Warum nach Afrika

Warum gehen wir nach Afrika? Eine Betrachtung zum Engagement als Arzt in einem medizinischen Projekt in Afrika (von Friedrich Kluge, Frühjahr 2006)

Verpflichtung


Wir gehen nach Afrika in unser medizinisches Projekt „Baraka“, weil wir eine Verpflichtung fühlen und dabei auch eine Kritik auf dem Herzen haben: Die Verpflichtung gegenüber dem Schwarzen Kontinent und die Kritik gegenüber unserem europäischen Medizinsystem in Deutschland. Beides ist ineinander verschränkt, wenn junge Ärztinnen und Ärzte und solche, die schon im Ruhestand sind, sich kritisch zu ihrem Berufsleben äußern, in dem das persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis (Empathie) immer mehr ausgehöhlt wird.

Der Arzt hört nämlich auf, Arzt zu sein, und beginnt, ein biederer Kaufmann zu werden, wenn die Maschinerie des Fortschritts in Form der Apparatetechnik oder der forschenden Labormedizin überhand nehmen. Wenn sie hingegen dorthin aufbrechen, wo Armut herrscht und wo Solidarität, Liebe – compassion – ins Spiel kommen, können sie in Aufgeschlossenheit gegenüber der Welt ihr ärztliches Können und Mitgefühl an Neuem und Unbekanntem bewähren.

Der Arzt und Existenzphilosoph Karl Jaspers (1883-1969) hat hierfür folgende Worte gefunden: „Was Philosophie sei, dass muss man versuchen. Dann ist Philosophie in eins der Vollzug des lebendigen Gedankens und die Besinnung auf diesen Gedanken (die Reflexion) oder das Tun und das Darüberreden.“ In Nairobi kam solches an manchen Abenden nach der Arbeit des Tages in Gesprächen mit den Kollegen ans Licht. Nun soll von Afrika die Rede sein.

Afrika – Rift Valley, Land zum Träumen


Wandert man nach der ersten Arbeitswoche im Slum auf den Kamm der grünen Ngong Berge, nicht weit von Nairobi, und schaut über die tiefe Senke des „Tales“, die sich Tausende von Kilometern von Nord nach Süd durch den Kontinent erstreckt (ostafrikanischer Grabenbruch), freut man sich an der frischen, reinen Luft, staunt und bekommt ein konkretes Gefühl für die Weite des Landes. Der Gedanke lässt einen nicht mehr los, dass mein „Ich“ als Teil der ganzen Menschheit hier irgendwo seinen Ursprung hatte. Denn die ältesten Menschenfunde – 1,9 Millionen Jahre alt, war der gut erhaltene Homo habilis-Schädel, den Richard Leaky 1972 am Turkanasee fand – weisen darauf hin, dass Europa und Asien von Ostafrika aus besiedelt wurde. Und in den weiten Ebenen der Nationalparks begegnet einem eine Tier- und Pflanzenwelt, wie sie vielleicht „im Paradies“ vorhanden war. In Afrika, am Ogowefluss bei Lambarene, fand wohl nicht zufällig Albert Schweitzer (1875-1965) 1915 die ethische Formel seines – und unseres – Lebens: „Ehrfurcht vor dem Leben“.

Afrika – Mathare Valley, Land der Aufgaben

Im Mathare Valley liegt mit etwa 200 000 Menschen einer der größten postkolonialen Slums von Nairobi. Was ist ein postkolonialer Slum – außer einer Anhäufung von Armut in Potenz? Um das zu beantworten und besser verstehen zu können, muss man auf dem Hintergrund komplexer historischer Ereignisse eingehen, deren drei Hauptsäulen Sklaverei, Kolonialismus und Korruption sind. Die nähere Aufklärung über diese Vorgänge erlaubt es uns auch, besser zu verstehen, weshalb wir nach Afrika gehen.

Der transatlantische und arabische Sklavenhandel hat den Kontinent in Jahrhunderten (vorsichtig geschätzt) um über 20 Millionen Menschen auf brutalste Weise entvölkert, dabei viele Länder verwüstet und verwundet und damit zu politischen und sozialen Verwerfungen geführt, die diese Länder bis heute nicht überwunden haben.

Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka definiert die Sklaverei: „Sklave sein bedeutet die Verweigerung der Freiheit des Handelns, der Freiheit der Wahl, Leibeigenschaft, sei es des Körpers oder des menschlichen Willens.“ Wo Weiße erschienen, entstanden rechtlose Räume: „Man ermordete keinen Menschen, sondern ein Schemen, wenn man einen Eingeborenen erschlug…“ (Hannah Arendt). Neben all dem unsäglichen Unglück für die Menschen und diversen Bestialitäten kam es auch zum Zusammenbruch der organischen wirtschaftlichen Systeme.

Die Sklaverei als solche wurde besonders durch die Aktivitäten englischer Menschenrechtsaktivisten im 19. Jahrhundert abgeschafft.

Es folgte jedoch die Kolonisation: 1884 fand unter Bismarck’s Leitung die „Berlin-Konferenz“ statt, auf der die imperialistischen Mächte Europas – natürlich ohne Einladung noch intakter afrikanischer Staaten – die „Aufteilung Afrikas“ vollzogen. „Kolonialgeschichtlich gesehen ist die Okkupation Afrikas ein einzigartiger Vorgang der Enteignung eines Kontinents.“ (Jürgen Osterhammel); und für jeden intellektuellen Afrikaner ist dieses Datum bis heute eins der Schande und Erniedrigung.

Nach der „Berliner Konferenz“ ging es – im wahrsten Sinne des Wortes – Schlag auf Schlag mit dem „scramble of Africa“, der bis heute anhält und sich auch durch die Befreiungen nicht rückgängig machen lässt. Ein wesentlicher Punkt hierzu war die Unlogik der willkürlichen Grenzziehungen (in Nigeria leben etwa 400, in Kenia 40 verschiedene Ethnien), so kam es zu Zerreißungen, die ethnische Konflikte bis in die heutige Zeit nach sich ziehen.

Die Kolonialwirtschaft bedeutete überall die Übernahme der Steuerhoheit (heißt Ausbeutung) sowie die Kontrolle über den Außenhandel und die Währung, und wiederum wurde grausam vorgegangen: Konnten geforderte Normen nicht erfüllt werden, mussten die Einheimischen oft mit Nase, Ohren und Händen dafür haften (abgehackt), oder sie verloren ihr Leben – allein im Kongo sollen bei der Kautschuk-Gewinnung für Leopold II zehn Millionen Sklavenarbeiter umgekommen sein. Auf Farmen wäre das Ideal der Herrengewalt ein Afrika ohne Afrikaner gewesen; in den Landstrichen Kenia’s, die von Engländern gut bewohnt und bewirtschaftet werden konnten (Böden, Klima) wurden die Einheimischen enteignet und vertrieben – sie wurden Slumbewohner oder lebten mit einer Kuh auf einem kleinen Stückchen Land als Arbeiter. Tanja Blixen beschreibt solches sehr liebevoll mit Sympathie für die Schwarzen in „Out of Africa“ (1937) – „Ich hatte eine Farm am Fuß der Ngongberge“.

Die Kolonisation hat die Folgen der Sklaverei noch verschlimmert, beides ist für die wirtschaftlichen Probleme des Kontinents bis heute mit verantwortlich; zusätzlich hat aber auch die kulturelle und spirituelle Vergewaltigung (christliche Mission) unauslöschliche Spuren in der kollektiven Psyche sowie im Identitäsempfinden der Völker hinterlassen.

Die Korruption mit all ihren Folgen beutelt viele Staatsgebilde, aber auch Gemeindeverwaltungen, einzelne Familien und Personen. Wir können sie schon am Beginn des Sklavenhandels festmachen, als eingeborene Stammesfürsten ihre eigenen Leute gegen Waffen und Alkohol an die Sklavenhändler verkauften. Ganz aktuell ist ein Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 9. März 2006: „Der Jäger des geplünderten Schatzes“ heißt eine Reportage über John Githongo, den „Antikorruptions-Zar“. Die Zeitung berichtet über den im englischen Exil (Todesdrohungen) lebenden ehemaligen Korruptionsminister der Regierung von Präsident Kibaki in Nairobi. Es geht ihm und einer gut ausgebildeten, neu entstandenen Mittelschicht um den Fortschritt in ihrem eigenen Land. Die Aufdeckungen seines in Oxford verfassten Dossiers sind so brisant, dass die Mächtigen Angst bekamen und die Regierung ins Wanken gerät.

Auch in Slums herrscht Korruption, denn es gibt Trusts, die die dreckigste und dunkelste Wellblechhütte kontrollieren und gegebenenfalls um ihre Existenz bringen können. Hier schuldet sich Afrika auf sehr vielen Ebenen selber Außerordentliches.

Dennoch ist die historische Schuld der Vernichtung von Völkern und Kulturen von solchem Gewicht, dass es nicht bei der Tatsache als solcher bleiben konnte. So haben die afrikanischen Staaten ganz konkret eine transatlantische Entschädigung für den Sklavenhandel gefordert.

Und da ein Volk seine Geschichte nur versteht, wenn sie im Gedächtnis bleibt, hat die UNESCO mehrere Projekte ins Leben gerufen, um eine alte Sklavenroute als Denkmal zu erhalten. Der Sklavenhandel ist ja eine unausweichliche und radikale Kritik des europäischen Humanismus lange vor dem Holocaust an den europäischen Juden! Aber, und dies ist tröstlich und stimmt hoffnungsvoll: Die schwarzen Völker können zwar tiefe Wunden schlagen, sie aber auch schnell heilen lassen. Und sie haben ihre Bereitschaft und ihr Vermögen unter Beweis gestellt (Südafrika, Uganda) – zu vergeben und zu versöhnen – ein Licht in unserer Welt. Außerdem sind die Afrikaner, nach einem Bericht der „New York Times“ vom 13.3.2006 laut einer großen Gallup-Umfrage „the most optimistic people across the world“. Die Komplexität all dieser Fragen erörtert der oben genannte Wole Soyinka sehr ernsthaft in seinem Buch „Die Last des Erinnerns“.

Nun ist klarer geworden, wie tief verstrickt wir Europäer in das Elend Afrikas, in die Armut der Slums sind.

Wenn wir uns entschließen in Projekte von „Ärzte für die Dritte Welt“ zu gehen, müssen wir zwei Entscheidungen treffen.

  • Erstens, warum wollen wir eine solche Arbeit überhaupt machen und
  • zweitens, in welchem Kontinent.

Für beides kann nur jeder Einzelne versuchen, seine eigene Antwort zu finden. Ich möchte dennoch versuchen, ein paar Hinweise zu geben.

Die Frage nach dem Kontinent

Die Frage nach dem Kontinent war für mich einfach zu beantworten. In Afrika sind die ärmsten und am meisten von AIDS geplagten Länder. Bei eigenen Überlegungen zu Hause und bei abendlichen Gesprächen in Nairobi zeigten sich die verschiedensten Motive dafür, warum wir uns bei [„Ärzte für die Dritte Welt"] einbringen. Auf die Kritik an unserer Medizin wurde schon hingewiesen. Das Schicksal hat uns geschenkt, in eine sichere, reiche und glückliche Welt geboren zu sein, in der wir aufgewachsen sind und arbeiten können. Muße erlaubt es uns (hoffentlich), vorauszuschauen, nachzudenken und Existenzerhellendes zu (er–)leben.

Folgende Überlegungen haben wir besprochen: Dankbarkeit für unser Wohlergehen; die Verpflichtung, etwas von unserem Reichtum abzugeben, in dem Wissen, dass solcher zum Teil zu Lasten der Dritten Welt erwirtschaftet wird; christliche Verantwortung („Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“); freundliche Zuwendung und Respekt denen zu geben, die sonst fast nur in Verzweiflung leben; Neugierde mit etwas Abenteuermut auf unbekannte Krankheiten, auf fremde Kulturen und tropische Länder; die erwartungsvolle Erprobung der eigenen Belastbarkeit im Kreis von Gleichgesinnten – und was haben wir dabei nicht für Extreme erlebt, wenn einer von uns ein verhungertes, sterbendes Kind aus dem Arm legte, wenn wir mit den AIDS-Schicksalen konfrontiert wurden – und wenn wir auf der anderen Seite die herzliche Zusammenarbeit mit unseren oft sehr liebevollen Healthworkern und Übersetzerinnen erfuhren. Es war oft ein „Zu – sich – Kommen“ in der Grenzsituation (K. Jaspers). In unseren Gesprächen wurde aber auch klar, dass wir als Einzelne einer NGO zwar solch Privates tun können, die große historische Schuld aber nur abzutragen ist, in Verhandlungen und Verträgen zwischen der Ersten und Dritten Welt auf „Augenhöhe“, d.h. gleichberechtigt.

Was hatten wir in Afrika nicht alles gesucht – und Beglückendes gefunden. „Baraka“ heißt unser Zentrum im Mathare-Slum. Das Kiswaheliwort bedeutet: Zuversicht und Hoffnung.

Diese Dankadresse an Pater Bernhard [1[1]a> schließe ich mit einem Wort von Augustin aus „De civitate dei, 12,20: Initium ut esset, creatus est homo – damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen.“ Diesen Satz zitiert Hannah Arendt am Schluss ihres Buches „Elemente und Ursprünge Totaler Herrschaft“ und schreibt dazu: „Dieser Anfang ist immer und überall da und bereit. Seine Kontinuität kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist garantiert durch die Geburt eines jeden Menschen.“

  1. ? Pater Bernhard Ehlen SJ gründete am 10. September 1983 in Darmstadt gemeinsam mit zehn Ärztinnen und Ärzten das Komitee Ärzte für die Dritte Welt.

Verweise

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