Musik und Gehirn

Wie Musik und Gehirn zusammenhängen, ist Gegenstand des Interesses vieler Musikliebhaber und nun durch die Entwicklung neuer Untersuchungsmethoden auch einer intensiven Forschung.

Musik ist ein Ausdruck von Kultur, der bei allen Völkern zu finden ist. Sie befördert Wohlbefinden, Stressabbau, Gemeinschaftsbildung und übermittelt Emotionen. Aus den vielen Facetten der Musik seien in diesem Artikel einige wenige herausgegriffen, die in der aktuellen Wissenschaft von Kultur und Gehirn eine zunehmende Rolle spielen. Musik ist hierbei nicht Mittelpunkt und Ziel sondern Ausgangspunkt, von dem aus die Forschung versucht, Einblicke in die funktionelle Struktur unseres Gehirns zu geben, die es uns ermöglicht, Zugang zur Musik zu finden.


Über facebook informieren wir Sie über Neues auf unseren Seiten!


 Das Wichtigste

Kurzgefasst
Musik ist ein Merkmal aller Kulturen.

Musik übt einen tiefgreifenden Einfluss auf das gesamte Empfinden und auch auf die vegetativen Funktionen des Körpers aus. Sie wird als künstlerische Ausdrucksform der Seele empfunden und löst verschiedenste Emotionen aus. Die Fähigkeit zum Verständnis von Musik ist offenbar als vorteilhafte Eigenschaft in der Evolution erworben worden und liegt in der funktionellen Struktur unseres Gehirns begründet.

Die Forschung hat dazu neue Aspekte ergeben. Sie zeigen beispielsweise, dass verschiedene Gehirnbezirke ganz unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen und in Netzwerken miteinander interagieren. So sprechen schön oder traurig empfundene Melodien oder ein dominanter Rhythmus unterschiedliche neuronale Netzwerke im Gehirn an. Solch eine aufgabengeteilte Netzwerkstruktur scheint einem Grundkonzept unseres Gehirns zu entsprechen, wie es auch bei der Erforschung des Bewusstseins zutage tritt (siehe hier).

Musik beeinflusst die Intensität der Nervenverbindungen (Konnektivität) zwischen verschiedenen Gehirnbezirken. Dies lässt sich zur Therapie von Funktionsstörungen des Gehirns ausnutzen, so auch beim Autismus (siehe hier).

Musik und Evolution

Musik begleitet den Menschen wahrscheinlich seit seinen Anfängen. Funde von Flöten aus der Zeit vor 35.000 Jahren deuten auf eine damals bereits differenzierte musikalische Kultur [1].

Es wird angenommen, dass Musik eine bedeutende Rolle in der Evolution von Geist und Gesellschaft gespielt hat. Lautäußerungen sollen zwei Zwecken gedient haben, nämlich der sprachlichen, informellen und der emotionalen Verständigung. Für die sprachliche Verständigung hat sich die Bedeutungsverleihung von Lautäußerungen im konkret semantischen Sinn entwickelt. Die emotionale Verständigung soll sich der Lautmalerei bedient und zur Entwicklung der Musik geführt haben.

Eine Hypothese besagt, dass sich die Sprache als Werkzeug der Informationsübermittlung von der Entwicklung der Lautäußerungen zur Emotionsübertragung, also der Musikentwicklung, abgekoppelt hat. Beide Entwicklungen basieren damit auf der gleichen Fähigkeit der Lauterkennung, scheinen aber in ihrer weiteren Differenzierung unabhängig von einander verlaufen zu sein [2]. Wir verstehen Musik, noch bevor und ohne dass wir Sprache verstehen.

Eine besondere Betrachtung verdient der Rhythmus der Musik. Er verleitet zu eigenen rhythmischen Bewegungen und zum Nachahmen (s. u.). Die daraus ableitbare Tanzmusik erfährt durch ihre soziale Komponente mit in Studien nachweisbarer erhöhter gegenseitiger Hilfsbereitschaft eine positive Verstärkung [3].

Musik ist universell; sie wird aber in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich interpretiert. Das Musikverständnis in Ostasien oder in Afrika unterscheidet sich von dem europäischen sowohl im Rhythmus als auch in der Melodie erheblich. Und selbst im Europäischen Raum finden sich Unterschiede zwischen verschiedenen Regionen und Volksgruppen. Das jeweilige Musikverständnis ist zudem nicht statisch, sondern ändert sich im Laufe der Zeit. Eine Arbeit betont die Notwendigkeit, dies bei den Untersuchungen zu der Wechselwirkung zwischen Musik und Gehirn zu berücksichtigen[4].

Von Tonsequenzen zur Melodie

Fortschritte im Verständnis des Zusammenhangs von Musikverständnis und Eigenschaften der Psyche sowie Fähigkeiten des Gehirns basieren wesentlich auf Beobachtungen und standardisierten Untersuchungen (z. B. mit der Montreal Battery of Evaluation of Amusia (MBEA)) von Menschen mit einer Musik-spezifischen Agnosie, wie sie nach einem Hirntrauma auftreten kann, und solchen mit einer (seltenen) absoluten Unmusikalität [5][6].

Neue Methoden der funktionellen Magnetresonanzdarstellung (fMRI) des Gehirns vermögen Areale sichtbar zu machen, die bei der Tonhöhenverarbeitung aktiv sind. Demnach sind an der Tonverarbeitung und Melodieerkennung die primäre Hörrinde (primary auditory cortex (PAC)) im Heschl’schen Gyrus, einer Windung der Hirnrinde im oberen Temporallappen, und die sekundäre Hörrinde lateral von ihm beteiligt. Die Hörrinde hat eine enge Verbindung zum Zentrum der Tonhöhenverarbeitung. Die Erkennung einzelner Tonhöhen ist im seitlichen Heschl Gyrus organisiert und die Repräsentation von Tonhöhensequenzen im oberen Temporallappen (Schläfenlappen) [7][8]. Die Erkennung von Tonhöhensequenzen ist eine Voraussetzung für die Erkennung von Melodien als komplexe zusammenhängende Tonfolgen.

Rhythmus und audiomotorische Koordination

Bezüglich des Rhythmusempfindens sind die bisherigen Kenntnisse weniger stringent. Offenbar ist mit ihm ein Körperempfinden für Bewegung assoziiert. In fMRI-Untersuchungen wurde gefunden, dass sowohl bei der Empfindung als auch bei der motorischen Ausübung rhythmischer Abläufe multiple Areale im Kleinhirn, die mit dem Olivenkern (Nucleus olivaris) im verlängerten Hirnstamm in einem olivio-cerebellären „Loop“ zusammen agieren, aktiviert werden. Das System übt eine Timing-Funktion aus, die eine Voraussetzung für rhythmische Vorgänge ist [9].

Da diese Timing-Funktion auch für motorische Aktivitäten benötigt wird, ist es nicht verwunderlich, dass das Hören rhythmischer Musik den Drang nach rhythmischen Bewegungen (rhythmische Fußbewegungen etc.) auslöst [10][11]. Daran beteiligt sind Spiegelneuronen mit auditiven Eigenschaften [12]. In fMRI-Untersuchungen werden Aktivitäten sowohl im Kleinhirn als auch im präfrontalen motorischen Zentrum (prämotorischer Bereich des Motorcortex) ausgelöst, wenn bevorzugte Rhythmen gehört werden, nicht dagegen wenn die Rhythmen nicht dem bevorzugten Tempo entsprechen. Die subjektiv richtige Taktfrequenz des Rhythmus spielt eine entscheidende Rolle, um ihn zu mögen [13]. Technische Brillanz und Geschwindigkeit können zum Feind des musikalischen Genusses werden.

Die audiomotorische Koordination ist bei Musikern besonders ausgeprägt, deren Musikempfinden direkt in motorische Aktivität z. B. von Fingersequenzen übergeht, wie es beispielsweise bei geübten Pianisten [14] und Geiger beschrieben wurde [15].

Wie wir Musik empfinden

Musikhören ist im Laufe der Evolution zu einer sehr komplexen Fähigkeit des Gehirns geworden. Die Abfolge von Tönen in einem Kontext wird problemlos als Melodie erkannt. Ihre Klangfarbe ermöglicht es, Instrumente und Stimmen in einem komplexen Musikstück zu unterscheiden und damit die jeweilige Melodie im Gewirr der Töne einzeln zu verfolgen. Damit kann auch ein aus mehreren Melodiefäden zusammengesetztes Musikstück von den meisten Menschen verstanden und gewürdigt werden.

Die Untersuchungen zum subjektiven Klangempfinden beeinflussen die Konzeption von Konzerthäusern auf der ganzen Welt. Es hat sich herausgestellt, dass für viele Menschen das Musikerlebnis in einem großen Raum mit multiplen seitlichen Reflexen (Typ: „Schuhkarton“-Konzertsaal, z. B. Großer Saal des Wiener Musikvereins) attraktiver ist als in einem Raum, in dem solche Reflexe weniger ausgeprägt sind („Zirkus“-Typ: z. B. Berliner Philharmonie). Dabei spielen unproportionale Lautstärkeverschiebungen einzelner Tonhöhen zwischen Pianissimo und orchestralem Fortissimo eine zusätzliche Rolle [16][17]. Für andere Menschen sind die Klarheit und Transparenz ohne überlagernde seitliche Reflexionen die attraktivere Option fürs Musikhören.

Warum wir Musik hören oder spielen

Wie Musik empfunden wird, hängt ab von den Tönen, ihrer Klangfarbe und ihrer Abfolge als Melodie, darüber hinaus aber auch davon, welche Gefühlen ausgelöst werden. In dieser Beziehung ist Musik außerordentlich vielfältig. Sie vermag etwa Freude, Zorn oder Angst auslösen. Sie vermag anzuklagen, zu jammern, zu jubeln, zu ermutigen, zu besänftigen und Kinder in den Schlaf zu leiten. Sie vermag aber auch Soldaten in Gleichschritt zu bringen und die Stimmung von Menschenmassen zu beeinflussen.

Das Bedürfnis nach emotionaler Ansprache scheint eine wesentliche Motivation für Musikhören oder -spielen zu sein. Hinzu kommt eine Reihe individuell und je nach Situation unterschiedlich ausgeprägter Anreize, wie das von Musik ausgelöste freudige Gefühl, die Lust an der Schönheit von Melodien, die mit Musik verbundenen Erinnerungen, die Ablenkung von Alltagsstress, eine Unterhaltung zur Füllung leerer Zeit oder ein Gemeinschaftsgefühl beim Hören oder Musizieren.


Über facebook informieren wir Sie über Neues auf unseren Seiten!