Autismus-Spektrum-Störungen

Symptomatik der Autismus-Spektrum-Störung

Das Erscheinungsbild der Autismus-Spektrum-Störungen ist sehr vielfältig. Es finden sich fließende Übergänge aller Schweregrade von fast normalem Verhalten bis hin zu erheblichen Verhaltens- und Erlebensstörungen mit psychosozialen Einschränkungen und Auswirkungen auf das tägliche Leben.

Eingeschränkte Empathie und sozialer Kontakt

Schon Kleinkinder unter 1 Jahr, die an Autismus-Spektrum-Störungen leiden, fallen dadurch auf, dass sie nicht adäquat auf Augenkontakt, das Rufen ihres Namens oder Bilder reagieren und verspätet zu spielen anfangen. Da ihnen Augen und Gesichtsausdrücke nichts besagen, behalten solche Kinder oft bis ins Erwachsenenalter die Eigenart, bei Gesprächen nicht in die Augen ihres Gegenübers zu sehen. In der Differenzierung von Gesichtsausdrücken werden in entsprechenden Tests, die auf die Differenziertheit des empathischen Empfindens ausgerichtet sind, mehr oder weniger Fehler gemacht [58].

Je nach Schweregrad der Autismus-Spektrum-Störungen besteht eine reduzierte oder mangelhafte Fähigkeit, nonverbale Signale und Gefühlsregungen anderer Menschen (z. B. Trauer, Freude, Aufmerksamkeit, Langeweile, Furcht, Hass, Schmerz) zu verstehen und Empathie zu empfinden. Auch können eigene Gefühlsregungen nicht ausreichend mimisch und gestisch vermittelt werden. Beides bedingt eine (je nach Schweregrad) schwierige Eingliederung in Sozialstrukturen, z. B. in eine Schulklasse oder einen Verein, sowie Schwierigkeiten, Kontakte zu pflegen und Freundschaften aufzubauen, was zu einer sozialen Isolierung führt.

Eine Störung der Empathie gehört zu den zentralen Charakteristika des Autismus. Empathie basiert auf Kognition (Erkennen) einer emotionalen Situation und Erregung eines eigenen Affekts (Gemütsregung). Beim Autismus wurde bisher vorwiegend der kognitive Prozess als beeinträchtigt angesehen, aber auch die affektive Empathie kann in unterschiedlichem Ausmaß gestört sein [59].

Neueren Befunden zufolge scheint zwischen der eigenen affektiven Erregbarkeit durch miterlebte kritische Situationen anderer Menschen und ihrer Auswirkung auf soziales Handeln unterschieden werden zu müssen; das erstere scheint oft möglich, das letztere nicht (s. u.). Dies gilt vor allem für die emotionale Erkennung von Schmerz anderer Menschen, der zu einer verstörten Reaktion führt, aber keine Hilfereaktion auslöst [60].

Eingeschränkte Aufmerksamkeit

Viele Eltern bemerken als erstes Zeichen einer ungewöhnlichen (später als autistisch einzuordnenden) Verhaltensweise ihres Kindes Reaktionen, “als ob es taub sei”, was oft durch eine audiologische Prüfung geklärt werden muss [61].

Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen haben Schwierigkeiten, die Bedeutung einer Situation zu begreifen, was selbst beim „high functioning“ Autismus zu einer mangelhaften Konzentration auf Wesentliches führen kann. Dies wirkt sich negativ auf viele Lebenssituationen aus, so z. B. auf die Leistungsfähigkeit im Unterricht, auf eine gefahrenadäquate Aufmerksamkeit beim Fahrrad- und Autofahren oder bei sonstigen gefährlichen Tätigkeiten. Die Auswirkungen können einem ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom) ähneln, da alle Reize von außen praktisch gleichwertig erscheinen, gleichermaßen Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ständig ablenken.

Eingeschränkte Interessen, repetitive Verhaltensweisen, fehlende Fähigkeit zu Umgewöhnungen

Schon bei kleinen Autismus-Kindern fällt Interessearmut Neuem gegenüber auf. Wenn sie sich beschäftigen, so mit eingeschränktem Fokus. Oftmals kommt es zu einer ausgeprägten Konzentration auf nur wenige Themen und Vorlieben. Menschen mit ASD können dabei durch ständig wiederholte Beschäftigung mit bevorzugten Themen viel Sachwissen anhäufen, ohne jedoch die inneren Zusammenhänge zu verstehen. Beispiele sind Beschäftigungen mit Fahrplänen oder anderen Datensammlungen.

Es entwickeln sich motorische Stereotypien. Wiederkehrende Verhaltensweisen, wie die gehäufte Benutzung gewohnter Dinge oder der Drang, immer wieder auf Zehenspitzen zu gehen, müssen bei geringerer Ausprägung Eltern und auch Kinderärzten nicht unbedingt als ungewöhnlich auffallen, was die Diagnosestellung verzögert. Auch wenn das ASD-Bild oft erst nach Jahren erkannt wird, so lassen sich Autimus-typische Verhaltensweisen oft retrospektiv erfragen und dann nachträglich in das Bild eines ASD einordnen. Das Verhalten kann in Ritualen münden, die unübersehbar abnormal sind.

Veränderungen von Handlungsabläufen oder etwa der Wohnungseinrichtung können Autisten schwer bewältigbare Probleme bereiten und bei ihnen für teils heftige Stressreaktionen sorgen. So bedeutet auch der Tod einer gewohnten Bezugsperson einen extremen Stress, der schwierig nahe zu bringen ist.

Gastrointestinale Symptome

Unter dem Blickwinkel, dass Veränderungen der Darmflora mit der Entwicklung von ASD zusammenhängen (s.o.), ist es von Bedeutung, dass Mütter autistischer Kinder (laut einer großen Studie) über erhöhte Häufigkeit von Verstopfung (2,7-fach) und Nahrungsmittelunverträglichkeit (1,7-fach) im Alter der Kinder von 6 – 18 Monaten berichten. Im Alter von 18-36 Monaten war die Häufigkeit von Diarrhö 2,3-fach, von Verstopfung 1,6-fach und einer Nahrungsmittelunverträglichkeit 2,0-fach erhöht [62].


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