Grippemittel

Grippemittel sollen einer Infektion mit Grippeviren vorbeugen oder den Krankheitsverlauf der Influenza abschwächen. Auf dem Markt befinden sich Oseltamivir (Tamiflu® von Roche) und Zanamivir (Relenza® von GlaxoSmithKline), die beide die Virusneuraminidase hemmen. Unspezifisch wirkende Mittel zur Symptommilderung gehören nicht zu Grippemitteln im engeren Sinn.

Grundlagen

Die echte Grippe (Influenza) ist eine Viruskrankheit, die sich wiederkehrend weltweit epidemisch (pandemisch) ausbreitet. Die Viren zeichnen sich durch eine hohe Mutationsrate aus, so dass sie durch Typwechsel dem Immunsystem immer wieder entkommen und trotz Impfung in Abständen immer wiederkehrend eine mehr oder weniger heftige Grippewelle auslösen können. Impfungen sind typenspezifisch und bewirken nicht gegen alle Mutanten einen Schutz.

Allen Viren ist gemeinsam, dass sie über die Wirkung einer viruseigenen Neuraminidase, einem Enzym, das die Schleimhäute für die Virusinvasion angreifbar macht, in den Körper eindringen sowie nach ihrer intrazellulären Vermehrung die infizierten Zellen wieder verlassen können. Eine Hemmung dieser zentralen Schritte einer Infektion wäre, so die Hypothese, ein Durchbruch in der Bekämpfung der Pandemie, der für alle Typen der Influenzaviren wirksam wäre.

Die beiden auf dem Markt befindlichen Grippemittel Oseltamivir (Tamiflu®) und Zanamivir (Relenza®) bewirken eine Hemmung der Virusneuraminidase. Sie sollen dadurch den Körper vor einer Virusinvasion schützen und den Grippeverlauf abschwächen. Die von den Herstellerfirmen propagierte Wirksamkeit hat zu einem erheblichen Umsatz geführt, der in den letzten Jahren trotz skeptischer Stimmen zunahm. Die Angst vor der Schweinegrippe 2009 ließ den Umsatz sogar „explodieren“.

Studienergebnisse

Inzwischen ist eine Reihe von Studien zur Wirksamkeit beider Grippemittel erschienen, die meisten von pharmazeutischen Firmen gesponsort. Ihre Ergebnisse sind von unabhängigen Wissenschaftlern in Corrane-Zusammenfassungen 2012 und 2014 und in einer systematischen Studienauswertung 2013 gewertet worden.

Cochrane-Beurteilung 2012

Die Cochrane-Beurteilung der Studien zu Neuraminidasehemmern 2012 besagt, dass Oseltamivir und Zanamivir eine nur mäßige Verkürzung der Krankheitsdauer einer Grippe bei Kindern bewirkt, wobei die Studien nur relativ klein waren und nicht miteinander verglichen werden konnten. Oseltamivir verminderte die Häufigkeit einer akuten Mittelohrentzündung bei Kindern zwischen 1-5 Jahren, hatte aber als Nebenwirkung eine beträchtliche Steigerung des Risikos für Erbrechen. Aussagen zur Vorbeugung schwerwiegender Komplikationen, wie einer Lungenentzündung (Pneumonie), oder zur Krankenhauseinweisung bei Risikogruppen waren nicht möglich [1].

Studienauswertung 2013

Unter den vielen veröffentlichten Studien wurden 9 eine hohe Qualität bescheinigt. Die Wirksamkeit der beiden Neuraminidase-Inhibitoren zur Grippeprophylaxe wurde zwischen 64% und 92% und die absolute Reduktion des Gripperisikos wurde zwischen 1,2 und 12,1% gefunden. Befunde zur Reduktion von Antibiotika waren uneinheitlich. Oseltamivir-Studien berichteten über Übelkeit, Erbrechen und Durchfall als signifikante Nebenwirkungen; Zanamivir-Studien berichteten dagegen über keine solche Nebenwirkungen. Es wird aus allen Ergebnissen geschlussfolgert, dass das Risiko einer Virus-Resistenz, die Nebenwirkungen und die Kosten den geringen Vorteil von Oseltamivir oder Zanamivir bei gesunden Personen übersteigen. Zudem wurden auch keine relevanten Vorteile bezüglich von Komplikationen von Risikopatienten nachgewiesen [2].

Cochrane-Beurteilung 2014

Die Cochrane-Beurteilung der Studien zu Neuraminidasehemmern 2014 besagt, dass Oseltamivir und Zanamivir nur geringe und unspezifische Effekte auf die Minderung der Grippesymptome bei Erwachsenen und Kindern aufweisen. Oseltamivir reduzierte die Zeit bis zur ersten Symptomlinderung um 16,8 Stunden von 7 auf 6,3 Tage. Zanamivir reduzierte diese Zeit um 0,60 Tage. Oseltamivir hatte keinen Einfluus auf die Rate von Krankenhauseinweisungen. Weder Oseltamivir nonch Zanamivir reduzierten die Rate schwerwiegender Komplikationen, auch nicht die einer radiologisch verifizierten Pneumonie. Für Zanamivir wurde eine signifikante Reduktion des Risikos einer Bronchitis bei Erwachsenen beschrieben (um 1,8%), nicht dagegen für Oseltamivir. Beide Substanzen reduzierten nicht das Risiko einer Mittelohrentzündung (Otitis media). Eine Infektionsprophylaxe mit Oseltamivir reduzierte das Risiko einer symptomatischen Grippe um 3,05%, Zanamivir um 1,98%. Für Oseltamivir wurden beachtenswerte Nebenwirkungen festgestellt: bei Erwachsenen eine Erhöhung des Risikos für Übelkeit, Erbrechen (um 4%) und psychiatrische Symptome und bei Kindern für Erbrechen. Diese Nebenwirkungen waren für Zanamivir, das schlechter resorbiert wird, geringer. Die Autoren raten zusammenfassend zu einer sorgsamen Abwägung zwischen Vorteil und Nebenwirkungen und bemerken zum Schluss, dass der von den Herstellern angegebene Influenzavirus-spezifische Wirkmechanismus nicht zur klinischen Wirksamkeit passt [3].

Oseltamivir – Metaanalyse von Studien

Oseltamivir beschleunigt laut einer Metaanalyse von Studien bei Erwachsenen mit Grippe die Besserung klinischer Symptome [4]. Es senkt den Antibiotikaverbrauch von 8,7% auf 4,9% und die Krankenhauseinweisungen von 1,7% auf 0,6%. Dagegen stieg die Wahrscheinlichkeit für Übelkeit von 6,2% auf 9,9% und von Erbrechen von 3,3% auf 8,0% an. Neurologische oder psychiatrische Nebenwirkungen wurden nicht berichtet.

Verweise

Literatur

  1. ? Cochrane Database Syst Rev. 2012 Jan 18;1:CD002744
  2. ? PLoS One. 2013;8(4):e60348.
  3. ? Cochrane Database Syst Rev. 2014 Apr 10;4:CD008965
  4. ? Lancet. 2015 Jan 29. pii: S0140-6736(14)62449-1. doi: 10.1016/S0140-6736(14)62449-1.