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Reizdarm

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Inhaltsverzeichnis

[bearbeiten] Definition

Als Reizdarm wird eine Veranlagung zu Durchfällen oder Verstopfung bezeichnet, die phasenhaft mal stärker und mal schwächer oder auch im Wechsel zutage tritt, und bei der man sonst keine andere Krankheit als Ursache findet. Oft ist das Reizdarmsyndrom mit Blähungen und einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit des Darms auf Dehnung verbunden. Je länger die Symptomatik geht, desto sicherer wird die Diagnose.

[bearbeiten] Synonym

Irritables Darmsyndrom (IDS), IBD (irritable bowel syndrome)

[bearbeiten] Ätiopathogenese

Eine gesteigerte intestinale Sensitivität (Schmerzwahrnehmung) sowie eine Dysfunktion des enterischen autonomen Nervensystems werden heute als wesentlich für die Pathogenese angesehen[1][2]. Sie führen zu einer veränderten Motilitätsantwort auf Dehnung nach Nahrungszufuhr und durch Blähungen. Stress und neurotische Fehlhaltung sind als Auslöser möglich; psychologsiche Faktoren tragen offenbar zu einer veränderten Schmerzwahrnehmung bei [3], liegen aber nicht bei jedem Patienten vor; es gibt Hinweise auf eine genetische Prädisposition. Bei vorherrschender Diarrhö könnte eine vermehrte postprandiale Serotonin-Freisetzung bedeutsam sein, bei vorherrschender Obstipation eine veränderte rektale Empfindlichkeit. Eine prämenstruelle Verschlechterung deutet auf hormonelle Beeinflussungen. Eine Laktosemalabsorption stellt keine Ursache dar; sie sollte ausgeschlossen sein. Eine vorangegangene Antibiotikatherapie stellt ein erhöhtes Risiko dar; möglicherweise führt sie zu einer Alteration der Kolonflora. Auch eine akute Gastroenteritis bildet ein erhöhtes Risiko für ein Reizdarmsyndrom - wohl aus demselben Grund [4]. Eine Infektion mit Mycobacterium avium subsp. paratuberculosis (oft durch Verzehr von handgemachtem Käse erworben) wird als eine mögliche Ursache des Reizdarmsyndroms (wie auch des Morbus Crohn) diskutiert [5].

Es findet sich beim Reizdarmsyndrom eine signifikant vermehrte Gasproduktion gegenüber Normalpersonen.

[bearbeiten] Symptome

Die Symptome sind variabel sowohl unter den verschiedenen Patienten als auch innerhalb eines Krankheitsverlaufs. Es können Phasen vermehrter Gasbildung (Meteorismus), abdomineller Schmerzen und von durchfälligen Stühlen oder Obstipation abwechseln oder längere Zeit vorherrschen. Oft sind die Beschwerden mit denen einer Dyspepsie kombiniert. Manchmal lässt sich eine infektiöse Diarrhö (Enteritis) als Auslöser eruieren.

[bearbeiten] Diagnostik

Langdauernde wechselhafte Bauchbeschwerden im Zusammenhang mit Blähungen und/oder Veränderung der Stuhlfrequenz und/oder Stuhlkonsistenz ohne sonstige Erkrankung eines Verdauungsorgangs sind verdächtig auf das Vorliegen eines Reizdarmsyndroms. Im wesentlichen handelt es sich bei ihm um eine Ausschlussdiagnose. Daher sind in aller Regel Untersuchungen erforderlich, um die wichtigsten organischen Erkrankungen, die als Differentialdiagnosen in Frage kommen, auszuschließen. Dazu gehören: Laborwerte (Entzündungsmarker, Pankreaswerte inklusive Elastase im Stuhl, Leberwerte, Gastroskopie, Koloskopie, H2-Atemtest auf Laktoseintoleranz, bakterielle Überwucherung des Dünndarms und zu rasche Dünndarmpassagezeit).

Zudem sollten bei negativen Ergebnissen der Voruntersuchungen eine Nahrungsmittelallergie oder -unverträglichkeit ausgeschlossen (Ausschlussdiät) und ein Quantalan-Test auf Gallensäure-spill-over durchgeführt werden. Die Stufenleiter der Diagnostik muss individuell angepasst werden.

[bearbeiten] ROME-Kriterien

Nach den ROME-II-Kriterien[6] sind zur Diagnose eines Reizdarmsyndroms folgende Kriterien zu berücksichtigen:

  • Beschwerden über mindestens 12 Wochen (kontinuierlich oder diskontinuierlich) innerhalb des letzten Jahres,
  • zusätzlich mindestens zwei folgender Punkte
    • Veränderung der Stuhlfrequenz (zu selten oder zu häufig)
    • Veränderung der Stuhlkonsistenz (zu fest oder breiig/flüssig)
    • Erleichterung nach Defäkation (Stuhlentleerung)

Die ROME-III-Kriterien [7] beinhalten folgende Feststellungen:

  • abdominelle Beschwerden an mindestens 3 Tagen im Monat während der letzten 3 Monate mit Beginn insgesamt vor mehr als 6 Monaten

plus mindestens zwei der folgenden Kriterien

    • Besserung durch / nach Stuhlgang
    • Beginn in zeitlichem Zusammenhang mit Änderung der Stuhlfrequenz (häufiger / weniger häufig)
    • Beginn in zeitlichem Zusammenhang mit Veränderung der Stuhlkonsistenz (breiiger / fester)

Andere Ursachen (z. B. infektiös, tumorös etc.) müssen ausgeschlossen sein.

Die Prävalenz nach den ROME-III-Kriterien ist wesentlich höher als nach den ROME-II-Kriterien [8].

[bearbeiten] Differenzialdiagnosen

Als Differenzialdiagnose kommen in Frage :

  • medikamentöse Einflüsse

Beim Reizdarmsyndrom können funktionelle Störungen (wie beispielsweise eine Laktoseintoleranz) zu einer Akzentuierung der Symptomatik führen. Funktionelle Störungen schließen also ein Reizdarmsyndrom nicht aus.

[bearbeiten] Therapie

Pfefferminzöl scheint eine Besserung (weniger Blähungen, Reduktion der Stuhlfrequenz) zu bewirken.

Cisaprid wirkt häufig günstig bei Obstipation-dominiertem und nicht günstig bei Diarrhö-dominiertem Reizdarmsyndrom (Cisaprid ist wegen kardialer Nebenwirkungen bei Koronarpatienten vom Markt zurückgezogen worden).

Amitryptilin kann die reizdarmbedingten Schmerzen lindern (einschleichende Dosierung bis 75 mg/d). Dies deutet auf eine psychische Beeinflussung der Toleranz gegenüber gasbedingtem intestinalem Schmerz.

Mebeverin: (z. B. Duspartal) kann bei spastischer Komponente der Beschwerden eine Besserung bewirken.

Ondansetron: Ein 5-Hydroxytryptaminantagonist (Ondansetron) führte in einigen Fällen zu einer deutlichen Besserung.

Alosetron: Ähnlich wie Ondansetron verbessert dieser selektive 5-HT3-Rezeptorantagonist vielfach die Reizdarmbeschwerden. In einer randomisierten Studie sprachen bei einer Dosis von 0,5 bis 2 mg/d besserten sich die Beschwerden in etwa 50%, bei Placebo in ca 30%. Nach Therapieende verstärkten sich die Beschwerden wieder. Nebenwirkungen bestanden hauptsächlich in Obstipation; es wurden zudem einige Fälle einer ischämischen Kolitis beobachtet. [9].

Fedotozin kann günstig wirken; die Wirksamkeit nimmt über die ersten Wochen zu.

Entschäumer können helfen, die Darmgase zu reduzieren (für den Fall, dass Schaumbildung eine Rolle spielt).

E. coli Stamm Nissle (als Mutaflor im Handel) hat als Probioticum in einigen Fällen eine günstige Wirkung auf Symptome des Reizdarmsyndroms[10][11]

Diät: Bei der Personengruppe mit vermehrter Gasbildung wirkt eine Ausschlussdiät günstig (ohne Milch-, Hefe- und Getreideprodukte, und unter Ausschluss von Früchten und Fruchtsäften, die zur Gasbildung veranlassen). Die Kost sollte dann langsam unter Beobachtung der Gasbildung bzw. der Verträglichkeit sukzessive wieder komplexer gestaltet werden. Was nicht vertragen wird, solle gemerkt und weggelassen werden. Einseitigkeit der Kost jedoch möglichst vermeiden. Wenn keine Milch vertragen wird: für genügend Kalzium (+ Vitamin D) sorgen. Wenn Obst nicht vertragen wird, Vitamine und Ballaststoffe zuführen.

[bearbeiten] Pragmatisches Vorgehen

Wenn die Beschwerden bei einer sonst gesunden Person ohne besondere Gewichtsabnahme und bei normaler Blutsenkung auftreten und damit der Verdacht auf ein Reizdarmsyndrom naheliegt (das durch einen banalen Infekt ausgelöst sein kann), besonders wenn die Symptomatik schon über viele Wochen (ohne sonstiges Krankheitsgefühl oder Gewichtsabnahme) andauert, dann kann folgendermaßen pragmatisch vorgegangen werden:

  • Wenn eine Besserung der abdominellen Beschwerden durch Gasentleerung zustande kommt (Anamnese), sollte ein therapeutischer Versuch mit einem Entschäumer (hohe Dosierung) ggf. zusammen mit einem Fermentpräparat (über die Mahlzeiten streuseln; Ziel einer raschen Verdauung bei Hypermotilität, so dass möglichst viele Nahrungsbestandteile vor Eintritt in das Kolon resorbiert werden) und einer diätetischen Einschränkung (Vermeidung blähender Speisen) erfolgen.
  • Wenn der Eindruck einer larvierten Depression vorliegt, kann ein Versuch mit Amitryptilin (Kontraindikationen und Nebenwirkungen beachten!) sinnvoll sein.
  • Wenn an der Symptomatik eine intestinale Dyskinesie beteiligt sein kann, sollte - ggf. zusätzlich - Metoclopramid oder Domperidon, bei Hypermotilität u. U. Loperamid in kleiner Dosierung versucht werden. Auch der Versuch mit Hymechromon kann sinnvoll sein. Wenn der Verdacht auf ein spastisches Kolon besteht, kann Mebeverin die Symptomatik lindern. Der Therapieerfolg kann diagnostisch verwertet werden.
  • klinische Untersuchung (Darmgeräusche, Resistenzen im Abdomen, Hernien, Hinweis auf Verwachsungen),
  • Abdomensonographie (Leber, Gallenwege, Gallenblase, Pankreas, Darmwände, Raumforderungen).

Ohne Not sollte eine überschießende Diagnostik, die häufig bis zu CT   , MRT, hepatobiliärer Sequenzszintigraphie und ERCP führt, möglichst vermieden werden.

[bearbeiten] Verweise

[bearbeiten] Patienteninformationen


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[bearbeiten] Literatur

  1. J Physiol Pharmacol. 2007 Aug;58 Suppl 3:131-9
  2. Scand J Gastroenterol. 2007 Apr;42(4):441-6
  3. Gut 2007; 56: 1202-1209
  4. Garcia Rodriguez L.A., Ruigomez A. Brit. Med. J. 1999; 318: 565-566
  5. J Clin Microbiol. 2007 Dec;45(12):3883-90
  6. Gut 1999; 45 Suppl 2: 43-47
  7. Gastroenterology 2006; 130: 1480-1491
  8. Eur J Gastroenterol Hepatol. 2007 Jun;19(6):441-7
  9. Am J Gastroenterol 2007; 102: 1709-1719
  10. Z Gastroenterol 2005: 43: 467-471
  11. Med Klin 2007: 102: 888-892



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  Diese Seite wurde zuletzt am 16. September 2009 um 19:31 Uhr geändert.  


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