Facharztwissen
für alle @ medicoconsult.de


Folsäuremangel

Folsäure ist ein Vitamin (früher als Vitamin B9 bezeichnet), welches bei Zellteilungen und Wachstum, und damit besonders bei der fetalen und embryonalen Entwicklung eine ausschlaggebende Rolle spielt.

Inhaltsverzeichnis

Pathophysiologie

Wenn die intrazellulären Speicher an Folsäure (Folat in Form von Folylpolyglutamat) abfallen, werden die Folsäure-abhängigen Stoffwechselprozesse beeinträchtigt.

  • Zellteilungsvorgänge werden beeinträchtigt, da die dafür notwendige Bildung neuer DNA von Folsäure abhängt. Es steht zuwenig THF zu Verfügung, um ausreichend Nucleobasen (Adenin, Guanin und Thymidin) zu bilden.
  • Die Bildung von Methionin aus Homocystein wird bei einem Folsäuremangel beeinträchtigt; und damit wird auch zu wenig SAM, das ein wichtiger Methylgruppendonator darstellt, gebildet (siehe unter Folsäure). Die SAM-abhängigen Stoffwechselprozesse sind dadurch beeinträchtigt: zu ihnen gehören die Bildung von Adrenalin und Acetylcholin und von Phosphatidylcholin (Lecithin), das als Zellwandbestandteil benötigt wird. Auch die DNA-Methylierung und der Abbau von Histamin leiden bei Folsäuremangel.

Symptome durch Folsäuremangel

Ein Folsäuremangel führt zu einer Reihe klinischer Zeichen, wie Blutarmut (Anämie) und Durchfälle. Typisch für den Folsäuremangel ist eine Makrozytose der Erythrozyten, wie sie auch bei einem Vitamin-B12-Mangel auftritt. Eine makrozytäre Anämie bei älteren Menschen (>85 Jahre) ist eher mit einer Folsäuremangel und erhöhten Homocystein-Spiegeln im Blut als mit einen Vitamin-B12-Mangel assoziiert [1]

Folsäuremangel und Demenz

Eine neuere Europäische Studie weist nach, dass Folsäure-Supplementierung die Conversionsrate von milder Encephalopathie zur Demenz verlangsamt [2].

Ältere Menschen, die einen zu hohen Homocysteinwert und damit Zeichen eines Folsäuremangels aufweisen, profitieren von einer Folsäure-Supplementierung bezüglich ihrer Hirnfunktion.

Auch die kognitive Funktion von Alzheimer-Patienten unter Cholinesterase--Inhibitoren wird durch Folsäuresupplementierung verbessert [3].

Folsäurmangel in der Schwangerschaft

Fehlbildungen am Neuralrohr: Folsäuremangel beim heranwachsenden Foeten erhöht das Risiko eines mangelnden Neuralrohrschlusses; es entwickelt sich gehäuft eine Spina bifida. Dieser bekannte Zusammenhang wurde im Rahmen von nationalen Folsäure-Supplementierungsprogrammen mehrfach bestätigt. In Saudi-Arabien beispielsweise sank die Inzidenz von Neuralrohrdefekten von 1.9/1000 Geburten (1997-2000) auf 0.76/1000 Geburten (2001-2005) [4]. In Peru sank das relative Risiko von 1,02 auf 0,77 [5].

Autismus: In der prospektiven Norwegischen "Mother and Child Cohort Study" (MoBa) wurde festgestellt, dass eine Folsäure-Supplementierung der Mutter der Entwicklung von Autismus beim Kind vorbeugt [6]. In der untersuchten Kohorte von 85176 Kindern hatten 0,21% der Kinder von Müttern ohne Folsäure-Supplementierung nahe dem Zeitpunkt der Konzeption Zeichen eines Autismus, wohingegen eine Folsäure-Supplementierung das Risikos auf 0,10% senkte.

In Deutschland scheiterte bisher (02/2013) die Einführung einer Folsäuresupplementierung der Bevölkerung, wie sie in anderen Ländern bereits eingeführt ist (z. B. über angereicherte Getreideprodukte).

Ursachen von Folsäuremangel

  • Folsäuremangel kann durch einseitige Kost oder Mangelernährung zustande kommen. Durch Kochen geht viel natürliche Folsäure verloren, besonders auch, wenn Folsäure, die wasserlöslich ist, ins Kochwasser übergeht und dekantiert wird.
  • Alkoholkranke weisen oft einen Folsäuremangel auf.
  • Dünndarmkrankheiten führen zu einer Resorptionsstörung von Folsäure. So können eine Sprue oder der seltene Morbus Whipple, aber auch ein Kurzdarmsyndrom zu Folsäuremangel führen.
  • Methotrexat, das in der Krebstherapie und bei immunsuppressiver Behandlung von Autoimmunkrankheiten (wie der rheumatoiden Arthritis) verwendet wird, ist ein Antifolat und kann zu einem Folsäuremangel führen. Erstes Zeichen ist eine Unterdrückung der Nachbildung von Blutzellen (Anämie, Leukopenie, Thrombopenie).

Diagnostik

Ein Mangel an Folsäure im Körper lässt sich an einer Senkung ihrer Konzentration im Serum unter 5 μg/l erkennen.

  • Da alle sich schnell teilenden Zellen viel Folat benötigen, machen sich Mangelzustände häufig zuerst bei der Erythropoese (Nachbildung roter Blutkörperchen) und am Darm (Nachbildung abschilfernder Enterozyten) bemerkbar.
    • Die Erythrozyten werden zu gering nachgebildet bei unveränderter Hämoglobinsynthese. Damit entsteht eine hyperchrome und zu große rote Blutkörperchen makrozytäre Erythrozyten.
    • Die Darmmukosa kann so in Mitleidenschaft gezogen sein, dass Durchfälle entstehen.

Vorbeugung und Therapie

Durch gesunde Ernährung mit Obst, Gemüse, Vollkornbrot und Milchprodukten nimmt der Körper ohne Supplementierung genügend Folsäure auf. Die empfohlene Tagesdosis beträgt etwa 300 bis 400 µg pro Tag. In der Schwangerschaft besteht ein erhöhter Folsäurebedarf, so dass Folsäure in der Nahrung ergänzt werden sollte; empfohlen werden 800 µg pro Tag.

Verweise

Literatur

  1. Arch Intern Med. 2008 Nov 10;168(20):2238-44
  2. J Nutr Health Aging. 2012 Aug;16(8):687-94
  3. Cochrane Database Syst Rev. 2008 Oct 8;(4):CD004514
  4. Saudi Med J. 2007 Aug;28(8):1227-9
  5. Rev Panam Salud Publica. 2012 Dec;32(6):391-8
  6. JAMA. 2013 Feb 13;309(6):570-7. doi: 10.1001/jama.2012.155925.