Ärztliche Hilfe in Liberia 03

Von Fachärzten verständlich geschrieben und wissenschaftlich überprüft
Ausschnitt aus Berichten von Dr. Dieter Stracke über seine
Erfahrungen im Rahmen seiner ärztlichen Tätigkeit in Liberia

 


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Teil 3

Mail vom 25.02.07

Die Zeit geht sehr schnell vorbei, da hier – bei der friedlichen Situation – viel mehr Abwechslung ist. Da ist der ziemlich große Wechsel im Hospital Team. Die Teamchefin Asuncion – Span. – hat ihren Vertrag beendet, jetzt haben wir Anna, eine Amerikanerin. Die Hebamme Natalia – Argentinierin – beendet heute ihren Aufenthalt hier, dafür ist Catherine, Canadierin, aber in Californien lebend, seit einer Woche hier. Sie musste sich sehr hart in die vielfältigen Aufgaben einarbeiten, die Natalia aufgebaut hat: Maternity = Entbindungsstation überwachen mit den vielen Hebammen und Entbindungen, die Schwangerenvorsorge, die Nachsorge, das PMTCT = prevention of mother to child transfer (HIV) – Programm, die ganzen Statistiken und Dokumentationen. Außerdem kam heute – 25.2.07 – noch ein Kenianischer Mitarbeiter, James, der die Pharmacy = das medizin. Lager mit Geräten, Medikamenten und allem, was so ein Hosp. braucht, organisieren soll. Während noch bis vor einer Woche die vorherrschende Sprache Spanisch, bzw. Spanisch gefärbtes Englisch war, ist jetzt das Amerikanische Englisch die Kommunikation.

Die Wechsel bringen sog. Abschiedsparties mit sich, meist Restaurantbesuche mit Abendessen und Unterhaltung in voll klimatisierten Etablissements, die mir nicht so ganz liegen, da eine Menge Volk dort gastiert, die nicht so ganz meine Wellenlänge sind. Ich gehe davon aus, dass dort auch viele Geschäfte im inoffiziellen Ökonomiebereich getätigt werden, wobei auch die Mitarbeiter Internat. Organisationen durchaus daran beteiligt sein dürften.
Gestern hat sich der Head of Mission = Leiter der von msf Spanien/Schweiz in Liberia betriebenen Projekte sehr überraschend verabschiedet. Er geht jetzt in den Nordirak. Er hatte mir das schon vorher erzählt, dass er nicht so ganz glücklich hier war. Er hat … in vielen Krisenregionen wie Afghanistan, Somalia, Südsudan und anderswo gearbeitet, ist ein sehr unternehmungslustiger Mensch, der seine Umwelt immer mit lokalen Mitteln erforscht und schon viel erlebt hat. Er ist Deutscher, früher einmal Pfleger, aber jetzt fest im “Humanitären Geschäft” … verankert. Ihm liegt nicht das diplomatische zähe Verhandeln mit den manchmal nervtötenden Methoden der Afrikaner um die notwendige baldmögliche Übernahme der Projekte hier zu betreiben. Wer nach ihm kommt, steht noch nicht fest.

… es gibt halt eben eine Menge Probleme… Da ist erstens das Problem der Kostenübernahme für die Behandlung der Patienten. In unserem Hospital ist die Behandlung frei, in den anderen Einrichtungen müssen die Behandlungen bezahlt werden. Wird nun ein Patient in ein anderes Hospital von uns verlegt, zahlt … die Kosten. Das ist ungerecht gegenüber denen, die von uns zur Behandlung nicht angenommen werden, da sie entweder keine Notfälle sind, oder nicht ins Programm passen (z.B. Nicht-Schwangere mit HIV) und denen wir dann sagen müssen, geht da und dort hin, aber bezahlen müsst ihr selbst.

Oder zweitens mein ureigenes Problem: Ich kann hier unbeschränkt gynäkologisch und geburtshilflich tätig sein, aber die vielen Abszesse und Infektionen und Osteomyelitiden bei den Kindern auf Kinderstation, oder die chirurg. Probleme der Frauen kann ich nicht behandeln, da Benson Hospital eben nur ein Mother and Child Hospital ist und eben auch nur das gemacht wird. ….

Das dritte Problem ist, dass eben wegen der freien Behandlung und der Qualität – wie ich hoffe – wir fast überlaufen sind, d.h. gar nicht so ohne weiteres hier zumachen können. Das freut natürlich den Gesundheitsminister, der sich um die Probleme zunächst einmal nicht kümmern muss. Doch in weiterer Sicht ist es eher kontraproduktiv, da verhindert wird, dass sich Liberia selbst Gedanken macht.

Für mich hat das alles eigentlich wenig Bedeutung, denn ich ahnte, was hier auf mich wartete. Ich beschränke mich auf die unmittelbare Patientinnenbetreuung. Und das ist sehr befriedigend, besonders wenn man bei schwieriger Voraussetzung einer Frau, die schon viele Kinder verloren hat – durch Totgeburten wg. einer Schwangerschaftstoxikose – Präeklampsie oder Eklampsie, die hier sehr häufig sind, oder wg. vorgeburtlicher Blutung bei tiefer Plazenta (sehr häufig bei Vielfachgebährenden) – zu einem gesunden kräftig schreienden Kind verhelfen kann. Veronika, die Deutsche Gynäkologin, hat die gleiche Einstellung. Wir arbeiten und helfen den Patientinnen, so gut wir können, und das sind nicht wenige, das Andere registrieren wir, lassen uns aber nicht dadurch zu sehr irritieren.

… Am Straßenrand sind viele Schilder, die zu den verschiedenen Kirchen einladen. Es ist alles hier vertreten. Sicher sind auch fragwürdige Sekten dabei. Aber aus allen diesen Kirchen kommen intensive Gesänge, viele Menschen und in den meisten werden auch unter der Woche Gottesdienste gehalten. Es fällt mir schwer, auf Fragen nach dem Glaubensleben in Deutschland zu antworten. Die Erklärungen klingen so triste und sind für die Menschen hier absolut nicht nachvollziehbar. Leere Kirchen und Gottesdienste, lahmer Gesang, müde Predigten rufen nur ungläubiges Staunen hervor. Glauben ist hier keine Privatsache, jeder spricht frei darüber. Neulich hatten wir eine Sectio und dabei stand ein Schüler, der zum ersten Mal so etwas sah. Ich sagte zu ihm: Hier kannst Du sehen, wie schwer es für die Frauen ist, die Kinder zu bekommen, die wir Männer so schnell verursachen. Die Springschwester meinte ganz trocken hinter mir: Halleluya, praise the Lord, he is speaking the truth.

Leider hat die Liberianische Kollegin, die einige Jahre hier mitgearbeitet hat, uns verlassen, so dass wir uns die Hintergrunddienste nun zu zweit teilen. Doch da andere Institutionen existieren und erreicht werden können, ist im Team beschlossen worden, dass wir am Sonntag nicht operieren und Notfälle verlegen.

Unser Tag sieht etwa so aus:

Der Wecker geht um 6:30, dann Morgentoilette und Frühstück, für mich noch eine kurze Zeit der Stille. Aufbruch zum Hosp. um 7:30 und Fahrt durch den immer noch faszinierenden Frühverkehr. Ein Teil der Strasse ist – trotz Schlaglöcher – vierspurig. Die langsameren fahren links, die schnelleren überholen unbefangen rechts, obwohl einem da häufiger auch Motorräder oder sogar Autos entgegenkommen, oder eben die Taxis mal kurz halten und jemanden ein- oder aussteigen zu lassen. An einigen Abzweigungen stehen morgens und abends auch Verkehrspolizisten.

Im Hospital geht dann jeder zu seiner Station, Veronika und ich bringen erst unsere Taschen ins Büro in den 2. Stock, gehen dann zur Gyn. Station und erkundigen uns nach den Neuigkeiten. Das sind meist einige Aufnahmen mit Fehlgeburt, auch fremdinduzierte Aborte, oder Frauen mit allen Zeichen einer Entzündung im kleinen Becken. Die sind meist nüchtern und werden erst einmal mit Ultraschall untersucht und die Indikation zur Ausschabung – Curettage gestellt. Das sind zwischen 2 und 8 Patientinnen. Danach kommen die Frauen von der Antenatal-Sprechstunde, wobei bei fortgeschrittenen Schwangerschaften die ungefähre Schwagerschaftswoche mit Messen von Kopfdurchmesser und Oberschenkellänge und Bauchumfang festgestellt … und die kindliche Herztätigkeit kontrolliert wird. Einer von uns geht dann in den Op. um die Curettagen oder auch andere Notfall-Ops. wie extrauterine Schwangerschaften, Adnexabszesse, Uterusperforationen bei illegalem Abort oder eben auch eine Sectio zu machen. Der Andere macht dann die Visite mit, die eigentlich von einem Liberian. superwiser, einem PA = Physician Assistant (eine Ausbildung, die wir nicht kennen) durchgeführt wird. Doch da müssen wir sehr aufpassen, denn denen fehlt einfach das Wissen, jede Patientin individuell zu beurteilen.

Lunch gibt es im Hospital, oben in der Admin. Etage. Nachmittags geht es weiter, Veronika kümmert sich viel um die Schulungen und die Dokumentationen, sie ist dann auch oft im SGBW um ärztliche Bescheinigungen über die medizin. Folgen von Missbrauch zu schreiben, ich kümmere mich mehr ums Handwerk und meine eigene Dokumentation und Neuaufnahmen im ER = Emergency room (Notfallambulanz).

Vergangene Woche hat Veronika die Evaluation der Mitarbeiter mit den Superwisern weitgehend abgeschlossen. Dabei werden in einer strukturierten Befragung mit den Betreffenden unter 6 Augen ihre Stärken, ihre Schwächen und die weitere Entwicklung für das nächste ½ Jahr – oder auch nur für 2 Monate – besprochen. Ich werde mich da kaum einmischen, da ich nicht lange genug hier sein werde. Veronika macht das auch nur in Vertretung von Daniel, unserem Span. Med. Leiter des Hosp., der die Hosp. Organisation im Ärztlichen Sektor unter sich hat.

Meist können wir so gegen 17:00 nach Coco Bay, unserem Domizil zurückfahren.

Da wir beide auch genug während der Nachtdienste zu tun haben – ich hatte in der Nacht von Freitag auf Samstag zwei Sectiones zu machen, da die Frauen ein zu enges Becken und auch schon eine Sectio vorher hatten – hat jeder von uns jeden zweiten Samstag frei (wenn nicht zu viel im Hospital los ist). Diesmal konnte ich den Samstag sehr genießen mit Ausruhen, Briefe schreiben, Lesen. Heute waren wir länger am Strand und haben das schöne warme Atlantikwasser genossen. …

Ich hoffe, Ihr bekommt durch die Erzählungen einen kleinen Einblick, auch wenn es sehr subjektive Eindrücke sind. Es gibt sicher Wichtigeres von Liberia zu erzählen, doch da bin ich noch zu wenig informiert. Wenn es irgend geht, will ich auch noch einmal ins Landesinnere. Ich weiß nur nicht, wie ich das anstellen kann. Mal sehen.

 

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