Emotionen und Gehirn

Emotionen sind Erregungen des Gemüts. Sie beeinflussen unser Handeln entscheidend und haben darüber hinaus Auswirkungen auf Menschen im engeren und – in gewissem Maß – auch im weiteren Umfeld. Die Forschung zu den neurobiologischen Grundlagen der Emotionen und ihren Auswirkungen hat erhebliche Fortschritte gemacht. Wie Emotionen und Gehirn zusammenhängen, wird durch neue Forschungsmethoden immer klarer. Hier werden einige wichtige Ergebnisse zusammengestellt.


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Was man über Emotionen und Gehirn wissen sollte

Kurzgefasst
Emotionen sind komplexe Gefühle im Sinne von Gemütserregungen. Sie haben im Allgemeinen eine sofortige drängende Auswirkung auf Handlungsentscheidungen, was wohl auch ihr evolutionärer Sinn ist: die großen Grundemotionen wie Angst, Wut und Freude versetzen höhere Tiere und den Menschen in eine sofortige Handlungsbereitschaft im Rahmen der Selbsterhaltung bei Flucht, Nahrungserwerb, Revierverteidigung und Fortpflanzung, um wichtige Beispiele zu nennen.

Für sozial lebende Tiere und den Menschen ist daher die Übertragbarkeit von Emotionen ebenso ein evolutionärer Vorteil; so ist Verteidigung in einer Gruppe effektiver als alleine. Die Grundlagen dafür, dass Emotionen empfunden und gebildet werden können, liegen in bestimmten Hirnstrukturen begründet.

Eine krankhafte Emotionserkennung und -verarbeitung geht mit einer veränderten Aktivität solcher Zentren einher. Die Erforschung der an den Emotionen beteiligten Hirnbezirke führt heute zu einem Bild komplexer miteinander kommunizierender neuronaler Netzwerke. Ihre allmähliche Entflechtung durch neue Methoden der Hirnforschung verspricht neue Ansätze zum Verständnis psychiatrischer Krankheiten und ihrer Therapie.

Was Emotionen sind

Emotionen sind Gemütsbewegungen und werden oft mit dem Begriff Affekt gleichgesetzt. Die Emotionalität gehört zum Bewusstsein des Menschen wie seine Körperlichkeit, Sexualität, Intellektualität und Spiritualität [1].

Emotionen lassen sich als Ergänzung oder Gegenpart des Verstandes ansehen. Im Gegensatz zum Verstand haben sie jedoch

  • einerseits unmittelbare Auswirkungen auf das eigene vegetative Nervensystem und führen – je nach Emotion – in mehr oder geringerem Grad zu Schwitzen, Erröten oder Blässe, schnellerem Herzschlag, weiten Pupillen, Stuhldrang oder trockenem Mund,
  • andererseits „ansteckende“ Auswirkungen auf Personen des engeren und auch weiteren Umfelds; über Medien erreichen sie heute Menschen weltweit und können sie beeinflussen.

Emotionen sind in hohem Grade ansteckend. Sie können kaum unterdrückt werden, am ehesten noch durch Ablenkung der Aufmerksamkeit vom Emotionsauslöser.

Vegetative Reaktionen als Begleitung von Emotionen

Charakteristischerweise werden Emotionen von vegetativen Reaktionen begleitet. Sie gehören damit zum klassischen Feld der Psychosomatik. Art und Ausprägung der Körperreaktionen werden hauptsächlich vom Sympathicus moduliert, und zwar sowohl bei angenehmen wie bei unangenehmen Emotionen [2].

Eine Methode, Emotionen in ihrer Stärke zu objektivieren, ist die Messung der begleitenden vegetativen Reaktionen [3], wie der Pupillenweite, der Hauttemperatur und der elektrischen Leitfähigkeit der Haut bzw. des Hautwiderstands.

Die Pupillenreaktionen sind bei negativen Emotionen ausgeprägter als bei positiven, was besonders gut bei Kindern und Jugendlichen feststellbar ist: Das Erleben der Not eines anderen Menschen und von aggressiven Szenen führt zur Pupillenerweiterung, die deutlich ausgeprägter ist als bei der Beobachtung von Freude [4]. Pupillenreaktionen sind bereits in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres nachweisbar [5].

Entwicklungsgeschichtliche Bedeutung von Emotionen

Entwicklungsgeschichtlich sind Emotionen sehr viel älter als der Verstand. Sie ermöglichen es, in den verschiedenen Lebenssituationen „ohne Nachdenken“ rasch und richtig zu reagieren. So stimmen sie beispielsweise den Körper bei Gefahr auf Flucht oder Verteidigung ein und führen dabei zu einem gleichsinnigen Gruppenverhalten; oder sie fördern bei Gefahrlosigkeit die Erholung. Negative ängstliche und wütende Signale haben dabei immer Vorrang vor den positiven: Testpersonen reagieren auf sie heftiger als auf glückliche [6].

Die Aktivitäten des Lebens, die sich auf ursprüngliche Verhaltensweisen von Selbstverteidigung, Territorialverteidigung, Nahrungserwerb, Fortpflanzung und Rangordnung zurückführen lassen, werden alle von starken Emotionen begleitet. Emotionen lassen sich wegen ihres Nutzens für Individuum und Gruppe unter evolutionären Gesichtspunkten betrachten. Es wird die Anschauung vertreten, dass sie zu einem vertieften Verständnis psychologischer Phänomene und psychiatrischer Krankheiten führen [7].

Die „emotionale Intelligenz“, in der die emotionalen Fähigkeiten eines Menschen zusammengefasst werden, sagt aus, wie gut er befähigt ist, Situationen über Gefühle einerseits zu erfassen und andererseits zum eigenem Vorteil oder zum Vorteil der Gruppe zu beeinflussen. Sie ist bei einzelnen Menschen unterschiedlich ausgeprägt und reicht von völliger Unfähigkeit, Emotionen zu erkennen und auszudrücken bis hin zu völlig unkontrollierter Emotionalität – was beides, evolutionär gesehen, dem Überleben nicht nützt.