Ärztliche Hilfe in Darfur 02

Von Fachärzten verständlich geschrieben und wissenschaftlich überprüft
Ausschnitt aus Berichten von Dr. Dieter Stracke über seine
Erfahrungen im Rahmen seiner ärztlichen Tätigkeit in Darfur 2005/6.
Die politischen Gegebenheiten haben sich seither erheblich geändert.

 


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Teil 2

Mail vom 02.12.05

… Alles, was ich schreibe, hat also einen sehr subjektiven Charakter.

Darfur:

Die derzeitige Situation ist nur zu verstehen, wenn man die Geschichte der
Region einbezieht. Seit Urzeiten hat es hier wechselnde Herrschaft gegeben,
wobei Ägypten am unteren Nil und lokale Stämme sich ablösten. Alle Wechsel wurden durch Kriege verursacht. Auch die Engl. Kolonisation hat im Sinne einer indirekten Administration sich eigentlich nur auf die momentan
Herrschenden gestützt, wobei sie gelegentlich selbst in Bedrängnis gerieten. Seit der Sudanesischen Unabhängigkeit hat sich das nicht
geändert. Die derzeitige Situation ist also eine Gemengelage von lokalen
Stammesfehden (Landrechte, Durchzugsrechte für Nomaden, Wasserzugänge,
Zwangsvertreibungen in Sudan – sog. IDP in Camps, die natürlich Land zur
Bewirtschaftung brauchen), darüber hinaus nicht ganz durchsichtige
Interessen der Regierung gegen lokale Rebellen (SLA/M = Sudanese Liberation
Army/Movement) – das führt zu einem Flickenteppich von Machtgebieten mit
kriegerischer Auseinandersetzung an sehr schwammigen Grenzen -, und externe
Interessen – UNO, AU (im Auftrag der UNO als Beobachter, kein Einsatzmandat, sehr wenig Truppen, die von beiden Seiten beschuldigt werden, jeweils der anderen Seite zu dienen), ökonomische Interessen (Öl, Tschad – Libyen Ausdehnung seines Einflusses).

Das Land hat so gut wie keine Infrastruktur. Nach Nyala geht eine
Eisenbahnlinie, auf der alle 14 Tage ein Zug von Khartoum verkehrt – insch
Allah. Die Strassen sind Sandpisten in der Trockenzeit und grundlose
Matschpisten in der Regenzeit. Die Orte haben keine Elektrizität außer
hier und da Generatoren, keine Wasserleitungen, kein Abwassersystem. Wasser
wird aus Bohrlöchern gefördert, in der Regenzeit wird auch Oberflächenwasser genutzt – Durchfallerkrankungen!!! Das Wasser wird von den Bohrlöchern in größeren Orten in provisorische Tanks gespeichert und aus Zapfstellen in Plastikkanistern in die Grundstücke getragen, bzw. auf Eseln oder Eselskarren transportiert, teilweise Über stundenlange Entfernungen. Die Bohrlöcher werden ausschließlich von NGOs … betrieben. Gelegentlich sind auch staatl. Hilfen zu sehen, wie hier die Italien. Regierung. Die kümmern sich aber nicht wirklich, da sie einfach bohren ohne Rücksicht auf vorhandene Löcher (sie graben anderen das Wasser ab!), oder sie bohren, wo es kein Wasser gibt.

Statt Abwasser gibt es Latrinen, Löcher mit korbartiger Abstützung und
Plastikabdeckung mit Schlitzloch zum Hocken. Wenn sie voll sind, wird ein
neues Loch gegraben. Die anderen Abfälle werden teils vergraben, teils
einfach auf die Strasse gekippt, wo sie durch das dort lagernde Vieh – Kühe und Esel und Kamele, recykelt werden. Die Plastiktüten und Coladosen
verbleiben im Strassendreck. Insgesamt ein komprimiertes Bild zwischen
Völkerwanderung, Mittelalter und zartem Überzug aus Neuzeit (Cola,
Cassettenrekorder, NGOs mit Notebooks, Solaranlagen, Sat-Telefon und
Autos). Statt Golf wird hier Esel genutzt, statt Van und LKW der Eselskarren und das Kamel. Frauen und Männer tragen lange luftige Gewänder, die Frauen Schleier über dem Kopf, die Männer Turbane aus langen Stoffstreifen, die wie die Schleier auch zum Schutz vor Staub und Regen vor das Gesicht geschlungen werden.

Muhajariya:

Muhajariya ist nicht, wie ich im 1. Brief schrieb, 50 km von Nyala entfernt, sondern knapp 120 km. Mea culpa! Der Ort hat mit den beiden IDP Camps ca. 45.000 Einwohner. Mittwochs kommen weitere 10 -20.000 zum Markt. Die sog. Strassen sind etwa 10 m breit und schachbrettartig angeordnet, die
Grundstücke an den Strassen sind rechtwinklig. Die Einfriedung ist in der
Regel harter Rohrmattenzaun, nach außen mit Dornengestrüpp gesichert,
damit das Vieh keine Zerstörungen anrichtet. Die reicheren Leute haben auch
Steinmauern mit Blechtoren.

Meist sind im Compound, wie bei uns, nur Rundhütten, Durchm. ca 5 – 6 m, Einganghöhe ca 1,30 m. Gelegentlich sind die Hütten gemauert (bei uns sind 2 von 15 so) der Rest hat Wände aus Matten. Der sandige Boden ist mit Matten ausgelegt, statt einer Türe gibt es ein Laken. Wir haben ein Bett mit Matratze und Moskitonetz, das ich auch seit gestern benutze, da es doch noch irgendwoher Moskitos gibt. Ein kleines Regal für die Wäsche, eine Leine für Handtuch, ein Plastikstuhl.

Außerdem gibt es im Compound ein festes Gebäude für 2 kleine Offices, … Verwaltung unseres Projektes … Dafür ist Paul unser PC (= Projektcoordinator) und Jonathan unser Logistiker verantwortlich. Wir sind mit … mit Radio verbunden und Satelitentelefon. Zweimal pro Tag werden alle sicherheitsrelevanten Tatsachen (PKW – LKW Bewegungen zwischen Orten, Zahl der Expats im Compound, geplante Bewegungen, Vorkommnisse mit militärischem Hintergrund usw) ausgetauscht, Vertrauliches über Sat. Unser Essen wird von 3 fröhlichen Sudanesinnen bereitet, mehr oder weniger ähnlich jeden Tag (Reis, Nudeln, Gemüse, gehacktes Fleisch, Tomaten – Zwiebel – Gewürz Salat). Jonathan sorgt für Frischobst, alkohofreies Bier, Cola, 7 Up, Schokolade und andere Leckereien, sowie für die anderen Notwendigkeiten wie Klopapier, Zahnpasta, Tampons, Sonnencreme und was sonst noch gebraucht wird. Es gibt einen Kochplatz, einen Essplatz – offene Strohdächer, sogar einen tiefen Bunker (letztes Jahr wurde ein Nachbarort von Regierungshubschraubern bombardiert. Wir haben Wasser -chloriniert – in hochgestellten Fässern zum Waschen, Trinkwasser wird gekocht und gefiltert und gekühlt. Geduscht wird im flachen Betonbecken mit Abfluss in eine Sickergrube in dem man sich Wasser mit dem Eimer über den Körper schüttet. Eine Wohltat! Abends sitzen wir unter dem strahlenden Sternenhimmel, die Unterhaltung ist für mich noch immer schwierig: zum einen habe ich Hörprobleme, zum anderen Sprachprobleme allgemein (mein Englisch ist nicht das Beste) und speziell (die Engländer haben ihren Spezialslang). Trotzdem verstehen wir uns gut. Außerdem habe ich noch ausreichend Lektüre und schöne Musik auf dem MP3.

Medizin in Muha:

… In HC – Primary health care clinics: Erstuntersuchungen, Behandlung von Durchfallerkrankungen – die jetzt seltener sind, Behandlung und Vorbeugung epidemieartiger Erkrankungen – Masernimpfungen, In THC – Therapeutic feeding center oder SFC – Supplementary feeding center: Ernährung der Kinder insb. unter 5 years. Da wir hier ein altes Health Center mit Bettenkapazität haben, wird auch Chirurgie angeboten, eigentlich nur fuer den Notfall (Verletzungen, Abszesse, geb.hilfliche Notfaelle). Nun gibt es auch durchaus elektive Probleme, die ich hier versuche zu loesen. Denn wohin soll eine Frau mit einer 10 Ltr. Ovarailzyste gehen? Sie hat schlicht Angst die lange Reise nach Nyala zu unternehmen, da sie zum falschen Stamm gehört. So gibt es eigentlich immer etwas zu tun. Lipome, Atherome, Fremdkörpergranulome, ing. Hernien.

Und dann die absoluten Notfälle: Vor 1 Woche kamen nacheinander 27 Schussverletzte aus einem 3 Std. mit Landrover entfernten Dorf, 7 Schussbrüche, 3 abdominelle Verletzungen, 1 mit totalem Heraushängen des Dünndarms über mehr als 12 Stdn. viele Weichteilverletzungen. D.h. Triage, zuerst die absoluten Notfälle (1 Brust und Bauchschuss, starb leider nach 1 Tag wg. Blutverlust), dann der Junge mit seinem heraushängenden Darm, der an einigen Stellen durchschossen war, ihm geht es heute erstaunlich gut. ein 3. Bauch(pat.) ist uns verstorben an einer unerkannten retroperitonealen Blutung). Dann die Frakturen, zunächst nur Revision und 1. Debridement (Säuberung), Stabilisierung im Streckverband oder Gips. Das Team war unglaublich: obwohl Feiertag waren alle binnen 10 Minuten da und haben von 10:00 morgens bis nachts um 1:30 mitgespielt. Auch die anderen … waren Klasse, Roshina, die engl. Ärztin – leider ist ihr Vertrag zu Ende – hielt mir den Rücken frei mit den anderen Dingen in der Station, Verordnungen usw. und blieb bis zum Schluss, die Logistiker und
Paul sorgten für den materiellen Nachschub aus dem Store und für Getränke
und halfen, wo sie konnten.

Drei Tage später hatten wir ein mobiles Operationsteam von … – ein liebenswerter Chirurg, 1 Anästhesist, 2 Pfleger – hier, die bei den Schussbrüchen ein weiteres Debridement unter Narkose durchführten und mit besseren Schienen eine bessere Extension und Lagerung für die nächsten 6 – 8 Wochen vorbereiteten. Nebenbei hat er noch, da er einen guten Anästhesisten bei sich hatte, ein Neugeborenes operiert, das ich mich nicht getraut habe (nur Ketamin!!) mit Passagestörung des Darms. Heraus kam eine 10 cm Atresie (nicht-Anlage) des prox. Dünndarms. Die Anastomose funktioniert bis jetzt, der kleine Bursche scheint zäh zu sein, obwohl er nur 1700 gm wiegt. Vor 3 Tagen kamen nachts wieder 4 Schussverletzte, eine mit Kopfdurchschuss, bewusstlos, sie wird sterben. 1 Oberschenkelschussbruch, ihm geht es ganz ordentlich und 2 Bauchdurchschüsse, wieder mit mehrfachen Darmverletzungen. Auch ihnen scheint es recht gut zu gehen. Da diesmal der Druck nicht so groß war, habe ich wesentlich ausgiebiger und sorgfältiger exploriert, damit war aber die ganze Nacht zum Tag geworden. Und wieder der große Einsatz aller, die sichtbare Zufriedenheit über den Erfolg.

Ich will aufhören mit den Schilderungen, denn ich möchte nicht mit meinen
Leistungen prahlen, sondern einfach nur zeigen, wie die Lage hier ist, warum ich hier bin, warum ich zufriedener als zuvor bin, dass die Leute alle unwahrscheinlich dankbar sind für jede Hilfe.

Der Grund für die Schiessereien: Die erste entstand nach einer Informationsveranstaltung, bei der die Männer für eine Miliz geworben werden sollten gegen die SLA. Da sie geschlossen ablehnten, wurde die Versammlung – offenbar geplant – nachts überfallen und von allen Seiten beschossen. Mehr als 8 Tote sind erst gar nicht zu uns gekommen. Bei der 2. Gelegenheit wurde ein Dorf von Djandjawidh – Räubern auf Pferden und Kamelen angegriffen, das Vieh weggetrieben. Viele Verletzte konnten nicht geborgen werden und starben, die Strasse zu uns – 4 Std. Landroverfahrt – war nur nachts aus Sicherheitsgründen befahrbar.

Mein Empfinden:
Ich fühle mich im Team und der Umgebung recht geborgen. Die Leute sind
ausgesprochen freundlich und höflich. Wir können hier alles offen liegen
lassen – natürlich sitzt am Compoundeingang ein Wachmann -, bisher ist noch
nichts weggekommen. Offensichtlich besteht – was Eigentum angeht – hier ein
großes Ehrgefühl. Auch die Fürsorge untereinander, die Zuwendung der
Schwestern und Pfleger zu den Patienten, zu den Kindern, ist extrem gut. Das hilft sehr. In einem der IDP Camps leben Dinkas aus dem Süd-Sudan. Sie sind Christen (r. kath.), sie haben regelmäßig Gottesdienst, wenn der Priester aus Nyala kommt. Niemand behindert sie hier und sie fühlen sich sicher. Die Beziehungen zwischen dem Norden und dem Süden sind unter internat. Druck und dem Friedensabkommen deutlich besser, besonders da die dortige SPLA mit eingebunden ist in die derzeitige Regierung. Nun hoffen alle, dass für Dafur ein ähnliches Abkommen erreicht werden kann. Meine Müdigkeit der letzten Tage kann ich jetzt ausschlafen, die holl. Schwester Geke ist wieder da – sie war eine Woche zur Erholung in Khartoum. Nächste Woche wird noch ein engl. Arzt – Jim – kommen, so dass dann auch
wieder mobile Clinics in die Dörfer fahren können.

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