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Interferon-alpha

Interferone sind Zytokine, die verschiedenartige Wirkungen zur Abwehr von Infektionen entfalten. Insbesondere Viren rufen in den befallenen Zellen eine vermehrte Interferonbildung hervor. Interferone werden einerseits vom Körper als "Hilferuf" verstanden und mit einer Abwehrreaktion des Immunsystems beantwortet. Andererseits führen sie zu einer Markierung der kranken Zellen durch Induktion von Markern auf der Zelloberfläche, so dass dem Immunsystem angezeigt wird, welche Zellen betroffen sind.

Interferon-alpha und -beta haben eine virustatische, immunmodulatorische und antiproliferative (antineoplastische) Wirkung.

Interferon-gamma hat eine immunmodulatorische Wirkung.

Inhaltsverzeichnis

Wirkungen und Nebenwirkungen

Zur der Therapie der Virushepatitiden B und C kommt Interferon-alpha in Frage. Es müssen Nebenwirkungen und Kontraindikationen bedacht werden.

Kontraindikationen: Leberzirrhose Child C, Thrombozytopenie unter 50.000/µl oder Leukopenie unter 1.500/µl, Autoimmunerkrankung, AIDS, Drogenabhängigkeit, Tumorerkrankung, mangelnde Compliance, schwere psychiatrische Erkrankung, speziell Depression

Relative Kontraindikationen: Thrombozytopenie unter 100.000/µl, Leukopenie unter 3.000/µl, chronische Niereninsuffizienz, Leberzirrhose Child B, Depression in der Anamnese, sonstige Nebenwirkungen (s.u.)

Nebenwirkungen: anfänglich grippeähnliche Symptome mit Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit, Haarausfall, Zahnlockerung, Thrombopenie, Leukopenie, Entstehung von Autoimmunkankheiten.

Diese Symptome sind nicht bei jedem Patienten voll ausgeprägt. Sie verlieren sich größtenteils innerhalb der ersten 4-6 Wochen.

Anhaltend können sein: Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Appetitlosigkeit

Selten sind: Polyneuropathie, Depression (cave: Depression in der Anamnese!), Krampfanfall, lokale Hautreaktionen, Funktionsstörungen der Schilddrüse und Autoimmunerkrankungen.

Die Halbwertszeit von Interferon-alpha ist sehr kurz, so dass die Entwicklung zu lang wirksamen Darreichungsformen ging. Pegyliertes Interferon (PEG-Interferon) hat eine deutlich längere Halbwertszeit und braucht nur 1x pro Woche verabreicht zu werden. Es hat eine deutlich bessere Wirkung und wird besser vertragen [1].

Bei der Behandlung der chronischen Hepatitis B erhöht sich die Wirkung von Interferon-alpha durch das Nukleosidanalogon Lamivudin.

Bei der Behandlung der chronischen Hepatitis C erhöht sich die Wirkung von Interferon-alpha durch das Nukleosidanalogon Ribavirin.

Interferon-alpha (IFNa) zur Therapie der Hepatitis B

Indikation: wenn 6 Monate nach Beginn der Hepatitis B keine Normalisierung der Transaminasen eingetreten ist; anhaltend nachweisbares HBe-Ag.

Prognose: bestes Ansprechen von IFNa bei Frauen, hohen Transaminasewerten, niedrigen HBV-DNA-Titern, kurzer Laufzeit der Infektion.

Leberpunktion zuvor ist zu empfehlen. Besserung dauerhaft (6 Monate nach Therapieende) bei 30-40% mit Normalisierung der Transaminasen, Serokonversion HBeAg+ zu HBeAg-, oder Verlust von HBV-DNA

Cave: IFNa-Antikörperentwicklung

Bei HBV-assoziierter dekompensierter Leberzirrhose ist eine Lebertransplantation zu diskutieren. Es muss dann Vorsorge getroffen werden (Hyperimmunserum), da es häufig zur Reinfektion kommt (i.G. zur Transplantation bei akuter Hepatitis B mit fulminantem Verlauf). Eine nach der Transplantation durchgeführte IFNa-Therapie zur Prävention einer Reinfektion ist nicht erfolgversprechend.

IFN-Therapie bei Immunsupprimierten: IFNa zur Behandlung der chronischen Hepatitis B wirkt bei Immunsuppression deutlich schlechter und ist bei HIV im AIDS-Stadium und anderen immuninkompetenten Patienten nicht sinnvoll.

Pegyliertes Interferon kann möglicherweise - wie bei der Hepatitis C - zu einer Verbesserung der Ansprechrate führen. Studien müssen abgewartet werden.

Interferon-alpha zur Therapie der Hepatitis C

Indikation bei Hepatitis C:

Die Chronifizierungsrate der akuten Hepatitis C kann durch Therapiebeginn mit alpha-Interferon von etwa 70% auf fast 40% gesenkt werden.

Bei der chronischen Hepatitis C mit einem Verlauf von über 6 Monaten sollten als Vorbedingung vor einer IFN-alpha-Therapie folgende Parameter vorliegen: erhöhte Transaminasen, Nachweis des Virus durch PCR (qualitativ für HCV-RNA), Ausschluss von TAK und MAK, ANA, AMA, ASMA, LKM-AK, HIV-AK.

Nicht erforderlich sind vor Therapiebeginn ein Bestätigungstest (RIBA) und eine qualitative HCV-RNA-Bestimmung, auch nicht eine Genotypisierung.

Dosierung und Therapieverlauf bei akuter und chronischer Hepatitis C: 3x5-6 Mio. I.E. 3x/Woche. Nach 3 Monaten wird evaluiert (Kontrolle der HCV-RNA). Bei Ansprechen sollte für weitere 9 Monate in einer Dosierung von 3 Mio. I.E. 3x/Woche weiter behandelt werden. Nach 12 und 24 Monaten erneute Kontrollen der HCV-RNA.

Dosierung dürfen nicht ungeprüft übernommen werden!

Prognose: bei Genotyp 2 oder 3 besser als bei Genotyp 1

Schlechtere Prognose bei Zirrhose mit längerer Erkrankungsdauer, Mischinfektionen, höherem Alter (>50 J), hohem Eisengehalt der Leber, Alkoholabusus

Kombination mit Ribavirin: bei Erstbehandlung ohne Vorteil gegenüber der Monotherapie; bei Relaps jedoch möglicherweise Kombination vorteilhaft

Neue Entwicklungen besagen, dass bereits bei der Erstbehandlung eine Kombination sinnvoll sein könnte.

PEG-Interferon: Statt einer täglichen Gabe wird heute pegyliertes Interferon (PEG-Intron, PEGASYS) mit langer Halbwertszeit verwendet.

Albinterferon-alpha-2b ist ein rekombinantes Molekül aus Albumin und daran gekoppeltes Interferon-alpha-2b. Es hat ersten Berichten zufolge eine ähnliche Wirksamkeit wie PEG-Interferon bei größeren Applikationsintervallen von 2-4 Wochen [2].


Hinweis Dosierungsangaben gelten für einen 60-70 kg schweren Menschen. Da Fehler in den Dosisangaben nicht ausgeschlossen werden können, müssen sie sorgfältig überprüft werden!


Verweise


Literatur

  1. NEJM 2000; 343:1666-1672
  2. Hepatology 2008; 48: 407-417