Ärztliche Hilfe in Sri Lanka 03

Von Fachärzten verständlich geschrieben und wissenschaftlich überprüft
Ausschnitt aus Berichten von Dr. Dieter Stracke über seine
Erfahrungen im Rahmen seiner ärztlichen Tätigkeit in Sri Lanka.

Inzwischen haben sich die politischen Verhältnisse geändert.

 

 


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Teil 3

Mail vom 17.5.2008

Zunächst Dank an alle, die sich gemeldet haben. Ich hoffe, ich habe allen geantwortet. Wenn nicht, dann nicht verzweifeln, sondern noch einmal schreiben. Ihr macht mir damit eine Freude.

Bald habe ich die Hälfte meines Einsatzes hinter mir, die Zeit vergeht, und … der Frühling ist mit Macht angekommen. Hier im Norden Sri Lankas ist es die ganze Zeit gleichmäßig heiß und feucht, allerdings nicht so schlimm wie in Colombo. Aber es weht ein Wind, der immer mal wieder ein wenig Kühlung bringt, besonders in den Morgenstunden. In der 1. Woche war der Wind besonders heftig, das waren die Ausläufer des Taifuns, der Birma so verwüstete. Da Myanmar so wenig bereit ist, Visa zu vergeben für Helfer, ist Anne aus Colombo, deren Visum für das Land noch gültig war, dorthin geflogen, um … dort zu unterstützen. Sie musste ihren Pablo dazu unterbringen, ich glaube, er ist zurzeit in Frankreich. …

In meinem Tagesablauf hat sich eine Routine eingespielt, die durch unsere Tätigkeiten vorgegeben wird. Da ich merkwürdigerweise hier zu den Frühaufstehern gehöre – meine engere Familie wird sich wundern – (doch es ist bei immer weit offenen Türen und Fenstern nachts hier an einer Straße von Point Pedro Zentrum nach Jaffna, auf der schon um 5:00 die ersten laut hupenden Busse und Lastwagen vorbeikommen, recht laut), habe ich morgens Zeit, um in die „Gänge“ zu kommen. Der 1. Gang in die Küche, dort wird Kaffeewasser aufgesetzt, der 2. ins Bad zu einer kalten Dusche, die bei der Wärme dann eher angenehm ist. Dann ein karges Frühstück mit Cornflakes oder Müsli und Bananen. In der Zwischenzeit kommen die anderen nacheinander aus ihren Zimmern, mehr oder weniger gesprächig. Ich ziehe mich dann für eine ½ h in mein Zimmer für eine Stille mit mir und den Losungen zurück. Das tut meiner Seele sehr gut. …

Anschließend gehe ich mit einem Übersetzer – meist Nehru – zum Hospital über einen kleinen Feldweg. Er erzählt mir auch immer etwas über Land und Leute. In Bezug auf die Kriegssituation ist er – wie alle hier – eher zurückhaltend. Die Tamilen fühlen sich hier von den Singhalesen „besetzt“. Allerdings sind sie auch nicht ganz glücklich über die „Tigers“, die LTTE. Gerade wurde eine Tamilische Sekretärin einer Tamilenpartei, die mit der Regierung zusammen arbeitet, während eines Besuches bei ihren Eltern in der Nähe von Unbekannten erschossen. Waren es Sympathisanten der LTTE, waren es Regierungsleute, die nur die Spannung erhöhen wollen? So geschehen immer wieder merkwürdige Dinge über die natürlich viele Gerüchte kursieren: z.B. explodierte in der Nähe eines Studentenheims auf dem Unicampus eine Granate – keine Toten und Verletzte! -, und anschließend wurde das Heim militärisch durchsucht. Eigentlich geht das nur mit Genehmigung des Dekans, oder eben im Notfall. War nun das ein echter Notfall oder ein „getürkter“ Notfall, um endlich einmal in dem lange schon verdächtigten Heim eine Razzia machen zu können?

Im Hospital hänge ich meinen Beutel mit den wichtigsten Utensilien (Papiere, Notfallgeld) im Op. an einen Haken, stelle meine Wasserflasche in einen Kühlschrank, nehme mein Stethoskop um den Hals, und gehe mit dem Übersetzer zur Männerstation zur Visite. Dort warten bereits der Stationsarzt und die Schwester und die Pfleger. Von den vielen Betten sind nur die Hälfte belegt, dazu später mehr. Der Stationsarzt stellt mir sehr genau die Patienten vor, jeden Morgen neu, mit kurzer Vorgeschichte, Aufnahme- und aktuellem Befund und derzeit laufender Behandlung. Allerdings sind bei vielen Aufnahmen über Nacht so gut wie keine Diagnosen fest gemacht worden, die Erstbehandlung wird eher Symptom-bezogen begonnen. Dazu muss man feststellen, dass alle Ärzte hier, sofort nach ihrem Studium und einer eher schlechten praktischen Weiterbildung im sog. Internship, ins kalte Wasser geworfen werden und nur wir 4 … Fachärzte für eine Anleitung zur Verfügung stehen. Dem entsprechend ist dann die Visite zugleich Weiterbildung am Krankenbett. Bei den chirurg. Patienten handelt es sich einerseits um eine nicht ganz kleine Anzahl, die in tätliche Auseinandersetzungen verwickelt werden, und die dann ohne Rücksicht auf die Schwere der Verletzung nach Einbruch der Dunkelheit stationär aufgenommen werden, damit am nächsten Morgen durch die Hospitalverwaltung die Polizei für weitere Entscheidungen benachrichtigt werden kann. Dann gibt es eine ganz große Anzahl von Menschen mit infizierten Wunden, besonders der Beine, oder mit infizierten Atheromen und sonstigen Abszessen und nicht zu vergessen die Diabetiker mit ihren Fußproblemen. Der Diabetes mell. wird meist mit oralen Medikamenten eingestellt, da die wenigsten Menschen einen Kühlschrank haben, um Insulin wirksam zu halten, und die Einstellung wird in wechselnden Abständen allein mit Urinzuckermessungen durchgeführt. Die Folge: viele relativ junge Menschen mit vernarbten oder vereiterten Füßen und anderen Diabetes-Komplikationen. Wir versuchen diese durch Bettruhe, Wundmanagement, vorübergehende Insulineinstellung, Nekrosenentfernungen usw. in einen besseren Zustand zu bringen, und schicken sie dann nach Jaffna in ein orthopädisches Hilfszentrum von ICRC (Internat. Comitee of the Red Cross), wo sie mit orthopädischem Schuhwerk versorgt werden.

Nach der Visite dort geht es zur Frauenstation, in der auch die „Chirurg.“ Kinder liegen. Dort ist in etwa das gleiche Klientel. Danach gibt es immer einige Patienten zu begutachten, die als ambulante Patienten von den einheimischen Ärzten, den MO’s (Medical Officers) behandelt werden. Um 9:00 – 9:30 geht es dann zum OT (Operation theatre). Wenn ein kleines Programm zustande gekommen ist, wird es abgearbeitet. Ansonsten werden auch dort ambulante Patienten versorgt, Wunden genäht, Frakturen gegipst, komplexere Verbände gemacht. Gelegentlich untersuche ich Patienten im Sono-Raum. Allerdings ist das Gerät nicht gerade das Beste, um nicht zu sagen: es ist grottenschlecht!

Mehr zu den Patienten: Die Diagnostischen Möglichkeiten für eine gute Bauch- und Strumachirurgie fehlen. Sono siehe oben, Endoskopie fehlt, auch der Gastroenterologe. Genauso fehlen der Röntgenologe und eine gute Röntgenmaschine. Es gibt nur ein mobiles Gerät ohne Buckytisch, nicht stark genug den Schädel, oder das Becken, oder auch nur die WS einigermaßen beurteilen zu können, von Kontrastuntersuchungen ganz zu schweigen.

Die Chirurgie ist also Basischirurgie von der Diagnostik her. Gelegentlich sind Hernien zu reparieren, kleinere Tumoren, Ganglien und chronisch infizierte Bursen, Abszesse. Aber auch 2 Gallenblasen habe ich schon entfernt (1 mal Steine, 1 mal akut infiziert). Die Frakturen werden weitgehend konservativ behandelt, Instrumente für interne Stabilisierung fehlen. Eine offene Unterschenkelfraktur habe ich mit einem recht merkwürdigen Fix. ext. der Franzosen stabilisiert, der wenig flexibel ist und bei dem man 3 mal um die Ecke denken muss. Dem Patienten geht es gut, ich habe ihn stationär behalten, da ich nicht will, das durch schlechte Pflege der Wunden und Pin-Eintritte die Fraktur septisch wird. Auch die postop. Nachsorge ist natürlich problematisch, weshalb die Anästhesisten sich mit Recht weigern, kritische Fälle, die länger einer Nachbehandlung bedürfen, und bei denen Komplikationen erwartet werden können, hier zu anästhesieren.

Sehr viele Patienten kommen in Folge familiär häuslicher Gewalt. Bei den Hindus mehr als den anderen Religionsgruppen wird offensichtlich viel Bier und Raki getrunken, und dann geht es zwischen Mann und Frau, Mann und Mann und Frau und Frau zur Sache. Ein Wunder, dass nur selten Schädelfrakturen auftreten, denn es werden richtig starke Holzprügel benutzt. Natalie hat in ihrem Emergency Room viel mit suizidalen Vergiftungen zu tun: Paracetamol-Überdosierungen, andere Medikamente, Pflanzenschutzmittel, Ungeziefervernichtungsmittel, Erhängen. Eine gute Erklärung für das alles hat niemand hier. Die Tamilen sagen uns: Das ist der Hinduismus, andere sagen, es sind der Krieg und die Folgen. Dazu muss man wissen: Die ökonomische Lage ist schlecht. Viele Felder liegen brach, obwohl sie fruchtbar sind, da die Produkte nicht verkauft werden können. Die Straßen nach Süden sind zu, der Luft- und Seeweg zu teuer. Es gibt nur wenig Jobs, dafür viel Arbeitslosigkeit mit recht gutem Bildungsniveau. Nehru ist zum Beispiel Pharmacist, andere unserer guards haben Hochschulreife. Jeder versucht nach Süden zu entkommen. Doch auch dort ist die Situation nicht viel besser. Dazu kommen viele kardiale und pulmonale Notfälle, die meist weitergeleitet werden nach Stabilisierung. Auch Schlangenbisse und Skorpionstiche sind nicht selten – mit lokalen und systemischen Folgen. Nachmittags gehe ich meist nur einmal kurz ins Hospital. Dafür dokumentiere ich meine wenigen Fälle und anderes, und ich versuche Ablaufprotokolle für Routineprozeduren zu entwickeln: Verbände, prä- und postop. Behandlung, Wundversorgung, offene Frakturen.

Dienstags ist Sprechstunde Chirurgie. Dann kommen etwa 50 Patienten, von denen ich gut 15 – 20 zu sehen bekomme. Viel Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen, Bodypain. Es ist wie in vielen Krisengebieten – soziale Brennpunkte in Deutschland sind nicht anders -: viele psychosomatische Beschwerden.

Zu abendlichen Konsultationen werden wir mit der Ambulanz die 300m geholt aus Sicherheitsgründen, damit die Soldaten auf den Straßen nicht unruhig werden. Nachts habe ich allerdings noch nicht operieren müssen, das kommt gelegentlich in der Geburtshilfe vor.

Abends gehen die jungen Leute hier zum Badminton spielen. Auf dem Hospital Gelände befindet sich ein Platz, der sogar beleuchtet ist. Wir spielen dort immer Doppel, mit viel Spaß und wenig professionell. Der Wind ist ein heimtückischer Mitspieler, manchmal kommt der cock sogar zum Spieler zurück oder er fliegt einfach zur Seite weg. doch bis 19:30 dürfen wir, dann müssen wir zu Hause sein.

Mittagessen wird uns hier im Haus bereitet, immer mit „heißem“ Geschmack, aber auch eher Europäischen Beilagen. Mir ist es gut genug, den Anderen auch. Abends wechselt es mehr. Rita, die Chefin legt Wert darauf, dass wir sowohl mittags wie auch abends zusammen essen. Und das ist gut, denn wir haben dann recht lebhafte Gespräche und der Kontakt ist gut. Danach ziehen sich einige in ihre Räume zurück – ich relativ oft – zum lesen oder schreiben, die anderen reden miteinander oder schauen sich DVD Filme an. Ja, wir haben sogar einen TV und einen DVD Player. Und gelegentlich gibt es Grund zu feiern. So z.B. als Marc und Jean ankamen, die Skip und Yanti ablösten. Beide sind Franzosen, Marc aus den Alpen in der Nähe von Grenoble, Anästhesist und Langstreckenläufer und Paraglider, etwa Mitte 30, und Jean, nicht ganz so alt wie ich, aus Peau, Geburtshelfer in einer kleinen Klinik. Beide brachten reiche Schätze mit: Champagner, Franz. Käse, Wein, Whisky, Wurst. Damit war zunächst das Abschiedsfest für Skip, der jetzt schon wieder in Australien ist, und für Yanti, die für 2 Wochen nach Djakarta wegen ihrer Facharztprüfung musste, gesichert. Yanti vermissen wir, obwohl Jean sich sehr bemüht, sie zu ersetzen. Yanti hat uns immer wieder mit gutem Essen überrascht. Sie ist eine sehr soziale und fröhliche Person und hat schon einiges … gesehen: Sie war in Nord-Darfur (2004), in Liberia (2005), aber in einem anderen Haus als ich, und in Somalia (2006). Natalie, die Notfallärztin, … ist mit 29 J. die Jüngste. Aber sie weiß sich durchzusetzen und ist sehr kommunikativ. Die Mitarbeiter im Emergency Room lieben sie sehr. Nebenbei ist sie für die Gesundheit von uns … verantwortlich, hält die Apotheke … auf einem guten Stand und organisiert den Unterricht für den Medical staff im Hospital.

Bei 3 Gelegenheiten habe ich einen etwas näheren Einblick in die Kultur hier bekommen. Die benachbarte Hindugemeinde hatte uns zu einem Opferfest eingeladen, Rita und ich sind der Einladung gefolgt. Dabei wurden durch den Priester zu allen Göttern im Tempelbezirk Speisen geopfert im Rahmen eines Rundgangs zu den verschiedenen Schreinen. Dabei wird dann vor jedem Schrein gebetet und über eine Leuchte der Geist empfangen. Am Schluss wurde jedem, der kam, auch uns und einer ganzen Reihe von armen Leuten, auf Bananenblättern süßer Reis mit Früchten und Nüssen und einigen Beilagen zum Essen serviert.

Vor einer Woche waren Rita und ich bei einer Hochzeit in einem anderen Tempel. Das am Fernsehschirm hätten wir als Bollywood bezeichnet, in der Wirklichkeit hatte es eher einen Anklang an 1001 Nacht mit prächtigen Anzügen, Saris, Sarams (für Männer das Tuch um Hüften und Beine), vielen Opfergaben, ein fast eine Stunde langes Ritual mit Musik von 2 plärrenden Oboe-artigen Instrumenten und 2 Trommeln. Wir wurden einfach mit in die Gesellschaft einbezogen. Das einzige, was störte, war die Videoaufnahme und der offizielle Photograph.

Vor einigen Tagen waren wir bei einem unserer Guards am anderen Ende von Point Pedro zum Essen eingeladen. Er ist noch jung verheiratet, hat eine kleine Tochter, die so ganz verwöhnt ist und schränkeweise Spielzeug – meist Made in China – hat. Offensichtlich wird als erstes das TV eingeschaltet, wenn Gäste ins Haus kommen, dann ein Bier angeboten. Dabei habe ich allerdings mitbekommen, dass Schalke 04 gewonnen hatte und auf dem 3. Platz der Bundesliga stand(?). Das Essen war sehr lecker, aber eben auch sehr „hot“, womit Jean seine Probleme hatte, der gerade erst angekommen war. Leider konnten wir nicht mehr mit ihm zu seiner Kirche gehen, die wir auf der Hinfahrt gesehen hatten. Er ist röm. kath. wie viele Christen in Sri Lanka. Wir – Natalie, Yanti, Jean und ich – hatten noch einen anderen Termin wahr zu nehmen.

Jetzt habt Ihr sicher einen besseren Eindruck von meinem Leben hier und werdet Euch fragen, was ich eigentlich hier tue. Das frage ich mich gelegentlich auch. Denn auch wir vergessen, dass es nur scheinbar so friedlich hier ist, dass etwa 2o km weiter südöstlich heftig gekämpft wird, wir haben uns an die abendlichen und nächtlichen Geschützdonner – Mörser oder Granatwerfer – gewöhnt. Wir haben uns an die Notlage der Menschen hier gewöhnt. Und doch habe ich meine Meinung zu der besonderen Lage der Chirurgie hier und auch Stellung genommen. Ich gehe davon aus, dass die Verantwortlichen – jetzt in Tokyo, da die dort jetzt das Projekt leiten – realisieren, dass über eine andere Lösung des Problems nachgedacht werden muss. Ich habe auch Vorschläge unterbreitet; was daraus wird, wird sich zeigen.

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