Oxytocin – ein soziales Hormon

Oxytocin ist ein Hormon der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) und ein Neurotransmitter des Gehirns. Es fördert soziale Bindungen und hilft, Ängste und Stress abzubauen und Einsamkeit zu überwinden. Die Förderung menschlicher Kontakte puffert Stress ab und verbessert Gesundheit und Wohlbefinden.


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Struktur und Bildung


Oxytocin (OXT) ist ein Oligopeptid aus 9 Aminosäuren, das im Hypothalamus des Zwischenhirns in den supraoptischen und paraventrikulären Kernen als Vorstufe Oxytocin-neurophysin I (OXT) gebildet wird. Es ist dem Vasopressin strukturell ähnlich und auf Chromosom 20p13 kodiert [1]. Über Neuriten (lange Fortsätze der Nervenzellen) und Dendriten (kurze Fortsätze) gelangt es in verschiedene Hirngebiete, in denen Rezeptoren für Oxytocin nachweisbar sind. Über Axon-Bahnen gelangt es in den Hypophysenhinterlappen, von wo es auf Anforderung in die Blutbahn sezerniert wird. Oxytocin wirkt im Gehirn als Neurotransmitter und im Körper über die Blutbahn als Hormon.

Auslösung der Oxytocin-Produktion


Oxytocin wird unter der Geburt erheblich vermehrt freigesetzt. Der Oxytocinspiegel im Blut steigt auch an beim Stillen und bei lustvoll empfundenem körperlichem Kontakt („Kuschelhormon“), insbesondere beim Orgasmus. Eine Konditionierung sorgt bei der Mutter dafür, dass bereits die Vorstellung des Stillens oder das hungrige Schreien des Säuglings zur Oxytocin-Ausschüttung führt. Auch eine soziale Problematik, die zu ihrer Lösung starkes Vertrauen erfordert, führt zu einer Oxytocin-Ausschüttung (s. u.).

Wirkungen von Oxytocin

Oxytocin übt eine Reihe von Wirkungen aus, die alle direkt oder indirekt die soziale Bindungsfähigkeit und das engere und auch weitere Sozialgefüge beeinflussen.

  • Stimulation der Uteruskontraktion unter der Geburt: Förderung des Geburtsvorgangs und gleichzeitig einer emotionalen Bindung an das Kind.
  • Stimulation der Milchsekretion durch Kontraktion der Muskulatur um die Drüsenbläschen.
  • Senkung des Blutdrucks, Auslösung eines Wohligkeitsempfindens.
  • Modulation von Entzündungsreaktionen [2].
  • Festigung sozialer Bindungen durch Förderung von Vertrauen und Abbau von Aggression sowie durch erhöhte Bereitschaft, Fehler von Gruppenmitgliedern zu vergeben. Insbesondere spielt das Oxytocinsystem für die Paar-Bindung und die Mutter-Kind-Beziehung eine entscheidende Rolle.
  • Förderung der Stressbewältigung; dabei Gegenspieler des Stresshormons Cortisol.

Die Oxitocinwirkungen hängen von der Wechselwirkung mit seinen Rezeptoren im Körper ab. Der „Single Nucleotide Polymorphism“ (SNP) rs53576, des Oxytocinrezeptor-Gens (OXTR) kodiert für die genetische Variante A. Die A- und G-Allele des Rezeptors lösen je nach ihrer Kombination etwas unterschiedliche Wirkungen aus. Menschen können daher geringfügig unterschiedlich in Situationen reagieren, in denen Oxytocin ausgeschüttet wird.

Oxytocin und Einsamkeit

Das Gefühl der Einsamkeit ist ein verbreitetes Phänomen in der Adoleszenz. Es kommt zustande, wenn der Drang nach Zugehörigkeit und Kontakt mit anderen Menschen nicht ausreichend befriedigt wird. Entwicklungsgeschichtlich hat es die Funktion, eine schützende Gemeinschaft zu fördern und die Chance auf Überleben zu erhöhen.

Menschen, die sich auf Grund einer sozialen Isolierung einsam fühlen, suchen eher erneute Kontakte zum sozialen Schutz als solche, die sich bei sozialer Isolierung nicht so einsam fühlen. Das Gefühl der Einsamkeit als Drang, aktiv eine Gemeinschaft aufzusuchen und Kontakte zu knüpfen, ist offenbar genetisch determiniert.

  • Bisher wurde in dieser Beziehung vor allem das Serotonin- und Dopmain-System untersucht. Aber es scheint auch das Oxytocin-System eine Rolle zu spielen, wobei sich die Reaktionen je nach Allel-Typ und Geschlecht etwas unterscheiden. Ein A-Allel scheint weniger für ein Einsamkeitsempfinden zu sorgen, als die Kombination zweier G-Allele. [3][4].

Oxytocin und Stressabwehr

Stressreaktionen des Körpers lassen sich an der vegetativen Reaktion (z. B. Veränderungen des Hautwiderstands) oder durch den Cortisol-Spiegel im Blut ablesen. Dies wird in Untersuchungen verwendet, um eine Assoziation von Stress und Oxytocin, das im Blut oder im Speichel bestimmt wird, unter verschiedenen Bedingungen festzustellen.

Sozialkontakte können vor Stress schützen; eine glückliche Verheiratung reduziert die Anfälligkeit für Depression, Angst, Drogenabhängigkeit und Krankheiten. Umgekehrt kann sozialer Stress und besonders eine Vereinsamung oder eine Ausgrenzung (soziale Isolierung, Mobbing etc.) zu erheblichem Stress und zu Stresskrankheiten (z. B. einem posttraumatischen Stresssyndrom (PTSD)) führen. Dies wird beispielsweise durch folgende Untersuchungen nachgewiesen:

  • Neue soziale Umstände können erheblichen Stress auslösen. Mit einer Gewöhnung an sie lassen die Reaktionen deutlich nach. Die Geschwindigkeit der Gewöhnung an neue Sozialbedingungen wird laut einer Untersuchung durch Oxytocin gefördert [5].
  • In einer Untersuchung wurden männliche Teilnehmer in eine psychosoziale Stressreaktion versetzt, die sie entweder allein oder mit der Unterstützung ihrer engen Partnerin bzw. ihres engen Partners lösen sollten. Nur diejenigen, die mindestens 1 G-Allel des Oxytocin-Rezeptorgens (rs53576, s. o.) besaßen, zeigten einen niedrigeren Spiegel des Stresshormons Cortisol im Speichel, wenn sie sozial durch den Partner unterstütz wurden. Daraus wird geschlussfolgert, dass das Oxytocin-System eine wichtige Rolle in der Abwehr von Stress besitzt, indem es die Wirksamkeit einer helfenden sozialen Interaktion als Dämpfer gegen stressige Erfahrung moduliert [6].
  • Eine weitere Untersuchung zeigt, dass Träger eines A-Allels des Oxytocin-Rezeptorgens nach einer Erfahrung mit sozial ausgelöstem Stress eine höhere Rate an posttraumatischen Stress-Symptomen als GG-Träger aufweisen. Sie sprechen auf soziale Hilfe schlechter an. Bei GG-Trägern war eine erhöhte Rate an posttraumatischen Stress-Symptomen nur durch ökonomischen Stress auslösbar; bei ihm war eine soziale Unterstützung wirkungslos [7].

Oxytocin und Vertrauen

Vertrauen ist eine unabdingbare Voraussetzung für Liebe, Freundschaft und im geschäftlichen und politischen Leben. Ohne Vertrauen fehlen die Voraussetzungen für dauerhafte persönliche Beziehungen und eine stabile Gesellschaft, ebenso wie für politische und wirtschaftliche Abkommen.

  • Untersuchungen haben gezeigt, dass Oxytocin, als Nasenspray appliziert, das Vertrauen zwischen Menschen entscheidend stärkt. Dies beruht, wie die Untersuchung ergeben hat, nicht auf einer allgemeinen Erhöhung der Bereitschaft, Risiken einzugehen [8].
  • Bei Menschen, die in einer Versuchsanordnung eine Aufgabe zu bewältigen hatten, in der absolutes Vertrauen eine zentrale Rolle spielte, fanden sich erhöhte Oxytocin-Werte im Blut; dies war bei einer schweren Rechenaufgabe (als Kontrolle) nicht der Fall [9].

Oxytocin und Moral

Oxytocin bewirkt gruppenzentriertes Verhalten, indem in kritischen Situationen Entscheidungen für gerechtfertigt gehalten werden, die der eigenen Gruppe nützen, aber aus Sicht einer anderen Gruppe als unmoralisch erachtet werden. Dazu siehe hier.

Verweise

Literatur

  1. ? Cytogenet Cell Genet. 1992;61(4):271-3
  2. ? Am J Physiol Endocrinol Metab. 2008 Dec;295(6):E1495-501
  3. ? Prog Neuropsychopharmacol Biol Psychiatry. 2009 Aug 1;33(5):860-6
  4. ? Psychiatr Genet. 2013 Oct;23(5):204-13
  5. ? Front Psychol. 2013 Oct 18;4:761. doi: 10.3389/fpsyg.2013.00761.
  6. ? Proc Natl Acad Sci U S A. 2011 Dec 13;108(50):19937-42
  7. ? Horm Behav. 2013 Apr;63(4):615-24
  8. ? Nature. 2005 Jun 2;435(7042):673-6
  9. ? Physiol Behav. 2011 Feb 1;102(2):221-4