Musik und Gehirn

Von Fachärzten verständlich geschrieben und wissenschaftlich überprüft

Musik und Emotionen

Emotionen werden nach vorliegenden Untersuchungebefunden in einem neuronalen Netzwerk verarbeitet, welches folgende Areale enthält:

  • das Striatum, welches zum Belohnungssystem zählt,
  • das vordere Cingulum, welches hilft, die Aufmerksamkeit auszurichten,
  • mediale Areale des Temporallappens, welche Emotionen bewerten und verarbeiten [18].

Wie das Emotionen verarbeitende System des Gehirns auf Musik reagiert, war bisher unbekannt. Die Beobachtung einer „musikalischen Anhedonie“ bei einem Patienten, der zwar Musik hören aber nach einem leichten Schlaganfall keine Freude mehr an ihr verspüren konnte, hat in dieser Beziehung zu wesentlichen Erkenntnissen beigetragen. Demnach ist das Hirnareal im rechten unteren Parietallappen an der Entstehung einer mit der Musik gekoppelten Emotion (hier eines freudigen Empfindens und Genusses) wesentlich beteiligt [19].

Andere Untersuchungen zeigen, dass beim Musikhören emotionsabhängig Hirnareale einbezogen werden, die auch Funktionen zur Selbstbezüglichkeit und zu ästhetischen Urteilen ausüben. In fMRI-Untersuchungen wurde nämlich festgestellt, dass Musik nicht nur zur Aktivierung des Hörsystems um den Heschl Gyrus führt, sondern auch zu einer der medialen Orbitofrontalregion und des Gyrus cinguli (Teil des limbischen Systems oberhalb des Balkens).[20]. Auch die beidseitigen Mandelkerne (Amygdalae) sollen mit der Emotionsentstehung assoziiert sein. Mit Hilfe Voxel-basierter Morphometrie wurde festgestellt, dass musikalische Tonhöhenintervalle umso besser mit Emotionen assoziiert sind, je größer das Volumen ihrer grauen Substanz ist [21].

Wenn wir schöne und Freude vermittelnde Musik hören, so ist das dopaminerge Belohnungssystem des ventralen Striatums einbezogen. Es wurde festgestellt, dass die Stärke der Aktivierung des Dopaminsystems des Striatums die Lernfähigkeit positiv beeinflusst, um mehr Belohnung zu bekommen (während eine Verminderung der Dopaminantwort aus anderen Gründen das Lernen beflügelt, indem Strafe befürchtet wird).

Eine Studie besagt, dass geübte Musiker Musik analytischer hören, während Ungeübte affektiver hören. Musiker lernten besser mit neutraler Musik, die für sie einen höheren Genuss bereitete als primär emotionale Musik. Demgegenüber lernten in Musik Ungeübte besser durch primär affektiv ansprechende Musik, die für sie einen höheren Genuss bedeutete als neutrale Musik, die sie nicht gleich analysieren können. Es ist damit vor allem Musik, die Genuss hervorruft, die sich positiv auf das Lernen auswirkt – was nicht immer eine vordergründig emostionale Musik sein muss [22].

Fröhliche und traurige Musik

In einer Untersuchung [23] wurden Musikstücke von Freiwilligen in gefällig und nicht gefällig eingeteilt. In fMRI-Untersuchungen zeigten sich erhöhte Aktivitäten

  • bei gefälliger Musik in Bereichen des Heschl-Gyrus, des Striatum und der Insel, vorderen Cingulum, dem Parahippocampus und inferioren frontalen Gyrus (Funktion für musik-syntaktische Analyse und Arbeitsgedächtnis), Operculum Rolandii (vermutlich verantwortlich für Spiegelfunktion während des Hörens von gefälliger Musik),
  • bei nicht gefälliger (dissonanter) Musik im Bereich von Amygdala, Hippocampus, Parahippocampus und den Temporalpolen: diese Regionen sind bekannt für ihre Involvierung in negative Emotionen.

Musik löst demnach nicht einheitliche Gehirnaktivierungen aus sondern je nach der von ihr ausgelösten Emotion sehr unterschiedliche.

Einfluss von Texten in der Musik auf die Emotionen

Die meisten Untersuchungen zum Einfluss von Musik auf Gefühle wurden mit reiner Instrumentalmusik durchgeführt. Viele, vor allem modernere Musikgenres benutzen jedoch Texte zur Emotionsverstärkung.

Fröhliche und traurige Musikstücke mit und ohne Verstärkung durch Texte zeigten in fMRI-Untersuchungen eine unterschiedlich starke Aktivierung verschiedener Hirnregionen.

  • Traurige Musik mit Texten unterschied sich nicht von fröhlicher Musik ohne Text. Verglichen mit fröhlicher Musik bewirkte traurige Musik eine stärkere Aktivierung verschiedener Hirnareale, so beispielsweise des inferioren Gyrus des Frontalhirns. Traurige Musik mit Text im Vergleich zu solcher ohne Text rief eine stärkere Aktivierung einer Reihe von Hirnregionen auf, so des rechten Claustrum, des rechten Parahippocampus und der Mandelkerne beidseits.
  • Fröhliche Musik ohne Text bewirkte stärkere positive Emotion als solche mit Text; sie aktivierte Strukturen des limbischen Systems und Teile eines unteren Gyrus des Frontalhirns. Dagegen aktivierte fröhliche Musik mit Text lediglich die Region des Hörzentrums.

Aus diesen Befunden wird geschlossen, dass es vor allem textfreie fröhliche Musik ist, die zu ausgeprägten fröhlichen Emotionen führt, und dass die durch traurige Musik ausgelöste Emotion durch Text verstärkt wird [24].

Wie Freude an Musik entsteht

Die Freude an Musik soll schematisch gesehen durch Interaktionen entstehen, die zwischen kortikalen Schaltkreisen und subkortikalen Systemen bestehen.

Die kortikalen Systeme zwischen Hörrinde und dem frontalen Kortex generieren in ihrem „Cross-Talk“ Erwartungen von Melodiewendungen aus Klangmustern.

Einbezogen in den Prozess der Emotionsentstehung sind subkortikale Systeme, die vorwiegend aus Arealen des dopaminerge mesolimbischen Striatum mit seinem Nucleus accumbens bestehen. Sie bewerten den Höreindruck und generieren positive Emotionen als Belohnung [25]. Das schon aus anderen Zusammenhängen bekannte Dopamin-abhängige Belohnungssystem des Gehirns ist damit eng mit dem Musikhören verknüpft. Musik, die gemocht wird, scheint in gewissem Sinne erwartbare Melodiewendungen aufweisen zu müssen, um durch das Belohnungssystem aufgewertet werden zu können.

Bekannte Musikstücke lösen eine Aktivierung anderer Hirnareale (im linken mediodorsalen Thalamus und linken Mittelhirn) aus als unbekannte; positiv wahrgenommene Stücke aktivieren wieder andere Areale als weniger positiv wirkende; die Beurteilung bezüglich „bekannt“ oder „noch nicht bekannt“ erfolgt außerordentlich schnell [26].

Damit entsteht ein Bild, dass Musik dann als angenehm empfunden wird, wenn melodische Wendungen bereits bekannt sind oder/und sich aus dem bisherigen Verlauf des Stücks durch Wiederholung ergeben. Dies ist der Fall, wenn musikalische Wendungen aus dem eigenen musikalischen Erfahrungsschatz, in den der musikalische Schatz der eigenen Kultur eingeht, in dem gerade gehörten Stück erscheinen, so dass sich die folgenden Melodieschnipsel in gewisser Weise vorausahnen lassen. Das tatsächliche Erscheinen der erwarteten Wendungen verstärkt die Freude am gehörten Musikstück über das Belohnungssystem. Je schwerer vorhersehbar die musikalischen Wendungen sind, desto weniger spricht das Belohnungssystem an und desto geringer wird das Musikstück geschätzt. Es zu mögen wird dann von der Häufigkeit des erneuten Anhörens abhängen. Die Verbreitung atonaler Musik ohne Wiederholungen beispielsweise wird daher immer beschränkt bleiben, und auch die 12-Ton- oder serielle Musik wird Schwierigkeiten behalten, in breiteren Kreisen geschätzt zu werden.

Musik und Sprache

Empirische Erfahrungen und Untersuchungen zeigen, dass eine musikalische Ausbildung die Sprachfähigkeit fördert.

Die musikalische Befähigung und Kompetenz von Kindern fördern die Regelmäßigkeit in der laufenden Rede, das auditive Arbeitsgedächtnis und die Aufmerksamkeit [27]. Es wird angenommen, das positive Emotionen der Musik, Wiederholungen von Tonfolgen und die von der Musik auf sich gezogene Aufmerksamkeit jeweils einen positiven Trainingseffekt bezüglich der Sprachfähigkeit haben [28].

Musisch erzogene Kinder erkennen Silben rascher und sicherer als nicht musische [29]. Als Begründung wird angeführt, dass die auditive Verarbeitung von Musik eine größere Präzision z. B. bei der Tonhöhendiskriminierung, der Klangfarbe oder des Rhythmus erfordert als die gewöhnliche Sprachwahrnehmung. Von dieser Fähigkeit vermag die Sprachfähigkeit zu profitieren.

Auch andere Untersuchungen zeigen, dass Musiker in der Lage sind, fließend präsentierte Silben besser als Silben getrennt wahrzunehmen als Nichtmusiker [30]. Auch scheinen Musiker weniger von Hintergrundgeräuschen beeinträchtigt zu werden [31]. Dies gilt auch für ältere Menschen mit musikalischem Training. Dabei spielt ein größeres auditives (nicht dagegen ein größeres visuelles) Arbeitsgedächtnis eine herausragende Rolle [32].

Musikerziehung verbessert damit nicht nur im frühen Jugendalter sondern auch danach noch die neuronale Verarbeitung von Sprache [33].

Lärm, Sprache und Musik

In einer Studie wird nachgewiesen, dass Schüler, die Musik als Fach hatten, nach 2 Jahren in Bezug auf Lärm belastbarer werden und in elektrophysiologischen Untersuchungen früher auf Sprachsilben reagieren, als solche, die keine Musikerziehung hatten [34]. Musik trainiert damit offenbar das Spracherkennen besonders in einer Lärm-belasteten Umwelt.

Musik für schlechte Leser?

Es wird zwar vermutet, dass ein musikalisches Training die Lesefähigkeiten schlechter Leser, so z. B. die Exaktheit und die Flüssigkeit des Lesens, mit trainiert [35]. Doch gibt es nur unzureichende Hinweise auf eine generelle positive Beeinflussung von Kindern und Jugendlichen mit Leseschwäche durch Musiktraining [36].


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