Reizblase

Die Reizblase (überaktive Blase, overactive bladder (OAB)) ist definiert durch häufigen Harndrang mit oder ohne Dranginkontinenz, ohne dass sich eine Infektion oder eine sonstige pathologische Ursache finden lässt. Sie ist eine häufige Ursache für gestörten Schlaf älterer Menschen.


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Inzidenz

Die Inzidenz der Reizblase ist nicht sicher geklärt. Sie steigt mit dem Alter und ist bei einer hohe Dunkelziffer wahrscheinlich hoch.

Symptomatik

Charakteristisch sind ein starker, schwer unterdrückbarer Harndrang sowie nächtlich gehäuftes Wasserlassen. Eine Harninkontinenz kann, aber muss nicht hinzukommen.

Pathogenese

Patienten mit einer Reizblase entleeren ihre Blase bereits bei geringer Füllung, die Harndrang auslöst. Eine retrograde Füllung über einen Katheter löst bei geringem intravesikalem Druck eine Detrusor-Aktivität aus.

Als Ursache wird eine Überaktivität des Detrusormuskels am Blasenausgang (Musculus detrusor vesicae) angenommen, die sowohl muskulär als auch (sensorisch oder motorisch) neurogen erklärt wird [1][2].

Ausgelöst werden kann überschießender Harndrang auch durch einen operativen Eingriff im Sakralbereich, beispielsweise nach einer Operation zur Behebung einer Inkontinenz [3] oder nach einer minimal-invasiven Schlingentherapie zur Behandlung einer Stressinkontinenz. Frauen mit einem präoperativen Detrusor-Druck von > 15 cm (H2O) sind besonders gefährdet [4].

Nach einer japanischen Studie leiden Patienten mit Reizdarmsyndrom oft auch an einer Reizblase [5], so dass eine gemeinsame Pathogenese diskutiert werden kann (siehe hier).

Diagnostik

Die Diagnose wird durch eine urodynamische Untersuchung gestellt, bei der der Detrusor-Druck gemessen wird.

Differenzialdiagnosen

Eine bakterielle Zystitis ist auszuschließen. Eine zystoskopisch nachweisbare interstitielle Zystitis ist ein häufiger Begleitbefund [6].

Therapie

Pharmakotherapie

  • Anticholinergika: Die Pharmakotherapie beruht überwiegend auf der Blockierung muskarinerger Rezeptoren [7], wobei berücksichtigt werden muss, dass kein Medikament nur blasenspezifisch wirkt, sondern systemische anticholinerge Nebenwirkungen (u. a. Mundtrockenheit, trockene Augen, Pulsbeschleunigung, Stuhlunregelmäßigkeiten, Leberwerterhöhungen) hervorruft. Als Medikamente werden u. a. Tolterodin (Detrusitol®, 1-2 mg 2x täglich) und Oxybutynin (z.B. Ditropan®), [8] sowie auch Fesoterodin (Toviaz®, Prodrug, wird bei mangelhafter Tolterodin-Wirkung eingesetzt) [9] verwendet.
  • Beta-Agonisten: Beta-3-Rezeptoren spielen bei der Aktivität des Dterusormuskels eine bedeutende Rolle. Ihre Stimulierung durch Beta3-Agonisten verbessert die Reizblasensymptomatik. Beispiel eines Beta3-Agonisten ist Mirabegron [10].

Chirurgische Therapie

Eine chirurgische Therapie zielt auf eine teilweise Denervierung, um die Blasenaktivität zu senken, die jedoch das hohe Risiko in sich birgt, dass anschließend eine dauerhafte Selbstkatheterisierung zur Blasenentleerung erforderlich wird.

Neurostimulation

Bei einer neurogenen Reizblase kann eine modulierende sakrale Neurostimulation des Nervus pudendus eine Reduktion der Blasenaktivität bewirken und zu einer deutlichen Besserung von Harndrang und Blasenkapazität führen [11][12][13].

Verweise

 


Autor der Seite ist Prof. Dr. Hans-Peter Buscher (siehe Impressum).


Literatur

  1. ? World J Urol. 2009 Dec;27(6):705-9
  2. ? Urol Int. 2004;72(1):1-12
  3. ? Curr Urol Rep. 2002 Oct;3(5):345-53
  4. ? Neurourol Urodyn. 2008;27(5):407-11
  5. ? BJU Int. 2012 Oct 26. doi: 10.1111/j.1464-410X.2012.11591.x. [Epub ahead of print]
  6. ? JSLS. 2010 Jan-Mar;14(1):83-90
  7. ? Eur Urol. 2008 Oct;54(4):740-63
  8. ? J Urol. 2004 Jul;172(1):236-9
  9. ? Int J Gen Med. 2012;5:943-51
  10. ? Eur J Pharmacol. 2012 Dec 11. pii: S0014-2999(12)00992-2. doi: 10.1016/j.ejphar.2012.11.060. [Epub ahead of print]
  11. ? Neurourol Urodyn. 2003;22(1):7-16
  12. ? J Urol. 2004 Jul;172(1):236-9
  13. ? BJU Int. 2005 Sep;96 Suppl 1:29-36