Naltrexon

Naltrexon ist ein Opiodrezeptor-Antagonist (MORA), der zum Opiatentzug verwendet wird und auch effektiv Heroineffekte blockiert. Es kann oral und parenteral und zudem in Depot-Form verabreicht werden. Depot-Präparate (inkl. Implantate) finden zur Vermeidung einer Nonkompliance wegen Nebenwirkungen bei oraler Applikation Verwendung.


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Hormonelle Auswirkungen

Naltrexon aktiviert durch Blockade der zentralen Opioidrezeptoren die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse und ruft eine erhöhte Kortisol-Produktion hervor [1]. Auch Adrenocorticotropin, beta-Endorphin und Prolactin steigen an [2].

Nebenwirkungen

Nebenwirkungen von Naltrexon sind nicht selten. Im Vordergrund stehen Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen mit Übelkeit und Erbrechen, gesteigerte Erregbarkeit und Angstzustände.

Wenn Naltrexon bei Patienten angewendet wird, die aktuell noch unter Opiatwirkung stehen, können ein akutes Entzugssyndrom und Atemstörungen eintreten.

Unter Naltrexon kann es zu einer Erhöhung der Transaminasen und Einschränkung der Nierenwerte (Kreatinin, Kreatinin-Clearance) kommen.

Bei einer low-dose-Medikation, wie sie beispielsweise zur Behandlung des Ovarialkarzinoms oder zur Unterstützung des Alkoholentzugs eingesetzt wurde [3] (s.u.), werden jedoch keine wesentlichen Nebenwirkungen beschrieben.

Unter Naltrexon wirken Codein als Hustenmittel (Antitussivum) und Loperamid als Durchfallmittel (Antidiarrhoikum) nicht oder nicht zuverlässig; eine gleichzeitige Einnahme ist kontraindiziert.

Wirkungen

Wirkung beim Opiatentzug

Naltrexon führt zu einem signifikant verringerten Heroinverbrauch. Die Studien dazu sind allerdings nur klein. Wegen hoher Ausfälle bei der Behandlung mit unretardiertem Präparat durch Nebenwirkungen wurden Depotpräparate auf ihre Wirksamkeit geprüft. Eine Zusammenfassung der vorliegenden Studien 2008 besagte zunächst, dass die Beweislage nicht eindeutig und insgesamt unzureichend sei [4]. Neueren Untersuchungen zufolge reduzieren sie jedoch signifikant den Opioid-Verbrauch besonders wenn sie mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern oder GABA-Agonisten kombiniert werden [5]. Naltrexon soll nach erfolgreichem Entzug bei lang dauernder Applikation zu anhaltender Abstinenz beitragen, aber der Effekt sei gering [6].

Wirkung beim Alkoholentzug

Naltrexon wirkt in gewisser Weise auch beim akuten Alkoholentzug aber weitere Studien wurden gefordert [7]. Insbesondere die Gruppe schwerer regelmäßiger Trinker profitieren von Naltrexon [8]. Offenbar reichen sehr geringe Dosen von nur 0,25 mg/Tag für einen Effekt beim Entzug aus [9].

Es wird angenommen, dass Opioid-Antagonisten eine vielversprechende Behandlungsmöglichkeit Alkoholabhängiger darstellen [10]. Da bei Alkoholikern in der Phase des Entzugs die ACTH- und Cortisol-Spiegel abfallen, dieser Abfall aber durch Naltrexon verhindert wird, wird angenommen, dass die Stabilisierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (s.o.) durch Naltrexon dabei eine wesentliche Rolle spielt [11].

Therapie von Juckreiz

Anhaltender Juckreiz (Pruritus) kann die Lebensqualität erheblich einschränken. Naltrexon vermag ihn in vielen Fällen zu lindern [12]. Es kommt als Option speziell dann in Betracht, wenn Antihistaminika nicht wirken. Beispiele: Der Juckreiz bei der chronischen Cholestase (z. B. bei der PBC), der Urämie, der Systemsklerose und auch bei unklarer Ursache sprechen vielfach an. Mehr dazu siehe hier.

Therapie der Fibromyalgie

Naltrexon in niedriger Dosierung reduziert die Symptomatik bei Fibromyalgie, woran möglicherweise die Unterdrückung zentralnervöser Entzündungsmechanismen beteiligt ist. [13].

Therapie bei Multipler Sklerose

Naltrexon in niedriger Dosierung ist ein relativ breit angewendetes Medikament bei Patienten mit Multipler Sklerose. Es scheint die Lebensqualität und spastische Symptome zu verbessern [14][15], aber die statistische Signifikanz ist unzureichend [16].

Therapie bei Krebs

Ovarialkarzinom: Naltrexon in geringer Dosis reduziert die DNA-Synthese und Zellreplikation in Gewebekulturen von menschlichem Ovarialkarzinom. Die Kombination mit Taxol oder Cisplatin erhöht den Effekt. Im Mausmodell wird neben der DNA-Replikation auch die Angiogenese des Karzinoms reduziert. Möglicherweise eröffnet sich damit eine neue therapeutische Möglichkeit [17].

Andere Karzinome: In zwei Publikationen wird das Langzeitüberleben von Patienten mit Pankreaskarzinom ohne und mit Metastasen sowie einem B-Zell-Lymphom und Prostatakarzinom beschrieben, die mit Alpha-Liponsäure plus Naltrexon behandelt werden. Nach wenigen Monaten wurden bei zweien keine Tumore mehr gefunden [18][19]. Studien stehen aus.

 

Low-dose Naltrexon: Wesentlich für die antitumoröse Wirkung ist eine pulsatile und nicht eine kontinuierliche Applikation. In einer Arbeit an Zellkulturen wurde eine Zufuhr über 6 Stunden alle 2 Tage gewählt, was zu einer kurzzeitigen Unterdrückung und nachfolgenden reaktiven Hochregulierung des endogenen Opioidsystems mit seinen Rezeptoren inklusive dem Opioid-Wachstumsfaktor (OGF) und seinem Rezeptor (OGFr) führte. Folge war eine reduzierte DNA-Synthese und Zellreplikation [20]. OGF unterdrückt die Zellproliferation dosisabhängig und reversibel über eine verminderte RNA-Synthese [21].

Therapie von Cornealulcera

Zu den diabetischen Komplikationen gehören schlecht heilende Cornealdefekte, die zur Blindheit führen. Die lokale Applikation von Naltrexon führt zu einer beschleunigten DNA-Synthese und Reepithelialisierung und fördert damit die Heilung des Hornhautulkus [22]. Daraus lassen sich Hoffnungen für eine Therapie menschlicher Cornealdefekte bei diabetischer Keratopathie ableiten. Die Ursache dieser Wirkung liegt in der Blockade der Interaktion des Opioid-Wachsumsfaktors (OGF) mit seinem Rezeptor (OGFr) durch Naltrexon [23].


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Verweise

Literatur

  1. ? Biol Psychol. 2007 Mar;74(3):414-6
  2. ? Psychosom Med. 2004 Mar-Apr;66(2):198-206
  3. ? Exp Biol Med (Maywood). 2011 Jul 1;236(7):883-95
  4. ? Cochrane Database Syst Rev. 2008 Apr 16;(2):CD006140
  5. ? Subst Abuse Rehabil. 2011 Jun;2011(2):113-123
  6. ? Health Technol Assess. 2007 Feb;11(6):iii-iv, 1-85.
  7. ? Cochrane Database Syst Rev. 2005;(1):CD001867.
  8. ? Front Psychiatry. 2010 Oct 12;1:26
  9. ? J Stud Alcohol Drugs. 2011 May;72(3):507-13
  10. ? CNS Neurosci Ther. 2011 Dec;17(6):629-36
  11. ? Biol Psychiatry. 2006 Jul 1;60(1):74-6.
  12. ? J Am Acad Dermatol. 2010 Oct;63(4):680-8
  13. ? Pain Medicine. 2009;10(4):663–672
  14. ? Mult Scler. 2008 Sep;14(8):1076-83
  15. ? Ann Neurol. 2010 Aug;68(2):145-50
  16. ? Mult Scler. 2010 Aug;16(8):964-9
  17. ? Exp Biol Med (Maywood). 2011 Jul 1;236(7):883-95
  18. ? Integr Cancer Ther. 2006 Mar;5(1):83-9
  19. ? Integr Cancer Ther. 2009 Dec;8(4):416-22
  20. ? Exp Biol Med (Maywood). 2011 Jul 1;236(7):883-95
  21. ? Am J Physiol Regul Integr Comp Physiol. 2009 Jun;296(6):R1716-25
  22. ? Brain Res Bull. 2010 Feb 15;81(2-3):248-55
  23. ? Zagon IS, Sassani JW, McLaughlin PJ. Re-epithelialization of the rat cornea is accelerated by blockade of opioid receptors. Brain Res. 1998;798:254–260