Anämie – einfach erklärt

Wie Blutarmut erkannt wird

Blässe kann ein erstes Zeichen sein, aber man kann auch alleine vor Schreck blass (ohne Anämie) werden. Daher ist die Blässe der Schleimhäute (z. B. an der Innenseite des Unterlids) aussagekräftiger als die Blässe der Haut. Der zeitliche Zusammenhang von zunehmender Leistungsschwäche und Atemnot bei Belastung mit zunehmender Blässe lässt immer an eine Anämie denken.

Laboruntersuchungen sind unverzichtbar, insbesondere das Blutbild und die Messwerte der roten Blutkörperchen (Erythrozytenparameter). Sie lassen auch schon erste Hinweise auf die Ursache erkennen. Zur weiteren Klärung der Ursache werden meist zusätzliche Parameter erforderlich:

  • die Retikulozyten: sie sind die ganz jungen Erythrozyten und geben einen Hinweis auf die Blutnachbildung,
  • die LDH: Dies ist ein Enzym, das in jeder Körperzelle, so auch in Erythrozyten vorhanden ist. Es wird dann aus den Zellen frei, wenn sie zugrunde gehen, und lässt sich im Blut bestimmen. Die LDH gibt damit einen Hinweis auf einen vermehrten Untergang der roten Blutkörperchen, was als Hämolyse bezeichnet wird.
  • Eisen im Serum: Wenn es zu niedrig ist, gibt das einen Hinweis auf einen Eisenmangel, was durch Blutverlust oder durch eine mangelhafte Eisen-Resorption im Dünndarm zustande kommen kann (wie bei der Sprue). Allerdings ist der Wert des Serum-Eisens unzuverlässig bezüglich einem Rückschluss auf das im Körper zur Verfügung stehende Eisen; dies wird viel eher durch das Ferritin repräsentiert, was ganz entsprechend bei einer vermuteten Eisenmangelanämie mitbestimmt wird.
  • Erythropoetin (EPO): es wird bestimmt, wenn eine Nierenkrankheit und zugleich eine Anämie vorliegt. Wenn seine Konzentration im Blut erniedrigt ist, so kann von einer „renalen Anämie“ gesprochen werden, unabhängig davon, ob bereits eine schwere Funktionsstörung der Nieren nachweisbar ist. Dies hat eine Bedeutung insofern, als dann eine Behandlung mit Erythropoetin-Abkömmlingen indiziert und wirksam sein kann.

Welche Anämieformen es gibt

Folgende Formen der Anämie spielen bei den Überlegungen zur Diagnostik und Therapie eine spezielle Rolle:

  • Die Anämie bei Eisenmangel: Wenn eine „Eisenmangelanämie“ vorliegt, wird der Magendarmtrakt nach verborgenen Blutungsquellen (Geschwüre, Polypen, Tumore) durchuntersucht, was endoskopisch geschieht. Die Eisenmangelanämie ist durch zu kleine rote Blutkörperchen gekennzeichnet: sie enthalten weniger roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) als normal. Diese Form wird als mikrozytäre Anämie bezeichnet.
  • Die Anämie bei Knochenmarkserkrankungen: Wenn es klar wird, dass das Knochenmark ungenügend neue rote Blutkörperchen bildet, kann es notwendig werden, eine Knochenmarkpunktion durchzuführen. Sie soll klären helfen, ob ein MDS („myelodysplastisches Syndrom„, das nur überwacht zu werden braucht) oder beispielsweise ein Knochenkrebs (der intensiv behandelt werden muss) vorliegt.
  • Die Anämie bei Krebs: Die „Tumoranämie“ ist eine besondere Herausforderung an den Arzt. In der Regel handelt es sich um eine Eisenmangelanämie (s. o.). Wenn der Verdacht auf Krebs im Raum steht, wird relativ rasch eine Reihe von Untersuchungen zur Tumorsuche durchgeführt. Dazu gehören Blutuntersuchungen, die Spiegelung des Magens (Gastroskopie) und des Dickdarms (Koloskopie), ein Computertomographie (CT) des Bauchraums (Abdomen) und ggf. auch des Brustraums (Thorax) sowie eine gynäkologische bzw. urologische Konsiliaruntersuchung.
  • Die Anämie bei Nierenkrankheiten: Die Nieren bilden mit dem Erythropoetin ein wichtiges Hormon, das die Blutbildung anregt (siehe oben). Wenn sie erkrankt sind und eine Niereninsuffizienz eintritt, kann diese Funktion leiden: Erythropoetin kann nicht mehr ausreichend gebildet werden, das Knochenmark wird nicht mehr ausreichend stimuliert; es kommt zu einer nierenbedingten Anämie („renale Anämie„). Sie lässt sich heute am besten durch gentechnisch hergestelltes Erythropoetin behandeln. Nach einer Nierentransplantation ist das nicht mehr nötig. Die transplantierte Niere bildet das Hormon wieder ausreichend.
  • Die Anämie bei Vitamin B12-Mangel: Sie wird auch als Morbus Biermer oder perniziöse Anämie bezeichnet. In der Regel findet sich der erste Anhalt für diese Anämieform im Blutbild. Die Erythrozyten sind größer als normal; es handelt sich um eine „makrozytäre Anämie„. Wenn das der Fall ist, wird Vitamin B12 im Blut bestimmt. Stellt sich ein B12-Mangel heraus, ist die Diagnose geklärt. Als Ursache kommt meist eine Magenkrankheit in Frage, nämlich eine spezielle Form einer Magenschleimhautentzündung (Typ A-Gastritis). Für diesen Typ einer Gastritis gibt es keine wirkungsvolle Therapie. Die Behandlung besteht daher lediglich in einer B12-Zufuhr als monatliche Injektion. Eine seltenere Ursache für einen B12-Mangel ist eine Erkrankung des untersten Teils des Dünndarms, des sog. terminalen Ileums. Dies kann z. B. im Rahmen eines Morbus Crohn oder einer Sprue oder nach einer operativen Entfernung des unteren Dünndarms auftreten. Denn das mit der Nahrung aufgenommene Vitamin B12 wird praktisch ausschließlich dort resorbiert (siehe hier).

Was die Folgen einer Anämie sind

Erste Symptome: Bei einer Anämie ist die Leistungsfähigkeit des Körpers herabgesetzt. Schlappheit, Müdigkeit und Abgeschlagenheit  können die Folge sein. Manche Menschen verspüren dagegen als erstes ein ungewohntes leichtes Frösteln.

Zusätzliche Symptome: Ist die Anämie ausgeprägt, können zusätzliche Beschwerden und klinische Zeichen auftreten. Sie kommen durch eine Funktionsstörung empfindlicher Organe zustande, so vor allem von Herz, Gehirn und Beinen:

  • Herz: Es kommt durch eine Anämie zu einer Verminderung der allgemeinen Leistungsfähigkeit und einer ungewohnten Atemnot bei körperlicher Belastung, z. B. beim Treppensteigen. Wenn eine Verengung der Herzkranzgefäße vorliegt, kann ein schon bei geringer Belastung eintretendes Gefühl der Herzenge (Angina pectoris) eintreten.
  • Gehirn: Bei einer Verengung der Blutgefäße, die das Gehirn versorgen, können mangelhafte Aufmerksamkeit (Vigilanzminderung) und Schwindelerscheinungen auftreten.
  • Beine: Verengungen der Beinarterien (periphere arterielle Verschlusskrankheit, paVk) führen bei einer Anämie schon frühzeitig zu Schmerzen bei Belastung, die zum Stehenbleiben zwingen, was landläufig als Schaufensterkrankheit bekannt ist.

Blutarmut ohne „Anämie“

Akute Blutung: Eine besondere Situation tritt ein, wenn ein plötzlicher Blutverlust zustande kommt. Dann liegt ein Blutmangel vor, noch ohne dass das Blut verdünnt ist. Der Verlust eines großen Blutvolumens bedeutet Abfall des Blutdrucks und Kreislaufkollaps (Blutungsschock). Damit der Schock vermieden wird mobilisiert der Körper Gewebswasser, das in die Blutbahn gelangt. Es erhöht das Blutvolumen und verdünnt das noch vorhandene Blut. Dieser Prozess braucht jedoch Zeit. Nachweisbar wird damit eine Anämie erst nach einer gewissen Zeit. Anfangs also besteht ein Blutmangel im Gefäßsystem des Körpers, der noch nicht im Labor erkennbar ist. Der Hb-Wert und der Hämatokrit, zwei Laborparameter zur Erkennung einer Anämie, sind zunächst noch normal und sinken erst nach Stunden oder durch eine Infusion von Flüssigkeit.

Akute innere Blutung: Ein akuter Blutmangel, der bei einer innerlichen Blutung auftritt, muss nicht immer gleich erkennbar sein. Er macht sich durch Blässe, akuten Leistungsabfall, Blutdruckabfall und schnellen Herzschlag (Tachykardie), schließlich durch einen Schock bemerkbar. Die Blässe ist dabei durch Kontraktion der Blutgefäße der Haut erklärt, noch nicht durch einen Abfall der Konzentration des roten Blutfarbstoffs (Hämoglobin, Hb). Ein Abfall der Hämoglobinkonzentration im Blut lässt sich erst nach Stunden nachweisen (s. o.), wenn Körperflüssigkeit in die Blutbahn zurück geflossen ist oder z. B. nach den ersten Infusionen zur Auffüllung des Kreislaufs.


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