Gesinnungsethik und Verantwortungsethik

Gesinnungsethik und Verantwortungsethik sind zwei sich ergänzende Begriffe, die auf wichtige Unterschiede hinweisen. Gesinnungsethik legt die Gesinnung eines Menschen als obersten Maßstab für das Handeln zugrunde. Verantwortungsethik dagegen legt das Hauptaugenmerk auf Erfolg und Wirkung einer Handlung. Das Begriffspaar ist durch Max Weber (1864 – 1920, einer der Väter der Sozialökonomie, Wirkstätte München) in die Diskussion um ethisches Handeln eingeführt worden.


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Gesinnungsethiker versus Verantwortungsethiker


Während der Gesinnungsethiker den Entschluss zum ethischen Handeln aus der akuten Situation ableitet, mit der er konfrontiert wird, gleich welche Folgen es später hat, so sieht der Verantwortungsethiker in erster Linie auf das, was er erreichen will; er engagiert sich nicht in Vorhaben mit zweifelhaftem Erfolg oder absehbar negativem Ausgang.

Der Gesinnungsethiker handelt spontan, leidenschaftlich, aus dem Bauch heraus; aber er leidet oft unter den negativen Ergebnissen seines Handelns. Negative Auswirkungen versucht er, widrigen Umständen zuzuschreiben.

Der Verantwortungsethiker dagegen handelt kalkulierend, abwägend, mit Bedacht. Leidenschaft tritt oft nicht nach außen. Wenn er mit seinen Überlegungen falsch liegt, leidet er unter der mangelhaften Vorhersehbarkeit; er lastet sie der Komplexität der Verflechtungen an.

Beispiel Intensivmedizin


Klassische Konflikte in der Medizin finden sich konzentriert auf den Intensivstationen. Oft werden Menschen mit Hilfe technischer Geräte über lange Zeit am Leben gehalten und sterben schließlich doch. Der hin und wieder erhobene Vorwurf lautet dann, dass man erst gar nicht mit der Dialyse oder der künstlichen Beatmung hätte beginnen dürfen.

Bei der Entscheidung für oder gegen eine maximale Therapie treffen gelegentlich die von vielen, meist jungen Ärzten angeführte (gesinnungsethische) Verpflichtung dem Leben gegenüber und die oft von viel Erfahrung geprägte (verantwortungsethische) abwägende Einstellung aufeinander, die den ihrer Meinung nach wahrscheinlichen fatalen Ausgang berücksichtigt. Manchmal bestimmen die Gesinnungsethiker die Therapie, manchmal die Verantwortungsethiker, vielleicht je nach dem, wer gerade Dienst hat oder ob die beiden Verfechter miteinander oder mit dem Patienten oder seinen Angehörigen gesprochen haben. (Allerdings verbergen sich hinter einer Therapiefortführung auch Fälle von unreflektierter Gedankenlosigkeit, auf die hier nicht eingegangen werden soll. Ebenso soll in diesem Zusammenhang nicht die Rolle des Selbstbestimmungsrechts von Patienten thematisiert werden.)

Beispiel Ärztliche Hilfe in Dritte-Welt-Ländern

Ärztliche Hilfe in Ländern der Dritten Welt ist ein Beispiel, an dem sich Gesinnungsethik und Verantwortungsethik heftig streiten können. Der reine Gesinnungsethiker wird spontan helfen wollen, wenn er ein hungerndes Kind sieht, egal wie die Bedingungen sind und was daraus wird. Der reine Verantwortungsethiker wird dies nicht tun. Er wirft dem Gesinnungsethiker mangelnde Voraussicht vor. Er wird jedoch die Hilfsbedürftigkeit hungernder Kinder zum Anlass nehmen, über Strukturen nachzudenken, in denen Hilfe sinnvoll ist. Er wird zum Schluss kommen, dass eine Hilfe eingebettet sein muss in ein Projekt, das dem Übel auf Dauer an die Wurzeln geht. Es muss für ihn eine „Nachhaltigkeit“ der Anstrengungen gewährleistet werden können. Erst in diesem Rahmen wird er seine Hilfe sinnvoll finden und sich bei konzeptioneller Arbeit eher wieder finden als bei individuellen Hilfsmaßnahmen.

Kooperation in Projekten

Die Beispiele zeigen das Spannungsverhältnis von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik auf. Für viele Menschen gehören beide Aspekte in der Praxis des Helfens jedoch in manchen Situationen eng zusammen.

Derjenige, dem die spontane Hilfe und das emotionale Verhältnis zum hungernden Kind Antrieb und Befriedigung darstellen, benötigt den Einsatz desjenigen, dem es eher um die Hilfsstrukturen, um gleichzeitigen Einsatz für Bildung und Hygiene, um das politische Umfeld, also um das Große Ganze geht. Umgekehrt ist es ebenso, denn die kalkulierenden Helfer sind oft nicht diejenigen, denen die direkte Hilfe vor Ort liegt.

Das kooperative Konzept der Einbindung beider unterschiedlicher Helfertypen, der mehr gesinnungsethischen und der mehr verantwortungsethischen Helfer, in ihre Projekte verfolgen manche Hilfsorganisationen.

Verweise