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Magenballon

Der Magenballon (Bioenterics intragastric balloon (BIB) ) ist ein medizinisches Hilfsmittel zur Unterdrückung des Hungergefühls und Erzielung eines frühen Sättigungsgefühls bei Mahlzeiten, das zur Behandlung krankhaft übergewichtiger Menschen konzipiert ist. Die Wirkung beruht auf der Reduktion des für Mahlzeiten zur Verfügung stehenden Magenvolumens.

Inhaltsverzeichnis

Typen des Magenballons

Zwei Magenballon-Typen stehen zur Verfügung [1]:

  • einer, der mit Luft gefüllt wird (Vorsicht bei Flugreisen, er dehnt sich bei niedrigem Druck in der Kabine aus), und
  • einer, der mit physiologischer Kochsalzlösung, die mit Methylenblau gefärbt wird,

gefüllt wird. Der luftgefüllte Typ scheint gelegentlich undicht werden und dadurch den Magenausgang passieren zu können. Er gelangt dann in den Dünndarm gelangen und kann in seltenen Fällen einen Darmverschluss (Ileus) hervorrufen. Diese Komplikation ist vom Kochsalz-gefüllten Magenballon nicht zu erwarten, da die bei Undichtigkeit frei werdende blaue Flüssigkeit resorbiert und mit dem Urin ausgeschieden wird. Blauer Urin ist damit das Signal für eine sofortige Gastroskopie und Entfernung des Ballons.

Auswirkungen des Magenballons

Die Appetit zügelnde Wirkung des Magenballons hängt von seiner Füllung ab. Viele Anwender füllen mit nicht weniger als 400-500 ml; es resultiert ein Ballondurchmesser von etwa 8 cm, was sonographisch kontrolliert wird. Darunter nimmt die Wirkung ab. In einigen Studien werden Füllmengen von 600 ml Kochsalzlösung verwendet.

Wie viel Gewicht durch den Magenballon verloren werden wird, ist im Einzelfall nicht sicher vorherzusagen. Die Streubreite in den Studien ist relativ groß.

Die Gewichtsabnahme in den ersten 3 Monaten ist ausgeprägter als in den folgenden 3 Monaten [2]. Es wird eine Liegezeit des Ballons von ½ Jahr empfohlen; anschließend sollte der Ballon endoskopisch entfernt werden. Eine längere Liegedauer scheint keinen Vorteil zu bringen und zudem das Risiko einer alterungsbedingten Materialsprödigkeit und Keimbesiedlung in sich zu bergen.

Es werden Studien mit einer Mehrfacheinlage eines Magenballons durchgeführt. Die Wirkung des zweiten Ballons ist in aller Regel deutlich geringer als die des ersten. Die Rate an anschließenden gewichtsreduzierenden Operationen (Bariatrische Operation) wird durch Mehrfach-Ballons nicht verringert [3]. In einer großen Studie wird festgestellt, dass bei einem Ausgangs-BMI von 37.6 ± 5.7 kg/m(2) durch den Magenballon nach ½ Jahr ein durchschnittlicher BMI von 31.1 ± 7.2 erreicht wurde; bei einem zweiten Magenballon sank der BMI von 32.9 ± 6.7 kg/m(2) nur auf 30.3 ± 7.2 [4]. Berichte über längere Beobachtungszeiten stehen aus.

In einer Studie (171 Personen, mittleres Gewicht 123,2 kg) sank der durchschnittliche BMI nach 6-monatiger Behandlung von 41,9 auf 36.0 kg/m². Es kam zu einer signifikanten Verbesserung des Blutdrucks, des Blutzuckers und der Triglyceride im Blut, nicht aber des Cholesterins, des HDL und des LDL [5].

Eine zusammenfassende Beurteilung von bis 2008 veröffentlichten Studien [6] stellt fest, dass die mittlere Gewichtsabnahme bei 17.8 kg (4.9-28.5) lag, was einer mittleren Abnahme des BMI um 4.0-9.0 kg/m² entsprach. Schwere Komplikationen waren sehr selten; in 0,2% kam es zu einer Magenperforation und ebenfalls in 0,2% zu einem Darmverschluss. In 2,5% wurde der Magenballon wegen Verdauungsbeschwerden frühzeitig entfernt.

Langzeiterfahrungen

In einer Studie an 100 konsekutiven Patienten mit einem BMI von 35.0 +/- 5.6 kg/qm Endoscopy. 2009 Jul;41(7):575-80 kam es durch den Magenballon nach 6 Monaten zu einem mittleren Gewichtsverlust von 12.6 +/- 8.3 kg, wobei 63 % der Patienten einen Gewichtsverlust von mehr als 10% aufwiesen. Während des ersten und zweiten Jahres nach Entfernung des Magenaballons kam es bei allen Studienteilnehmern zu einer erneuten Gewichtszunahme um 4.2 +/- 6.8 und 2.3 +/- 6.0 kg. Am Ende der Studie nach 4.8 +/- 1.6 Jahren wiesen 28 weiterhin mehr als 10% Gewichtsverlust auf, 35 hatten eine bariatrische Operation (von ihnen hatten 60% präoperativ ein höheres Gewicht als das Ausgangsgewicht vor Anlage des Magenballons!), 34 hatten ein Gewicht um minus 1.5 +/- 5.8 kg im Vergleich zum Ausgangsgewicht.

Wegen der bislang noch fraglichen Langzeiterfolge sind die Krankenkassen noch nicht bereit, die Kosten (von meist mindestens 2500 Euro) zu übernehmen.

Nebenwirkungen, Komplikationen

Bei Anlage und Entfernung eines Magenballons kann es in sehr seltenen Fällen zu schwerwiegenden Komplikationen, wie einer Magenperforation oder Ösophagusperforation kommen.

Häufigere Nebenwirkungen sind krampfartige Magenschmerzen, Übelkeit, Brechreiz, Sodbrennen. Sie bessern sich in der Regel nach einigen Tagen; wobei eine drastische Umstellung der Ernährungsgewohnheiten hilft.

Eine Magenschleimhautentzündung (Gastritis) und eine Entzündung der Speiseröhre durch Rückstau des Mageninhalts (Refluxösophagitis) können länger anhalten und bedürfen in der Regel einer Behandlung mit Säureblockern. Zur Besserung der Refluxösophagitis sollte zudem das gesamte Bett schräg gestellt werden (2 Klötze unter die Füße des Kopfendes), damit der Inhalt in den Magen zurück fließen kann.

Viele Betroffene haben Schwierigkeiten, auf der rechten Seite zu schlafen, da der Magenballon eine ungünstige Lage einnimmt; die Linksseitenlage ist meist unproblematisch. Wer jedoch beispielsweise wegen Schmerzen an der linken Hüfte oder Herzrhythmusstörungen nicht auf der linken Seite liegen kann, sollte sich vor einer Balloneinlage gut beraten lassen.

Der Magenballon kann sich mit potentiell pathogenen Keimen besiedeln [7]. Komplikationen davon sind bisher nicht berichtet worden.

Im Magen können bakterielle Zersetzungsvorgänge von nicht restlos entleerter Nahrung auftreten, die zu unangenehmen Gasbildungen und Mundgeruch beim Aufstoßen führen. Daher sollte relativ viel getrunken werden, am besten mehr als 2 Liter pro Tag.

In seltenen Fällen wurde von einer Nekrose bzw. einer Magenperforation nach vorangegangener Fundoplicatio (Antirefluxoperation) berichtet. Eine Fundoplicatio wird daher als Kontraindikation für den Magenballon angesehen [8].

Magenballon als Teil einer Strategie zur Gewichtsabnahme

Der Magenballon gilt als verhältnismäßig sichere Methode zu raschen Gewichtsabnahme, wobei derzeit die Befürchtung nicht ausgeräumt ist, dass er keinen ausreichenden Langzeiteffekt hat. Daher wird besonders betont, dass er dazu dienen soll, den Lebensstil und die Ernährungsgewohnheiten nachhaltig umzustellen [9]. Wer dazu nicht in der Lage oder bereit ist, sollte dies in den vorbereitenden Gesprächen zum Ausdruck bringen; solche Patienten sind der Erfahrung nach diejenigen, die am ehesten den Magenballon vorzeitig entfernen lassen.

Einübung in gesunden Lebensstil und Essgewohnheiten

In der Zeit, in der der Magenballons implantiert ist, sollte Folgendes eingeübt werden,

  • kleinere kalorienreduzierte Mahlzeiten zu sich zu nehmen (siehe hier) – die Ernährungsberatung ist eine Voraussetzung der Gesamtstrategie,
  • sich viel körperlich zu bewegen; bei Bürotätigkeit z. B. abends für 30 Minuten auf dem Crosstrainer (vorm Fernsehgerät),
  • sich mental zu stärken, um später mit seinen Essgewohnheiten nicht rückfällig zu werden; eine psychologische Begleitung ist meist unabdingbar. Die Rückfallquote steigt mit zunehmendem zeitlichem Abstand vom Magenballon zunehmend und erheblich.

Worauf man sich bei Adipositas Grad 3 einstellen sollte

Bei sehr hohem Körpergewicht (Adipositas 2 oder 3) wird ein Magenballon nicht ausreichend sein, ein befriedigendes Körpergewicht zu erreichen und dauerhaft zu behalten. Patienten mit Adipositas Grad 3 sollten sich vor Anlage eines Magenballons damit auseinandersetzen, dass er nur zur Überbrückung bis zu einer wahrscheinlich notwendigen bariatrischen Operation dient. Wer von vornherein eine solche Lösung ausschließt, die als einzige eine nachhaltige Gewichtsabnahme verspricht, sollte sich bezüglich eines Magenballons gut beraten lassen.

Praktisch jeder Betroffene durchläuft eine Phase von Hoffnung, genährt durch die anfängliche Gewichtsabnahme, und Depression, wenn er merkt, dass die Gewichtsabnahme Grenzen hat, das Allgemeinbefinden nicht den Wünschen entspricht und der ganze Aufwand mit nach seiner Meinung zu starken Anstrengungen bezahlt wird. In dieser Phase bedarf es eines fast übergroßen Willens, um nicht wieder zu Süssigkeiten und alten Essgewohnheiten zurückzukehren. Man hört als Begründung dann oft: „Es hat ja doch keinen Sinn…“. Dieser Zusammenbruch kann noch nach Jahren eintreten. Daher sollten sich Patienten mit Adipositas Grad 3 von vorneherein mit dem Gesamtkonzept inklusive bariatrischer Operation auseinanderzusetzen.

Indikationen

  • Bei leichtem Übergewicht (BMI zwischen 25 und 30) kommt in aller Regel kein Magenballon in Betracht. Hier sind eine Umstellung der Ernährung und vermehrte körperliche Bewegung zielführend.
  • Bei Adipositas geringeren Ausmaßes kann ein Magenballon dazu beitragen, in einen akzeptablen Gewichtsbereich zu kommen und ihn durch langfristige Umstellung des Lebensstils auch zu behalten.
  • Bei höhergradiger Adipositas wird der Magenballon in den meisten Fällen alleine nicht dazu führen, eine anhaltende ausreichende Gewichtsreduzierung einzuleiten.
  • Bei einer Adipositas Grad 3 (BMI > 40) muss mit dem Patienten besprochen werden, dass der Magenballon Teil des Gesamtkonzepts darstellt, bei dem nach etwa ½ Jahr eine bariatrische Operation geplant werden sollte.
    • Eine präoperative Gewichtsabnahme durch Magenballon wird vielfach propagiert, speziell bei extremem Übergewicht, um die Operationsrisiken zu minimieren [10]. Andererseits wird betont, dass eine niedrig-kalorische Ernährung billiger ist und weniger Nebenwirkungen aufweist [11].

Kontraindikationen

Vor Einlage eines Magenballons sollten folgende mögliche Kontraindikationen abgeklärt sein:

  • Fundoplicatio (vorangegangene Refluxoperation)
  • Essstörungen (z. B. Bulimie)
  • Hiatushernie
  • Gerinnungshemmung (z. B. Marcumar)
  • Magengeschwür
  • Schwierigkeiten bei der Linksseitenlage
  • Psychiatrische Erkrankung
  • Therapie mit Bisphosphonaten

Kontrollen unter Magenballon-Therapie

Vor der Einlage eines Magenballons sollten der körperliche Untersuchungsbefund und eine Übersicht an Laborwerten inkl. TSH bekannt sein. Eine hormonelle Ursache des Übergewichts (Hypothyreose?) muss ausgeschlossen werden; sie wäre zunächst ursächlich zu behandeln.

Nach Ballon-Einlage sollten Gewicht, Elektrolyte (Hypokaliämie möglich) und körperliches und psychisches Befinden in Kontrolle bleiben. Die Behandlung eines häufig bei stark Übergewichtigen vorhandenen Diabetes mellitus muss an die neuen Gegebenheiten angepasst werden. Eine ständige ernährungsphysiologische und psychologische Betreuung ist in den meisten Fällen für den Langzeiterfolg eine unbedingte Voraussetzung.

Verweise

Literatur

  1. Obes Surg. 2010 Dec;20(12):1642-6
  2. Obes Facts. 2010;3(2):105-8
  3. Obes Surg. 2010 Jun;20(6):692-7
  4. Obes Surg. 2011 Jan;21(1):5-9
  5. Obes Surg. 2011 May;21(5):551-5
  6. Obes Surg. 2008 Dec;18(12):1611-7
  7. World J Gastroenterol. 2009 Dec 7;15(45):5751-3
  8. Obes Surg. 2009 Oct;19(10):1456-9
  9. Farina MG et al. Obes Surg. 2011 Sep 7. [Epub ahead of print]
  10. Obes Surg. 2012 Feb 16. [Epub ahead of print]
  11. Nutr Hosp. 2011 Dec;26(6):1227-30