Acetylsalicylsäure (ASS) ist ein Medikament mit vielfältigen Wirkungen, zuerst ist es als Aspirin bekannt geworden. Heute wird es hauptsächlich zur Vorbeugung von Gefäßkomplikationen bei Arteriosklerose (insbesondere Herzinfarkt, Schlaganfall und Durchblutungsstörungen der Beine mit Claudicatio intermittens) verwendet. Auch wird es zur Behandlung von Kopfschmerzen (z. B. beim "Brummschädel" nach Alkoholexzess) verwendet.
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Pathophysiologie
ASS hemmt die Cyclooxigenase-1 und die Cyclooxigenase-2 irreversibel (COX-2-Hemmer und COX-1-Hemmer) im Gegensatz zu den nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Indometacin, die kompetitive Hemmer sind.
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Wirkungen
ASS wirkt in kleinen Dosen als
- Thrombozytenaggregationshemmer (Prophylaxe des Herzinfarkts und des Schlaganfalls)
ASS wirkt in höheren Dosen als
- Antiphlogistikum (entzündungshemmend)
- Antirheumatikum (gegen entzündliche Gelenkkrankheiten gerichtet)
- Antipyretikum (fiebersenkend)
ASS wird häufig angewendet bei Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, grippalen Infekten, "Kater" nach Alkoholgenuss und anderen Beschwerden im Alltag.
Nebenwirkungen
Eine Hemmung von COX-1 führt zu einer vermehrten Bildung der entzündungsfördernden Leucotriene und kann damit Asthmaanfällen hervorrufen. Auch steigt das Risiko für ein Magengeschwür oder Zwölffingerdarmgeschwür.
Die magenschädigende Wirkung von Acetylsalicylsäure in kleinen Dosen von 75 - 325 mg, wie sie zum Koronarschutz verwendet werden, soll nicht durch durch eine COX-2-Hemmung zustande kommen sondern dadurch, dass das undissoziiert aufgenommene Molekül im Inneren der Mukosazellen des Magens bei einem neutralen pH dissoziiert und so die Zelle nicht mehr verlassen kann; es akkumuliert und wirkt toxisch. Ein säurestabiler Lacküberzug, wie er in z. B. "Aspirin protect®" verwendet wird, verhindert weitgehend die ASS-Freisetzung im Magen; die Freisetzung des Inhalts erfolgt im Dünndarm. Mit diesem "Trick" werden magenschädigende Nebenwirkungen weitgehend vermieden.
Aspirin-induziertes Asthma
Aspirin induziert in einigen Fällen eine nicht-allergische Hypersensitivität der Schleimhaut der Atemwege mit Asthma, Rhinitis und Sinusitis mit Übergang in eine chronisch-Entzündung. Häufig findet man bei ihnen nasale Polypen. Dies ist als „Aspirin-exacerbated respiratory disease (AERD)” bekannt. Alternativ zu Aspirin oder anderen NSAR-Präparaten sind diese Patienten auf andere Medikamente (z.B. Paracetamol) zur Fiebersenkung und Schmerzbekämpfung angewiesen. Eine Desensibilisierung kann diskutiert werden, speziell wenn Kortikosteroide nicht ausreichend helfen [1] [2]. Bei bevorstehende Coronarangioplastie, nach der eine ASS-Therapie gewünscht ist, wird eine Schnelldesensibilisierung angeregt, die meist gut vertragen wird [3].
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Aspirin-Resistenz
Unter bestimmten Bedingungen findet man eine unzureichende Hemmung der Plättchenfunktion durch normale Dosen von Aspirin. Die Ursache liegt in einem beschleunigten Plättchen-Turn-over. Bei Diabetikern beispielsweise finden sich wegen beschleunigter Nachproduktion bereits deutlich früher wieder funktionsfähige Thrombozyten im peripheren Blut als bei Gesunden, bei denen sie ab 4-6 Stunden nach Aspirin-Einnahme wieder ansteigen [4] [5]. Für die erhöhte Koagulationsbereitschaft speziell bei diabetischer Angiopathie wird daher eine kontinuierliche Hemmung der Aggregation der Blutplättchen durch eine Retard-Galenik empfohlen [6], bei der Aspirin aus der Tablette verzögert freigesetzt wird.
ASS und Krebsvorbeugung
ASS wirkt antikanzerogen; d.h. es besitzt eine Wirkung gegen Krebs. Bereits in den 90er Jahren wurde festgestellt, dass es – wie auch andere nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAR) – das Risiko für Darmkrebs senkt [7]. Die Raten von kolorektalen Polypen und Darmkebs lagen bei Menschen, die Aspirin einnahmen um 40-50% niedriger [8] [9]. In einer Studie wurde festgestellt, dass Aspirin in einer Dosierung von 300 mg/d über 5 Jahre das Darmkrebsrisiko erst nach 10 Jahren senkt [10]. Inzwischen gilt es als gesichert, dass Aspirin und andere NSAR die Entstehung von Polypen im Dickdarm bei Patienten mit erhöhtem Krebsrisiko und die Zahl der Polypen bei Patienten mit FAP (familiärer adenomatöser Polypose) reduziert [11].
ASS gilt inzwischen als verheißungsvolles Medikament zur Vorbeugung nicht nur von Darmkrebs, sondern auch von Blasen- und Hautkrebs [12]. Die toxischen Nebenwirkungen lassen nach strukturellen Abkömmlingen suchen, die frei von der potentiell schleimhautschädigenden Wirkung des Aspirin sind und eine evtl. höhere krebsvorbeugende Wirkung besitzen.
Wirkungsweise bei der Krebsvorbeugung
Die Wirkungsweise scheint vielfältig zu sein. Eine Wirkung über COX2-Hemmung scheint nicht im Vordergrund zu stehen, da die Wirkung bei Darmkrebs-Zelllinien eintritt, die keine Cyclooxigenase enthalten [13] [14].
Verantwortlich für die antikarzinogene Wirkung sollen folgende Mechanismen sein:
- eine Modulation der Lymphangiogenese mit der möglichen Folge der Hemmung einer metastatischen Aussaat [15],
- die Induktion einer Apoptose von Tumorzellen (gefunden im Mausmodell für das hepatozelluläre Karzinom, orale Dosis 100 mg/kg/Tag),
- SOX7 (sex-determining region Y-box 7) ist in Darmkrebszellen herunter reguliert. Aspirin führt zu einer Restaurierung von SOX7 und dadurch zu einer Erhöhung der Apoptose </ref>World J Gastroenterol. 2011 November 28; 17(44): 4922–4927</ref>.
Verweise
Literatur
- ↑ Clin Rev Allergy Immunol. 2003 Apr;24(2):159-68
- ↑ Curr Allergy Asthma Rep. 2004 Jan;4(1):17-24
- ↑ Hellenic J Cardiol. 2011 Jul-Aug;52(4):307-10
- ↑ Nutr Metab Cardiovasc Dis. 2011 Aug;21(8):542-5
- ↑ Thromb Res. 2011 Dec 3. [Epub ahead of print]
- ↑ Blood. 1986 Oct;68(4):886-91
- ↑ Important Adv Oncol. 1996:123-37
- ↑ N Engl J Med. 2000;342:1960–1968
- ↑ Epidemiology. 2001;12:88–93
- ↑ Lancet. 2007 May 12;369(9573):1603-13
- ↑ Health Technol Assess. 2010 Jun;14(32):1-206
- ↑ Cancer Prev Res (Phila). 2011 Nov;4(11):1728-35
- ↑ Biotechnol Lett. 2006;28:1263–1270
- ↑ Biochem Pharmacol. 1996;52:237–245
- ↑ J Clin Pharmacol. 2011 Dec 14. [Epub ahead of print]





