Vitamin-B1-Mangel

Von Fachärzten verständlich geschrieben und wissenschaftlich überprüft

Ein Vitamin-B1-Mangel (Thiaminmangel) führt zu Nerven- und Muskelschäden. Er tritt ein, wenn die tägliche Aufnahme über einige Zeit deutlich unter 1 mg/Tag liegt. Der körpereigene Vorrat an Vitamin B1 reicht etwa 2-3 Wochen lang. Ein Mangel an Thiamin ist ein großes Problem in Entwicklungsländern, so in Afrika und Südostasien, in denen Hunger vorherrscht. 1)Nutr Health. 2019 Jun;25(2):127-151. DOI: 10.1177/0260106019830847. In westlichen Ländern ist Alkoholabusus einer der Hauptursachen.

Zu Vitamin B1 (Vorkommen, Bedarf etc.) siehe hier.


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Ursachen

Zu einem Thiaminmangel kann es aus folgenden Ursachen kommen:

  • einseitige oder mangelhafte Ernährung, besonders in Ländern der dritten Welt,
  • eine Dünndarmkrankheit,. Dünndarmkrankheiten, bei denen die Resorption von Thiamin eingeschränkt ist, wie die Sprue, der seltene Morbus Whipple oder ein Kurzdarmsyndrom,
  • Alkoholabusus,
  • Chemotherapie mit 5-FU (5-Fluorouracil) 2)J Korean Med Sci. 2009 Aug;24(4):747-50
  • Eine Hyperemesis gravidarum (hartnäckiges Schwangerschaftserbrechen) kann in seltenen Fällen zu einem Vitamin-B1-Mangel führen. 3)J Neurol Sci. 2009 Sep 15;284(1-2):214-6
  • Bariatrische Chirurgie: Eine bakterielle Überwucherung des Dünndarms nach einer gastrischen Bypassoperation zur Gewichtsreduktion wurde für einen Thiaminmangel verantwortlich gemacht. 4)Nutr Res. 2008 May;28(5):293-8 Nach Operationen zur Gewichtsreduktion ist eine Enzephalopathie durch Thiaminmangel (Wernicke Enzephalopathie) eine seltene, aber beachtenswerte Komplikation. 5)Am J Gastroenterol. 2008 Jun;103(6):1575-7
  • Thiaminmangel in Zusatznahrung (Beispiel Fall einer speziellen Kindernahrung in Israel 2003 6)Pediatrics. 2005 Feb;115(2):e233-8 ) oder bei parenteraler Ernährung ohne ausreichenden Vitaminzusatz. 7)Pediatrics. 1998 Jan;101(1):E10

Klinisches Bild

Der Thiaminmangel führt zu einem bunten klinischen Bild. Klinische Symptome zeigen eine potentiell lebensbedrohliche Situation an. Die Hauptsymptome eines Thiaminmangels betreffen:

  • das Nervensystem mit Polyneuropathie, Ataxie, Apathie, Gedächtnisstörungen, Verwirrtheit (Wernicke-Enzephalopathie) und Korsakow-Psychose, 8)Lancet Neurol. 2007 May;6(5):442-55
  • muskuläre Schwäche
    • am Herzen (Herzinsuffizienz mit Ödemen und Lungenstauung) und
    • an der Skelettmuskulatur (Myopathie, Schwäche der Wadenmuskulatur als Frühzeichen) und an der Augenmuskulatur (mit der Folge von Doppelbildern, zuerst erkennbar beim Seitwärtssehen, dabei oft Nystagmus).
  • eine Neigung zur Laktatazidose.

Das klinische Vollbild des Thiaminmangels ist die Beriberi-Krankeit.

Diagnostik

  • Symptomatik: Das klinische Bild (siehe oben) im Zusammenhang mit der Anamnese führt meist schon auf den Verdacht eines Thiaminmangels. Das typische Bild einer Wernicke-Enzephalopathie umfasst eine Ataxie, sakkadierte Sprache, Doppelbilder (seitwärts sehen lassen) und eine Verwirrtheit.
  • MRT des Gehirns: Die zerebrale Schädigung bei ausgeprägtem Vitamin-B1-Mangel kann im MRT erkannt werden: man findet Veränderungen am dorsomedialen Nucleus des Thalamus, der periaquäduktalen grauen Substanz und an den Corpora mamillaria.  9) AJR Am J Roentgenol. 2009 Feb;192(2):501-8

Substitution

Vorbeugend werden bei Patienten mit einem Risiko für einen B1-Mangel meist 100 mg Thiamin verabreicht.

Bei Mangelerscheinungen wird Thiamin (meist zusammen mit anderen B-Vitaminen) im akuten Stadium intravenös oder intramuskulär, später oral substituiert, bei einer enteralen Resorptionsstörung immer parenteral. Bei einem akuten Wernicke-Korsakow-Syndrom werden Dosen um oder über 200 mg/Tag verwendet. Eine Hypervitaminose ist nicht bekannt.

In „low-income“-Ländern ist eine flächendeckende Thiamin-Substituierung durch staatliche Programme eine wichtiger Beitrag zur allgemeinen Gesundheit. 10)Ann N Y Acad Sci. 2021 Aug;1498(1):29-45. DOI: 10.1111/nyas.14565.

Verweise

 


Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).


 


Literatur

Literatur
1 Nutr Health. 2019 Jun;25(2):127-151. DOI: 10.1177/0260106019830847.
2 J Korean Med Sci. 2009 Aug;24(4):747-50
3 J Neurol Sci. 2009 Sep 15;284(1-2):214-6
4 Nutr Res. 2008 May;28(5):293-8
5 Am J Gastroenterol. 2008 Jun;103(6):1575-7
6 Pediatrics. 2005 Feb;115(2):e233-8
7 Pediatrics. 1998 Jan;101(1):E10
8 Lancet Neurol. 2007 May;6(5):442-55
9 AJR Am J Roentgenol. 2009 Feb;192(2):501-8
10 Ann N Y Acad Sci. 2021 Aug;1498(1):29-45. DOI: 10.1111/nyas.14565.