Rett-Syndrom

Das Rett-Syndrom (benannt nach dem Wiener Arzt Andreas Rett [1]) zählt zu den Krankheiten der Hirnentwicklung (neurodevelopmental diseases). Es ist eine nur Mädchen betreffende, meist rasch zunehmende Störung von Empfinden und Verhalten im Kleinkindesalter, die dem Autismus ähnelt. Die Häufigkeit wird auf 1 von 10000 bis 15000 Mädchen geschätzt [2].

Ursache und Pathogenese

Dem Rett-Syndrom liegt eine (zumeist de novo-) Mutation des Gens für das Methyl-CpG-Bindungsprotein 2 (MECP2) auf dem X-Chromosom zugrunde, welches als Suppressor der Genexpression wirkt. Es sind eine Reihe von Mutationen bekannt [3][4]. MECP2 spielt über nicht bekannte Wege eine Rolle bei der Hirnentwicklung [5][6].

Tritt die Mutation bei Jungen auf, so verursacht sie eine schwere Enzepahlopathie bereits bei der Geburt oder eine mentale Retardierung. Bei Mädchen kann die Mutation eine Vielfalt unterschiedlicher Verläufe nehmen; sie reicht vom klassischen Rett-Syndrom bis hin zu normalen „Carriern“, offenbar je nach Ausmaß der X-chromosomalen Inaktivierung [7].

Der Lipidstoffwechsel ist beim Rett-Syndrom verändert, begleitet von einer Reduktion eines für die Lipidaufnahme in Zellen zuständigen Rezeptors (SRB1). Damit ist auch die Aufnahme von Cholesterin eingeschränkt. Im Tierversuch war die Cholesterinsynthese nicht nur in Körperzellen sondern auch im Gehirn erhöht. Es wird vermutet, dass der Cholesterinstoffwechsel ein lohnender therapeutischer Angriffspunkt sein könnte [8].

Klinisches Bild

Klinisch gekennzeichnet ist das Rett-Syndrom durch eine rapide Abnahme bereits erworbener kognitiver, motorischer und sprachlicher Fähigkeiten, die ausschließlich bei Mädchen beobachtbar ist, wobei die ersten 6-18 Monate der Säuglings- und Kleinkindsentwicklung normal verlaufen. Es treten auch stereotype Handbewegungen, nächtliches Zähneknirschen, Hyperventilation und Krampfanfälle auf. Die Abnahme motorischer Fähigkeiten unterscheidet das Rett-Syndrom klinisch von einem infantilen Autismus [9].

Diagnostik

Die Diagnosestellung beruht auf dem klinischen Bild und Verlauf. Eine molekulargenetische Untersuchung auf eine Mutation von MECP2 erhärtet die Diagnose.

Therapie

Eine etablierte Therapie gibt es nicht. Die Behandlung erstreckt sich auf eine individuelle Betreuung. Eine früh einsetzende Intervention mit Psychostimulazien und Antidepressiva, die die MeCP2-Bildung anregen können, kann zu einer Verbesserung führen [10]. Ob Memantine nützt, muss ausprobiert werden [11].

Weitere therapeutische Perspektiven ergeben sich aus der Kenntnis des veränderten Cholesterinstoffwechsels (s. o.) und der Anwendung eines neurotropen Faktors aus dem Gehirn (brain-derived neurotrophic factor, BDNF) [12].

Verweise

Literatur

  1. ? Wien Med Wochenschr. 1966 Sep 10;116(37):723-6
  2. ? Am J Hum Genet. 2000 Dec;67(6):1428-36
  3. ? Nat Genet. 1999 Oct;23(2):185-8
  4. ? Eur Neurol. 2009;61(1):3-10
  5. ? J Cell Biochem. 2013 Nov;114(11):2446-53
  6. ? Yi Chuan. 2014 Jul;36(7):625-30
  7. ? J Mol Med (Berl). 2003 Jun;81(6):346-54
  8. ? PLoS One. 2014 Aug 12;9(8):e104834
  9. ? J Child Neurol. 1988;3 Suppl:S6-16
  10. ? Med Sci Monit. 2012 Jan;18(1):HY1-3.
  11. ? Front Neurosci. 2013 Dec 17;7:245.
  12. ? Med Sci Monit. 2012 Aug;18(8):HY33-36