Borreliose

Von Fachärzten verständlich geschrieben und wissenschaftlich überprüft

Die Borreliose (Lyme Krankheit) ist eine durch Zecken (Ixodes ricinus) übertragene bakterielle Infektion mit Multiorganbefall und bunter Symptomatik. Haupterreger ist Borrelia burgdorferi (auch: Borreliella burgdorferi).


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Das Wichtigste verständlich

Kurzgefasst
Die Borreliose (Lyme Krankheit) ist eine Multiorgankrankheit, die durch Bakterien (Borrelien) ausgelöst und durch Zecken übertragen wird. Es kommt primär zu einer Hautinfektion und anschließend zur Ausbreitung im gesamten Körper.

Zeckenbiss
Kleine Zecke, die nach einer kurzen, unbemerkten Wanderung auf der Haut eine Stelle zum Biss gefunden hat. Der Biss macht sich durch Juckreiz bemerkbar. Durch Aufsaugen des Bluts wird im Laufe der Zeit der Hinterleib groß und prall. Wenn in der Zecke bereits Borrelien vorhanden sind, vermehren sie sich in diesem Blut und gelangen dann über die Bisswunde in den Wirtskörper.

Symptome:Die Symptomatik ist bunt. Der Zeckenbiss juckt meist. Nach etwa 1-3 Wochen kann ein oft multilokuläres (an mehreren Stellen auftretendes) Erythema migrans (wandernde, scharf begrenzte Hautrötung) auftreten, zu einem Zeitpunkt, an dem man sich oft nicht mehr an einen Zeckenbiss erinnert. Danach kommt es zu einem Befall von Gelenken und inneren Organe inklusive dem Gehirn und dem Nervensystem.

Folgende Symptome und Beschwerden können besonders schwerwiegend sein:

  • rheumatische Symptome und Gelenkentzündungen: Lyme-Arthritis, Myositis,
  • neurologische Symptome: Neuroborreliose, Enzephalitis (Entzündung des Gehirns, Bannwarth-Syndrom), vielfältige Symptome wie Tremor, Krampfanfälle,
  • psychische Veränderungen:  von leichten kognitiven Störungen bis hin zu einer Depression oder psychotischen Symptomen, Halluzinationen, Schizophrenie u.a.
  • eine Herzbeteiligung mit Rhythmusstörungen und Herzinsuffizienz (Lyme-Karditis) im Vordergrund stehen.

Diagnostik: Die Diagnose stützt sich auf

  • die Beobachtung eines Zeckenbisses,
  • eine Biss-typische Hauteffloreszenz (Erythema migrans 1-3 Wochen nach Biss),
  • eine Borreliose-verdächtige Symptomatik (s. o., häufig Arthritis, Herzrhythmusstörungen ohne Vorgeschichte) und
  • serologische Untersuchungen (IgM-Antikörper).

Ein Nachweis von Borrelien-Antikörpern im IgM-Bereich spricht für eine frische Borrelieninfektion. IgM-AK (Immunglobulin-M-Antikörper) erscheinen etwa 7-10 Tage nach einer Infektion, solche im IgG-Bereich (IgG: Immunglobulin G) einige Zeit später. Sie sprechen für eine länger zurückliegende Infektion.

Behandlung: Die Therapie ist abhängig vom Stadium. Im Infektionsstadium wird eine 2- bis 3-wöchige Antibiotikatherapie (Doxicyclin, Amoxicillin und Ceftriaxon sind meist wirksam, Cefaclor nicht) durchgeführt. Für eine über 4 Wochen hinausgehende Therapie mit Antibiotika ist eine Wirksamkeit nicht erwiesen.

Entdeckung

Die Erstbeschreibung 1977 bezog sich auf Kinder in Connecticut (USA), bei denen ursprünglich die Diagnose einer juvenilen rheumatoiden Arthritis gestellt worden war, und bei denen sich dann eine Beteiligung auch anderer Organsysteme herausstellte. (1)Arthritis Rheum 1977; 20:7 (2)Ann Intern Med 1977; 86:685

Erreger

Erreger der Lyme-Borreliose ist die Spirochäte Borrelia burgdorferi (auch: Borelliella burgdorferi); seltener werden B. afzelii und B. garinii gefunden.

Verbreitung

Zecken, die Borrelien übertragen können, werden überall in Deutschland gefunden, insbesondere in ländlichen Gebieten (siehe auch hier).

Stadien

Die Lyme-Borreliose durchläuft verschiedene Stadien:

  • Stadium 1 einer frühen, noch lokalisierten Hautinfektion: frühes lokalisiertes Stadium: gerötete Bisswunde, Erythema migrans, noch ohne Allgemeinsymptome. Die Hauterscheinungen sind bei etwa 80% der Lyme-Patienten eruierbar und treten innerhalb des ersten Monats nach Zeckenbiss auf. Die Inkubationszeit beträgt 3 – 30 Tage, im Mittel 7 Tage.
  • Stadium 2 einer frühen Ausbreitung: frühes disseminiertes Stadium
    • nach einigen Tagen: Erythema migrans an verschiedenen Stellen. Die Multiplizität der Erytheme zeigt an, dass sich die Borrelien über die Blutbahn ausgebreitet haben (Bakteriämie).
    • Nach wenigen Wochen bis Monaten: Symptome durch Befall verschiedener Organsymptome, so z. B. kardiale Symptome (z. B. Herzrhythmusstörungen, Blockbilder im EKG) oder neurologische Symptome, Augensymptome wie Konjunctivitis (rel. häufig), Uveitis und Optikusneuritis (mit Visusverschlechterung, seltener).
  • Stadium 3, Spätstadium, Stadium der chronischen Infektion. Es dominieren Gelenkentzündungen und neurologische Symptome. Aber auch andere Organe und Funktionssysteme können betroffen sein. Der Verlauf kann chronisch schleichend oder schubweise zu einer Verschlechterung des Gesamtbefindens mit erheblicher allgemeiner Erschöpfung und Müdigkeit führen. Häufige Befunde betreffen:
    • schmerzhafte Gelenkschwellungen (Arthritis, in etwa 60%) wechselnder Lokalisation und Ausprägung (oft Monarthritis am Knie oder Oligoarthritis, meist keine Polyarthritis), manchmal wandernde Arthralgien.
    • zentralnervöse Symptome, psychotische Auffälligkeiten, Lähmungserscheinungen einzelner Nerven z. B. Facialislähmung (am häufigsten), Abduzenslähmung (Doppelbilder) und Polyneuropathie verschiedener Nerven als Zeichen einer Neuroborreliose, zudem Einschränkungen der Hirnleistungsfähigkeit im Sinne einer Enzephalopathie. Durch einen Lyme-Befall des zentralen Nervensystems ein schlaganfallartiges Bild entstehen, das sich durch eine multifokale zerebrale Vaskulitis mit Blutungen und Störungen der Blutversorgung erklärt. (3)J Child Neurol. 2014 Oct 14. pii: 0883073814552104 (4)Scand J Infect Dis. 2014 Oct 24:1-6  (5)Psychiatr Pol. 2019 Jun 30;53(3):641-653. English, Polish. doi: 10.12740/PP/92556.
    • Hautmanifestationen: Die Acrodermatitis chronica atrophicans kann sehr verzögert, bis zu 8 Jahre nach der Infektion in Erscheinung treten. Betroffen sind häufiger Frauen über 40J. Die Hautmanifestationen werden hauptsächlich durch Borrelia afzelii hervorgerufen: sie beginnen mit bläulich-rötlicher, livider Verfärbung; später entwickelt sich eine sklerosierende Atrophie mit schuppiger dünner Haut; meist sind die Streckseiten der Extremitäten, z. B. Unterschenkel oder Handrücken, betroffen.

Klinische Symptome und Diagnosestellung

Voraussetzung für die Diagnose einer Borreliose ist ein Aufenthalt in einem Endemiegebiet. Ein Zeckenbiss selbst ist, wenn erst Spätfolgen zum Arzt führen, oft nicht mehr erinnerlich. Wichtig ist daher ein sofortiger Arztbesuch, besonders wenn nach einem Zeckenbiss eine lokale entzündliche Rötung der Haut auftritt.

  • Stadium 1: Die klinische Diagnose der Lyme-Borreliose gründet sich im Anfangsstadium auf die charakteristische Hauterscheinung eines Erythema migrans, das sich um einen Zeckenbiss herum scharfrandig und mit einem typischen roten Halo ausbreitet; der rote Halo entsteht durch eine Abblassung im Zentrum des Erythems. Vielfach finden sich begleitend Müdigkeit, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen (Myalgien) und Gelenkschmerzen (Arthralgien, ähnlich grippalen Symptomen), seltener Appetitlosigkeit, Fieber und schmerzhafte regionale Lymphknotenvergrößerungen. Auch können atypische neurologische Symptome auftreten: in einem Fall wurde eine akute Verwirrtheit fälschlicherweise als Alzheimer-Demenz verdächtigt und erst durch eine Liquorpunktion und Nachweis von CXCL13 (Marker) als akute Borreliose erkannt. (6) 2018 Feb;9(2):415-417. doi: 10.1016/j.ttbdis.2017.12.008. Die häufigen grippeähnlichen Arthralgien im Stadium 1 sind nicht zu verwechseln mit der Lyme-Arthritis im Stadium 3! Im Anfangsstadium kann die Borreliose-Serologie noch negativ sein; sie ist nur in 20-40% der Frühfälle positiv. In diesem Stadium kann auf eine Serologie verzichtet werden; die Therapie sollte in jedem Fall begonnen werden, insbesondere, da die erstauftretenden IgM-Antikörper erst nach etwa 7-10 Tagen nachweisbar werden. Eine frühzeitige antibiotische Therapie kann jedoch eine Serokonversion (Bildung von Antikörpern) verhindern, so dass später eine stattgehabte Infektion nicht mehr bewiesen werden kann.
  • Stadium 2: Der Verdacht auf eine Borreliose sollte bei folgenden Symptomen aufkommen:
    • Hautbefunde: mehrere scharf begrenzte und wandernde Hautrötungen (Erythema migrans an mehreren Stellen),
    • Befunde einer Neuroradikulitis (Bannwarth-Syndrom):
      • Lichtempfindlichkeit, Kopfschmerzen, Fieber (lymphozytäre Meningitis: Lumbalpunktion!),
      • Schläfrigkeit, Somnolenz (durch eine Enzephalomyelitis),
      • Paraesthesien bis Schmerzen entlang eines oder mehrerer Nerven (wegen motorischer oder sensorischer radikulärer Neuropathie) häufig mit Facialislähmung, seltener mit Abducenslähmung,
    • neu aufgetretene Herzrhythmusstörungen oder Blockbilder im EKG (z. B. av-Block)
      auftreten.
    • In diesem späteren Stadium, wenn also neu aufgetretene Herzrhythmusstörung oder neurologische Symptome abgeklärt werden müssen, sollte an eine frühe disseminierten Borreliose mit Spirochäten-Aussaat über die Blutbahn gedacht werden. In diesem Fall sollte nach einem Zeckenbiss und einem sich ausbreitenden und wandernden oder springenden (an verschiedenen Orten aufflammenden und wieder vergehenden) Erythem (Hautrötung) gefragt werden, was die Verdachtsdiagnose unterstützen würde. Der Verdacht wird durch eine stark positive Borrelien-Serologie (IgG-Antikörper) im Blut und ggf. auch im Liquor bestärkt (s.u.).
  • Stadium 3: das Spätstadium einer chronischen Infektion, auch als chronisches Lyme-Syndrom bezeichnet, ist meist durch eine Mono- oder Oligoarthritis gekennzeichnet. Oft finden sich zudem Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Rhythmusstörungen des Herzens, sowie Allgemeinsymptome wie Abgeschlagenheit, Nachtschweiß, Reizbarkeit und Schlafstörungen. Auch neurologische und psychiatrische Symptome können auftreten  (s. o.). (7)BMC Fam Pract. 2014 May 1;15:79. doi: 10.1186/1471-2296-15-79

Bei der serologischen Untersuchung finden sich IgG-Antikörper gegen Borrelien, die die Diagnose unterstützen. Da die Antikörper bei allgemein angeregter Immunlage auch unspezifisch mitreagieren können, ist eine alleinige serologische Diagnosestellung ohne zusätzliche anamnestische Angaben, die auf eine Borrelieninfektion hindeuten, und ein Aufenthalt in einem Endemiegebiet nicht möglich (s.u.).

Differenzialdiagnosen

Zur Erklärung der organspezifischen Symptome kommen die jeweiligen Differenzialdiagnosen (s. o.) in Betracht.

Die Abgrenzung einer Borreliose im chronischen Stadium von einer Fibromyalgie ist bei Beschwerden des Bewegungsapparats gelegentlich schwierig. Muskuloskelettale Beschwerden mit schmerzhaften Triggerpunkten nahe Muskelansätzen und Gelenken sowie Müdigkeit ohne Entzündungszeichen weisen auf eine Fibromyalgie. Bei Nachweis von Entzündungszeichen kommt dagegen eine Borreliose in Betracht.

Serologie

Die Borreliose-Serologie unterstützt die Diagnose, kann sie jedoch alleine genommen nicht begründen (s. o.). Daher wird eine Borreliosetestung bei fehlendem oder nur schwachem Verdacht aufgrund einer hinweisenden Anamnese und klinischen Befund von manchen Autoren als nicht gerechtfertigt angesehen. Andere führen jedoch an, dass in wenigen Fällen eine in der Anfangszeit asymptomatische Borreliose später in eine symptomatische chronische Borreliose wandelt; sie nehmen eine Serokonversion als Anlass zu einer Therapie (s. u.).

Als Nachweismethoden dienen meist ein ELISA (enzyme-linked immunosorbent assay) und ein Western Blot. Der ELISA ist wegen unspezifischer Mitreaktion des Immunsystems bei Stimulation und kreuzreagierender Antikörper gelegentlich falsch positiv; der Western Blot dient der Bestätigung.

Eine frühzeitige antibiotische Therapie im frühen lokalisierten Stadium kann eine Serokonversion verhindern.

Bei beidseitiger Facialislähmung oder einer ungeklärten Monarthritis kann ein hoch positiver Antikörpernachweis die Diagnose einer Borreliose stark unterstützen.

Eine serologische Kontrolle des Verlaufs einer Borreliose kann keinen Hinweis auf den Erfolg einer Therapie geben und ist nicht erforderlich.

Therapie der Borreliose

  • Stadium 1, frühe lokalisierte Borreliose (Erythema migrans): Doxycyclin (2 x 100 mg für 3 Wochen) ist in der Regel das Antibiotikum der Wahl; es ist ebenso wirksam wie Ceftriaxon (2g iv. für 2 Wochen, z. B. Rocephin, Cefotrix). Eine 10- bis 14-tägige Doxicyclin-Therapie scheint den gleichen Erfolg zu haben wie eine 3-wöchige (8)Ann Intern Med 2003; 138:697 (9)Clin Infect Dis 2010; 50:512. Die Heilungsrate wird mit über 85% beschrieben (10)N Engl J Med 1997; 337:289. Amoxicillin (3 x 500 mg) und Cefuroxim (2 x 500 mg) sind praktisch ebenso wirksam. Erst-Generations-Cephalosporine wie Cefazolin oder Cefaclor sind nicht gegen Borreliose wirksam! Zu beachten ist, dass Tetracycline bei Kindern unter 8 Jahren kontraindiziert sind.
  • Stadium 2, Stadium der frühen Ausbreitung:
    • Bei geringer Generalisierung: Doxycyclin (2 x 100 mg für 3 Wochen) gilt als wirksam, selbst wenn eine Facialislähmung vorliegt (11)Clin Infect Dis 1999; 28:569. Auch Cephtriaxon (nur iv.-Applikation) kann eingesetzt werden. Selbst wenn die Symptomatik bereits nach wenigen Tagen verschwindet, sollte die Therapiedauer eingehalten werden, um einem Relaps und einer Progression zum Stadium 3 möglichst gut vorzubeugen. In seltenen Fällen kommt es bei Patienten mit multiplem Erythema nodosum nach Therapiebeginn zu einer Jarisch-Herxheimer-Reaction, bei der es durch massiven Bakterienuntergang zu einer Symptomverschlechterung kommt.
    • Bei ausgeprägter Generalisierung mit neurologischer und kardialer Beteiligung: Hier werden Penicillin iv., Ceftriaxon und Cefotaxim als etwa gleichwertig empfohlen, aber auch Doxycyclin ist Penicillin gleichwertig und kann auch bei einer Meningitis zur Heilung führen (12)Clin Infect Dis 1999; 28:569. Empfohlen wird meist jedoch eine Therapie mit Cephtriaxon (13)Clin Infect Dis 2006; 43:1089. Als Therapiedauer werden vielfach 2 Wochen empfohlen (14)Neurology 1994; 44:1203 (15)Arch Neurol 1989; 46:1190. Bei einem neu aufgetretenen Block im EKG bei einer Lyme-Karditis wird Ceftriaxon bis zum Verschwinden des Blocks oder für 3 Wochen empfohlen (Dosierung s.o.). Manche Symptome wie Kopf- und Gliederschmerzen bessern sich gelegentlich erst Wochen bis Monate nach Therapieende; solche nachhinkenden Beschwerden werden als Post-Borreliose-Syndrom oder Post-Lyme-Syndrom zusammengefasst. Bezüglich der Therapie einer Neuroborreliose siehe hier.
  • Stadium 3, chronische Borrelieninfektion: Für die Lyme-Arthritis wird Doxycyclin für 1 Monat empfohlen, alternativ Amoxicillin oder Ceftriaxon. Für die Kombination aus Lyme-Arthritis und neurologischen Symptomen haben sich in einer Studie Ceftriaxon (4 x 4g/d) für 14 Tage bewährt (16)Lancet 1988; 1:1191. In einer Studie an Patienten mit Lyme-Enzephalopathie und Polyneuropathie hat Ceftriaxon (2g/d über 14 Tage) zu einer Verbesserung in über 60% geführt. In einer weiteren Studie besserte sich die Encephalopathie-Symptomatik mit 2g Ceftriaxon über 30 Tage bei 14 von 15 Patienten, gemessen 6 Monate nach der Therapie (17)J Infect Dis 1999; 180:377. Wegen der oft resistenten Symptomatik, die zum Teil einem Post-Lyme-Syndrom zuzuschreiben und von ihm nicht immer sicher zu unterscheiden ist, resignieren viele behandelnden Ärzte, und die Patienten leiden unter Zukunftsängsten und mangelnder psychischer Unterstützung. (18)BMC Fam Pract. 2014 May 1;15:79. doi: 10.1186/1471-2296-15-79

Cave: Die Dosierungsangaben gelten für Erwachsene. Dosierungen dürfen nicht ungeprüft übernommen werden! Doxycyclin darf nicht bei Schwangeren und Kindern unter 8 Jahren angewendet werden.

Therapie bei symptomloser Serokonversion

Gelegentlich wird eine Serokonversion (ELISA-Test positiv) ohne gleichzeitige Anamnese oder klinische Symptomatik einer Borreliose festgestellt. Der ELISA sollte durch den Western-Blot bestätigt werden; ist er positiv, handelt es sich um eine Borrelien-Infektion. In diesem Fall kann angenommen werden, dass der Zeckenbiss nicht bemerkt und dass eine passagere Anfangssymptomatik nicht eindrücklich genug verlaufen oder als grippaler Infekt fehlinterpretiert worden sein könnte. So kommt es, dass gelegentlich Patienten mit einer Borreliose Stadium 3 erstdiagnostiziert werden, die anscheinend in den Stadien 1 und 2 symptomlos oder symptomarm waren. Man spricht von einer asymptomatischen Infektion; sie betrifft etwa 10% der Borreliosen (19)Clin Infect Dis 2003; 37:528. Aus dieser Konstellation wird abgeleitet, dass auch eine symptomlose Serokonversion Anlass für eine vorbeugende Therapie sein sollte (z. B. Doxycyclin oder Amoxicillin für 3-4 Wochen).

Therapieversagen und Post-Lyme-Syndrom

Bei der Behandlung der Lyme-Borreliose ist mit Resistenzen gegen die wirksamen Antibiotika nicht zu rechnen (20)Antimicrob Agents Chemother 2005; 49:1294. Ein Therapieversagen ist damit am ehesten mit einer mangelhaften Compliance bei der Einnahme oder anderen Gründen, wie einem Post-Lyme-Syndrom, erklärbar. Dennoch werden vielfach anhaltende Symptome als Therapieversagen fehlinterpretiert.

Auch wenn die Therapie der frühen Lyme-Borreliose erfolgreich ist, bessern sich manche Symptome wie Kopf- und Gliederschmerzen gelegentlich erst Wochen bis Monate nach Therapieende oder gar nicht mehr völlig. Dies gilt auch für eine anhaltende Synovitis nach erfolgreich behandelter Lyme-Arthritis (21)Med Clin North Am 1997; 81:179. Solche „nachhinkenden“ Beschwerden werden als Post-Borreliose-Syndrom oder Post-Lyme-Syndrom zusammengefasst. Sie belegen nicht ein Therapieversagen, sondern verschwinden oft nach etwa 6 Monaten ohne weitere Antibiose (22)Ann Intern Med 1983; 99:22. Antibiotika helfen bei einem Post-Lyme-Syndom nicht (23)N Engl J Med 2001; 345:85. Die Behandlung des Post-Lyme-Syndroms konzentriert sich auf die Beherrschung der Symptomatik und eine gute psychische Führung; Antibiotika verbessern die Symptomatik nicht. (24)Clin Infect Dis. 2007 Jul 15;45(2):143-8 (25)Infect Dis Clin North Am. 2008 Jun;22(2):341-60

Verlängerte Antibiotikatherapie bei anhaltenden Beschwerden unwirksam

Die Behandlung einer Lyme-Borreliose führt trotz Wirksamkeit bzgl. Eliminierung der Erreger oft nicht zur Beschwerdefreiheit. Gesamtprävalenz anhaltender Symptome betrug in einer Studie 27,2%; allerdings lag sie damit nur gering höher (6%) als in der Vergleichsgruppe. (26)Lancet Reg Health Eur. 2021 May 27;6:100142. DOI: 10.1016/j.lanepe.2021.100142

Eine häufige Frage betrifft die Dauer der Antibiotikatherapie, wenn die Lyme-Symptome anhalten. Eine Studie besagt, dass etwa 1200 Patienten mit einer mittleren Symptomdauer von 2,7 Jahren, die zu etwa 90% bereits eine Antibiotikatherapie hinter sich hatten, von einer intensiven Behandlung mit Ceftriaxon für 14 Tage geringfügig profitierten (Anhebung des PCS-Scores von ca. 32 auf ca. 35), nicht jedoch von einer Verlängerung der Antibiose durch Doxicyclin oder Clarithromycin-Hydrochloroquin für weitere 12 Wochen (27)N Engl J Med 2016; 374:1209-1220.

Neue Entwicklungen

Hygromycin: Die Lyme-Borreliose lässt sich möglicherweise ausrotten. Jetzt wurde Hygromycin wiederentdeckt. Es ist ein Antibiotikum aus der Natur, produziert vom Bodenkeim Streptomyces hygroscopicus. Es wirkt selektiv gegen Borreliella burgdorferi, den Erreger der Lyme-Krankheit. Da Darmkeime nicht beeinflusst werden, ist Hygromycin für Mensch und Tier gut verträglich. Tiere, die als Wirte der Borrelien dienen, wie Ratten und Mäuse, könnten über präparierte Köder borrelienfrei gemacht werden; Zecken könnten die Krankheit dann nicht mehr übertragen. Auch ließe sich mit diesem Mittel die menschliche Borreliose nebenwirkungsfrei behandeln. (28)Cell. 2021 Oct 14;184(21):5405-5418.e16. DOI: 10.1016/j.cell.2021.09.011 . Epub 2021 Oct 6. PMID: … Continue reading

Impfung: Eine Impfmöglichkeit (LYMErix) gab es bereits 1998. Eine Studie ergab damals eine Effektivität von 76%. Die Herstellung des Impfstoffs wurde wegen Falschmeldungen bzgl. Nebenwirkungen und mangelnder Nachfrage ab 2002 nicht weiter verfolgt. Jetzt ergab eine neue „case control study“ (real-world setting) nach 3 Dosen eine gute Verträglichkeit und eine Effektivität von 71%. Da inzwischen ein deutlicher Anstieg der Infektionen verzeichnet wird, hat die Impfung nun möglicherweise eine neue Chance. (29)Open Forum Infect Dis. 2021 Apr 17;8(8):ofab142. DOI: 10.1093/ofid/ofab142 . PMID: 34409119; PMCID: … Continue reading

Chronische Lyme-Krankheit

Die Existenz einer chronischen Borreliose wird immer wieder in Zweifel gezogen. Bei einer verlängerten Symptomatik wird oft auf die Möglichkeit einer Zweitkrankheit durch Zeckenübertragung hingewiesen. Speziell in Australien sollen eine Babesiasis und eine Bartonella-Krankheit zusammen mit einer Borreliose vorkommen (30)Int J Gen Med. 2011;4:845-52, die für eine verlängerte Symptomatik verantwortlich sein sollen. Eine Zusammenstellung von Literaturdaten jedoch unterstützen nicht die Vermutung, dass ansonsten atypische durch Zecken übertragene Krankheiten bei einer verlängerten Lyme-Symptomatik eine Rolle spielen. (31)Am J Med. 2014 Jun 11. pii: S0002-9343(14)00476-8

Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass Borrelien bei einer chronischen Neuroborreliose eine Rolle spielen, da NapA, ein Borrelien-Faktor, die die Erregerpersistenz in Zecken fördert, auch bei der Neuroborreliose mit verlängerter Symptomatik im Liquor nachweisbar ist. Er fördert über den Treg-Pathway (Angriff an den regulatorischen T-Lymphozyten) die Immununterdrückung im Liquor. Daher wird ein neuer therapeutischer Ansatz postuliert, der NapA und diesen Pathway zum Ziel hat. (32)Int J Immunopathol Pharmacol. 2013 Oct-Dec;26(4):907-15

Borreliose und Schwangerschaft

Infizierte Schwangere sollten wie oben beschrieben therapiert werden. Mit einem Schaden für den Fetus durch die Borreliose muss bei suffizienter Behandlung offenbar nicht gerechnet werden. Bei fehlender oder unzureichender Behandlung allerdings wurden tödliche Ausgänge für das Kind beschrieben. Dabei kam es zu einer Transmission des Bakteriums von der Mutter auf das Kind. Eine Assoziation zwischen positiver Borrelien-Serologie der Mutter und einem Kindsschaden konnte jedoch nicht gefunden werden. (33)Infect Dis Obstet Gynecol. 1995; 3(6): 256–261

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Verweise



Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).


Literatur

Literatur
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