Spiritualität, Religiosität und Gehirn

Spiritualität bezeichnet der Wortherkunft (von lat. spiritus) nach Geistigkeit und steht im Gegensatz zur Materialität oder Körperlichkeit. Religiosität (von lat. religare) bezeichnet eine innere Anbindung an etwas Transzendentes und ist von Glauben geprägt. Spiritualität, Religiosität und Gehirn sind miteinander eng verbunden.

Das Wichtigste.


Kurzgefasst
Spiritualität gehört zum Wesen des Menschen. Sie ist laut neuerer Ergebnisse der Hirnforschung an bestimmte Gehirnareale gebunden, die als neuronale Zentren miteinander vernetzt sind. Zu diesen Zentren gehören auch solche, die bei Sozialkontakten aktiv werden. Sie haben Kontakt mit Hirnarealen, die mit Glücksgefühlen, Dankbarkeit und Optimismus assoziiert sind, so dass sich ein Bild miteinander kommunizierender neuronale Netzwerke ergibt.

Wie sehr die Spiritualität an diese Netzwerke gebunden ist, zeigt sich unter pathologischen Bedingungen, wie Beispiele belegen. Ist die Kommunikation der an Religiosität beteiligten Zentren gestört, wie es nach einer Hirnoperation, nach einem Schlaganfall oder nach einem Trauma eintreten kann, so ändert sich die Spiritualität. Bei Menschen mit schwerer Depression findet sich eine dünnere Hirnrinde als normal. Menschen dagegen mit gefestigtem Glauben haben eine dickere Hirnrinde. Eine dickere Hirnrinde bei tiefer Religiosität schützt auch gefährdete Menschen vor Depression. Dadurch wird die Hypothese genährt, dass gefestigter Glaube möglicherweise zu einer vermehrten kortikalen Reserve führt, die zur psychischen Stabilität beitragen kann. Dies, so wird vermutet, wäre ein evolutionärer Vorteil gewesen.

Was Spiritualität bedeutet


Im gebräuchlichen engeren Sinn wird Spiritualität mit Geistlichkeit oder Religiosität gleichgesetzt, also als Fähigkeit zur Erfahrung eines geistigen tragenden Grundes, etwa eines Gottes. Sie betrifft Dinge, die jenseits der körperlichen und sinnlichen Erfahrung empfunden und „geglaubt“ werden, und steht damit in Verbindung mit dem Begriff der Transzendenz. Religiosität wird durch den Glauben an ein übersinnliches Wesen charakterisiert. In der Hirnforschung wird bezüglich der Grundvorgänge im Gehirn meist nicht zwischen Spiritualität und Religiosität unterschieden.

Spiritualität bestimmt die Lebenseinstellung und gehört essenziell zum Wesen des Menschen hinzu. Sie ist eng verbunden mit Hoffnung, Glück, Optimismus und Dankbarkeit, fördert Ausgeglichenheit und Wohlbefinden und wirkt gegen Depression und Angst. Sie stabilisiert auf diese Weise die Persönlichkeit. Ihre Verankerung im Gehirn ist Objekt intensiver Forschung geworden.

Wie die Verankerung der Religiosität im Gehirn erforscht wird

Methodische Fortschritte haben wesentliche neue Erkenntnisse ermöglicht. Die strukturelle Magnetresonanztomographie des Gehirns ermöglicht sehr genaue volumetrische Untersuchungen der verschiedenen Hirnbezirke. Die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) ermöglicht zudem, auf deren Aktivität zu schließen. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen vermögen das Bild des Menschen von sich selbst erheblich zu beeinflussen. In diesem Artikel sind einige wichtige Ergebnisse zur Assoziation von Gehirn und Religiosität zusammengestellt.

Aktivierung „sozialer“ Großhirnareale beim Gebet

Bei Gebeten von Tiefgläubigen, die nicht formalisiert aufgesagt sondern individuell formuliert werden, finden sich laut einer Studie bei fMRI-Untersuchungen besonders starke Aktivierungen in Arealen des Temporallappens, des präfrontalen Kortex und des Präcuneus. Da diese Areale auch bei sozialen Kontakten aktiv sind, wird abgeleitet, dass bei Gebeten dieser Art Gott als real und als echter Gesprächspartner mit menschlichen Empfindungen (aber übermenschlichen Fähigkeiten) angesehen wird [1].

Religiosität und Dicke der Hirnrinde

Volumetrische Untersuchungen von Gehirnen tief Gläubiger erbrachte signifikante Unterschiede zu weniger oder nicht gläubigen Menschen [2]. Tiefe Religiosität mit Gottvertrauen ist demnach assoziiert mit einem erhöhten Volumen der Rinde (Kortex) des rechten mittleren Schläfenlappens, Furcht vor Gott mit einem verminderten Volumen des linken Präcuneus und der linken orbitofrontalen Hirnrinde. Es muss dabei betont werden, dass Assoziation nicht gleichbedeutend mit ursächlichem Zusammenhang ist. Es bleibt ungeklärt, ob Religiosität zu einer Verdickung dieser Hirnareale führt, oder ob eine aus anderen Gründen verdickte Hirnrinde Religiosität erleichtert.

Veränderung der Transzendenzerlebnisse nach Hirnoperationen

Die Selbsttranszendenz gehört zu den Persönlichkeitsmerkmalen des Menschen und bedingt sein geistliches Fühlen, Denken und Handeln. Sie ist offenbar angewiesen auf ein funktionierendes neuronales Netzwerk zwischen Frontal-, Parietal- und Temporallappen. Ist es gestört, verändert sich die Spiritualität. Dies ist durch Untersuchungen bei Menschen vor und nach Hirnoperationen eindrucksvoll nachweisbar. Eine selektive Schädigung der linken und rechten inferior posterior gelegenen Region der Parietallappen bewirkt eine Steigerung der Selbsttranszendenz und damit eine Veränderung eines wesentlichen Persönlichkeitsmerkmals [3].

Hyperreligiosität bei Epilepsie

Krankheiten des Gehirns können mit einer veränderten Religiosität assoziiert sein. Im Fall einer Temporallappenepilepsie kommt es in etwa 4% bereits vor dem Anfall zu religiösen Erfahrungen. Der Fokus befindet sich dabei meist im rechten Temporallappen. Religiöse Erlebnisse nach und zwischen den Anfällen finden sich vor allem bei Foci in beiden Temporallappen. Die anfallsartige hochemotionale, ekstatische „Hyperreligiosität“ soll durch das limbische System ausgelöst werden. Für die dabei erlebten visuellen und akustischen Erlebnisse (Haluzinationen) soll die Einbeziehung von Arealen der Großhirnrinde, vor allem des Temporallappens, verantwortlich sein. Es wird aufgrund der Erkenntnisse an Epilepsiepatienten angenommen, dass die episodischen religiösen Erlebnisse in den Temporallappen repräsentiert werden, während die Spiritualität als andauerndes Persönlichkeitsmerkmal mit den Frontallappen zusammenhängt [4].

Religiosität gegen Depression

Bei Menschen mit schwerer Depression findet sich in bildgebenden Verfahren eine dünnere Hirnrinde (Kortex). Auch bei erwachsenen Nachkommen in Hochrisikofamilien finden sich solche Veränderungen; sie sind vor allem in der rechten lateralen Hemisphäre lokalisiert. Untersuchungen an diesen Nachkommen zeigen, dass eine stark ausgeprägte Religiosität (nicht dagegen die Zahl der Kirchbesuche) zu einer Abnahme des Depressionsrisikos um 90% führt; bei ihnen war die Abnahme der Kortexdicke weniger ausgeprägt. Es fanden sich dickere Hirnrinden in den linken und rechten parietalen und okzipitalen Regionen sowie anderen Hirngebieten. Die Befunde führten zur Hypothese, dass eine bei religiösen Menschen dickere Hirnrinde vor Depressionen schützt, und dass dies durch Erweiterung der kortikalen neuronalen Reserve geschieht [5].


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Verweise

Literatur

  1. ? Soc Cogn Affect Neurosci. 2009 Jun;4(2):199-207
  2. ? PLoS One. 2009 Sep 28;4(9):e7180. doi: 10.1371/journal.pone.0007180
  3. ? Neuron. 2010 Feb 11;65(3):309-19
  4. ? Epilepsy Behav. 2008 May;12(4):636-43
  5. ? JAMA Psychiatry. 2014 Feb 1;71(2):128-35