Stillen mit Muttermilch

Muttermilch ist das Sekret der weiblichen Brust für die Ernährung und den Immunschutz des Säuglings. Die Milchproduktion (Laktation) beginnt gleich nach der Geburt durch „Milcheinschuss“, bei dem sich die Brust spannt, was anfangs schmerzhaft sein kann. Das Neugeborene erhält durch die Muttermilch sekretorische IgA-Antikörper gegen Krankheitserreger, zudem sind weitere Faktoren gegen Infektionen wirksam. Stillen ausschließlich mit Muttermilch in den ersten Monaten verringert das Risiko allergischer und autoimmunologischer Krankheiten und von Diabetes mellitus.

Als Dauer ausschließlicher Brustmilchfütterung werden 6 Monate vorgeschlagen [1].

Die Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat Stillempfehlungen zur Einlage in die Mütterpässe ausgearbeitet. Die Ratschläge und Empfehlungen sind auf einer Internetseite einsehbar.

Kolostrum


Die Erstmilch, die nach der Geburt des Kindes gebildet wird, wird als Kolostrum bezeichnet. Sie ist gegenüber der später produzierten Milch eiweißreicher und dickflüssiger und enthält reichlich Antioxidanzien. Wegen in ihr enthaltener Carotinoide weist sie eine etwas gelbliche Farbe auf. Kolostrum verändert sich kontinuierlich, bis nach einigen Tagen die endgültige Zusammensetzung der normalen Muttermilch erreicht ist. Seine Funktion liegt in einem besonders hohen Gehalt an Antikörpern und Abwehrstoffen, die das Kind nach der Geburt in der nun direkten Auseinandersetzung mit der Umwelt benötigt.

Zusammensetzung der Muttermilch


Die nach etwa 5 Tagen erreichte endgültige Muttermilch besteht zu 7% aus Kohlenhydraten, zu 4% aus Fett und zu 1,5% aus Eiweiß. Sie enthält alle notwendigen Vitamine, Elektrolyte und Spurenelemente.

Stillen und Sozialisation

Stillen ist nicht nur das Zuführen von Nahrung und Abwehrstoffen, sondern fördert die Entwicklung einer Mutter-Kind-Beziehung ganz wesentlich und ist vermutlich auch für die Fähigkeit zu späteren Sozialkontakten und beruflicher Entwicklung ausschlaggebend [2]. Da allerdings besonders in besser gestellten Familien gestillt wird, können die Ergebnisse von Studien, wonach Stillen mit einem besseren sozialen Aufstieg verbunden ist, durch Störfaktoren verfälscht sein. Allerdings weisen einzelne Untersuchungen darauf hin, dass solch ein Zusammenhang bestehen könnte, wie beispielsweise eine philippinische Studie [3].

Langzeitstillen ist assoziiert mit einer geringeren Häufigkeit von ADHS (Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom) [4].

Schutz vor Krankheiten

Stillen vermittelt dem Kind Abwehrkräfte (Antikörper) und wird daher stark propagiert, wofür wissenschaftliche Gründe angeführt werden. Allerdings stillen nur wenige Mütter (etwa 10%) wie empfohlen bis zu einem halben Jahr. Verschiedene Mechanismen zur Infektionsabwehr, die dem Kind durch die Muttermilch zur Verfügung gestellt werden, wirken zusammen [5]:

  • Das sekretorische IgA (Immunglobulin A) ist gegen die mütterliche mikrobielle Flora gerichtet und bindet bereits im Darmlumen Krankheitserreger und verhindert ihr Eindringen in die Darmschleimhaut [6]. Denn wenn Bakterien erst einmal eingedrungen sind, kann nur ein Entzündungsprozess unter Einbeziehung des über die Placenta übertragenen und noch einige Wochen nach der Geburt wirksamen IgG (Immunglobulin G) die Infektion abwehren; Entzündungsprozesse sind jedoch mit katabolen Effekten verbunden und sollen wohl aus evolutionären Gründen soweit möglich vermieden werden: die Ressourcen für eine Entzündung gehen der Entwicklung und dem Wachstum des Kindes verloren.
  • Lactoferrin, das Hauptprotein der Muttermilch, hat die Funktion, Mikroben zu zerstören und hilft damit, entzündliche Reaktionen zu vermeiden.
  • Oligosaccharide der Muttermilch (Human milk oligosaccharides (HMOs)), die selbst kaum gespalten, aber in gewissem Maß resorbiert und über den Urin ausgeschieden werden, verhindern ein Anhaften pathogener Bakterien an die Darmschleimhaut. [7][8]. Ein Beispiel ist die Verhinderung der Anheftung von Entamöba histolytica an die Darmschleimhaut [9]. Möglicherweise üben sie weitere Funktionen im Körper aus. Die speziell im Darm von Brustmilchkindern vorkommenden Milchsäurebakterien (Bifidobacterium longum subsp. Infantis) können jedoch diese Oligosaccharide verdauen, so dass sie sich ansiedeln können. Dies können die beim Erwachsenen vorkommenden Subspecies der Bifidobacterien, wie das eng verwandte B. longum subsp. longum nicht mehr [10].
  • Interleukin-7 (IL-7) in der Muttermilch bewirkt eine Stimulierung der Bildung von T-gammadelta-Lymphozyten im Thymus. Dies bewirkt eine Vergrößerung des Thymus gegenüber nicht Brustmilch-gefütterten Kindern.

Vorbeugung allergischer und autoimmuner Krankheiten

Das sich entwickelnde Immunsystem ist noch außerordentlich anfällig gegen Störungen. Brustmilch stärkt es, wie viele Untersuchungen gezeigt haben.

In den letzten Jahrzehnten stieg die Inzidenz allergischer und autoimmunologischer Krankheiten sowie von Ekzemen. Zur Vorbeugung werden außer der Vermeidung von Zigarettenqualm hauptsächlich die Brustmilchernährung empfohlen [11].

Ausschließliche Brustmilchernährung kann atopischen Krankheiten wie Asthma, atopische Dermatitis und Nahrungsmittelallergie, vorbeugen [12]. Als Ursachen werden eine raschere Reifung der Mukosa des Magendarmtrakts und eine positive Beeinflussung der Darmflora mit immunmodulatorischen Eigenschaften diskutiert [13]. Darüber hinaus kann eine Diät der Mutter keine weitere Reduktion des Risikos bewirken [14].

Diabetesprophylaxe

Frühes Zufüttern von Babynahrung mit Kuhmilch erhöht die Inzidenz eines autoimmun bedingten Typ-1-Diabetes [15] (siehe [[Diabetes Typ 1|Kuhmilchhypothese hier). Umgekehrt vermindert eine verlängerte ausschließliche Brustmilchernährung die Inzidenz, wie auch am Rattenmodell experimentell nachgewiesen wurde [16].

Prophylaxe einer Coeliakie (Sprue)

Die Sprue ist eine Autoimmunkrankheit, die sich am Darm manifestiert, und die zu einer Mangelernährung mit vielfachen Symptomen führt. Brustmilchernährung schützt vor dieser Entwicklung [17]. Dabei ist es wesentlich, dass zum Zeitpunkt der Einführung Gluten-haltiger Nahrungsmittel nach parallel gestillt wird [18][19].

Verbesserung der Lungenreifung

Brustmilchernährung fördert die Lungenreifung und führt auf lange Sicht zu einer verbesserten Lungenfunktion, wie bei Jugendlichen mit 12 und 18 Jahren statistisch festgestellt werden konnte Am [20][21].

Schutz vor Infektionen und letalem Ausgang

Muttermilch schützt das Neugeborene effektiv gegen Infektionen [22]. Brustmilchkinder haben daher eine geringere Sterblichkeit als Nichtbrustmilchkinder. Brustmilch beugt beispielsweise einer Hirnhautentzündung (Meningitis) [23] oder einer Sepsis oder einer Mittelohrentzündung (Otitis media) vor [24]; auch ist die Sterblichkeit bei einer fatalen Diarrhö in der ersten 19 Monaten bei Brustmilchkindern laut einer Studie in Indien signifikant geringer als bei Nichtbrustkindern [25]. Für Entwicklungsländer wird empfohlen, zur Senkung der Säuglingssterblichkeit die Kinder nach der Geburt möglichst rasch zu stillen und Brustmilch als einzige Ernährung zu nehmen [26].

Schutz vor plötzlichem Kindstod

Laut einer Studie halbiert exklusive Ernährung Neugeborener mit Muttermilch innerhalb des ersten Lebensmonats den plötzlichen Kindstod um die Hälfte [27].

Einfluss auf Impfreaktionen

Die Ernährung Neugeborener und Säuglinge mit Muttermilch führt zu eine Stimulierung des reifenden Immunsystems. Die Antikörperspiegel nach Impfungen sind bei Brustmilchkindern höher als bei Nichtbrustmilchkindern [28].

Die „Baby-Friendly Initiative“

Die Baby-Friendly Initiative (BFI) wurde 1991 von der UNICEF und der WHO ins Leben gerufen, um Stillen mit Muttermilch zu fördern [29]. Dazu gehören u.a.: die Information über den Nutzen der Muttermilch, die Anleitung keine Schnullerattrappen zu benutzen und keine andere Nahrungsmittel zu geben sowie die Abwehr von Werbung zu Babynahrung und von Testpackungen an Mütter von Neugeborenen.

Brustmilch als CMV-Infektionsquelle

Infektionen mit dem Cytomegalievirus (CMV) sind die häufigsten kongenitalen und perinatalen Infektionen weltweit, und Muttermilch ist eine Hauptquelle für die Infektion. Ursache ist eine lokale und zeitlich beschränkte Reaktivierung der CMV-Infektion ohne systemische Erkrankung der Mutter [30][31]. Die vertikale CMV-Infektion von der Mutter auf das Kind über Brustmilch erfolgt nicht oder nur sehr selten über das Kolostrum.

Bei Frühgeborenen wirkt der Schutz nicht so gut und ruft eher Symptome einer Virusinfektion hervor als bei termingerecht geborenen Kindern [32]. Auch wenn die CMV-Infektion des Kindes in der Regel inapparent oder mit nur geringen Symptomen durchgemacht wird, so bleiben die Viren über das gesamte Leben im Körper verborgen und können in Phasen verminderter Immunabwehr reaktiviert und als neue CMV-Infektion gefährlich werden.

Muttermilch als HIV-Infektionsquelle

HIV kann präpartal, intrapartal und postnatal übertragen werden. Der postnatale Übertragungsweg geht über Stillen mit Brustmilch. Eine Vorbeugung besteht in vollständigem Vermeiden des Stillens, was jedoch das Risiko von Infektionen (u. a. Diarrhö) erheblich steigert (s.o.). Um dieses Dilemma zu überwinden, wurden Studien zu ausschließlicher Brustmilchernährung während der ersten Lebensmonate plus einer antiretroviraler Prophylaxe beim Kind (Nevirapin oder Nevirapin plus Zidovudin) durchgeführt: beide Therapienregime haben einer Mutter-Kind-Transmission von HIV vorgebeugt und führten zu verbessertem HIV-freiem Überleben nach 9 und 15 Monaten [33].

Verweise

Literatur

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