Elendsviertel und Slums

Wohin gehe ich, wenn ich als Arzt in Slums und Elendsviertel gehe – und was mache ich da? Manuskript eines Vortrags von Friedrich Kluge 2009 zum Thema:

Elendsviertel und Slums (informal settlements) in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Einleitung

  • Slum – wir wohnen in einem Haus mit Garten
  • Slum – wir kaufen Kleider bei Breuninger und Baby Walz
  • Slum – wir fahren ein schönes Auto
  • Slum – wir spülen unsere Toilette mit Trinkwasser

Mathare-Slum – hier leben auf engstem Raum ca. 400 000 Menschen, 3x soviel wie in ganz Würzburg

Slums – ein Thema jetzt und heute:

  • im reichsten Land der Welt
  • 11 Slums eingemauert und eingeschlossen in Rio

Wenn wir Ärzte über unsere Arbeit in Slums berichten, werden wir immer wieder gefragt: „Wie hältst Du das aus?“ Diese Frage ist besser zu beantworten, wenn wir wissen, was ein Slum ist und wie Menschen darin leben. Außerdem ist es ein Vorteil, seinen Arbeitsplatz und dessen Umgebung zu kennen. Ich möchte daher versuchen, Wege und Zugänge aufzuzeigen, die das Phänomen Slum erklären und verstehbar machen: Dazu ist es wichtig, auch die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Länder zu kennen – ich will sie historisch und gegenwärtig beschreiben.

Ich habe mein Referat gegliedert:

  1. Definitionen
  2. Elendsviertel in Europa im 19. Jahrhundert
  3. Zur Entstehung der Dritten Welt
  4. Der Planet der Slums heute und in Zukunft

Definitionen

Slum: schmutziges Hintergässchen; verrufene Stadtgegend; keine scharfe Definition, eher vieldeutig. Deutsch: Elendsviertel; französisch: bidonvilles; spanisch: barrio marginal; portugiesisch: favela; indisch: bustee; kiswahili: mabanda. Seit ca. 1880 übliches anglophones Wort, besonders für indische Städte, z.B. Kalkutta. Heute: weites Spektrum von Niedrig-Einkommen Siedlungen stark besiedelter städtischer Gebiete mit Substandard-Wohnungen und Verwahrlosung; gleichbedeutend mit informal settlement = squatter settlement = spontaneous housing.

Squatter: Ansiedler ohne Recht

Slum dwellers: Slumbewohner

Bourgeoisie: herrschende Klasse der kapitalistischen Gesellschaft, Besitzer der Produktionsmittel.

Proletarier: Seit ca. 1820er Jahren im Französischen verwendet: eigentumslose, pauperisierte Arbeiterklasse (4. und 5. Stand)

Pauperismus: seit den 1840er Jahren entstandener Begriff für Massenarmut und Verelendung.

Milleniumdeklaration: Dekraration der UNO 2000, roadmap gegen Armut, Krankheiten, Analphabetismus, Umweltschäden und Frauendiskriminierung. Hungerhalbierung bis 2015.

19. Jahrhundert

Elendsviertel in Europa:

Klassische Elendsviertel gab es in Europa, besonders im 19. Jahrhundert, in England, aber auch bis ins 20. Jahrhundert hinein in den Groß- und Hafenstädten Europas. Das 19. Jahrhundert war die Zeit der industriellen Revolution, das Zeitalter von Eisen und Stahl – aber war auch ganz wesentlich ein Jahrhundert der Armut und des Hungers, dies ist die heimliche – kaum geschriebene – Geschichte dieser Zeit. So sind zwischen 1820 und 1913 5 Millionen Menschen wegen Hunger und Unterdrückung aus Europa ausgewandert. „Das Elend unten war die Grundlage für Luxus an der Spitze.“ (M.D.) Für einzelne Menschen und Betriebszweige hieß das in jener Zeit Folgendes: Die veränderten Produktionsbedingungen waren gleichbedeutend mit neuen Arbeitsprozessen; ich nenne das Beispiel der Textilindustrie: Diese war zunächst typisch für Hausarbeit; auch noch die Manufakturen arbeiteten auf diese Weise. Dann kamen die Erfindungen der Dampfmaschine (1765), Spinnmaschine und des mechanischen Webstuhls (1785). Mit der maschinellen Verarbeitung der Baumwolle war der Sieg der Maschinenarbeit über die Handarbeit vollzogen. Auf diese Weise eroberte die erfolgreiche Textilindustrie die Märkte und entzog den Textilhandwerkern (Heimarbeit) ihre Existenzgrundlage: „Heimarbeiter in Land und Stadt gehörten am Klarsten zu den Opfern des Pauperismus.“ (Kocka)
Gleichzeitig entstanden neue Industrien, die Arbeitskräfte in bisher unbekanntem Ausmaß benötigten; dadurch kam es zu raschem Bevölkerungswachstum mit Zunahme der Verstädterung und zur Entwicklung der modernen Massengesellschaft.

Zentren der Frühindustrialisierung waren englische Städte, die bedeutendste Fabrikstadt der Welt war damals Manchester. Hier konnte man das Elend der Industrialisierung in nuce studieren – und das tat ein Klassiker der politischen Ökonomie: Friedrich Engels (1820-1895). Er lebte fast zwei Jahre in Manchester, wo er das Leben der Arbeiter und die Quellen der Industriearbeit erforschte. 1845 publizierte er seine empirisch fundierte, sozialkritische Analyse mit dem Titel „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“.
Er stellt darin die Lebensbedingungen der proletarischen Klasse dar, wobei wir wissen müssen, dass die städtischen Unterschichten zur damaligen Zeit, also zwischen 1815 und 1850, 60-90% der Bevölkerung einer Stadt ausmachten.

Wohnverhältnisse und Nahrungsmittel:

Die Elendsviertel (in England schon früh slums genannt) waren die unvermeidbaren Begleiterscheinungen der Fabriken.
Kleine Ein- oder Zweizimmerwohnungen waren völlig überfüllt: Zur Familie gehörten die Eltern mit 4 bis 5 Kindern und Großeltern, oft kamen noch Schlafburschen (Übernachtungsgeld) hinzu. Es gab keinerlei private Intimsphäre. Man wohnte großenteils in Kellern und auf Dachböden. Die Mauern solcher Häuser waren brüchig, die Fenster löchrig, an Stangen aus dem Fenster trockneten Lumpen. Es war eine Art von sozialer Hölle ohne sauberes Trinkwasser, ohne Kanalisation und regelrechte Toiletten. Es herrschten pestilenzartige Gerüche in den Gassen.

Engels schreibt: „Hier wohnen die Ärmsten der Armen, die am schlechtesten bezahlten Arbeiter mit Dieben, Gaunern und Opfern der Prostitution bunt durcheinander,“ und spricht von menschlich bewohnten Viehställen. Noch schlimmer ging es allerdings den Obdachlosen, von denen in London jeden Morgen 50000 aufstanden, ohne zu wissen, wo sie am nächsten Tag zu liegen kämen.

Zu essen gab es meist schlechte Kartoffeln, welkes Gemüse, alten Käse, ranzigen Speck, mageres und zähes Fleisch von alten verreckten Tieren, Haferbrei. Die Menschen waren überdurchschnittlich häufig Krankheiten ausgesetzt: Schwindsüchtigen und Lungenkranken begegnete man oft: bleiche, hoch aufgeschossene, engbrüstig und hohläugige „Gespenster“ mit schlaffen, kraftlosen, aller Energie unfähigen Gesichtern. Krüppel und Trunksüchtige waren da, Kinder bekamen oft Opium; Alkohol stellte häufig die einzige „Freudenquelle“ dar. Die Sterberate der Arbeiter vor dem fünften Lebensjahrzehnt betrug 57%, der höheren Klassen 20%.

Der Fabrikarbeiter:

Der ungelernte Tagelöhner, Handlanger, kam kaum über einen – im wahrsten Sinne des Wortes – Hungerlohn hinaus. Der gelernte Arbeiter hatte ein Reallohneinkommen, das sich ständig in unmittelbarer Nachbarschaft des Existenzminimums bewegte. Bei Krankheit, Teuerung, Arbeitslosigkeit (die oft eintrat), lebten alle Arbeitenden „hart an der Hungergrenze“.

Die Lebensphasen eines solchen Arbeiters sahen folgendermaßen aus:

  • Mit ca. 20 bis 25 Jahren Jugend- und Lehrlingszeit mit Niedrigverdienstphase.
  • Mit 25 bis 45 Jahren Hochverdienstphase: Heirat, bescheidene Einrichtung, Rücklagen für Krankheit. Mitarbeit von Frau und Kind.
  • Ab 50 Jahren Altersverarmungsphase auf Tagelöhnereinkommen zurückgestuft.
  • 58 bis 68 Jahre: Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess und Tod (oft Berufskrankheit).

Frauen und Kinder:

Hoher Frauenanteil an der Arbeit von ca. 50%; Frauen sind allen Regeln der geschlechtsspezifischen Diskriminierung ausgesetzt, noch schlechter bezahlt als Männer in der Niedriglohngruppe; Kinderanteil ca. 15%; Regierungsbericht für Kinder 1834: „Die kleinen Gestalten sind wahre Gebilde des Jammers, hohläugig und bleich wie der Tod.“

Berlin (Preußen) 1839: „Regulativ über die Beschäftigung Jugendlicher in Fabriken“: erst ab 9. Lebensjahr; 9 bis 16-Jährige höchstens 10 Stunden; Pausen für Schulbildung.“ (noch 1880 haben pro Schicht verdient: gelernter Arbeiter 1.34; ungelernter Arbeiter 1.09; eine Frau 0.63 Mark).

Arbeitsbedingungen:

  • In der Regel Trennung von Haushalt und Arbeitsplatz (Entzug der Heimarbeit) bei Arbeitszeiten von 12 bis 17 Stunden einschließlich sonntags und nachts, später 10 bis 14 Stunden;
  • kurzer Schlaf,
  • lange Gehstrecken,
  • enorme körperliche und seelische Belastungen;
  • nervöse Überreizung durch Maschinenarbeit;
  • Diktatur der neuen Zeitmessung; Ansporn- und Strafsysteme;
  • Industriebetrieblich erzwungener Drill;
  • Gebäude und Räume: dunkel, laut, schlechte Luft;
  • Gesundheitsgefährdung durch Verletzungen, frühe Invalidität „mit 40 ein Greis“.

Bevor wir das 19. Jahrhundert verlassen, hören wir, wie Engels am Schluss seines Berichtes die englische Gesellschaft anklagt: sie wisse, wie schädlich eine solche Lage der Gesundheit und dem Leben der Arbeiter sei, sie tue jedoch nichts, um diese Lage zu verbessern. So sei das ebenso gut Mord wie die Tat des Einzelnen, nur versteckter, heimtückischer, ein Mord, gegen den sich niemand wehren könne, der kein Mord zu sein scheint, weil man den Mörder nicht sieht, weil alle und doch wieder niemand dieser Mörder sei, weil der Tod des Schlachtopfers wie ein natürlicher aussehe und weil er weniger eine Begehungssünde als eine Unterlassungssünde sei.

Engels schließt seinen Bericht mit dem berühmten Statement: „Krieg den Palästen, Friede den Hütten!“ Seine hier niedergelegten Ansichten weisen ja schon auf das kurze Zeit später erschienene, zusammen mit Karl Marx verfasste „Kommunistische Manifest“ in dem es heißt: „Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.“ Aus dieser Kritik an dem sozialen Elend der damaligen Zeit entwickelten sich der Marxismus und die Sozialdemokratie.

Damit einige kurze Hinweise auf die politische Situation und Entwicklung in England und auf dem europäischen Festland. Die Zustände waren gefährlich, weil die Arbeiter auf der einen Seite verdarben, auf der anderen Seite sich immer mehr zu politischen Zusammenschlüssen und Aktionen durchrangen. Für die Bourgeoisie bestand eine ganz reale Angst vor Revolutionen. Der Ausweg aus dieser Situation des Pauperismus, der „Arbeiterfrage“ bzw. der „sozialen Frage“ war in England und auf dem Kontinent eine Schritt für Schritt verbesserte Sozialgesetzgebung, wozu auch Massenerkrankungen in den Elendsvierteln insofern beitrugen, z.B. die Cholera, als sie von allen gefürchtet wurden. Auf die sog. Arbeiterfrage reagierte am durchgreifendsten Bismarck mit seinen Sozialgesetzgebungen um 1880: die Kranken-, Invaliden- und Rentenversicherungen.

Gegenwart

Dritte Welt:

Nun zur Gegenwart: Slums befinden sich hauptsächlich in der Dritten Welt. Ich referiere zunächst darüber, wie diese Dritte Welt entstanden ist. Dazu gibt es neuere Forschungen, insbesondere von Mike Davis, einem prominenten amerikanischen Stadtforscher und Soziologen.

„Die Geburt der Dritten Welt“ – so lautet die reich belegte These von Davis – spielte sich in den ehemaligen Kolonien in der Zeit von 1870 bis 1914 ab, als sich das Los der Menschen in den Tropen dadurch änderte, dass ihre Arbeitskraft und ihre Produkte zwangsweise in die von London gesteuerte Weltwirtschaft integriert wurde. Im Zeitraum von 1876 bis 1902 kamen dadurch allein in Indien mehr als 20 Millionen Menschen durch Hungertod ums Leben, weil sie in die ökonomische und politische Struktur des liberalen Kapitalismus hineingezwungen wurden. Sie starben, wie Davis schreibt, auf dem Weg zu einer „Viktorianischen neuen Weltordnung“, im sog. goldenen Zeitalter des britischen Empire, der jedoch mit den Leichen der Armen gepflastert war.

Wie kam es dazu?

Einer Missernte durch Dürre, die es immer gegeben hatte, wurde im traditionellen Indien mit seiner intakten Dorfstruktur begegnet, indem das Dorf über eine Getreidereserve verfügte, die bei Bedarf kostenlos zur Überbrückung verteilt werden konnte. Man war dadurch vom Getreidepreis relativ unabhängig. Ganz anders in der Britenzeit: Die Vorratslager waren abgeschafft und dem großen Markt der Exporte einverleibt. Bei Verknappung kam es zu rapide ansteigenden Getreidepreisen, die nicht mehr bezahlt werden konnten. In Hungersnöten wurde über die Verteilung von Hilfsgütern viel zu spät entschieden, außerdem waren sie vollkommen unzureichend, was Beides politisch gewollt war. So hatte die neue Wirtschaftsweise die funktionierenden Dorfstrukturen zerstört, außerdem waren die verhungernden Gesellschaften so schwach, dass sie sich nicht gegen imperiale Ausdehnungen, die die Engländer in solchen Situationen sogleich vornahmen, wehren konnten.

Ähnlich wie in Indien handelten sie in Afrika; die afrikanischen Bauern waren ebenso in die Weltwirtschaft integriert, auf die sie keinerlei Einfluss hatten – „das Muster der Unterentwicklung hatte sich unumstößlich etabliert.“ (M.D.) Jeder Versuch, auf eine Überholspur der Entwicklung zu kommen, so z.B. durch eigene Regeln der Handelsbeziehungen, wurde von London mit militärischen und wirtschaftlichen Sanktionen beantwortet. Die Anwendung von Gewalt war (in allen Kolonien) der Kern der Pax Brittannica.

Das Facit lautet: Die im kalten Krieg so genannten „Dritte-Welt-Länder“ waren ehemalige Kolonien, deren eigenständige kulturelle und wirtschaftliche Leistung durch die Profitgier der Kolonialmächte zerstört wurde, die bis heute mehr oder weniger anhält. „Die imperiale Politik des britischen Empires gegenüber ihren hungernden Untertanen ist moralisch durchaus mit dem Abwurf von Bomben aus 6000 m Höhe zu vergleichen.“ Die Bilder im Buch von M. Davis, die ich Ihnen zeige, sollen keine Illustrationen, sondern, wie der Autor schreibt, Anklagen sein!

Der Planet der Slums:

Für meine nun folgenden Ausführungen stütze ich mich auf zwei wichtige Publikationen, den Bericht der Vereinten Nationen (UN-Habitat), „The challenge of Slums“ – global report on human settlements 2003“, die erste wirklich globale Bestandsaufnahme urbaner Armut in der Welt, sowie das neueste Buch von Mike Davis, „Der Planet der Slums“, 2006. Natürlich kann ich hier nur in Strichen zeichnen, was in der Wirklichkeit auf kein Bild passt, d.h. es gibt viel Raum für Ergänzungen.

Ich gliedere in:

  • Entstehung
  • Ist-Zustand
  • negative Seiten
  • positive Seiten
  • Zukunftsaussichten von Slums

Mike Davis spricht in seinem Buch von drei Wendepunkten der Menschheitsgeschichte: dem Neolithikum, der industriellen Revolution und der jetzt statt findenden Verstädterung. Hierzu vier Zahlen: 1950 gab es 86 Städte mit mehr als 1 Million Einwohner;
2005 waren es 550.

In Kalkutta wuchs die Bevölkerung von 4 auf 15 Millionen und
in Manila von 1,5 auf 14 Millionen Einwohner.

Auf unserer Erde gibt es ca. 200 000 Slums, die meisten in den Entwicklungsländern. In diesen leben ca. 1 Milliarde Menschen, das sind gut 30% der Erdbevölkerung.

In Sub-Sahara-Afrika leben 230 Millionen in Städten, davon 166 Millionen in Slums, das sind 71% der Bevölkerung!

Entstehung der Slums:

Slums haben sich besonders seit der Befreiung vom Kolonialismus in den 1960er Jahren gebildet. So hatten Afrikaner bis 1954 keinen Zugang in die Stadt Nairobi, die in der britischen Zeit in rassische Zonen eingeteilt war; erlaubt waren lediglich vorübergehende Besuchsaufenthalte. Bleiben wir kurz in Nairobi: Der Mathare-Slum entstand 1963/64 nach der Befreiung; der Grund und Boden gehört dem Government und der Erzdiözese; die Mietkosten für eine ca. 10 m Wohnung (Hütte) betragen ca. 1000 bis 1500 Ksch.; im Slum gibt es eine Art Gemeinderat „provincial counsel of elders“, dieser verhandelt mit einem „area administrativ counselder“, der member of parliament ist.

Eine Kombination vieler Faktoren ist für die Entstehung der Slums verantwortlich: Nach der Öffnung der Städte die Land-Stadt-Migration (Dürre, Hunger, Bildung, Verdienste), Flüchtlinge, Kriege, interne Gewalt, unkontrolliertes natürliches Wachstum, innerstädtische Verwahrlosung und Laisser-faire-Politik der Städte in Bezug auf informelle Urbanisation. Außerdem haben der IWF und die Weltbank durch ihre Forderung nach sog. Strukturanpassungen in den Entwicklungsländern, die übrigens auch Geld aus den Gesundheitssystemen abgezogen haben, geradezu zum Wachstum der Slums beigetragen.

Typen von Slums:

  • Groß-Slums wie z.B. in Mumbai (Bombay) mit 1 Million Einwohner.
  • Mittlere Slums, sie sind die häufigsten, es handelt sich um ziemlich zusammenhängende Gemeinschaften mit Führungskräften, hier lebt ein Potenzial politischer Wähler, wodurch es öfter externe politische Unterstützung gibt.
  • Kleine Slums, sog. „small-pocket-size-slums“ bieten einige Vorteile und sind eher attraktiva: Sie liegen innerhalb einer Stadt, umgeben von normalen Siedlungen, in der Nähe von Wasserleitungen, sie haben gute Verkehrsanbindungen und „gute“ Beschäftigungsmöglichkeiten als Hausangestellte und Arbeiter.

Negative Seiten:

  • Unsicherheit des Besitzes
  • Fehlen von Basisservice-Leistungen:
    • Wasser, Kanalisation, Strom, Müllbeseitigung, feste Straßen
  • Slumökologie: Originalton M.Davis: „In der Scheiße leben“
  • Völlig schlechte Gebäudekonstruktionen (Wellblech, Pappe, Lehm…)
  • Lage an gefährlichen Stellen: Umfeld verdreckt, Land, das sonst niemand haben will, Kanäle, Eisenbahn, Brücken, Sümpfe…
  • Größte Wohndichte bei minimaler Siedlungsgröße; Beispiel Nairobi: mehr als die Hälfte der Stadtbevölkerung lebt auf nur 18% des Stadtgebietes, in „Karen“ leben ca. 350 Einwohner/km² – in Teilen von Khibera 80 000/km²!
  • Hohe Armutsschwelle, d.h. multidimensionale Natur der Armut: niedriges Einkommen (1 bis 2 Dollar/Tag), Nichtteilnahme am Arbeitsmarkt, schlechte Erziehung und Gesundheit, kein soziales Netzwerk zum Schutz, keine Produktion, keine Kommunikation mit Institutionen der Stadt
  • Soziale, ökonomische und geographische Abschottung, z.B. zerbrochene Familien
  • Arbeitslosigkeit, kein Zugang zu Krediten und formalen Jobs
  • Arbeit: unsicherer Arbeitsplatz, viele Stunden, Fehlen von Sicherungen, Kinderarbeit, Prostitution
  • Stigmatisierung, Diskriminierung: besonders der Frauen und Kinder, den größten Leidtragenden
  • Krankheiten durch dreckiges Wasser: Typhus, Cholera…
  • Hungerbegleitende Krankheiten: Unterernährung, Infekte, TBC, Malaria, HIV-AIDS, hohe Kinder- und Müttersterblichkeit
  • Hohe Kriminalität: Gangs, Slumlords, ethnische Gewalt
  • Negativbild für internationale Vergleiche, z.B. bei Olympics

Das Ganze nennt M. Davis „Urbanisierung ohne Urbanität“ und fährt fort: „Der informelle Sektor ist nicht die schöne neue Welt – sondern das lebende Museum der menschlichen Ausbeutung.“

Positive Seiten:

  • Drehscheibe für viele Aktivitäten in der Stadt (Dienste für Kommerz und Industrie)
  • Netzwerk für Niedrigverdiener, Immigranten, Flüchtlinge, Straßenkinder, small- business-Unternehmer
  • Erste Anlaufstelle für Immigranten mit Möglichkeiten der Assimilation und Integration
  • Innovative Schutzmechanismen untereinander
  • Möglichkeit von Profiterarbeitung und Verbesserung der Lebensbedingungen (z.B. Töpferarbeit, Lederindustrie)
  • Plätze für vibrierenden Kulturmix mit neuen Formen künstlerischen Ausdrucks:
    • Jazz, Blues, Rock and Roll, Reggae, Break-Dance in New York, Fado in Portugal, Flamenco in Spanien, Edith Piafs Balladen in Frankreich, Soukuss in Afrika, Lateinamerikanische Tänze in Brasilien und Argentinien, Musicals wie Westside-Story,
    • Literatur von Tenessee Williams, Zola, Orwell, Passos u.a.
    • Zusammengesetzte Sprachen wie Creolisch und andere.

Zukunft

Wie steht es nun heute und in Zukunft um die Slums? Auf diese komplexe Frage möchte ich mit einigen Facetten ganz unterschiedlichen Inhalts antworten – wobei naturgemäß Vieles offen bleibt.

Im 19. Jahrhundert haben soziale Gesetze und Wirtschaftsordnungen den Pauperismus besiegt und die „Soziale Frage“ ein gutes Stück vorangebracht.

Heute vermehrt sich die Bevölkerung in den Slums jährlich um 25 Millionen Menschen, das sind so viele wie die Bevölkerung von Holland und Belgien. Über die Zustände in den Slums habe ich berichtet, Davis spricht sehr plastisch von einem „halben Sterben“, eher als von Leben. Dieser Zustand sei der „existencial ground zero“, also der existanzielle Nullpunkt.

Hier lauern Gefahren wie charismatische, unberechenbare Erlöserkirchen, ethnische Milizen, Straßengangs und durchaus auch revolutionäre soziale Bewegungen. – Die Bilder der Mordszenen der post-selection-violence ais dem Slums von Nairobi gingen im Januar 2008 im die Welt. Und schon J.F. Kennedy hat 1961 geäußert, ob die Slums nicht Vulkane seien, die nur darauf warteten, auszubrechen.

Wie begegnet man diesen Gefahren?

  1. Durch schlichtes Vergessen in der Ersten Welt, ähnlich wie die Aidsseuche oder die Appelle zur Hungerbekämpfung (Konspiration des Schweigens, WHO),
  2. durch Slumabrisse, die aber nicht nur Hütten zerstören, sondern auch soziale Strukturen, was eher alles noch verschlimmert als verbessert,
  3. durch Pentagon-Studien, wie man „Krieg niederer Intensität von unbegrenzter Dauer gegen kriminalisierte Bevölkerungsteile städtischer Armer führen kann“, Davis nennt dies den wahren Kampf der Kulturen – clash of civilizations. Solche Lösungsansätze haben den Vorteil von Wirklichkeitsnähe, sind aber mit einer außerordentlich negativen Konnotation behaftet.
  4. Positive Ansätze fordern eine ständige Pro-Poor-Politik für mehrere Generationen, die massiv in die soziale und materielle Infrastruktur der Städte investiert – mit deutlicher Einbindung der Armen in ihre Problemlösungen, was Millionen Jugendlicher Beschäftigung verschaffen könnte. Es gibt solche erfolgreichen Ansätze in Singapur, China und Südafrika. Das Wichtigste hierzu ist der politische Wille „to make things happen“!

Nachbetrachtung

Ich schließe mit einer etwas ausholenden Betrachtung, die uns alle betrifft und die zwei hier vorhandene diametral entgegen gesetzte Tatsachen miteinander verschränkt: Dies sind auf der einen Seite die Fakten der Besitzlosigkeit in den Slums der Entwicklungsländer, und das ist auf der anderen Seite ein ausgreifender Besitzindividualismus in der Ersten Welt.

Was kann der Grund dafür sein – dort das „Nichts“ – hier Reichtum im Überfluss. Dazu sind Überlegungen hilfreich, die der Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde jüngst in der SZ (24.4.2009) unter dem Titel „Woran der Kapitalismus krankt“ publiziert hat. Ich gebe Böckenfördes Gedanken in verkürzter Form wieder:

Der Kapitalismus funktioniert als eine Vermehrungsmaschine für ein potentiell unbegrenztes Erwerbsinteresse; der freie Markt ist auf Wachstum und Bereicherung gerichtet, das dabei Egoismus, Gier und Handel mit fiktivem Kapital eine wichtige Rolle spielen, erleben wir seit mehr als einem Jahr. In diesem System kommen Menschen nur als Funktionsträger und Kostenfaktor in den Blick. Soziale Probleme und Kostenausfälle werden der Gewährleistungsfunktion des Staates zugeschoben (Milliardenschirme). In diesem System ist die Solidarität von Menschen mit- und untereinander kein strukturierendes Prinzip.

Woran krankt der Kapitalismus?

An einem ausgreifenden Besitzindividualismus ohne inhaltliche humane Orientierung! Der freiheitlich-säkulare Staat hätte dagegen als Therapie einen Ordnungsplan und eine Handlungsstrategie vorzugeben, die davon ausgehen muss, dass die Güter dieser Erde (Natur, Umwelt, Bodenschätze, Wasser) allen Menschen zum Erhalt ihrer Lebensbedürfnisse und Wohlfahrt zur Verfügung stehen.
Das Gegenmodell zum Kapitalismus heißt Solidarität im Miteinander als strukturierendes Prinzip, auch im ökonomischen Bereich. Böckenförde verweist auf Augustinus, Karl Marx und auf Johannes Paul II. Ich wollte Ihnen diese wichtige Analyse angesichts unserer Probleme in heutiger Zeit nicht vorenthalten.

Bereits 1911 hat Else Spiller, eine mutige und warmherzige Journalistin, solche Gedanken in ihrem Buch „Slums“ ausgesprochen. Zitat:

„…Wenn ich aber etwas fordere und mit Ernst fordere, dann ist es das Eine, dass die Pflicht gegen sich und die Menschen nicht so leicht genommen werde, dass das Verantwortlichkeitsgefühl mehr mitspreche in den Taten der Jugend und des Alters. Gerechtigkeit verlange ich und reine Menschenliebe, sei es nun im Namen der Religion, der Pflicht oder der Humanität.“

Damit bin ich zur Eingangsfrage zurückgekommen: „Wie hältst Du das aus?“

Slum – auch ein Bild der Freude, Stärke und Lebenskraft!

Literatur

  • Abendroth, Wolfgang, Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung, Frankfurt 1965
  • Böckenförde, Ernst-Wolfgang, Woran der Kapitalismus krankt, Süddeutsche Zeitung, 24. April 2009
  • UN-Habitat, The challenge of Slums, Global report on human settlements, London 2003
  • Davis, Mike, Die Geburt der Dritten Welt, Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter, Berlin 2004
  • Davis, Mike, Der Planet der Slums, Berlin 2006
  • Engels, Friedrich, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, Leipzig 1945, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Band 2, 1972 S. 229ff.
  • Kocka, Jürgen, Das lange 19. Jahrhundert, in: Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, Band 13, Stuttgart 2001
  • Spiller, Else, Slums, Erlebnisse in den Schlammvierteln moderner Wohnstädte, Wien 1911 und 2008
  • Tabibzadeh, U.A. spotlight on the cities, improving urban health in developing countries, WHO Genf 1989
  • Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1815-1845/49, München 1987

Verweise