Flupirtin

Flupirtin (z. B. Katadolon ®) ist ein Medikament zur Schmerzbekämpfung (Analgetikum), das weder antiphlogistische noch antipyretische Eigenschaften aufweist und als Triaminopyridin keine Verwandtschaft zu Opiaten besitzt. Es besitzt neben der analgetischen Potenz auch muskelrelaxierende Eigenschaften, weshalb es zur Therapie chronisch rheumatischer Beschwerden interessant ist. Flupirtin gilt als erster K(V)7-Kanal-Aktivator mit zusätzlichen GABA(A)ergen Effekten und damit, obwohl es schon lange bekannt ist, als erster Vertreter einer neuen Klasse von Analgetika [1]. Eine Indikationseinschränkung ergibt sich durch das Risiko schwerer Leberschäden bei längerer Anwendungsdauer.


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Was man wissen sollte

Kurzgefasst
Flupirtin ist ein Medikament

zur Behandlung chronischer Schmerzen, vor allem wenn sie mit einer neuronalen Überempfindlichkeit einhergehen. So reagieren Migräne, Spannungskopfschmerz und rheumatische Schmerzen (muskulofasciale Schmerzen) oft relativ gut. Antientzündliche oder fiebersenkende Eigenschaften fehlen. Eine besondere Indikation kann aus den neuroprotektiven Eigenschaften von Flupirtin erwachsen, so z. B. als Add-on-Therapie bei der multiplen Sklerose. Allerdings muss ein Hirntumor sicher genug ausgeschlossen sein. Eine Reihe von Nebenwirkungen und ein mögliches Gewöhnungspotenzial sind zu beachten. Unter den Laborwerten sollten u. a. Leber- und Gerinnungswerte kontrolliert werden. Da nach längerer Behandlung auch schwere Leberschäden beobachtet werden, ist die Anwendungsdauer auf 2 Wochen beschränkt.

Eigenschaften

Flupirtin ist wasserlöslich, wird nach oraler Einnahme rasch resorbiert, über die Leber verstoffwechselt und zu etwa ¾ über die Niere und ¼ über den Darm ausgeschieden. Die Halbwertszeit im Plasma beträgt etwa 10 Stunden [2].

Wirkungsweise

Flupirtin ist ein selectiver neuronaler Kaliumkanal-Öffner, es öffnet die einwärts gerichteten neuronalen Kv-Kaliumkanäle. [3][4].

Wirkungen

Flupirtin vermindert allgemein das Schmerzempfinden, darunter besonders effektiv Migräne, Neuralgien und muskuloskelettale Schmerzen, wozu bei Verspannungen auch die muskelrelaxierende Eigenschaft beiträgt. Es erhöht die Wirksamkeit von Morphin etwa 4-fach [5].

Neben- und Wechselwirkungen

Verglichen mit Tramadol und Pentazocin ist Flupirtin gut verträglich. Als Nebenwirkungen von Flupirtin werden Schwindel, Übelkeit, Schlafstörungen, Schläfrigkeit, trockener Mund und Juckreiz angegeben (einzelne Symptome um 10%) [6][7][8].

Flupirtin wechselwirkt mit einer Reihe von Medikamenten; so verstärkt es beispielsweise die Wirkung einiger oraler Gerinnungshemmer (z. B. von Coumarin-Präparaten) und auch von Diazepinen. Vorsicht ist geboten wegen einer Entzugssymptomatik bei Langzeitgebrauch und dem möglichen Abhängigkeitspotenzial des Medikaments [9][10].

Warnhinweis: Leberschäden

Wegen der Auswirkungen auf Leber und Gerinnungssystem sind Blutwertkontrollen zu empfehlen, vor allem auch der Leberwerte und der Gerinnungswerte. Vereinzelt wurden schwere Leberschäden und Leberversagen (nach einer mittleren Therapiedauer von 60 Tagen, nicht aber nach bereits 2 Wochen) beobachtet, so dass eine Anwendungsbeschränkung erlassen wurde 1)arznei-telegramm® 2013; Jg. 44, Nr. 7 2)Rote Hand Brief zu Flupirtin 15.7.2013. Patienten mit Leberschäden sollten das Medikament nicht erhalten; bei einer beginnenden Erhöhung der Leberwerte unter Flupirtin, sollte es abgesetzt werden. Inzwischen wurde ein genetischer Risikofaktor (HLA DRB1*16:01-DQB1*05:02 Haplotyp) gefunden, der für Flupirtin-induzierte Leberschäden verantwortlich ist 3)Nicoletti P et al. Pharmacogenet Genomics. 2016 Mar 9. [Epub ahead of print]. Ist der Test allgemein verfügbar, so wird die Behandlung mit Flupirtin wahrscheinlich auch für chronisch Kranke möglich sein.

Flupirtin und Neuroprotektion

Eine Wirkung von Flupirtin betrifft die Neuroprotektion. Es schützt retinale Ganglionzellen der Retina vor Degeneration nach tierexperimenteller Durchtrennung des Sehnerven [11] und auch in kultiviertem menschlichen Hirngewebe [12]. Daher wurde vorgeschlagen, Flupirtin als Kandidat für eine Add-on-Therapie zu Behandlung der Optikusneuritis im Rahmen der Multiplen Sklerose (MS) anzusehen [13].

Die Neuroprotektion erstreckt sich jedoch auch auf die Zellen maligner Gliome. Auch sie werden vor vorzeitigem Abbau (durch Apoptose) geschützt, so dass sie unter dem Einfluss von Flupirtin rascher zu wachsen beginnen. Dies schränkt den Einsatz des Medikaments zu Behandlung von Schmerz bei Hirntumoren ein [14].

Verweise

Literatur

  1. ? Inflamm Res. 2013 Mar;62(3):251-8
  2. ? Maedica (Buchar). 2012 Jun;7(2):163-6
  3. ? Br J Pharmacol. 1997 Dec; 122(7):1333-8.
  4. ? CNS Drugs. 2010 Oct;24(10):867-81
  5. ? CNS Drugs. 2010 Oct;24(10):867-81
  6. ? Postgrad Med J. 1987;63 Suppl 3:87-103
  7. ? CNS Drugs. 2010 Oct;24(10):867-81
  8. ? Int J Clin Pharmacol Ther. 2011 Nov;49(11):637-47
  9. ? J Clin Pharmacol. 2013 Dec;53(12):1328-33
  10. ? Pharmacopsychiatry. 2013 Nov;46(7):292-3
  11. ? Am J Pathol. 2008 Nov;173(5):1496-507
  12. ? J Neuroimmunol. 2005 Oct;167(1-2):204-9
  13. ? Am J Pathol. 2008 Nov;173(5):1496-507
  14. ? Cancer Biol Med. 2013 Sep;10(3):142-7


Literatur   [ + ]

1. arznei-telegramm® 2013; Jg. 44, Nr. 7
2. Rote Hand Brief zu Flupirtin 15.7.2013
3. Nicoletti P et al. Pharmacogenet Genomics. 2016 Mar 9. [Epub ahead of print]