Stress

Stress bedeutet im Englischen Druck, Belastung, Anpannung. Nach Hans Selye, dem Vater der Stressforschung, ist er die Reaktion des Körpers auf Stressoren (Stressfaktoren). Es wird Eustress, unter dem man aufblüht, vom Dysstress, unter dem man leidet, unterschieden. Der Dysstress wird landläufig allein als „Stress“ bezeichnet. Mit ihm befasst sich dieses Kapitel.


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Stressfaktoren


Viele Stressfaktoren (Stressfaktor = Stressor) können Körper und Psyche zusetzen. Ob eine Belastung als Eu- oder Dysstress empfunden wird, hängt von der individuellen Stressempfindlichkeit und der Situation ab.

Je nach Umstand können insbesondere folgende Faktoren als Stressauslöser fungieren:

  • Angst,
  • Lärm,
  • Schlafmangel,
  • schlechtes Betriebsklima,
  • Zeitdruck,
  • Geldsorgen,
  • Über- oder Unterforderung,
  • gestörte Sozialbeziehungen,
  • besonders gestörte Zweierbeziehungen,
  • mangelnde Anerkennung und Wertschätzung,
  • Vereinsamung,
  • erfolglose Suche nach Zukunftsperspektiven,
  • Mangel an Eigenverantwortung,
  • mangelnde Möglichkeit zur Selbstbestimmung oder Einflussnahme auf das eigene Schicksal,
  • Empfinden eines Übergewichts von Nehmen über Geben,
  • körperliche Überforderung,
  • Schmerz.

Stress breitet sich aus

Gestresste Menschen stressen auch andere. Der Stress der Eltern (beispielsweise in ihrer Zweierbeziehung) überträgt sich auf die Kinder. Der von Vorgesetzten beeinflusst das Betriebsklima und überträgt sich auf die Mitarbeiter.

Verfestigung

Besonders heftige Stressauslöser, wie der Verlust eines nahen Menschen, plötzliche Gefahr für Leib und Leben, ein persönlicher Schicksalsschlag oder Angst um eine nahe Bezugsperson führen bei Menschen, die dafür empfindlich sind, zu einer übersteigerten und sich verfestigenden Angstreaktion im Sinne eines posttraumatischen Belastungssyndroms.

Folgen von Stress


Dysstress (anders als der Eustress!) kann die Gedanken so lähmen, dass ein Ausweg durch Nachdenken und Planung schwierig zu erreichen ist. Oft ist dies der Anlass für Angstreaktionen und eine Depression.

  • Angst: Dysstress beeinflusst den Mandelkern (Amygdala) und führt dort zur Entstehung von Angst, der vom Hippocampus nicht genügend gegengesteuert wird.
  • Depression, Burn-out-Syndrom: Unter Dauerstress entsteht ein Circulus vitiosus: er führt zu Schwermut – der zu Teilnahmslosigkeit und mangelnder Realitätsnähe – sie führen zu Vergesslichkeit und Angststörungen – sie wiederum führen zu Apathie und konsolidieren die Schwermut. Wenn Trauer nicht überwunden wird, wird sie zur Depression.

Somatische Folgen von chronischem Stress

Von Bedeutung für körperliche Folgen ist vor allem der chronische Stress. Er fördert das Risiko für:

Wissenschaftliche Erkenntnisse

Stress hat nach Hans Selye („Vater der Stressforschung“) körperliche Auswirkungen. Zentral für die körperliche Reaktion ist die Hormonachse vom Hypothalamus über die Hypophyse zu den Nebennieren. Psychischer Stress vermittelt Signale vom Gehirn (dort Hypothalamus) zur Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), die über ihre Hormone (ACTH) die Nebennieren anregt, Cortisol zu bilden. Über den Sympathicus wird die Adrenalin- und Noradrenalinproduktion angeregt. Selye generierte die Begriffe „allgemeines Anpassungssyndrom“, Eustress (positive Auswirkungen) und Dysstress als (negative Auswirkungen).

Stresshormone

Stresshormone sind Adrenalin und Kortisol; sie ermöglichen Kampf oder Flucht, die in der freien Wildbahn zum Überleben wichtig sind.

  • Adrenalin wird ausgeschüttet: es erhöht den Blutdruck, die Herzfrequenz und die Atemfrequenz. Es steigert auch den Blutzucker und senkt die Darmmotilität (Folge Verstopfung).
  • Kortisol erhöht den Blutzuckerspiegel (Energiebereitstellung), macht gegen Entzündung unempfindlich, senkt die Schmerzempfindlichkeit, unterdrückt das Immunsystem und erhöht die Gerinnbarkeit des Bluts.

Somatische Folgen

Stress fördert Krankheiten: Die somatischen Folgen von Stress sind vielfältig. Beispiele sind:

  • Das Herzinfarktrisiko steigt unter Stress deutlich.
  • Unter Dauerstress steigt das Risiko einer Gewichtszunahme. Gestresste Menschen neigen zu Übergewicht und Adipositas. Eine aus der Evolutionstheorie herangezogene Erklärung besagt, dass Stressreaktionen in freier Wildbahn einen erhöhten Kalorienverbrauch erfordern. Nicht nur die Muskulatur bedarf mehr Kalorien, sondern auch das Gehirn (etwa 2% des Körpergewichts). Es verbraucht unter Stress mehr Glukose und Sauerstoff (bis 90% des Körperbedarfs) und sorgt durch Steigerung der „Esslust“ für seine eigene Versorgung im Übermaß, weil in der Zivilisation ein adäquater Kalorienverbrauch durch Kampf oder Flucht nicht erfolgt. Dies führt zu einer Gewichtszunahme über das gesunde Normgewicht hinaus. Bewegungsmangel und Fastfood sind damit nicht immer die eigentlichen Starter des Kreislaufs, die zu Übergewicht und Adipositas führen.
  • Stress wirkt sich auf das Gehirn aus: Im Hippocampus (für Lernen und Gedächtnis wichtig) wird die Regeneration von Nervenzellen unterdrückt; sie regenerieren sich aber durch Antidepressiva [1][2] und auch durch körperliche Bewegung [3]. Die Nervenregeneration wird durch BDNF (brain derived neurotropic factor) vermittelt (Tiermodell) [4]; Risperidon und Haloperodol fördern das Überleben junger Neurone im Hippocampus [5].
    • Stress wirkt sich auf die Gehirnstruktur aus: Die graue Substanz des Okzipitalhirns ist bei Patienten mit posttraumatischem Stress gegenüber Kontrollpersonen verringert, offenbar ohne Funktionsverlust [6]; eine Erklärung steht aus.
    • Hoffnung auf Ausweg schützt vor frühzeitiger Selbstaufgabe und Teilnahmslosigkeit.
  • Stress der Eltern wirkt sich auf die Kinder aus: Es gibt eine Reihe von Entwicklungsstörungen psychischer und somatischer Art, die als Folge der von den Eltern ausgehenden Stressbelastung des Kinds zu gewärtigen sind. Beispiel für eine somatische Folge: Kinder von Müttern, die unter sozialem Stress leiden, haben gehäuft Asthma und erhöhtes IgE [7].
  • Stress erhöht das Krebsrisiko: Die Evidenz steigt, dass GRP (Gastrin-releasing Peptid) eine bedeutende Rolle bei der Entstehung vieler Krebsarten (Lungenkrebs, Prostatakrebs, Darmkrebs etc.) spielt. Bei Stress wird GRP vermehrt gebildet. Da GRP im Gehirn als Neurotransmitter fungiert, könnte dies die gesuchte Verbindung zwischen chronischem Stress und Krebs darstellen [8].
  • Stress fördert Urtikaria: Posttraumatischer Stress ist assoziiert mit Urticaria; daher sollte bei Urticaria ungeklärter Ursache an ein posttraumatisches Stresssyndrom gedacht werden, das sich manchmal erst lange nach dem auslösenden Trauma herausstellt [9][10].
  • Stress fördert Entzündungen: Posttraumatischer Stress ist assoziiert mit einer Erhöhung von Entzündungsmediatoren wie IL-6 und TNF-alpha [11]. Eine Erhöhung des kardiovaskulären Risikos (koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt) unter Stress wird damit in Zusammenhang gebracht [12][13].

Therapie bei Stressbelastung

Bewusste Entspannung als Stress-Therapie und -Vorbeugung: Sorgen verdauen, bei Freunden abladen und Rat suchen, abschalten, genießen…

Am Anfang steht das Bemühen, sich darüber klar zu werden, wie der eigene Stress entstanden ist, und wovon er genährt wird. Ziel ist es, dagegen gezielt anzugehen. Zu den Methoden der Stressbewältigung gehören:

  • Meditation vermag die Stressbelastung vermindern [14]. Bei den Meditationsübungen (wie dem autogenen Training und Yoga) und der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion geht es um eine Konzentration des Denkens auf das Jetzt, eine Vermeidung des sich Verfangens in düsteren Gedanken und eine Sublimierung unproduktiv schädlicher Gedankengänge verbunden mit einer Einübung (Umprogrammierung) in positive Gedankenabläufe,
  • Erhöhung der Bereitschaft zum Erkennen von Lösungen (oft durch psychotherapeutische Hilfe am besten möglich).
  • körperliche Bewegung (z. B. tgl. ½ h zügiges Gehen, Joggen, Schwimmen oder Fahrradfahren). Bewegung wirkt ähnlich gut wie Antidepressiva.
  • Pflege von Freundschaften und Kontakten,
  • Pflege von Hobbys.

Nach etwa 3 Monaten sollte Zwischenbilanz gezogen werden, ob und welcher Erfolg sich bzgl. Stimmung und Antrieb eingestellt hat. Ggf. sollte ein Psychotherapeut oder Psychiater feststellen, ob eine überbrückende Hilfe mit Antidepressiva sinnvoll ist.

Zur Behandlung eines durch übermäßig empfundenen Stress ausgelösten posttraumatischen Belastungssyndroms (PTBS) siehe hier.

Medikamente

  • Milde Sedativa, Antidepressiva und Beta-Blocker werden oft zur Behandlung und zur Vorbeugung inadäquater Reaktionen auf Stress verwendet. Dies sollte jedoch nur unter ärztlicher Aufsicht (Indikation und Überwachung) erfolgen.
  • Substanzen wie Ritalin werden zur Erhöhung von Aufmerksamkeit und geistiger Leistungsfähigkeit verwendet und sollen eine leichtere Bewältigung stressender Anforderungen bewirken. Wegen bedenklicher Langzeiteffekte auf das Gehirn und die Persönlichkeit haben sie nur einen eingeschränkten Anwendungsbereich und bedürfen einer strengen ärztlichen Indikationsstellung und Überwachung. Allerdings verbreiten sie sich zunehmend als Modedrogen.
  • Bei Unfall-bedingter Stresskrankheit verbessert die zusätzliche Medikation von Pregabalin zur Basismedikation von Antidepressiva laut Erfahrung an 9 Patienten das Befinden deutlich[15].

Verweise

 

Literatur

  1. ? Hippocampus. 2006;16(3):239-49
  2. ? Eur Neuropsychopharmacol. 2010 Jan;20(1):1-17
  3. ? Neuromolecular Med. 2008;10(2):128-40
  4. ? Neuron. 2008 Oct 9;60(1):149-61
  5. ? Keilhoff G et al. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci. 2009 Jul 5. [Epub ahead of print]
  6. ? Neuroreport. 2012 May 9;23(7):412-9
  7. ? Cien Saude Colet. 2008 Nov-Dec;13(6):1729-42
  8. ? J Cancer Res Clin Oncol. 2010 Apr;136(4):483-91
  9. ? Compr Psychiatry. 2010 Jan-Feb;51(1):55-63
  10. ? Clin Dermatol. 2012 May;30(3):351-4
  11. ? Asian Pac J Trop Med. 2012 Apr;5(4):323-5
  12. ? J Psychiatr Res. 2007 Nov;41(9):744-52
  13. ? Neuroimmunomodulation. 2010;17(1):39-46
  14. ? Neuroreport. 2005 Nov 28;16(17):1893-7
  15. ? Int Clin Psychopharmacol. 2009 Jan;24(1):29-33