jeweils inhaltliche Richtung der Religionen hat bei der weiteren Forschung der Assoziationen zwischen Religiosität/Spiritualität und der Funktionalität des Gehirns zu berücksichtigen sein, denn je nach Inhalt werden unterschiedliche Hirnregionen aktiv.

Wie die Verankerung der Religiosität im Gehirn erforscht wird

Methodische Fortschritte haben wesentliche neue Erkenntnisse ermöglicht. Die strukturelle Magnetresonanztomographie des Gehirns ermöglicht sehr genaue volumetrische Untersuchungen der verschiedenen Hirnbezirke. Die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) ermöglicht zudem, auf deren Aktivität zu schließen. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen vermögen das Bild des Menschen von sich selbst erheblich zu beeinflussen. In diesem Artikel sind einige wichtige Ergebnisse zur Assoziation von Gehirn und Religiosität zusammengestellt.

Aktivierung „sozialer“ Großhirnareale beim Gebet

Bei Gebeten von Tiefgläubigen, die nicht formalisiert aufgesagt sondern individuell formuliert werden, finden sich laut einer Studie bei fMRI-Untersuchungen besonders starke Aktivierungen in Arealen des Temporallappens, des präfrontalen Kortex und des Präcuneus. Da diese Areale auch bei sozialen Kontakten aktiv sind, wird abgeleitet, dass bei Gebeten dieser Art Gott als real und als echter Gesprächspartner mit menschlichen Empfindungen (aber übermenschlichen Fähigkeiten) angesehen wird 3) 2009 Jun;4(2):199-207. doi: 10.1093/scan/nsn050. .

Brodmann’s Areal 10

Brodmann’s Areal 10 in der präfrontalen Hirnrinde ist bei Menschen, die häufig beten oder spirituelle Praktiken ausüben, etwas voluminöser als bei nicht spirituellen Menschen. Dieses Areal ist bekannt dafür, dass dort Planungen nach Relevanz vorgenommen werden. Es hat Verbindungen zu allgemeinen Selbstkontroll-Netzwerken. Nun wird vermutet, dass spirituelle Menschen ein bei ihnen verstärkt gefundenes Neurofeedback nutzen, um rückgekoppelt eintreffende Informationen geschickter zu verarbeiten, sowie eine verbesserte Selbstkontrolle ausüben und Aufgaben-irrelevante Gedanken besser vermeiden zu können. 4)Front Hum Neurosci. 2017 May 24;11:271. doi: 10.3389/fnhum.2017.00271.

Religiosität und Dicke der Hirnrinde

Volumetrische Untersuchungen von Gehirnen tief Gläubiger erbrachte signifikante Unterschiede zu weniger oder nicht gläubigen Menschen 5)PLoS One. 2009 Sep 28;4(9):e7180. doi: 10.1371/journal.pone.0007180. Tiefe Religiosität mit Gottvertrauen ist demnach assoziiert mit einem erhöhten Volumen der Rinde (Kortex) des rechten mittleren Schläfenlappens, Furcht vor Gott mit einem verminderten Volumen des linken Präcuneus und der linken orbitofrontalen Hirnrinde. Es muss dabei betont werden, dass Assoziation nicht gleichbedeutend mit ursächlichem Zusammenhang ist. Es bleibt ungeklärt, ob Religiosität zu einer Verdickung dieser Hirnareale führt, oder ob eine aus anderen Gründen verdickte Hirnrinde Religiosität erleichtert.

Veränderung der Transzendenzerlebnisse nach Hirnoperationen

Die Selbsttranszendenz gehört zu den Persönlichkeitsmerkmalen des Menschen und bedingt sein geistliches Fühlen, Denken und Handeln. Sie ist offenbar angewiesen auf ein funktionierendes neuronales Netzwerk zwischen Frontal-, Parietal- und Temporallappen. Ist es gestört, verändert sich die Spiritualität. Dies ist durch Untersuchungen bei Menschen vor und nach Hirnoperationen eindrucksvoll nachweisbar. Eine selektive Schädigung der linken und rechten inferior posterior gelegenen Region der Parietallappen bewirkt eine Steigerung der Selbsttranszendenz und damit eine Veränderung eines wesentlichen Persönlichkeitsmerkmals 6)Neuron. 2010 Feb 11;65(3):309-19.

Hyperreligiosität bei Epilepsie

Krankheiten des Gehirns können mit einer veränderten Religiosität assoziiert sein. Im Fall einer Temporallappenepilepsie kommt es in etwa 4% bereits vor dem Anfall zu religiösen Erfahrungen. Der Fokus befindet sich dabei meist im rechten Temporallappen. Religiöse Erlebnisse nach und zwischen den Anfällen finden sich vor allem bei Foci in beiden Temporallappen. Die anfallsartige hochemotionale, ekstatische „Hyperreligiosität“ soll durch das limbische System ausgelöst werden. Für die dabei erlebten visuellen und akustischen Erlebnisse (Haluzinationen) soll die Einbeziehung von Arealen der Großhirnrinde, vor allem des Temporallappens, verantwortlich sein. Es wird aufgrund der Erkenntnisse an Epilepsiepatienten angenommen, dass die episodischen religiösen Erlebnisse in den Temporallappen repräsentiert werden, während die Spiritualität als andauerndes Persönlichkeitsmerkmal mit den Frontallappen zusammenhängt. 7) 2008 May;12(4):636-43. doi: 10.1016/j.yebeh.2007.11.011. Bei der Kombination von Hyperreligiosität, Hypergraphie (exzessives zwanghaftes Schreiben mit oft religiösen oder philosophischen Inhalten), Hyposexualität und Reizbarkeit handelt es sich um das Waxman-Geschwind-Syndrom, das eine eigene Entität darstellt und mit frontotemporaler Demenz assoziiert sein kann. 8) 2017 Sep;94:27-38. doi: 10.1016/j.cortex.2017.06.003.

Die Temporallappenepilepsie wird als Ursache religiöser Erscheinungen auch bei einigen Propheten diskutiert. 9) 2015;2015:235856. doi: 10.1155/2015/235856. Als älteste Mitteilung einer schizophrenieartigen Epilepsie mit religiösen Inhalten wird eine Babylonische Schrift angesehen. 10) 2008 Sep;49(9):1488-90. doi: 10.1111/j.1528-1167.2008.01614.x.

Religiosität gegen Depression

Bei Menschen mit schwerer Depression findet sich in bildgebenden Verfahren eine dünnere Hirnrinde (Kortex). Auch bei erwachsenen Nachkommen in Hochrisikofamilien finden sich solche Veränderungen; sie sind vor allem in der rechten lateralen Hemisphäre lokalisiert. Untersuchungen an diesen Nachkommen zeigen, dass eine stark ausgeprägte Religiosität (nicht dagegen die Zahl der Kirchbesuche) zu einer Abnahme des Depressionsrisikos um 90% führt; bei ihnen war die Abnahme der Kortexdicke weniger ausgeprägt. Es fanden sich dickere Hirnrinden in den linken und rechten parietalen und okzipitalen Regionen sowie anderen Hirngebieten. Die Befunde führten zur Hypothese, dass eine bei religiösen Menschen dickere Hirnrinde vor Depressionen schützt, und dass dies durch Erweiterung der kortikalen neuronalen Reserve geschieht 11) 2014 Feb;71(2):128-35. doi: 10.1001/jamapsychiatry.2013.3067.. Dies wird mit neueren Methoden bestätigt. 12) 2019 Feb;9(2):e01209. doi: 10.1002/brb3.1209.


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Verweise

 


Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).


 


Literatur   [ + ]

1. 2013 Sep;1299:84-90. doi: 10.1111/nyas.12265.
2. Front Psychol. 2019 Feb 6;10:217. doi: 10.3389/fpsyg.2019.00217.
3. 2009 Jun;4(2):199-207. doi: 10.1093/scan/nsn050.
4. Front Hum Neurosci. 2017 May 24;11:271. doi: 10.3389/fnhum.2017.00271.
5. PLoS One. 2009 Sep 28;4(9):e7180. doi: 10.1371/journal.pone.0007180
6. Neuron. 2010 Feb 11;65(3):309-19
7. 2008 May;12(4):636-43. doi: 10.1016/j.yebeh.2007.11.011.
8. 2017 Sep;94:27-38. doi: 10.1016/j.cortex.2017.06.003.
9. 2015;2015:235856. doi: 10.1155/2015/235856.
10. 2008 Sep;49(9):1488-90. doi: 10.1111/j.1528-1167.2008.01614.x.
11. 2014 Feb;71(2):128-35. doi: 10.1001/jamapsychiatry.2013.3067.
12. 2019 Feb;9(2):e01209. doi: 10.1002/brb3.1209.